Rock im Park

ALEX WESTHOFF (Text) und DIANA CABRERA ROJAS (Fotos)

8. April 2020 · Samba Tidiane Tounkara bewegt die Menschen – auf sehr persönliche Art. Eine Reise in sportliches Neuland.

Eines Morgens liegt sie dort auf der blanken feuchten Erde, die Langhantel. Ich bilde mir ein, dass sie ein bisschen einsinkt unter ihrem enormen Gewicht. In 34 meiner 39 Lebensjahre habe ich (Vereins-)Sport betrieben – vor hartem Eisen wie diesem habe mich aber stets erfolgreich gedrückt. Etwas mehr als eine Stunde später liegen meine Schultern und mein Kopf auf einem blauen Gymnastik- Ball, der wiederum fest auf einem Autoreifen ruht. Auf meiner Brust ruht das Langhantel-Ungetüm. „Noch zweimal“, sagt Samba. Er ruft nicht, er fordert nicht, er peitscht nicht ein, seine Stimme klingt stets mehr nach Chill, obwohl es längst Drill ist. 

Samba spricht in einem Ton, in dem man am Frühstückstisch jemanden bittet, die Butter rüberzureichen. Von Kopf bis Fuß hat mich eine Erschöpfung erfasst, die zwar allgewaltig ist, aber wohlig und von innen wärmend. Der Körper unter dem Eisen sagt: Rien ne va plus, nichts geht mehr. Der Kopf weiß dank Samba: „Dein Körper lügt dich an. Lass dich nicht begrenzen, wir alle können mehr, du kannst mehr.“ 


„Dein Körper ist dein Freund, und manchmal braucht es Konflikte, um die Freundschaft besser, beständiger, belastbarer zu machen.“
SAMBA TIDIANE TOUNKARA

Ich fletsche prophylaktisch die Zähne, bringe das Eisen ein allerletztes Mal hoch – mehr, das weiß ich, und das sieht Samba, geht auf keinen Fall. Der Atem wölkt in der klaren Morgenluft. Der Blick geht durch die Baumkrone, in der ein paar Dutzend Blätter den Winter überstanden haben, in den wolkenlosen Himmel. Schön, wenn die Gedanken so ins Wandern kommen. Klingt albern, aber: Man sollte häufiger innehalten und an einer Langhantel vorbei durch eine Baumkrone in den Himmel gucken. Die Ausrede mit den zwei Kindern, dem einen Job und angeblich null Zeit, die für so vieles herhalten muss, klingt gerade billiger denn je.


Immer anders, immer anstrengend: Samba hat sein eigenes Fitness-Konzept entwickelt.

Das bevorzugte Trainingsrevier von Samba Tidiane Tounkara liegt wie eine Insel im Frankfurter Holzhausenpark. Zwei spitz zulaufende Wege formen eine überschaubare Rasenfläche nahe dem barocken Wasserschlösschen, das von einem Weiher umspült wird. Ein einzelner Baum dient als Hilfe, Stütze und Widerpart für zahlreiche Übungen. Ich lerne schnell: Wenn Samba das dicke Gummiseil mit den beiden Schlaufen gekonnt über die Astgabel wirft wie ein Cowboy sein Lasso, dann wird es extra anstrengend. Ich werde dort auf der Insel stemmen, drücken, wringen, rütteln, ziehen, gegen das Band anspringen und sprinten. 

An der Stirnseite endet die Insel an einem Zaun. Die Pfähle sind in Sambas Augen ein idealer Ausgangspunkt, um die Kugelhantel (Kettlebell) von dort über Kopfhöhe zu wuchten. Auch die Parkbänke am Rand der Insel lassen sich ins Training einbauen. Ein Mauerüberhang erlaubt Sprungübungen. In den vorderen Teil der Insel, dorthin, wo sich im Sommer die Kenner niederlassen, die wissen, dass die letzten Abendsonnenstrahlen im Park genau dort auftreffen, dringe ich nur hüpfend vor. 

Sambas Training sprüht vor Variation und Abwechslung, aber die Straßen aus Plastikhütchen sind sein Dauerbrenner. Gelb und rot sind die kleinen Pylone, die Farbe gibt vor, ob dort mit dem rechten oder linken Bein abgesprungen werden soll. Nur dass Samba Anzahl und Ab- stand der Hütchen während der Durchgänge permanent verändert. Es beschämt mich, wie man an eigentlich simplen Schritt- und Sprungfolgen so oft scheitern kann. Samba treibt einen im Nu aus der Komfortzone – und verschiebt den Wiedereinzug dorthin bis nach dem Training. 


