„Pinky“-Handschuhe

Bitte nicht schon wieder pink!

Von Julia Anton und Johanna Dürrholz
14.04.2021
, 15:30
Zwei Männer wollen einen pinkfarbenen Handschuh verkaufen, mit dem Frauen „hygienisch“ Tampons entfernen und entsorgen können. Muss das sein?

Hören Sie das? Da kommt ein Sturm auf. Ein Empörungssturm! Von wem, fragen Sie? Na, von den Feministinnen mal wieder, klar. Wir regen uns auf über? Zwei Männer. Ist klar, oder? Aber, das müssen wir Feministinnen hier dann leider doch mal wieder festhalten: Sie machen es uns auch nicht leicht. Also, so gar nicht. Sie machen es sich höchstens selbst leicht.

Was ist passiert? Zwei Männer haben in der beliebten Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, in der Gründer mit ihren Ideen an Investoren herantreten und um Geld werben können, ein Produkt vorgestellt. Für Frauen erdacht, von Männern. Es handelt sich um „Pinky“, einen pinkfarbenen Handschuh, mit dem Frauen ihre Einweg-Periodenprodukte, also vollgeblutete Tampons und Binden entsorgen können, „geruchsneutral und hygienisch“. Und alle so: hä?

„Wir sind echte Frauenversteher“, sagen Eugen und André, die sich bei der Bundeswehr kennengelernt haben. In der „Frauen-WG“, in der sie gemeinsam wohnen, hätten sie mitbekommen, mit welchen alltäglichen Hygieneproblemen Frauen zu kämpfen hätten: In der Disko, auf dem Festival, beim Reisen gebe es oft keine Möglichkeit, Tampons hygienisch und diskret zu entsorgen. Das stimmt. Es ist in der Tat nervig, wenn auf Toiletten der Mülleimer fehlt, das Klopapier, die Seife und, besonders gern vergessen: die Tampons und Binden. Trotzdem häuften sich nach der Sendung im Netz und insbesondere unter dem Instagram-Account von „Pinky Gloves“ die wütenden Kommentare. Was ist also das Problem an den pinkfarbenen Handschuhen?

Ist das Problem, dass zwei Männer die Idee pitchen? Auch. Denn allein der Vorschlag, dass Menstruierende sich einen Gummihandschuh anziehen sollten, um ein Tampon in Benutzung anfassen zu können, ist absurd. Er suggeriert: Das, was da abläuft und heruntertropft, ist eklig. Und wer sich den Pitch von Eugen und André weiter anhört, gewinnt vor allem den Eindruck: Der „Pinky“-Handschuh ist nicht in erster Linie als Produkt für Frauen erdacht worden, sondern als eines für Männer. Denn wie die beiden weiter erzählen, sei ihnen der Mülleimer im gemeinsamen WG-Badezimmer negativ aufgefallen. Wenn die Mitbewohnerinnen menstruieren, seien sie nicht umhin gekommen, dort blutige Spuren zu sehen, zumal der Müll auch nach einigen Tagen unangenehm gerochen hätte. Da liegt es doch auf der Hand, ein weiteres Wegwerf-Produkt zu erfinden, dass die männlichen Augen und Nasen schützt, statt einfach mal den Müll herunterzubringen – und obendrein Frauen im Fernsehen zu suggerieren, dass sie sich für diese natürliche Sache schämen müssten, nicht nur unterwegs, sondern sogar im heimischen Badezimmer.

Dass der pinkfarbene Handschuh eben vor allem eine Erfindung für Männer ist, zeigt sich auch daran, dass vor knapp zwei Jahren zwei junge Gründerinnen bei der „Höhle der Löwen” vorstellig wurden, die eine waschbare Periodenwäsche für Frauen entwickelt haben – und die männlichen Investoren damals sehr zurückhaltend auf das „Frauenprodukt” reagierten. Nur Judith Williams war interessiert, der Deal scheiterte aber an unterschiedlichen Vorstellungen, inzwischen haben die Frauen aber nach eigenen Angaben auch ohne Investment mehr als 300.000 Slips verkauft. Für die „Pinky Gloves“ hingegen waren gleich zwei männliche Investoren zu begeistern.

