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Brit Chic

Von ISABELLE BRAUN und JAN BAZING (Illustrationen)

12.02.2019 · Diese Briten! Fahren auf der falschen Straßenseite, sind Dandys, trinken Tee und tragen im Winter kurze Hosen. Eine Nation in sieben Klischees.


Der Dandy

Dandyismus ist nicht nur ein Look, es ist Lebenseinstellung. Ihre Anhänger zelebrieren Exzentrik, Spitzzüngigkeit sowie tadellose Manieren und auf den Leib geschneiderte Mode. Konventionen wie Ehe oder Erwerbstätigkeit lehnt der Dandy ab, stattdessen wendet er sich den dichtenden Künsten, verschleudert sein Erbe durch Spielsucht. So hielt es zum Beispiel George Bryan „Beau“ Brummell.


„Well, well, well ...“
Typischer Ausruf eines Dandys

Der im 18. Jahrhundert geborene Bonvivant gilt als Ur-Dandy, der Legende nach ließ er seine Stiefel mit Champagner putzen und benötigte fünf Stunden zum Ankleiden. Oscar Wilde war ebenfalls Dandy par excellence, mit samtenen Kniehosen und flatternden Lavallière-Krawatten. Der eitle Hedonismus ist Ergebnis der im fin de siècle verbreiteten Annahme, die Welt sei ohnehin dem Untergang geweiht. Irgendwie befreiend, nicht wahr? Die Balance zwischen Erfolg und Exzentrik meistert Mark Ronson, der Hit-Produzent von Amy Winehouse und Lady Gaga, vortrefflich. Er trägt Frack zur Jeans so selbstverständlich wie eine Strickjacke. Ronson ist, natürlich, gebürtiger Londoner.

► Was man von ihnen lernen kann: Sinn für Details.



Der Landhausstil

Für den Adel ist es Freizeitbekleidung, für den Rest der Welt „die feine englische Art“: Zum Sonntagsausritt tauscht die Lady Perlenkette und Etuikleid gegen Jodhpurstiefel und Barbourjacke. Passabel zu reiten oder zumindest sattelfest zu sein gehört zum guten Ton. Wer hoch zu Ross talentfrei ist, sollte wenigstens eine saubere Rückhand spielen können, das gilt für Frauen wie Männer. Der Gentleman logiert auf einem cognacfarbenen Chesterfield-Sofa aus Leder und lädt zu einer Partie Backgammon bei einer Tasse Tee mit Milch ein. Er trägt Bundfaltenhose und Tweed-Jackett mit Glencheckmuster.


„Blimey!“
Lieblingsausruf eines Karoträgers

Das Karo ist typisch britisch, der Terminus für eine Abwandlung des Musters trägt sogar die britische Königsfamilie im Namen: Prince-of-Wales-Check. Aber, Achtung! Es ist ein Glencheck-Muster mit einem feinen Überkaro. Das wurde für Edward II. von England gewebt, der Anfang des 14. Jahrhunderts Fürst von Wales war. Im 20. Jahrhundert trug ein anderer Fürst von Wales, Edward VIII., der spätere Duke of Windsor, auch gerne das Muster, aber ohne Überkaro, und so werden beide bis heute munter verwechselt. Überhaupt ist Karo so wesentlich für die Briten wie für Hessen das Gerippte (auch eine Art Karo). Auch das schottische Tartan-Muster ist in fast jedem Kleiderschrank vertreten, und sei es nur als Innenfutter. Es ist ein Überbleibsel der Hochland-Begeisterung von Königin Viktoria. Die ältesten Tartan-Faserspuren hat man übrigens in chinesischen Mumien in Xinjiang gefunden – aber wer wird da schon kleinkariert sein?

► Was man von ihnen lernen kann: Understatement.