„Ich lebe mein Leben und erhoffe mir Respekt dafür.“
SAMBA TIDIANE TOUNKARA

Er bleibt immer die Ruhe selbst, beendet die Übungen mit einem sanften, häufig erlösenden „...uuuund fertig“ oder „vielen Dank, Alex“. Und stellt im selben Moment die nächste Aufgabe, macht die nächste Übung vor. Sind Bizeps und Trizeps entkräftet, leert er die Kraftreserven an Bauch, Rücken und so weiter. Pausen sind kurz bei Samba. 

Samba Tidiane Tounkara war in Senegal, woher er stammt, lange in einem Projekt für Straßen- und Waisen- kinder tätig, die er auch trainiert hat. Mit einer deutschen Frau kam er 2006 nach Frankfurt; mittlerweile sind sie getrennt. Der gemeinsame Sohn ist ebenfalls auf dem Sprung zum Multisportler: kein Wunder bei diesem Trainigspartner. Sechs Einheiten von je einer Stunde – meist waren sie länger – habe ich bei ihm gebucht. Es wurde eine dreiwöchige Expedition ins sportliche Neuland. Und das, obwohl ich viel Zeit damit verbringe, mich mit Sport zu beschäftigen und darüber zu schreiben, und obwohl ich glaubte, für mein Alter ganz gut drauf zu sein, weil ich manchmal laufen gehe, viel mit dem Rad unterwegs bin und immer noch Hockey spiele. 

Bis an die Grenze und darüber hinaus: Personal Trainer Samba Tidiane Tounkara lässt keine Ausreden gelten.
Bis an die Grenze und darüber hinaus: Personal Trainer Samba Tidiane Tounkara lässt keine Ausreden gelten.

„Was macht dä Maaann daaa?“, höre ich ein Kleinkind krähen, als ich mal wieder, um Haltung ringend, in den Gummiseilen unter der Astgabel hänge. Die Erzieherin der Kita-Gruppe, die Richtung Spielplatz marschiert, weiß darauf keine rechte Antwort. 

„Ich bin Autodidakt, ich habe das nicht gelernt“, sagt Samba. Er verfolgt keine starre Lehre, sondern ein Konzept. Sein Konzept, wie er sagt. Was wohl Turnvater Jahn und Arnold Schwarzenegger als gleichermaßen inspirierend empfänden. Denn Samba stürzt einen nicht in einen plumpen Parcours mit Kaskaden von Liegestützen, Kniebeugen, Burpees und Co, um schnell und intensiv zu überanstrengen. Sambas Trainingsreize sind subtiler. Er versucht, den inneren Schweinehund seiner Kunden nicht zu erschlagen, sondern an der Nase herumzuführen. Samba sagt nie: Bitte zehn Wiederholungen davon. Denn dann gibt der Körper einem auch nur Energie für maximal zehn. Samba sagt: „Mach bitte zehn bis 15 Wiederholungen.“ Und Männer sind dann ja wirklich so simpel gestrickt, dass sie alles daran setzen, die 15 zu schaffen. 


„Ich bin Autodidakt, ich habe das nicht gelernt.“
SAMBA TIDIANE TOUNKARA

„Ich werde dir keinen fertig zubereiteten Fisch hinlegen, sondern dir beibringen, wie du selber fischen kannst“, sagt Samba. „Dein Körper ist dein Freund, und manchmal braucht es Konflikte, um die Freundschaft besser, beständiger, belastbarer zu machen.“ Vor diese Konflikte stellen einen Sambas Übungen. 

Trotz seines ergrauten Bärtchens und den tiefen Furchen, die seine Stirn durchziehen, sieht Samba jünger aus als 47. Sein Körper wirkt wie aus Eisen geschmiedet, und er fühlt sich auch so an. Eine Übung, bei der ich ihn – Schulter an Schulter – aus der Balance schieben soll, endet für mich: bäuchlings im Matsch. 

