Robin Wright im Interview

„Ich wollte nie mein Privatleben opfern“

Von Christian Aust
05.08.2021
, 10:59
In der Abgeschiedenheit der Natur hofft Wright als Anwältin Edee in „Abseits des Lebens“, ihren Seelenfrieden zu finden.
Wer Amerikas Präsidentin gespielt hat, kann auch Regie: Robin Wright über den Dreh zu ihrem ersten Spielfilm in der kanadischen Wildnis, Kinder, Glück und Abschiedstränen im Oval Office.

Das Filmgeschäft wird immer noch von Männern dominiert, da bleibt es eine große Sache, wenn Frauen Regie führen und Preise dafür gewinnen. Wie waren die Reaktionen, als Sie den Wunsch äußerten, Regisseurin zu sein, bei „House of Cards“?

Die Crew hat mich ermuntert und bestärkt. Und sie hat mir alles beigebracht, was ich wissen musste. Und dann wollte ich immer mehr davon. Aber letztendlich musste ich Regie führen, während ich es gelernt habe. Eine unglaubliche Erfahrung. Sie haben mich einfach ins kalte Wasser geschubst. „House of Cards“ war gewissermaßen meine komprimierte Filmhochschule. Ich musste sogar Hausaufgaben machen, die sie mir am Ende des Drehtages mitgegeben haben. Ernsthaft. Ich saß abends am Schreibtisch und habe den Unterschied zwischen verschiedenen Kameralinsen und Blenden gelernt.

Was hat Sie so begeistert?

Was mich am Regieführen geradezu süchtig macht, ist dieser Fluss kreativer Energie in einem Team von Menschen. Diese Art von Zusammenarbeit ist etwas ganz Besonderes. Darum geht es beim Filmemachen. Und nicht darum, einsame Entscheidungen durchzudrücken.

Sie haben dann zehn Folgen der Serie „House of Cards“ und einen Kurzfilm inszeniert. War das eine angemessene Vorbereitung auf Ihr Spielfilmdebüt?

Letztendlich war das etwas vollkommen anderes. Der Prozess ist in den Grundstrukturen natürlich derselbe. Ich hatte Produzenten, einen Kameramann, Techniker, Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Das ist bei jedem Film ähnlich. Aber diesen Film haben wir in der Natur und unter besonderen Wetterbedingungen gemacht.

Sie spielen eine Anwältin, die sich nach einer persönlichen Tragödie emotional schwer angeschlagen in eine Hütte in der Wildnis der Rocky Mountains zurückzieht.

Und dieses Wetter in Alberta, Kanada, war die größte Herausforderung bei meinem Debüt. Es macht einfach, was es will. Wir wussten eigentlich nie so wirklich, was uns am nächsten Tag erwartet, und mussten ständig improvisieren.

Sie hätten die Innenaufnahmen in einem Studio drehen können.

Hätte ich. Aber ich hatte mich nun einmal entschieden, diese Hütte bauen zu lassen und sie in 2400 Metern Höhe auf den Gipfel eines Berges zu transportieren, weil wir da diesen unglaublichen Blick hatten. Mein Kameramann hat beinahe die ganze Zeit in der Hütte übernachtet, damit er diese traumhaften Sonnenaufgänge oder Nachtaufnahmen mit dem Mond filmen konnte.

Wo haben Sie geschlafen?

In einem Wohnwagen direkt hinter der Hütte. Die Idee war, den Film, den wir machen, auch zu leben. Und ich habe es genossen. Allein das Gefühl, mich zum Schlafen ins Bett zu legen und kein einziges Auto, kein Hupen, keine Gespräche von der Straße zu hören. Da war nur der Wind und die Geräusche wilder Tiere, wenn ich morgens aufgewacht bin. Einfach umwerfend. Nach dieser Erfahrung auf dem Berg war mir klar: Ich will mehr Natur in meinem Leben.

Wahrscheinlich ist es nie einfach, gleichzeitig die Hauptrolle zu spielen und Regie zu führen. Aber in diesem Film ist Ihre Figur beinahe in jeder Szene am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wie konnten Sie da zwischen Ihren Rollen wechseln?

Es war tatsächlich etwas verrückt. Ich hatte meinen Job als Schauspielerin und habe versucht, den wie immer zu erledigen. Und zwischendurch musste ich immer wieder für ein paar Minuten hinter die Kamera springen. Ich hatte als Schauspielerin keine Zeit. Das war der große Unterschied. Normalerweise habe ich Pausen, um mich emotional vorzubereiten, mich in meinen Wohnwagen zurückzuziehen.

Um was genau zu tun?

Mir schreckliche Dinge auszudenken, die mich zum Weinen bringen. Aber das konnte ich diesmal vergessen. Ich musste funktionieren, wie man ein Licht an- und ausschaltet: Los geht’s, Robin! Wir filmen Szene Nummer 56! Dann wird schnell umgebaut, und Szene 34 ist dran. Es fühlte sich an wie Arbeit an einer Art Schauspiel-Fließband. Ohne das richtige Team funktioniert das nicht.