Die beiden Gründer bedienen mit ihrer Rhetorik – ob bewusst oder nicht, sei dahingestellt – ein altes Narrativ: Dass man die Monatsblutung möglichst zu verstecken habe. Auf diese Weise war die Periode lange Zeit ein Instrument der Unterdrückung. In der Bibel steht, wer menstruiert, sei unrein für mindestens sieben Tage, solle das Haus nicht verlassen und von niemandem berührt werden, sonst sei diese Person ebenfalls unrein. Die Schriften der anderen Weltreligionen beinhalten ähnliche Dogmen. In Indien benutzen Frauen und Mädchen oft noch schmutzige Tücher, wenn sie bluten – weil Periodenblut ohnehin als schmutzig gilt. Frauen sollen sich isolieren, wenn sie ihre Regel haben, dürfen bestimmte Lebensmittel nicht berühren und die Tempel sowieso nicht betreten. Und in deutschen Büros dürfen Frauen, die nicht lächeln, sich gern mal den Spruch gefallen lassen: „Die hat bestimmt ihre Tage.“

Die Annahme, dass die Regel etwas ist, das man nicht sehen, nicht riechen, nicht mitbekommen sollte, ist die vermeintlich logische und zivilisierte Fortsetzung dieser Erzählung. Wer einmal im Monat blutet, so die Lesart, ist schwächer, eingeschränkter, der Allgemeinheit nicht zumutbar. Und braucht daher angeblich dringend Hilfsmittel wie pinkfarbene Plastikhandschuhe. Doch sie sind mehr als ein ungeschickter Versuch, aus Frauenblut Geld zu machen. Mal ganz abgesehen davon, dass es durchaus unverschämt anmutet, von zwei Männern, die in ihrem Leben noch nicht menstruiert haben, nun mal endlich erklärt zu bekommen, wie frau es richtig zu tun hat.

Dafür haben sich die Gründer in einem Video auf Instagram entschuldigt. Sie wollten, sagen sie, dabei helfen, die Periode zu entstigmatisieren und zu enttabuisieren. Natürlich sei die Menstruation nicht eklig, daran hätten sie nicht einmal gedacht. Sie bedanken sich für die konstruktive Kritik, die sie erreicht habe. Ein wichtiger Schritt, der zeigt, dass sie es irgendwie gut meinen – er blendet jedoch aus, dass es vorher eigentlich kein „Problem” gab, oder besser gesagt: ein anderes. Das Problem waren schließlich nicht die menstruierenden Personen auf dem Diskoklo, sondern die fehlenden Hygieneprodukte und Mülleimer. Dass die Pinky-Glove-Gründer ein Periodenproblem heraufbeschwören und dafür eine Lösung anbieten, die obendrein nicht gerade nachhaltig ist, können sie nicht bestreiten.

Und, zu guter Letzt: Warum eigentlich schon wieder pink? Mal abgesehen davon, dass pinkes Plastik alles andere als diskret ist, sind die „Pinky“-Handschuhe ein Paradebeispiel für Gendermarketing und die sogenannte „pink tax“, bei der rosa „Frauenprodukte“ teurer sind als gleichwertige Produkte in blau für Männer. Der „Pinky“ ist nichts anderes als ein doppelt verpackter Einweghandschuh mit einem Klebestreifen dran, und eben pink. Wohlgemerkt einer, dessen Inhaltsstoffe auf der Website nicht zu finden sind. Wenn sich eine menstruierende Person mit ihrer Regel wirklich unwohl fühlt, egal, ob ganz generell, oder weil sie an einem Ort ist, an dem sie sich die Hände nicht richtig waschen kann, tut es ein großer handelsüblicher medizinischer Einweghandschuh, der abschließend zugeknotet wird, genauso – und kostet nur einen Bruchteil des Geldes.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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