Samba ist eine Art Legende im Holzhausenpark. 365 Tage im Jahr trainiert der Senegalese dort sich oder Andere oder beides. Er trainiert mit Bankern, Architektinnen, Senioren und zweimal in der Woche mit einer Gruppe von Kindern. Im Park kennen ihn alle, viele grüßen überschwänglich, andere kommen nicht klar mit ihm. Vielleicht auch wegen seines Äußeren: schwarzer, muskulöser Muslim mit Rastazöpfen, die kinnlang unter seiner Mütze hervorlugen. Samba spricht sehr gut Deutsch, auch wenn er mitunter gerne noch mehr Gedanken in deutsche Worte kleiden würde, als er das vermag. Er spricht fast philosophisch über die Essenz des Sports, der ihm die Welt bedeutet. Aber er kann auch eindringlich erzählen vom täglichen Rassismus hierzulande und wie er ihm begegnet. Vom Argwohn in den Blicken meist Älterer bis zu den Kontrollen, die er als entwürdigend empfindet. Mehrmals die Woche, sagt Samba, werde er von der Polizei angehalten, müsse sich ausweisen, werde nicht selten nach Drogen durchsucht. Seit Jahren. „Ich bleibe positiv“, sagt er. Aber manchmal falle ihm das schwer. „Ich lebe mein Leben und erhoffe mir Respekt dafür.“

Um Haltung ringen: Sambas Übungen führen aus der eigenen Komfortzone hinaus.

Eine Frau mit vorgeschnalltem Baby spaziert vorbei. Sie tut so, als ob sie mit ihrem Handy hantieren würde, aber in Wahrheit macht sie Fotos von unserem Training. Ist sie interessiert oder empört? Ruft sie gleich beim Ordnungsamt an? In Frankfurt existiert eine Verordnung, die kommerziellen Sportanbietern die Nutzung städtischer Grünflächen untersagt. Und das in Zeiten zahlreicher (Regierungs-)Initiativen, die Sport an der frischen Luft preisen als Mittel gegen Bewegungsmangel und Übergewicht. Wider den Zeitgeist, der immer mehr Aktive aus den Studios nach draußen treibt. 

Samba ist schon länger als der Trend draußen unterwegs, mit seinem Einkaufswagen voller Fitness-Hilfsmittel. Einige davon hat er selbst konzipiert, darunter die beiden an Therabänder geknoteten kleinen Hanteln, die, lässt man sie an ausgestreckten Armen auf und nieder hüpfen, gehörige Wirkung entfalten. Deutliche Gebrauchsspuren zeigt der Gymnastikball. Man spürt, wie der Körper sich erst auflehnt gegen die ungewohnten Balanceübungen auf dem Ball, wie er zittert, wankt, lernt, scheitert, sich aufrafft und sie schließlich doch bewältigt. 

Samba hat auch schwere Zeiten erlebt. Als er merkte, dass er nach erfolgreicher Ausbildung zum Altenpfleger die Arbeit in Pflegeheimen hierzulande nicht mehr er- trägt. Er sei schockiert, sagt er, wie würdelos Deutschland mit seinen Alten umgehe. Wie könne es sein, dass alle immerzu von Leistung sprächen, die Altenpflege aber auf einem System aus Lügen und Verdrängen beruhe? Ausgeführt von überarbeiteten und frustrierten Pflegekräften? Samba jobbte daraufhin als Spüler in Großküchen, half bei Gartenarbeiten und Umzügen und sammelte nachts auch schon mal Pfandflaschen. Nun setzt er auf seine Tätigkeit als Personal Trainer und hofft auf einen Job in Prävention, Rehabilitation oder Kindersport. 


„Dein Körper lügt dich an. Lass dich nicht begrenzen, wir alle können mehr, du kannst mehr.“
SAMBA TIDIANE TOUNKARA

Dauerregen vor, während und nach meiner vorletzten Einheit mit Samba. Drei Grad, Wind, keine Menschenseele im Park außer uns. Das Wasser steht in den kleinen Mulden im Boden der Insel. Die Langhantel ist wirklich etwas eingesunken in die Wiese. Samba sagt wieder so einen Satz, der haften bleibt: „Wir müssen lernen, mit dem Wetter zu tanzen.“ 

Leider ist die Langhantel eine etwas hüftsteife Tanzpartnerin im Regen. Aber sie ist zu meinem persönlichen sportlichen Symbol dafür geworden, wie Hemmungen überwunden werden können. Tschüss, Skepsis und Furcht, hallo, Technik und Zutrauen! „Explosiv“, sagt Samba. „Mach es explosiv, und du kletterst wieder ein Level nach oben.“ Tatsächlich bringe ich die Langhantel zur Hochstrecke. Und ich stehe dort eingehüllt in einen Kokon aus körpereigener Wärme und Stolz. 

Nach Hause gehe ich an diesem Morgen mit dreckverkrusteten Händen und matschummantelten Schuhen. Und einem Gefühl, das ich gegen nichts in der Welt tauschen würde – der Vorfreude auf eine ausführliche heiße Dusche nach einem Training mit Samba.

08.04.2020
Quelle: F.A.Z. Magazin