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Seltene Krankheit

Für manche Menschen klingen alle Stimmen gleich

Von Annemarie Diehr
Aktualisiert am 05.08.2015
 - 11:38
Hingehört: Phonagnosiker lernen mit der Zeit, an anderen Parametern zu erkennen, wer gerade spricht.
Es gibt Menschen, die andere nicht an ihrer Stimme erkennen können. Vielen fällt es anfangs gar nicht auf. Für Wissenschaftler sind Phonagnosiker interessante Probanden – weil das Defizit kaum erforscht ist.

Als Anke Engelke am 21. Januar 2007 erstmals als Synchronstimme von Marge Simpson im Fernsehen zu hören ist, geht ein Ruck durch die deutsche Fangemeinde. Simpsons-Liebhabern klang noch die krächzende Stimme von Elisabeth Volkmann in den Ohren, die der Ehefrau von Homer 15 Jahre lang, seit der deutschen Erstausstrahlung der Serie im Jahr 1991 bis zu ihrem plötzlichen Tod im Juli 2006, ihre Stimme lieh.

Wie viele der heute Dreißigjährigen ist auch Stefan Peters mit dem Humor der gelben Wesen aus der amerikanischen Zeichentrickserie aufgewachsen. Aber anders als für die Mehrheit der Fans klang Engelkes Marge-Stimme für Stefan Peters nicht befremdlich, nicht einmal ungewohnt. Peters ist der Wechsel der beiden Sprecherinnen damals nicht einmal aufgefallen. Erst als das Thema beim Fernsehschauen mit Freunden zur Sprache kam, erfuhr er davon. Gehört hat er den stimmlichen Unterschied danach trotzdem nicht.

Wenn Peters, der eigentlich anders heißt, in einem kleinen Bahnhofscafé von dem Moment erzählt, an dem ihm bewusst wurde, dass er nicht hören kann, was alle anderen hören, wirkt er abgeklärt, als wäre es das Normalste von der Welt, Stimmen nicht erkennen zu können. Nicht die seiner Eltern, nicht die seiner Schwester und erst recht nicht die von Marge Simpson. Wenn seine Freundin anruft und ihre Nummer nicht auf dem Display seines Smartphones erscheinen würde, er wüsste im ersten Moment nicht, wer da so vertraut mit ihm redet.

Lange, sagt Peters, sei er dem nicht weiter nachgegangen, „auch weil ich mich im Alltag nicht eingeschränkt fühle“. Für einen kurzen Moment wird Peters’ junges Gesicht nachdenklich, und er rührt still den Milchschaum seines Cappuccino um. „Ich habe gedacht, dass ich einfach schlecht darin bin, Stimmen zu erkennen. Ich höre eine Stimme, aber sie hat für mich keine Relevanz. Ich denke noch nicht einmal darüber nach, ob das für mich eine bekannte oder unbekannte Stimme ist.“

Wer ruft an?

Die Stimme eines Freundes am Telefon nicht sofort zu erkennen, das ist vermutlich jedem schon einmal passiert. Das merkwürdige Gefühl vergeht, sobald man darauf kommt, wer spricht. Bei Peters kommt dieser Moment nicht von alleine, er hat andere Strategien, um Anrufer zu identifizieren. Auch wenn er in Zeiten der Rufnummernanzeige kaum noch auf sie angewiesen ist, passiert es Peters hin und wieder, dass er mehrere Personen unter demselben Namen in seinem Telefon speichert. „Einmal war ich felsenfest davon überzeugt, mit einer ganz bestimmten Stefanie zu sprechen. Erst nachdem ich eine Weile mit ihr geredet hatte, gab es plötzlich einen Moment, in dem der Inhalt des Gesprächs nicht mehr zu der Person in meiner Vorstellung gepasst hat. Dann musste ich wirklich nachfragen, welche Stefanie mich anruft.“

Nicht nur am Gesprächsinhalt, auch an der Sprechweise erkennt Peters andere Personen. So wie man den jungen Mann selbst auch ohne Hinweise auf seine Statur, die blauen Augen und das verschmitzte Lächeln nur an seinem leichten Sächseln wiedererkennen würde, kommt Peters beispielsweise schnell darauf, dass es sich bei einem von vielen „Ähms“ unterbrochenen Gebrabbel um die Stimme von Boris Becker handelt. Auf den Unterhaltungswert von Stimmimitatoren oder Navigationssystemen mit Promi-Stimmen muss Peters allerdings sein Leben lang verzichten.

