Phänomen „Reborn Baby“

Kann eine Puppe ein Baby ersetzen?

Von Antonia Hirnich
24.08.2020
, 16:30
Reborn-Babys sind handgefertigte Puppen, die echten Kindern täuschend ähnlich sehen. Der Trend zur Babypuppe für Erwachsene kommt aus Amerika, doch auch in Deutschland wird er immer beliebter.

„Ich habe seit meinem elften Lebensjahr einen extremen Kinderwunsch und mein Reborn gibt mir das Gefühl, dass ich ein ‚Baby’ zu Hause habe. Ich habe angefangen, als ich 14 Jahre alt war. Klar, das ist viel zu jung, um ein Baby zu bekommen, ich will auch meine Schule fertig machen. Aber es hilft mir!“, sagt die heute 20 Jahre alte Maggie Bellmann in einem ihrer Youtube-Videos. „Reborn“, das ist eine Babypuppe, die einem Menschenbaby täuschend ähnlich sieht. Vor einigen Jahren hat Maggie Bellmann angefangen, Videos über ihr Hobby zu drehen und auf ihren Kanal „Maggies Reborn Welt“ hochzuladen. Sie hat mittlerweile 36.900 Abonnenten.

Maggie Bellmann ist eine von vielen Reborn-Mamas in Deutschland. Sie zieht ihre Reborn-Babys dem Wetter entsprechend an, gibt ihnen die Flasche, fährt sie in einem echten Kinderwagen spazieren, stellt Bilder von ihnen auf ihren Instagram-Account. Auf den ersten Blick lassen sie sich kaum von echten Kleinkindern unterscheiden. Manche haben verwuschelte Haare, liegen mit geschlossenen Augen in die Bettdecke gekuschelt oder ballen die kleinen Hände zu Fäustchen. Erst wenn man die Aufnahmen genauer studiert, wird ersichtlich, dass es Puppen sind. „Mir ist natürlich bewusst, dass es sich hier um Reborn-Babys und damit Puppen handelt. Trotzdem teile ich mein Leben mit ihnen und dies macht mir sehr viel Spaß“, erklärt Bellmann in einem Video.

Gruselig oder hilfreich?

In Deutschland gibt es inzwischen eine richtige Reborn-Community. Manche Leute sammeln die Puppen einfach, so wie man andere Puppen auch sammelt. Andere spielen mit ihnen wie mit lebendigen Kindern. Leokadia Wolfers kennt sich in der Community gut aus. Seit 26 Jahren veranstaltet sie einmal im Jahr die Puppenfesttage in Eschwege, die auch bei den Reborn-Liebhabern sehr beliebt sind. „Die Hälfte meiner Aussteller verkaufen jetzt Reborns oder Zubehör“, sagt Wolfers. Der Trend hat sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt. „Aktuell sind Reborn-Puppen sehr gefragt. Immer mehr Künstlerinnen in Deutschland wollen diese nach ihren Vorstellungen gestalten.“ Mittlerweile verabreden sich die Fans zum Beispiel über Instagram, um sich in Eschwege zu treffen. Die Veranstalterin hat für die Besucher mit Reborns einen betreuten „Kinderwagen-Parkplatz“ eingerichtet. Es werde sonst zu voll, wenn alle ihre Lieblinge durch die Halle schieben, erklärt sie. Wolfers Puppenfesttage besuchen jedes Jahr rund 1500 Menschen aus ganz Europa – darunter auch Maggie Bellmann.

„Sie ist ein ganz liebes Mädchen und betreibt dieses Hobby mit einer Hingabe“, sagt Wolfers über die Youtuberin Bellmann und fügt einordnend hinzu: „Man muss unterscheiden zwischen Menschen, die Reborns lieben und denen, die es mögen, sie zu sammeln – als Hobby. Manchmal ist es grenzwertig. Das Verhalten und der Umgang der Besucher mit Reborns ist aber ihre Sache. Mir wird oft vorgeworfen, den Reborn-Babys nicht genug Liebe entgegenzubringen.“ Sie halte die professionelle Distanz zu Reborns, weil sie Ausstellerin für verschiedene Arten von Puppen sei. „Sie sind Kunstwerke. Mimik und Gestik so fein zu arbeiten, das ist wirklich eine Kunst“, sagt Wolfers.

