Radfahren trotz MS

Mit dem Wind im Gesicht

Von Ingrid Karb
24.08.2021
, 07:15
Auf Tour: Klaus Vock (vorne) mit seinen Mitstreitern der Multiple Sklerose Gesellschaft in Hessen.
Klaus Vock fährt trotz Multipler Sklerose regelmäßig Rad. Jetzt will er auch andere vom Liegerad überzeugen.

Klaus Vock ist kaum zu bremsen. Der Neunundfünfzigjährige aus Darmstadt liebt die Geschwindigkeit, genießt es, wenn ihm der Fahrtwind beim Radfahren ins Gesicht bläst. Früher fuhr er oft nach einem anstrengenden Tag in seinem holzverarbeitenden Betrieb zur Entspannung mit dem Fahrrad durch den Odenwald, wie er sagt. Bis ihm vor 20 Jahren plötzlich das Aufsteigen nicht mehr gelang und er mit dem Rad umfiel. Zwei Jahre dauerte es, bis ihm die Ärzte die Ursache nennen konnten: Er ist an Multipler Sklerose erkrankt. Entzündungen im zentralen Nervensystem beeinträchtigen unter anderem seinen Gleichgewichtssinn.

Die Diagnose erhielt Vock mit Anfang vierzig. Viele Betroffene sind jedoch noch jünger, erst Anfang zwanzig, wenn sie erfahren, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt sind, wie Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Neurologie am Frankfurter Nordwestkrankenhaus und Vorsitzende des ärztlichen Beirats der DMSG Hessen, berichtet. Die ersten Anzeichen seien ein länger andauerndes Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen, Sehstörungen, ein unsicherer Gang oder eine große Erschöpfung. Die Krankheit verläuft in Schüben, bei denen sich Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark entzünden, wodurch Lähmungen entstehen können. Dadurch sei die Ausprägung bei den Betroffenen sehr unterschiedlich, sagt Meyding-Lamadé. „Die MS ist wie eine Reise, bei der man nicht weiß, wo sie hinführt.“

In den vergangenen zehn Jahren habe die Therapie enorme Fortschritte erzielt, viele Patienten hätten unter der Medikation kaum noch Schübe, sagt die Neurologin. Deshalb seien inzwischen etwa 80 Prozent der Betroffenen berufstätig. Die Erkrankung, die häufig junge Frauen betreffe, sei auch kein Hinderungsgrund für eine Familiengründung.

„Der gemütlichste Stuhl, den es gibt“

Klaus Vock bedauert, dass die Medizin vor zwanzig Jahren noch nicht so weit war. Das hätte ihm eine lange Odyssee erspart. Weil „der Kopf nicht mehr mitspielte“, wie er sagt, und er sich nicht mehr konzentrieren und orientieren konnte, musste er seinen Holzbetrieb aufgeben – und auch das Radfahren. Bis er auf einer Spezialmesse in Germersheim ein Liegedreirad ausprobierte. Er war sofort begeistert von dieser Art des Radfahrens. Wegen der drei Räder müsse man keine Angst haben, umzufallen, wenn der Gleichgewichtssinn aufgrund der Erkrankung gestört sei, erklärt er. Und auch das Sitzen über längere Zeit sei leichter: „Das ist der gemütlichste Stuhl, den es gibt.“

„Dem Radfahrverlust folgte nun wieder Radfahrlust“, berichtet er. Seine Begeisterung, wieder fahren zu können, wollte er mit anderen teilen. Deshalb gründete Vock die überregionale MS-Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“. Etwa 50 Gleichgesinnte treffen sich in normalen Jahren einmal im Jahr zu einer einwöchigen Tour. Dabei wird in einem großen Quartier übernachtet, um von dort aus Ausflüge zu unternehmen. Mit von der Partie sind auch Menschen ohne MS, die die Strecken vorher abfahren, kontrollieren, ob die Wege breit genug sind und sich keine Hindernisse darauf befinden. Während der Touren sichern sie die Strecke ab. „Ohne diese Unterstützung ginge das nicht“, sagt Vock. Bislang gab es elf solcher Freizeiten, eine sogar nach Berlin. Die letzte führte die Gruppe 2019 an die Bergstraße.

