Das sagt ein Psychologe

Ab wann wird der Umgang mit Reborn-Puppen grenzwertig?

Von Kathrin Runge
Aktualisiert am 07.11.2020
 - 12:28
Auf den ersten Blick sehr echt: Reborn-Babys haben Flaum auf dem Kopf, Äderchen am Körper und Speckröllchen an den Beinen.
Babypuppen sind für viele Besitzerinnen emotionale Lückenfüller. Das kann problematisch werden, wenn die Beziehung zu dem Plastikwesen bedeutsamer wird als das reale Leben.

Professor Hantel-Quitmann, was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal vom Phänomen der Reborn-Babys gehört haben?

Dass viele der Besitzerinnen Menschen sind, die ganz allein leben, also auch ohne Partner. Die Babypuppe wirkt für mich wie eine Art weibliches Pendant zu der Sexpuppe von ihm. Und zwar in dem Sinn, dass sie eine Vermenschlichung dessen ist, was man gerade braucht. Und mit dem man durchaus emotionale Defizite kompensieren kann.

Wie funktioniert das genau?

Ein Baby ist ja ein Wesen, das vieles gibt, was Menschen womöglich an emotionaler Aufmerksamkeit vermissen. Man kann für jemanden sorgen oder im Mittelpunkt seines Lebens stehen. Ich habe einmal in einer Studie Teenage Mothers in den Vereinigten Staaten untersucht. Die wünschen sich nicht unbedingt ein Kind in echt, sondern eine Art Ausgleich ihrer Defizite. Und sie denken, dass das Kind für sie da sein würde. Wenn das Baby dann tatsächlich auf der Welt ist, stellen sie fest, dass es eigentlich genau andersherum ist.

Die meisten Besitzer von Reborn-Puppen sind aber keine Teenager mehr, sondern längst erwachsen.

Bei Frauen mittleren Alters gibt es oft das Empty-Nest-Syndrom; etwa wenn sie ihre hauptsächliche Bestimmung im Muttersein sehen und dann in ein sehr tiefes Loch fallen, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Wenn man eine leichte Depression teils mit einer Puppe verarbeitet, kann das die Illusion schaffen, dass das Kind eben doch noch da ist.

Es gibt Fälle, wenn auch wenige, in denen Reborn-Babys nach dem Vorbild verstorbener Babys gefertigt werden oder Frauen mit ihren Puppen richtigen Alltag leben. Wie bewerten Sie das aus psychologischer Sicht?

Grundsätzlich denke ich, wenn Reborns als Ersatzbaby fungieren und das ganze keinem Menschen schadet, ist es eben auch nur ein Hobby. Wenn ich so eine Leidenschaft mir selbst gegenüber mit einem Augenzwinkern betrachten kann, stellt das meiner Meinung nach überhaupt kein Problem dar. Hunde oder Katzen, generell Haustiere, werden ja ebenfalls oft vermenschlicht.

Ab wann sollte man sich über sein Verhalten vielleicht dennoch Gedanken machen?

Grenzwertig wird es, wenn die Beziehung zu einem (Plastik-)Wesen bedeutsamer wird als die Realität – egal ob bei einem Tier oder einer Puppe. Wobei das natürlich nicht binär ist, sondern ein gradueller Prozess. Wenn man sich durch eine Puppe wirklich vorstellt, ein totes Kind würde noch leben, ist das definitiv ein großes psychologisches Problem.

Inwiefern?

Es verhindert aktive Trauer. Der normale Prozess nach einem realen oder gefühlten Verlust ist ja, dass ich so tief trauere, dass ich Abschied nehmen kann. Und die Trauer dann überwunden ist, wenn ich eine neue Realität ohne den Toten akzeptiert habe. Das aktive Erinnern hilft also beim Abschließen; genauso wie viele andere Trauerrituale.

Wie sieht es bei Paaren aus, die keine eigenen Kinder haben können?

Wenn medizinisch nichts mehr möglich ist, etwa bei eindeutiger biologischer Infertilität, ist auch in der Kinderwunschberatung das oberste Ziel zu trauern. Das ist eben besonders notwendig bei Frauen, die die Aufgabe ihres Geschlechts stark darin sehen, Mutter zu sein. Es gibt ja immer noch den weitverbreiteten Mythos, dass eine Frau nur eine ganze Frau ist, wenn sie Mutter ist.

Für viele Reborner sind die Puppen nur ein Hobby und Kunstobjekt. Manche bringen sie aber auch ins Bett oder unterhalten sich mit ihnen. Welche anderen Gründe können Ihrer Meinung nach noch hinter diesem Verhalten stecken?

Manche wollen durch das Baby vielleicht eine eigene schöne Kindheit nachholen, die so nicht stattgefunden hat. Andere Frauen leben ja sogar im höheren Alter noch in richtigen Puppenstuben, also mit all ihren Puppen von früher auf der Wohnzimmercouch. Da stellt sich mir natürlich die Frage, welche Bedeutung diese Puppen für die Person haben. Das Phänomen gab es früher bei den Tamagotchis ähnlich. Die Besitzer hatten sogar so etwas wie virtuelle Friedhöfe für die kleinen elektronischen Spielzeuge. Letztlich ist das alles eine Projizierung, die hilft, indem sie eine bestimmte Funktion hat und Sehnsüchte erfüllt.

Welche Funktion haben denn dann Puppen für echte kleine Kinder?

Da sind Puppen in psychologischer Sicht kurioserweise eher Übergangsobjekte, mit denen Kinder Trennungen lernen. Und damit quasi das Gegenteil, als es bei manchen erwachsenen Besitzern der Fall ist.

Puppen werden teils auch im Therapie- und Beratungskontext genutzt. In welchen Fällen ist das sinnvoll?

Ich selbst nutze zwar keine Puppen in der Praxis. Aber sie können durchaus ein Hilfsmittel sein, um Dialoge nachzuholen, die nicht stattgefunden haben, also einem Menschen noch einmal etwas zu sagen. Manche Therapeuten machen das eben mit Puppen; gerade auch bei unerfülltem Kinderwunsch.

Ein weiterer Einsatzbereich von Reborn-Puppen ist die Altenpflege.

Bei Menschen mit Demenz hat die Verwendung von Puppen einen anderen Hintergrund. Die Puppe kann da als eine Art Trigger zur Erinnerung wirken, ähnlich wie wenn man den Menschen Musik von früher vorspielt. Viele können sich dadurch nicht nur an ihre Kinder erinnern, sondern auch an ihre eigene Kindheit. In diesen Fällen haben Puppen also eine wichtige Funktion, weil sie den Verlust von Erinnerungen kompensieren können.

Quelle: F.A.S.
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