Baby auf Bestellung

Die Reborn-Puppen sind handgemacht, sie werden von Reborn-Künstlerinnen hergestellt und sollen den Umgang mit echten Babys simulieren – auch wenn sie ihn nicht ersetzen können. Einige Künstlerinnen stellen auf Wunsch sogenannte Erinnerungsbabys her. Das sind spezielle Anfertigungen von Babys, die kurz vor oder nach der Geburt sterben, sogenannte Sternenkinder. Manchmal geben aber auch Mütter den Auftrag, ihr schon erwachsenes Kind als Reborn-Puppe nachzubauen. In speziellen Fällen zu therapeutischen Zwecken.

Bei der Herstellung gibt es verschiedene Schritte. Die Reborn-Künstlerinnen beginnen mit Rohlingen – einem Bausatz. Das sind die einzelnen Körperteile des Babys, die nach und nach angefertigt werden. Die Haut wird speziell versiegelt, um sie vor Schmutz oder Abrieb zu schützen. Der Gesichtsausdruck des Babys entsteht in Feinarbeit – nach Vorlage der Kundinnen oder nach eigenen Vorstellungen.

Abhängig von Material und Aufwand, kostet eine Reborn-Puppe auf der Eschweger Ausstellung zwischen 200 bis 4000 Euro. Diese können Interessenten kaufen – oder adoptieren, wie es in der Community-Fachsprache heißt. Wer will, bekommt zur Adoption einer Puppe eine Geburtsurkunde dazu, inklusive Namen, Geburtsort und -zeit, Größe und Gewicht.

Bislang wenig Beachtung in der Forschung

Psychologen sind sich über dieses Hobby nicht einig – kaum einer wollte im Rahmen der Recherche eine Einschätzung zu diesem Thema geben. Es müsse von Fall zu Fall entschieden werden, pauschale Antworten seien nicht möglich, war beispielsweise eine der Begründungen. Auch der Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen konnte keinen Experten vermitteln. Das Thema sei zu speziell, hieß es.

Emilie St-Hilaire ist Doktorandin der Geisteswissenschaften an der Concordia-Universität im kanadischen Montréal. Seit 2016 forscht sie zum Thema „Stepping into the World of Reborn Babies“, also „Eintauchen in die Welt der Reborn Babys“. „Man muss sich nicht lange mit Reborns beschäftigen, um zu sehen, inwieweit diese Puppen den Menschen wirklich helfen, mit allen Arten von Stress und Ängsten im täglichen Leben fertig zu werden”, sagt St-Hilaire im Interview.

Laut St-Hilaire bereite es vielen Menschen Unbehagen, wie täuschend lebensecht die Puppen aussehen. Das sei verständlich. Menschen würden naturgemäß lebensähnlichen Formen misstrauen, die sie nur schwer einordnen können. „Vertrautheit kann diesen Effekt der Unheimlichkeit überwinden, wie es bei mir der Fall ist. Nachdem ich so viele Puppen gesehen habe, kann ich sie jetzt süß finden. Während ich bei der ersten Begegnung mit den Puppen nicht wusste, was ich denken sollte.“

Auch die sogenannten Erinnerungsbabys würden dazu beitragen, dass Außenstehende dieses Hobby eher als befremdlich empfinden, sagt die kanadische Doktorandin. „Reborns als Erinnerungsbabys sind eine sehr kleine Minderheit aller Reborn-Puppen. Für diejenigen, die eine wollen, können Erinnerungsbabys bei Trauerfällen hilfreich sein. Es gibt Therapeuten, die Reborns für Trauerfälle oder für Patienten verschreiben, die sich ein Baby wünschen, aber zurzeit keins bekommen können oder sollen.“ Eine Mehrheit der von St-Hilaire befragten Umfrageteilnehmer bezeichnete die Reborn-Babys als tröstlich.

Reborns seien für ihre Besitzer definitiv entspannend, und es sei wichtig, sich daran zu erinnern, dass Erwachsene das Spiel genauso genießen können wie ein Kind. Besonders wenn der Stress des Erwachsenenlebens überhandnehme, könne das Spielen sehr entspannend sein. „Spielen“ bedeutet nach St-Hilaires Auffassung unter anderem, echte Babykleidung kaufen und die Läden durchstöbern zu können – auch, wenn sie kein echtes Kind haben. „Manche sehen sich die Puppen einfach nur gern an, andere halten sie im Arm und ziehen sie um, wieder andere singen oder tun spielerisch so, als würden sie ihnen die Flasche geben. Für kinderlose Erwachsene können Reborn-Babys Zugang zu etwas bieten, das sie nie gekannt haben. Für Eltern kann die Erfahrung nostalgischer Art sein und sie daran erinnern, wie sich ihr Kind als Säugling angefühlt hat“, meint St-Hilaire. „Die Puppe ist kein echtes Baby, aber die dadurch ausgelösten Emotionen sind echt.“

Quelle: FAZ.NET
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