Der Brit-Popper und Indie-Rocker

Man trifft ihn im Pub nebenan, wobei man da streng genommen jeden trifft. Spätestens wenn das Last-orders-Glöcklein ertönt, erzählt er kettenrauchend von der großen und glücklosen Liebe. Die gesamte Beziehung kann er auf Basis eines Songs analysieren, oder er referiert über das Gesamtwerk von Blur. Seine Musikkultur ist existenziell: Sie bestimmt den Lebensstil, und wenn der Gesprächspartner als Lieblingsgenre „Charts“ angibt, wird er mit Verachtung gestraft. Er trägt Lederjacke, Band-Shirt oder Polo von Fred Perry, dazu ausgelatschte Boots oder Chucks von Converse, manchmal eine schmale Krawatte.


„What's up, mate?“
Typischer Ausruf eines Brit-Poppers oder Indie-Rockers

In Deutschland brach Ende der Neunziger eine wahre Anglomanie aus, Brit-Popper und Indie-Rocker wurden zu neuen Stilvorbildern. Oasis wurden verehrt. Wenn jemand „Wonderwall“ auf der Gitarre konnte, hat man ihm ein Bier gekauft. 2019 würde der Power-Millennial wohl eher genervt mit Avocado-Kernen werfen. Und tippt man heute bei Google den Namen „Liam“ ein, dann wird als Autovervollständigung „Hemsworth“ vorgeschlagen und nicht mehr „Gallagher“.

► Was man von ihnen lernen kann: Den Sinn für die Poesie eines knisternden Schallplattenspielers.



Das Partygirl

So zugeknöpft sich die britische Monarchie oft gibt, so offenherzig lieben es die WAGs, also wives and girlfriends, wie man Spielerfrauen (oder jene, die es werden wollen) wenig schmeichelhaft in einen Topf wirft. Für einen Samstagabend am Tresen stylt man sich glamouröser als hierzulande zu Hochzeiten: falsche Wimpern ankleben, Locken eindrehen, Nägel lackieren, Mini anziehen. Ein kurzer Rock ist in England ja nicht nur ein Stück Stoff, sondern Modehistorie.


„Sure thing babe!“
Typischer Ausruf eines Partygirls

Die Britin Mary Quant machte den eigentlich aus dem Deutschland der dreißiger stammenden Minirock bei ihren Landsleuten bekannt. 1962 war er in der „Vogue“ zu sehen und ein Skandal. Bald darauf wurde er ein weltweiter Verkaufsschlager. Quant wurde 1966 sogar mit dem „Order of the British Empire“ geehrt. Zur Verleihung im Buckingham Palace erschien sie, wie sollte es anders sein, im Minirock. Ein kurzer Rock für eine lange Nacht ist nicht ungewöhnlich, aber man kann die Britin zielsicher am Fehlen der Strumpfhose ausmachen. Und das gilt bei jedem Wetter. Wenn man als deutscher Tourist die Regenjacke auspackt, stolzieren sie mit nackten Beinen auf Plateau-Peeptoes durch die Nacht, scheinbar gesegnet mit der Fähigkeit von gleichwarmen Tieren, die ihre Körpertemperatur regulieren können, unabhängig von Umwelteinflüssen. Vielleicht liegt es an den Schuluniformen: Wer Sommer wie Winter Rock oder Knickerbocker mit Kniestrümpfen trägt, ist einfach abgehärtet.

► Was man von ihnen lernen kann: Wie man eine Partynacht auf High Heels übersteht.


Der Tourist

Nicht wir Deutschen sind die Nummer eins auf Mallorca, sondern die Briten. Den Insulaner erkennt man verlässlich an den leuchtend roten Schultern und Fußrücken, die in Sandalen stecken, denn die Mittagshitze ignoriert der tendenziell eher blasshäutige Engländer genauso konsequent wie Nieselregen. So kocht er wie ein Hummer vor sich hin, damit das Bier auch so richtig knallt. Die wichtigsten Urlaubsrituale teilen wir: Sie stellen sich brav in Reih und Glied an, wir Deutschen reservieren die Liege am Pool mit dem Handtuch. Das erste alkoholische Kaltgetränk muss vor zwölf auf dem Tresen stehen. Die einen bestellen in El Arenal ein großes Pils, die anderen in Magaluf ein Pint.