In der MS-Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“ treffen sich gut 50 Gleichgesinnte einmal im Jahr zu einer einwöchigen Tour.
In der MS-Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“ treffen sich gut 50 Gleichgesinnte einmal im Jahr zu einer einwöchigen Tour. Bild: Marcus Kaufhold

In der Pandemie ist ein derartiges Treffen jedoch undenkbar. Deshalb sind Vock und einige seiner Mitstreiter in diesem Jahr unter dem Motto „MS – Meine Spur“ zu fünf „Werbetouren“ für die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft in Hessen aufgebrochen. Gestartet wurde jeweils an deren regionalen Beratungsstellen in Kassel, Fulda, Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt (F.A.Z. vom Montag), Ziel waren Arztpraxen und Krankenhäuser, die MS-Patienten versorgen. Dabei ging es ihnen nicht zuletzt darum, auf die Bedeutung von Bewegung und Training für MS-Patienten hinzuweisen und zu zeigen, zu welchen körperlichen Leistungen Menschen trotz Multipler Sklerose in der Lage sind.

Positive Effekte auf die Psyche

Während MS-Erkrankten früher von sportlicher Betätigung abgeraten wurde, ist Bewegung inzwischen sogar ein fester Bestandteil der Therapie. Kraft, Ausdauer, Koordination und sogar der Gleichgewichtssinn können mit Training verbessert werden. „Regelmäßiges sportliches Training schützt die Nerven, kurbelt Nervenwachstum an und wirkt präventiv vor zahlreichen Begleiterkrankungen wie Diabetes, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt die Sportwissenschaftlerin Stephanie Woschek, die ein spezielles Funktionstraining entwickelt hat.

Der Sport hat außerdem positive Effekte auf die Psyche, wie die DMSG-Vorstandsvorsitzende Dagmar Spill berichtet. Mit Sportangeboten wie dem der „Radfahrlust“ ließen sich auch junge Menschen, die Selbsthilfegruppen ansonsten oftmals mieden, für den Austausch gewinnen.

Die DMSG bietet seit Oktober 2019 das Funktionstraining an. Das von Woschek entwickelte und von der Hertie-Stiftung geförderte Angebot stößt nach Angaben der DMSG auf große Nachfrage. Zahlreiche Sportlehrer oder Physiotherapeuten hätten sich entsprechend fortbilden lassen. Die Wirksamkeit des Trainings wird von der Hochschule Fresenius wissenschaftlich begleitet.

„Trotz MS lustvoll leben können“

In der Pandemie mussten entsprechende Gruppentreffen zwar ausfallen, doch einige Krankenkassen haben die Kosten für ein virtuelles Funktionstraining genehmigt. So konnten MS-Patienten auch in Zeiten der Kontaktbeschränkungen in Bewegung bleiben und etwas für ihre Fitness und Mobilität tun. Das virtuelle Funktionstraining ist jedoch bis September befristet. Die DMSG Hessen hofft allerdings, dass es zum Teil der Regelversorgung wird, weil es für MS-Erkrankte in ländlichen Regionen und weniger mobile Patienten ideal sei. Auch für Berufstätige sei es leichter mit den Arbeitszeiten zu vereinbaren.

Insgesamt will die DMSG darauf hinwirken, dass MS-Erkrankten nach der Pandemie mehr virtuelle Angebote gemacht werden. Die Neurologin Uta Meyding-Lamadé könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass die Sprachtherapie für MS-Erkrankte zu einem telemedizinischen Angebot wird. „Dann müssen sich die körperlich eingeschränkten Patienten nicht bis in eine Praxis schleppen.“

Am Samstag ist der kleinen Truppe der „Radfahrlust“ jedoch der Ortswechsel in Frankfurt nicht schwergefallen. Die 15 Kilometer zwischen der Beratungsstelle in Frankfurt-Bornheim und dem Nordwestkrankenhaus schafften sie deutlich unter der kalkulierten Zeit. Initiator Klaus Vock setzte sich dabei wieder an die Spitze und musste vom Tourleiter Dieter Maass mehrfach zurückgerufen werden. Anschließend fuhren die Teilnehmer zur Velomesse in die Eissporthalle, wo die DMSG mit einem Stand vertreten war. Dort wurde ein Liegerad vorgestellt, um noch mehr Menschen mit körperlichen Einschränkungen von den Möglichkeiten des bequemen Radfahrens zu überzeugen. Vock jedenfalls ist froh, „trotz MS lustvoll leben zu können“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Karb, Ingrid
Ingrid Karb
Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
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