Sie haben sich sehr gewissenhaft auf die Rolle vorbereitet, haben Holz gehackt und gelernt, Tiere zu häuten. Wofür hatten Sie ein natürliches Talent, was fiel Ihnen schwer?

Ich bin keine Vegetarierin, aber ich könnte im wahren Leben kein Reh erschießen, es häuten und filetieren. Das bringe ich nicht übers Herz, und das wäre eine echte Herausforderung, wenn ich es müsste, um zu überleben. Aber es hat mir richtig Spaß gemacht, Holz zu hacken. Als ich den Bogen erst einmal raus hatte, war es ein echtes Vergnügen.

Ihr Holzhackerinnen-Tipp?

Es hat nichts mit Kraft zu tun, es geht nur um Präzision. Du musst den Block einfach perfekt treffen.

2018 zu Besuch in Berlin: Robin Wright kommt zum 12. Reemtsma Liberty Award im Hotel De Rome.
2018 zu Besuch in Berlin: Robin Wright kommt zum 12. Reemtsma Liberty Award im Hotel De Rome. Bild: dpa

Im Film rettet Ihnen eine Playlist mit Songs aus den Achtzigern mehr oder weniger das Leben. Welcher Song dürfte auf Ihrer persönlichen Playlist aus dieser Zeit nicht fehlen?

Verdammt, da haben Sie mich erwischt. Ich kann mir Songtitel und Bands so schlecht merken. Aber ich kann sie singen. Kennen Sie den? (Singt) Come on, Eileen . . .?

Dexys Midnight Runners. Und der Song heißt auch „Come On Eileen“. So schlecht sind Sie gar nicht.

Zufallstreffer. Also, der Song müsste auf jeden Fall dabei sein.

Haben Sie sich in den Achtzigern nicht für Musik interessiert?

Meine Schwester war der Musik-Nerd. Aber ich mochte Elvis Costello. Und irgendwann war ich sogar ein Fan der . . . Wie hießen sie noch? Talking Heads! Genau. Mein Musikgedächtnis funktioniert leider überhaupt nicht.

Dabei hatten Sie einen Ihrer ersten Auftritte vor einer Kamera in den Achtzigern für das Musikvideo einer obskuren Band mit dem Namen „Combonation“. Wie ist das passiert?

O Gott. Ich hatte einen Job als Putzkraft und habe Häuser gereinigt. Ich war eine kleine Haushälterin. Das war gegen Ende meiner Zeit auf der Highschool. Ich sparte damals Geld, um nach meinem Abschluss nach Europa zu reisen, was ich dann auch getan habe. Aber um das Geld zusammenzukriegen, hatte ich diesen Job. Ein paar der Bandmitglieder von Combonation lebten zusammen, und ich habe bei ihnen geputzt. Eines Tages fragten sie mich: Willst du in einem Musikvideo mitspielen? Das war der Beginn meiner Karriere . . . (lacht).

„Was mich am Regieführen geradezu süchtig macht, ist dieser Fluss kreativer Energie in einem Team“, sagt Robin Wright – hier mit dem Kameramann beim Dreh ihres Spielfilmdebüts.
„Was mich am Regieführen geradezu süchtig macht, ist dieser Fluss kreativer Energie in einem Team“, sagt Robin Wright – hier mit dem Kameramann beim Dreh ihres Spielfilmdebüts. Bild: AP

Wenn Sie heute auf diese Karriere blicken: Wie hartnäckig haben Sie dafür gekämpft?

Ich habe im Filmgeschäft sehr früh gelernt, dass diese Liste existiert, die sie die „A-Liste“ nennen. Darauf stehen die Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler, mit deren Besetzung man einen Film finanzieren kann. Es gab immer wieder Rollen, die ich wahnsinnig gerne gespielt hätte. Aber die wurden mir nicht einmal angeboten. Denn da waren immer zwei Kolleginnen, die berühmter und aus finanzieller Sicht mehr wert waren als ich. Das ist die Realität. Es geht letztendlich nur um Kommerz und Gewinne. Und warum auch nicht? Ich investiere doch in niemanden, der mir nachher nicht die Dollars in die Kasse spült.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe es geschluckt. Ging ja nicht anders. Und gleichzeitig habe ich gehofft und gebetet, dass ich die Chance bekomme, trotzdem zum Casting für gute Rollen eingeladen zu werden. Das hat natürlich nicht immer geklappt, aber das liegt in der Natur dieses Geschäftes. Und ich habe es immer als ein Geschäft gesehen. Deswegen habe ich auch die Zurückweisungen nicht so persönlich genommen.

Nach Filmen wie „Forrest Gump“ waren Sie aber schon fast auf der A-Liste. Warum haben Sie nicht konsequenter darauf hingearbeitet?

Weil mir in dieser Zeit dann andere Dinge wichtiger waren.

Was war das?

