Teenager in der Corona-Krise

Memes, Snaps und virtuelles Zirkeltraining

EIN KOMMENTAR Von Michael Hierholzer
Aktualisiert am 09.04.2020
 - 12:04
Virtuell-real: Ob Sport oder E-Sport, ein Laptop gibt etwa für Jugendliche in diesen Corona-Tagen eine Menge Abwechslung her
Heiterkeit dringt aus den häuslichen Nischen, in die die Teenager geflohen sind, um der Nähe der Eltern zu entfliehen. Insofern hat sich ihr Leben in der Corona-Krise nicht wirklich geändert. Ansonsten hilft virtuelles Zirkeltraining.

Sie lachen. Immerhin. Nur nicht über die Videoschnipsel, die wir ihnen schicken und urkomisch finden. Vielleicht wollen sie einfach nicht, dass elterliche Whatsapp-Nachrichten ihre Handys verseuchen. Sonst aber kriegen sie sich gegenwärtig am Smartphone kaum ein, wenn sie mit ihren Freunden chatten, quatschen, Memes austauschen oder auf Instagram und Snapchat irgendetwas aufploppt, das sie wahnsinnig witzig finden. Unbändige Heiterkeit dringt aus den häuslichen Ecken und Nischen, in die sie geflohen sind, um der erbarmungslosen Nähe der Erziehungsberechtigten zu entfliehen.

Insofern hat sich das Leben der Teenager nicht wirklich geändert, sie hingen schon früher am liebsten an den Geräten, den Kopf abgeknickt, aufs Display blickend, den Daumen allzeit bereit, um Zeichen in den virtuellen Raum zu schicken, in dem all ihre Generationsgenossen wohnen. Auch wenn sie sich, damals vor dem Virus, im realen Leben begegneten und wir, sobald sie wieder zu Hause waren, leicht ängstlich fragten, was sie denn so gemacht hätten, war die Antwort oft: „Gespielt.“ Jeder für sich an den digitalen Maschinchen.

Was so alles keine Option ist

Aber das ähnelte wenigstens unserer Vorstellung von Kindheit und Jugend: Abhängen mit Freunden, irgendeinen Blödsinn veranstalten. Im Augenblick keine Option. Ebenso wenig wie Fußball oder Zumba. Dabei wechselt sich in dieser Lebensphase häufig apathisches Faultierverhalten mit heftigstem Bewegungsdrang ab. Da hilft nur der Laptop mit den Zirkeltrainingsvideos der in der realen Welt geschlossenen Fitnessstudios. Zu Jogging rund um den Block sind die Jugendlichen dagegen nicht bereit. Das sei zu langweilig, sagen sie.

Abenteuerlust jedoch ist ihre Sache auch nicht. Verbotenerweise sich mit mehreren treffen? Lieber nicht. Zu gefährlich. Sie akzeptieren die harten Kontaktsperre-Regeln. Wo sie das alles doch deprimieren müsste. Also sollen sie sich ruhig stundenlang ins Bad oder unter die Terrasse zurückziehen, um sich dort scheckigzulachen über Dinge, von denen wir keine Ahnung haben. Schließlich ist nichts natürlicher in diesem Alter, als sich von den Erwachsenen abzusetzen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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