Bei der Garderobe sind sie sich wieder einig: ein Fußballtrikot. Die Einlassregel „no short trousers“ stellt sie vor ein Problem. Damit sind sie in guter Gesellschaft: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass man Prinz George nie in langen Hosen, sondern stets in Shorts sieht? Ein Zeichen, dass er zur High Society gehört. Jungs in langen Hosen gelten als provinziell.

► Was man von ihnen lernen kann: Malle ist nur einmal im Jahr!



Der Festivalbesucher

Was man heute auf dem kalifornischen Musikfestival Coachella an Kendall Jenner & Co sieht – Haarkränze mit Blumen, farbige Hippie-Sonnenbrillen, Spitzenkleidchen –, würde auf dem britischen Glastonbury-Festival zum Platzverweis führen. Hier geht es nämlich um die Musik und nicht um das perfekte Outfit für ein Instagram-Foto. Einen Dresscode gibt es natürlich trotzdem.


„I'm with the band!“
Typischer Ausruf eines Festivalbesuchers

Den richtigen Look, um ein paar Tage im Matsch zu zelten und vor Bühnen rumzustehen, hat Kate Moss für die Ewigkeit definiert. Vor mehr als zehn Jahren trug sie bei dieser Gelegenheit Shorts, dazu nackte Beine, die in eigentlich flaschengrünen, aber dreckverschmierten Hunter-Boots steckten. Die Gummistiefel nennt der Brite „Wellington Boots“ oder zärtlich „Wellies“. Gäbe es ein „How-to-be-british“-Starterpaket, wäre ein Paar dabei. Neben einer Lederjacke ist der einzig akzeptierte Wetterschutz eine Barbourjacke, noch so ein vermeintlich angestaubtes Teil. Richtig cool ist der gewachste Klassiker aber nur im Grünton „Sage“, und ordentlich Patina muss er haben.

► Was man von ihnen lernen kann: Es kommt nicht darauf an, was man trägt, sondern wie man es trägt.



Die Vintage-Queen

In Paris trägt die Modeliebhaberin den „total look“ vom Laufsteg, sie hüllt sich vom Scheitel bis in die pedikürten Zehenspitzen in ein einziges Designerlabel. In der Mode-Hauptstadt London haben die Fashionistas einen anderen Code: den Stilbruch, also das Unerwartete, als Salz in der Suppe. Sie kombiniert Spitzensöckchen zum Tassel-Loafer, knöchelumspielendes Kleid mit Streublumen-Print und Peter-Pan-Kragen zu Schnürschuhen, das Paillettenkleid zu Biker-Boots. Alt und neu, teuer und günstig: Dass das geht, haben die Französinnen und der Rest der Welt natürlich auch längst gelernt.


„Das habe ich vom Flohmarkt!“
Typischer Ausruf einer Vintage-Queen

Aber das gekonnte „Crossdressing“ haben wir alle von Vorbildern wie Alexa Chung abgeschaut, der Twiggy der Millennials. Sie drehen den britischen Landhausstil auf links, indem sie als Basis einen Klassiker wie den Trenchcoat wählen, am liebsten im Vintage-Store ergattert. Dazu kombiniert man ein Trend-Piece von Topshop und ein wenig Granny-Chic, also zum Beispiel eine Brosche vom Portobello Market. Das Haar trägt man leicht gewellt, oft mit Pony, aber immer „undone“. Sieht aus, als hätte man es nach dem Aufstehen nur kurz mit den Fingern durchgezupft, ist aber höllisch anstrengend nachzuahmen. Wie fast alles, das auf den ersten Blick leicht aussieht. Das ist schließlich die Kunst daran, die Überlegenheit der Wissenden.

► Was man von ihnen lernen kann: Wer wirklich was Neues kreieren will, muss die Klassiker kennen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin