Naomie Harris und Emily Watson

„Auf jahrelang den gleichen Job hätte ich keine Lust“

Von Patrick Heidmann
Aktualisiert am 18.09.2020
 - 09:37
Bekannt geworden als Moneypenny in James Bond: Naomie Harris
Die Schauspielerinnen Naomie Harris und Emily Watson spielen in der Gruselserie „The Third Day“ mit. Im Gespräch erzählen sie, was ihnen Unbehagen bereitet, warum sie Zoom-Gespräche mögen und welche Projekte sie trotz Lockdown angepackt haben.

Doppelgespräche sind für Interviews nicht immer die dankbarste Konstellation, doch natürlich lässt man sich gerne darauf ein, wenn die Beteiligten zwei der spannendsten britischen Schauspielerinnen unserer Zeit sind. Naomie Harris und Emily Watson, die beide in der unheimlichen neuen Psychogrusel-Serie „The Third Day“ (in der Originalfassung verfügbar bei Sky Ticket und Sky Q) mitspielen, könnten kaum unterschiedlichere Karrieren haben. Harris, Tochter einer aus Jamaika stammenden Drehbuchautorin, stand schon als Kind vor der Kamera, war als Erwachsene in Erfolgsfilmen wie „28 Days Later“, „Pirates of the Carribean – Fluch der Karibik 2“ oder „Rampage“ zu sehen und ist ein Star, seit sie als Moneypenny an der Seite des von Daniel Craig interpretierten James Bond aktiv ist und für „Moonlight“ eine Oscar-Nominierung bekam. Watson hingegen holte Lars von Trier für „Breaking the Waves“ vom Theater auf die Leinwand (dafür gab’s eine Oscarnominierung). Sie war in „Gosford Park“ und „Punch-Drunk Love“ mit von der Partie und ist auf Nebenrollen in Arthouse-Filmen („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) und Fernsehserien („Chernobyl“) spezialisiert. Beim Video-Telefonat zeigt sich: auch im Privaten scheint es bei den Schauspielerinnen, die beide von der Queen mit dem Order of the British Empire geehrt wurden, Unterschiede zu geben. Während Harris in ihrem frisch bezogenen Haus in einem ganz in weiß gehaltenen Wohnzimmer zwischen Kamin und Orchidee sitzt, ist Watson dagegen in einem familiär-chaotischen Arbeitszimmer vor einem alten Holzregal voller Bücher und Fotos zu sehen.

Frau Harris, Frau Watson, „The Third Day“ ist mal wieder eines dieser faszinierenden Projekte, über die man in einem Gespräch wie diesem eigentlich nichts verraten darf, um dem Publikum nicht den Spaß zu verderben. Wie halten Sie es, wenn Sie Serien und Filme gucken? Lesen Sie vorher, worum es geht und was die Kritiker sagen?

Harris: Nein, ich möchte am liebsten gar nichts wissen und mich blind auf eine Sache einlassen. Ich gucke mir auch keine Trailer an. Wenn man heutzutage so eine Vorschau für einen Film sieht, hat man doch das Gefühl, schon den kompletten Plot zu kennen. Das kann ich gar nicht leiden. Viel lieber möchte ich mich überraschen lassen.

Watson: Klar, überrascht zu werden ist etwas Wunderbares. Aber eigentlich werfe ich dann doch ganz gerne einen Blick auf die Kritiken. Schließlich möchte ich wissen, ob ein Film es auch wert ist, dass ich ihm meine schwer verdiente Freizeit widme.

Und wonach entscheiden Sie als Schauspielerinnen, welches Projekt Ihre Zeit wert ist? Ist die Rolle, die es zu spielen gilt, das wichtigste? Oder sind es die Menschen, mit denen man arbeitet?

Watson: An erster Stelle steht für mich immer ein gutes Drehbuch, auch jenseits meiner eigenen Rolle. Wenn ein Skript schlecht ist, können auch die tollsten Leute die Sache selten retten. Natürlich ist es ein großer Anreiz, wenn ein toller Kollege beteiligt ist, so wie Jude Law jetzt bei „The Third Day“. Auch wo gedreht wird, ist eine wichtige Frage. Aber letztlich steht und fällt für mich alles mit dem Drehbuch.

Harris: Das geht mir genauso. Als Tochter einer Drehbuchautorin habe ich schon ganz früh angefangen, Skripte gelesen. Und gelernt, dass das Drehbuch das Fundament eines jeden Films ist. Die Bibel, nach der sich alle richten. Man hört als Schauspieler ja oft von Produzenten oder Regisseuren: das Drehbuch ist noch work in progress, die Figuren sind noch nicht in Stein gemeißelt, aber das kriegen wir noch hin. Doch das geht eigentlich immer schief. Wenn also nicht alles schon schwarz auf weiß geschrieben steht, lehne ich solche Projekte ab.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob es sich bei einem Projekt um einen Kinofilm oder eine Fernsehserie handelt?

Harris: Das Medium macht für mich keinen Unterschied. Aber die Zeit, die ein Projekt in Anspruch nimmt ist wichtig. Denn ich binde mich ungern langfristig. Bei vielen Serien verpflichtet man sich ja für mehrere Jahre. Das macht mir Angst, deswegen lasse ich mich auf so etwas nicht ein. Aber wenn es, wie bei „The Third Day“ nur um drei Folgen geht, dann ist das perfekt für mich. Das bedeutet drei oder vier Monate Arbeit, nicht unähnlich einem größeren Film, und danach kann ich mich nach einer kleinen Pause wieder auf etwas Neues einlassen. Denn genau das ist doch das Privileg dieses Berufes: dass wir uns konstant neu erfinden und vollkommen verschiedene Rollen spielen können. Auf jahrelang den gleichen Job hätte ich keine Lust.

Watson: Da geht es mir genau wie Naomie. Sieben Jahre in ein und derselben Serie? Das würde ich nie im Leben machen. Das ist dann ja schon eine Arbeitsweise wie bei einem Bürojob. Abgesehen davon, dass man sein gesamtes Leben danach ausrichten muss. So funktioniere ich nicht, denn ich richte im Gegenteil lieber meine Jobs an meiner Familie aus. Da ist es dann zum Beispiel ein Pluspunkt, wenn das Set nur eine Stunde von zuhause entfernt ist. Oder ich nur ein paar Tage vor der Kamera stehen muss. Davon, dass ich mich mehr über neue Herausforderungen als über Routine freue, ganz zu schweigen.

Sie beide spielen gerne in kleinen, anspruchsvollen Produktionen mit, die es auf der Kinoleinwand zwischen all den Superhelden immer schwerer haben. Ist das ein Problem?

Harris: Ich glaube nicht, dass diese Art der Geschichten aussterben wird. Aber tatsächlich werden sie womöglich anderswo erzählt, bei Netflix, Amazon, Apple TV und so fort. Es gibt immer noch genug Möglichkeiten, etwas anderes umzusetzen als Comicverfilmungen, vielleicht sogar mehr denn je. Für uns, die dafür vor der Kamera stehen, macht es keinen Unterscheid, wie das Publikum sie am Ende rezipiert.

Watson: Ich denke auch, dass wir uns gerade in einer guten Zeit befinden, was das Erzählen von Geschichten angeht. Nicht zuletzt, weil es inzwischen eine große Freiheit gibt, was die Dauer und Länge angeht. Nicht jede Geschichte passt in einen Film, aber es müssen auch nicht immer zwingend mindestens zwölf Folgen sein. Heutzutage darf eine Story im Idealfall ihren eigenen Rhythmus finden. Bei „Chernobyl“ waren es fünf Folgen, bei „The Third Day“ nun sechs beziehungsweise zweimal drei. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Im Moment ist es natürlich wichtig, dass überhaupt wieder gedreht werden kann. Haben Sie bereits wieder angefangen, nach dem Corona-Stillstand zu arbeiten?