Die Kinder. Die hatten für mich immer Priorität. Ab einem gewissen Alter hatten die einfach keine Lust mehr, alles mitzumachen, den Wohnort zu wechseln, ihre Freunde zurückzulassen, nicht mehr zum Training gehen zu können. Das war anders, als sie klein waren. Da schlafen sie die meiste Zeit und leiden nicht so unter diesem Lebensstil. Aber sobald sie sich zu bewussten Menschen entwickeln, wollen sie nicht mehr ständig bei den Dreharbeiten der Eltern im Wohnwagen herumsitzen, um uns dann eventuell 30 Minuten in der Mittagspause zu sehen. So ein Drehtag dauert dann bis 21 Uhr oder länger. Und wenn ich endlich zu Hause war, lagen sie bereits im Bett. Das ergibt ja alles keinen Sinn.

Sie haben das nie bereut?

Nein. Für mich hat sich alles in die richtige Richtung entwickelt. Und ich wollte nicht für fünf Jahre an der Spitze mein Privatleben opfern. Denn so läuft das in der Regel. Du hast fünf gute Jahre, und dann ist dein Stern ausgebrannt und verglüht. Die Zuschauer haben genug von dir, und du wirst wieder aussortiert. Zu welchem Preis? Ich liebe meinen Job und wollte gerne noch etwas länger arbeiten.

Mit welchen Gefühlen haben Sie sich nach sechs Jahren von „House of Cards“ verabschiedet?

Ich bin immer melancholisch, wenn ich mich nach Ende der Dreharbeiten von einem Projekt verabschieden muss. Aber diesmal hatten wir sechs Jahre zusammen. Wir haben in dieser Zeit mehr Zeit miteinander verbracht als mit unseren Familien. Ich kann Ihnen sagen, es war sehr emotional. Wir lagen uns im Oval Office alle weinend in den Armen, saßen abwechselnd am Schreibtisch des Präsidenten und haben Champagner getrunken. Wir hatten eine Disco-Kugel an der Decke angebracht und haben Abschied gefeiert.

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Sie sind jetzt ins Pyjama-Geschäft eingestiegen. Wie ist das passiert?

Es fing damit an, dass ich Aufmerksamkeit auf die Krise im Kongo lenken wollte, wo Frauen im Krieg als eine Art Waffe eingesetzt werden. Meine Geschäftspartnerin Karen Fowler hatte schon vorher eine Modelinie. Und sie hatte diese Idee, dort nachhaltige Pyjamas zu produzieren und den Kunden mit einzubeziehen. Das Motto lautet: Wenn du bei uns etwas bestellst, hat eine kongolesische Frau einen Tag lang bezahlte Arbeit. Denn das ist alles, was die Frauen dort wollen: etwas lernen und respektiert werden. Viele von ihnen wurden auf schreckliche Weise vergewaltigt. Außerdem wollten wir schon immer den perfekten Pyjama produzieren, den man nie findet, wenn man einen kaufen will. Und den nennen wir jetzt „Pour Les Femmes“, für die Frauen. Das Projekt hat diesen Frauen eine Stimme gegeben. Und es sind andere Projekte daraus entstanden. Wir haben dort zum Beispiel eine Schule gebaut. Und wir werden den Frauen weiter helfen, indem wir ihnen Arbeit geben.

Wenn Sie für Ihr nächstes Regieprojekt unbegrenztes Budget und freie Hand hätten, was würden Sie drehen?

Ich wünsche mir, Woody Allen hätte nie „Der Stadtneurotiker“ gedreht. Das Drehbuch war einfach genial. So eine smarte Komödie würde ich am liebsten inszenieren.

Sie machen einen glücklichen Eindruck. Ist dies eine gute Zeit in Ihrem Leben?

Es ist sogar eine sehr gute Zeit.

Woran liegt das?

Ach, wissen Sie, nachdem ich 50 Jahre alt geworden bin, habe ich aufgehört, mir Sorgen um den ganzen Kleinscheiß in meinem Leben zu machen. Das hat meinen Geist und mein Herz befreit, ich bin bereit für mehr Lächeln und mehr Liebe. Das Leben ist verdammt kurz, du solltest es besser auskosten, statt zu grübeln.

Zur Person

Geboren 1966 als Robin Virginia Gayle Wright in Dallas, Texas.

Durchbruch 1987 mit „Die Braut des Prinzen“; wichtige Rollen: „Im Vorhof zur Hölle“, „Toys“, „Forrest Gump“, „Das Versprechen“.

Für ihre Claire Underwood in der Netflix-Serie „House of Cards“ bekam sie den Golden Globe; nach dem Ausscheiden von Kevin Spacey führte sie auch Regie.

Ehen mit Dane Witherspoon, Sean Penn und aktuell dem Saint-Laurent-PR-Manager Clément Giraudet; sie lebt in Los Angeles. Die Kinder sind 1991 und 1993 geboren.

„Abseits des Lebens“ kommt am 5. August in die Kinos.

Quelle: F.A.S.
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