Während Peters erzählt, erklingt in dem italienischen Café - wo, wenn nicht hier - die weiche Stimme von Eros Ramazzotti. Obwohl Peters den Charterfolg „Cose Della Vita“ wahrscheinlich schon viele Male im Radio gehört hat, dass es Ramazzotti ist, der da „Se Bastasse Una Canzone“ säuselt, darauf würde Peters nie kommen. „Tatsächlich ist die Stimme eines Musikers für mich am wenigsten von Interesse.“ Für Gesang kann er sich trotzdem begeistern, auch ohne Besonderheiten in der Stimme zu erkennen. Bei Musik gehe es ihm um das Ganze, sagt er.

Nur wenige Fälle bekannt

Peters hätte wohl ohne eine Erklärung für seine Stimmenblindheit auskommen müssen, hätte er nicht durch eine Bekannte Claudia Roswandowitz kennengelernt und sich mit ihr über ihre Forschung am Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften unterhalten. In einem geschwungenen Bau mit großen Glasfronten unweit der Leipziger Innenstadt blickt Roswandowitz auf die Zahlenreihen vor sich. Das kleine Büro, dessen gesamter Platz beinahe vollständig von einer riesigen, mit Papieren überhäuften Schreibtischfläche eingenommen wird, teilt sich die junge Frau mit einer Kollegin. Was Roswandowitz da auf ihrem Computerbildschirm sieht, sind die Ergebnisse verschiedener Testpersonen. Die Zahlenwerte, die in der Tabelle unter den Kürzeln AS und SP aufgeführt sind, heben sich deutlich von denen in anderen Spalten ab.

Roswandowitz erforscht Menschen, die unfähig sind, Stimmen zu identifizieren. Mit Hilfe eines Online-Tests machte sie sich im Jahr 2011 auf die Suche nach Betroffenen, um eine neurologische Erklärung für dieses Defizit zu finden. Unter den tausend Menschen, die den Test auf der Website des MPI gemacht haben, fanden sich schließlich zwei, die für detaillierte Untersuchungen in Frage kamen: AS, eine Frau, und SP - das Kürzel steht für Stefan Peters. Peters scheiterte damals kläglich, als er sich durch wiederholtes Hören drei verschiedene Stimmen merken und anschließend wiedererkennen sollte.

Es folgten weitere Verhaltenstests, eine Magnetresonanztomographie-Untersuchung sowie neurologische Untersuchungen und Hörtests, um andere Beeinträchtigungen wie etwa Gedächtnis- oder Hörschwierigkeiten auszuschließen. Schließlich hatte Roswandowitz mit SP und AS zwei Menschen mit einer angeborenen Phonagnosie gefunden. Bisher war das Nichterkennen von Stimmen beziehungsweise Lauten, in Fachkreisen Agnosie genannt, lediglich in seiner erworbenen Form als Folge einer Gehirnschädigung bekannt.

Hochgerechnet: Bei zwei Phonagnosikern unter tausend Testpersonen wären schätzungsweise 162.000 Deutsche von Geburt an unfähig, Stimmen zu identifizieren. Weltweit ist bislang aber nur ein weiterer Fall von britischen Wissenschaftlern erforscht, der einer Managementberaterin in den Sechzigern. Allerdings hat diese nicht nur Schwierigkeiten, ihre eigene Tochter am Telefon zu erkennen; das Verstehen von Gesprochenem fällt ihr generell schwer.

Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel

Weil Phonagnosiker wie Peters nicht so eingeschränkt sind im alltäglichen Leben wie Menschen mit einer Prosopagnosie, der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, glaubt Katharina von Kriegstein, die Leiterin der Forschungsgruppen, dass weitaus mehr Menschen mit einer angeborenen Phonagnosie leben, als man erwartet. „Diese Menschen haben aber nicht das Bedürfnis, mit Wissenschaftlern in Kontakt zu treten und sich erforschen zu lassen.“ Roswandowitz ergänzt: „Auch das Bewusstsein fehlt. Diese Menschen sind mit dem Defizit aufgewachsen und bemerken es erst, wenn sie sich mit anderen Leuten genau in dieser speziellen Fähigkeit vergleichen“, sagt die Wissenschaftlerin aus Leipzig. „Und wie oft redet man schon darüber, wie gut man andere anhand der Stimme erkennen kann. Wahrscheinlich denken Menschen, die solche Schwierigkeiten haben, dass es für alle anderen genauso schwierig ist, Personen an ihrer Stimme zu erkennen.“