Harris: Ich sollte eigentlich am 20. August im kanadischen Vancouver mit meinem nächsten Film anfangen. Das wurde erst auf September geschoben, dann auf November. Aber wer weiß. Ich habe jedenfalls nicht einen Tag gearbeitet seit der Lockdown begann. Wobei ich ja überhaupt froh bin, dass ich den zuhause in England verbringen konnte.

Wie meinen Sie das?

Harris: Ich war im März noch in Indien, als die Pandemie so richtig um sich zu greifen begann. Eigentlich hatte ich noch mehrere Tage Urlaub vor mir und keine Lust vorzeitig nach Hause zu fliegen. Aber meine Managerin zwang mich. Zum Glück, denn zwei Tage später stellte Indien alle Flüge ein. Dann hätte ich womöglich für Wochen dort festgesteckt. So wie eine Freundin von mir, die nicht früher zurückkehrte, und dann nach sechs Wochen von der britischen Regierung nach Hause geholt werden musste.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Frau Watson?

Watson: Bei mir geht jetzt im September die Arbeit wieder los, für einen Fernseh-Dreiteiler. Allerdings ist das ein kleines Projekt hier in London, ohne viele Locations und mit überschaubarem Team. Ich hoffe, das können wir ohne Schwierigkeiten umsetzen. Denn natürlich ist die ganze Situation aktuell schwierig, nicht zuletzt auch was die Versicherungen angeht. Alle haben Angst vor Verlusten, wenn bei Dreharbeiten plötzlich der Hauptdarsteller krank wird und alles wieder abgebrochen werden muss. Auch deswegen ist es so wichtig, dass die britische Regierung die Branche unterstützt. Zumindest in Sachen Film und Fernsehen. Beim Theater ist die Lage ja leider noch mal eine ganz andere.

Vor einem Jahr hätten wir dieses Interview nicht virtuell geführt, sondern vermutlich gemeinsam in einem Hotelzimmer in London oder anderswo gesessen. Vermissen Sie das nicht?

Watson: Diese konkreten Pressejunkets vermisse ich tatsächlich kein bisschen. Nicht zuletzt, wenn ich dafür auch noch in ein Flugzeug steigen muss. Natürlich freue ich mich immer über ein langes Wochenende in New York, da treffe ich dann meine Nichte. Aber Stress ist es trotzdem. Auch alles andere stresst mich, diese anonymen Hotelzimmer. Die Frage, was ich anziehe. So ein Zoom-Gespräch ist doch viel entspannter. Es dürfen nur nicht plötzlich meine Kinder reinplatzen.

Harris: Ich liebe Deine Ehrlichkeit, Emily. Aber mir geht’s ähnlich. Natürlich ist es nicht das gleiche, wie wenn man seinem Gesprächspartner persönlich begegnet. Doch die Angespanntheit, die ich an solchen Pressetagen oft spüre, fällt irgendwie weg, wenn ich zuhause auf meinem Sofa sitze. Hier fühle ich mich nicht so unter Zugzwang.

Letzte Frage noch, ausgehend von der Tatsache, dass Sie in „The Third Day“ eine Pub-Betreiberin spielen, Frau Watson. Wäre Gastronomie für Sie eine reizvolle Alternative zur Schauspielerei?

Watson: Nein, alle meine anderen Traumberufe sind auch irgendwie künstlerisch. Ich würde gerne schreiben. Oder wäre Malerin oder Bildhauerin, denn ich mache gerne etwas mit meinen Händen. Alles eher brotlose Dinge, fürchte ich.

Harris: Eine Freundin von mir hat schon ewig versucht, mich zum Schreiben zu überreden. Und weil ich im Lockdown so gar nichts zu tun hatte, habe ich das einfach mal gemacht. Anfangs kam ich über ein erstes Kapitel nicht hinaus, aber sie ließ einfach nicht locker. So entwarfen wir gemeinsam ein Projekt, für das wir sogar eine Finanzierung fanden. Jetzt arbeiten wir also gerade an einem Vierteiler fürs Fernsehen, und ich bin ganz aufgeregt, denn eigentlich wollte ich so etwas schon immer mal machen.

Quelle: FAZ.NET
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