Pro und Contra

Sollen die Weihnachtsferien wegen Corona früher beginnen?

Von Johanna Dürrholz und Anke Schipp
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 12:52
Lange Ferien – endlich mehr Zeit für Handarbeit!
In Nordrhein-Westfalen wurden die Weihnachtsferien vorverlegt – ziehen andere Länder bald nach? Und bringt eine kurze Vorquarantäne zu den Feiertagen überhaupt etwas? Ein Pro und Contra.

Pro: Ein Stückchen Normalität zu Weihnachten

Es gibt ein wirksames Mittel, um die Weihnachtsfeiertage im Familienkreis möglichst sicher zu machen: Das Prinzip der „Vorquarantäne“. Optimalerweise vermeidet man für etwa eine Woche vor Weihnachten alle sozialen Kontakte, so gut es geht. Sind in dieser Zeit wirklich gar keine Symptome aufgetreten, dann ist es wahrscheinlich, dass man sich zuvor nicht infiziert hat. Das ist natürlich nicht hundertprozentig sicher; wir wissen, dass gerade junge Infizierte teils gar keine Symptome aufweisen und dass die Karenzzeit des Virus zirka zehn Tage beträgt. Trotzdem: Sich selbst zu isolieren vor einem Treffen mit zum Beispiel den Großeltern, das hat Virologe Christian Drosten schon im Oktober in seinem Podcast im NDR empfohlen.

Nun bin ich mir sicher, dass Lehrkräfte und anderes Schulpersonal gerade alle ihr Bestes tun, um zu verhindern, dass sich das Virus in ihren Klassen ausbreitet. Viele Lehrerinnen und Lehrer gehen an ihre Grenzen, um den Stoff durchzukriegen und gleichzeitig alle Hygieneregeln einzuhalten. Meine Schwester ist Grundschullehrerin und erzählt, dass sie sich spezielle Aufgaben überlegt, die die Kinder machen können, während sie sich die Hände waschen. Wenn 25 Kinder an einem Waschbecken anstehen und sich gründlich die Pfoten säubern, nach jeder Pause, dann dauert das. Mit neuem Stoff kann man in dieser Zeit aber auch nicht anfangen. Darum haben jetzt alle Kinder eine sogenannte Sternchenmappe mit „schönen“ Aufgaben bekommen – an denen können sie nach Herzenslust und in Freiarbeit weiterarbeiten.

Trotz aller Bemühungen gibt es immer wieder Corona-Fälle an Schulen, wie es ja auch in allen anderen Lebensbereichen immer wieder Corona-Fälle gibt. Da Kinder häufig wenig bis gar keine Symptome aufweisen, werden Infektionen bei ihnen oft nicht oder nicht sofort erkannt. Teilweise wird nach einem Corona-Fall nicht einmal mehr die ganze Klasse in Quarantäne geschickt. Das finde ich bedenklich – auch wenn ich alle Eltern, die durch so eine Quarantäne eine Zusatzbelastung haben, nur zu gut verstehen kann. Ein Ort, an dem viele junge, oft sorglose Menschen auf begrenztem Raum zusammen sind, es wäre komisch, wenn sich ein Virus dort nicht auch ausbreiten würde.

In diesem Jahr haben wir das Glück, dass der 24. Dezember ein Donnerstag ist. Wenn der letzte Schultag Freitag, der 19. Dezember wäre, hätte man zum ersten Weihnachtsfeiertag die sieben Tage Vorquarantäne eingehalten. Dann könnte man ältere Verwandte ohne schlechtes Gewissen besuchen. Ich möchte weder Schülern noch Lehrern unterstellen, dass sie in der Vorweihnachtszeit nicht mehr arbeiten, und doch erinnere ich mich noch gut daran, dass wir zumindest in einigen Fächern in den Tagen vor Weihnachten auch gern mal Filme geschaut oder Weihnachtslieder gesungen haben (der Vorteil von G9). Vielleicht könnten Schüler dies, oder auch andere Schulaufgaben, stattdessen zu Hause machen.

Natürlich müssen sich dann alle zusammenreißen und auch andere Tätigkeiten vorverlagern, etwa die Weihnachtseinkäufe, was gerade für Mütter und Väter ein organisatorischer Aufwand wäre. Es ist aber Quatsch, die Schulen zu schließen und sich doch am 23. Dezember durch überfüllte Geschäfte zu drängeln. Für andere ist das Prinzip Vorquarantäne sowieso nicht möglich, etwa Krankenhaus- und Pflegepersonal oder Mitarbeiter im Supermarkt.