Zurzeit analysiert Roswandowitz Peters’ Gehirnaktivitäten während der Ausführung einer Stimmerkennungsaufgabe, um herauszufinden, was genau er eigentlich nicht kann. Denn das stellt die Wissenschaft immer noch vor große Rätsel. Phonagnosiker haben keine Probleme, einen Höreindruck wahrzunehmen. Bei Hörtests scheidet Peters nicht schlechter ab als gesunde Menschen. Auch kann er männliche von weiblichen und traurige von fröhlichen Stimmen unterscheiden. „Die Schwierigkeiten der Stimmerkennung sind bei Peters höchstwahrscheinlich auf höheren Verarbeitungsebenen anzusiedeln“, sagt Katharina von Kriegstein. Die Forscher vermuten, dass bei Peters das Problem darin besteht, dass das, was eine Stimme ausmacht, vom Gehirn nicht gespeichert und daher nicht mit anderen Informationen über eine Person verknüpft werden kann.

Peters’ Stimme ist vergleichsweise hoch und klingt hell, ab und zu nuschelt er. An diesen beiden Eigenschaften, der Stimmhöhe und ihrer Klangfarbe, erkennen Menschen normalerweise die Stimme von anderen Menschen, die sie kennen. Wenn man beispielsweise Peters’ Stimme zur Terminvereinbarung zunächst nur am Telefon gehört hat und ihn dann im Café trifft, verbindet sich die akustische mit der visuellen Wahrnehmung seiner Person. Beim nächsten Telefonat nutzt das Gehirn im Normalfall die Informationen, die es über Peters’ Stimme gespeichert hat - und erkennt ihn wieder. Obwohl man Peters am Telefon nicht sieht, klingt seine Stimme dann vertraut.

Das Leben mit dem Defizit

Im Leben von Stefan Peters aber gibt es keine vertrauten Stimmen. Intimität mit anderen Menschen mit all ihren positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden empfindet er trotzdem. Denn auch Körper- und Blickkontakt bewirken Vertrautheit. „Die Stimme ist ein starkes Mittel zur Bindungsvermittlung, aber man darf nicht davon ausgehen, dass diese Bindung nicht da ist, wenn die Stimmverarbeitung gestört ist“, sagt Katrin Neumann und führt das Beispiel gehörloser gebärdender Eltern an, deren Beziehung zu ihren hörenden oder nicht hörenden Kindern keinesfalls gestört sei. Am St. Elisabeth-Hospital der Ruhr-Universität Bochum behandelt Neumann Sprach-, Sprech-, Hör- und Stimmstörungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Bindung, also Vertrautheit, stellt sich durch Feinfühligkeit her, und diese wird über verschiedene Kommunikationskanäle vermittelt.

Auch die Vermutung, dass Phonagnosiker in ihrer kognitiven Entwicklung beeinträchtigt sein könnten, weil sie als Neugeborene die Stimme ihrer Mutter nicht als vertraut identifizieren können, entkräftet Neumann. Im Mutterleib nimmt das Ungeborene die Klangfarbe und vor allem die Sprachmelodie der Mutterstimme wahr - ob sie schnell oder langsam, laut oder leise spricht und wie sie betont. Nach der Geburt erkennt das Baby die Sprechweise der Mutter, auf die es geprägt ist, unter den vielen anderen Stimmen von Vater und Verwandten wieder. „Das Erste, was das Kind bei der Sprachentwicklung lernt“, sagt Neumann, „ist, auf die Sprachmelodie der Mutterstimme zu reagieren.“

Wenn Peters über seine Phonagnosie spricht, als wäre sie ein seltener Schluckauf, glaubt man ihm, dass ihm Situationen, in denen sein Defizit zum Vorschein kommt, nicht peinlich sind, dass er sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, dieses Defizit womöglich an seine Kinder zu vererben, und dass er sich im Kontakt mit anderen Menschen nicht beeinträchtigt fühlt. „Vielleicht verpasst man was, wenn die Vertrautheit von bekannten Stimmen einem fehlt, aber das kann ich nicht nachvollziehen. Nur ,Es ist schön, deine Stimme zu hören‘, das kann ich nicht sagen.“

Quelle: F.A.S.
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