In meinem engen Familienkreis gibt es gleich mehrere Lehrerinnen und einen Risikopatienten. Uns Weihnachten nicht zu sehen, das würde alle sehr schmerzen. Ein paar Tage eher in die Ferien zu gehen, das könnte für viele Familien in diesem Jahr bedeuten, dass sie ihre älteren Verwandten nicht allein lassen müssen. Dass sie sich sehen, einander Halt geben und vielleicht auch trösten können. Dass sie gemeinsam ein Jahr abschließen, das für niemanden leicht war. Und dass sie einmal, ein einziges Mal im Jahr 2020, ein Stückchen Normalität leben: ein Weihnachtsfest mit der Familie. Johanna Dürrholz

Contra: Kein andere Idee?

Frohe Weihnachten, liebe Eltern in Nordrhein-Westfalen. Die Landesregierung hat Ihnen schon im November eine kleine Überraschung bereitet: Ihre Kinder bekommen zwei Ferientage geschenkt! Ja, einfach so! Und einige andere Bundesländer denken über ein ähnliches Weihnachtspräsent nach.

Jubelrufe sind dennoch keine zu hören. Freuen sich die Eltern denn gar nicht? Womöglich liegt es daran, dass das unerwartete Geschenk mehr Probleme schafft, als dass es einem Freudentränen in die Augen treibt. Wohin zum Beispiel mit den Kindern in diesen beiden Tagen, wenn man noch arbeiten oder Weihnachtseinkäufe erledigen muss, zu denen man vorher nicht kam? Oma und Opa entfallen als Betreuung, und die Babysitterin ist nicht getestet. Je nach Alter der Kinder kann das schwierig werden. Viele haben ihren Jahresurlaub schon aufgebraucht oder benötigen ihn für die Zeit zwischen den Jahren. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter in NRW nannte die Entscheidung der Landesregierung zu Recht eine Hiobsbotschaft.

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Auch wenn es nur zwei Urlaubstage sind, hat man Eltern ohne triftigen Grund in eine Notlage gebracht. Soll damit das Infektionsgeschehen gesenkt werden? Aber wer weiß, was in fünf Wochen überhaupt ist? Es ist richtig, falls das ein Argument ist, dass in neun Bundesländern die Weihnachtsferien auch schon am 21. Dezember beginnen, aber das war für betroffene Eltern bereits lange absehbar und konnte in die Planung des Jahresurlaubs mit eingehen.

Müttern und Vätern stehen ohnehin schwierige Ferien bevor. Ausgeprägte Verwandtenbesuche sind aller Voraussicht nach genauso gestrichen wie die Fahrt in den Urlaub. Der Heiligabend wird im kleinen Kreis verbracht, und vermutlich feiern wir auch Silvester mit angezogener Handbremse. Es wird nicht leicht, die Kinder bei Laune zu halten, wenn man zwei, in manchen Bundesländern drei Wochen aufeinander hängt und selbst das Treffen mit Freunden als Ablenkung reglementiert ist.

Auch das Argument, Kinder und Eltern seien durch die freien Tage vor Weihnachten in einer Art „Vorquarantäne“, greift zu kurz, denn damit wiegt man sich in falscher Sicherheit. Die Zeit ist zu kurz, um eine Infektion auszuschließen, und es bleibt ein Restrisiko, die Großeltern anzustecken. Abgesehen davon, dass es immer noch genug Menschen gibt, die vor Heiligabend arbeiten müssen, allen voran die Pflegekräfte und Ärzte in den Krankenhäusern und die Angestellten im Einzelhandel.

Was soll das also? Einerseits wird die Politik derzeit nicht müde zu versichern, dass die Schulen trotz steigender Infektionszahlen offen bleiben, andererseits schließt man – zumindest in NRW – die Schulen früher.

Wie die meisten Eltern bin auch ich froh, dass Schulen nach den Sommerferien wieder komplett geöffnet wurden. Wir alle haben die bleierne Zeit des ersten Lockdowns nicht vergessen. Was ich nicht verstehe: dass daraus nichts gelernt wurde. Hat man nicht schon im Frühjahr geahnt, dass mit dem Herbst und Winter die Infektionszahlen wieder hochgehen? Hätte man das nicht besser vorbereiten können?

Bisher waren die Schulen keine Hotspots, aber seit die Zahlen so hoch sind und überall steigen, gibt es vor allem in den weiterführenden Schulen zunehmend Infizierte und damit Schüler, die sich gegenseitig und die Lehrer anstecken. Sie tragen zwar Masken und waschen sich die Hände, aber sie können eben nicht die dritte AHA-Regel, den Abstand, einhalten.

Klassen werden vorläufig nicht geteilt, obwohl man mit einem Wechselmodell aus Präsenz- und Distanzunterricht für weniger Ansteckungen und gleichzeitig für den Fortgang des Unterrichts sorgen könnte. Auch acht Monate nach dem ersten Lockdown können das die meisten Schulen angesichts der schleppenden Digitalisierung nicht leisten. Würde das endlich funktionieren, verlöre das Thema Homeschooling zumindest ein Stück weit seinen Schrecken. Und eine Verlängerung der Ferien wäre kein Thema mehr. Anke Schipp

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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