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Bedeutung von Testosteron

Sind Männer ihren Hormonen ausgeliefert?

Von Sonja Kastilan
Aktualisiert am 12.12.2019
 - 15:19
Es heißt, der Mann sei nie ganz zurechnungsfähig – solange noch relativ ungebremst das Testosteron durch seinen Körper zirkuliere. Aber stimmt das?
Testosteron bedeutet noch immer Stärke, Fertililtät, Erfolg. Aber ist es wirklich der Gradmesser von Männlichkeit? Noch sind dazu längst nicht alle Fragen beantwortet. Über den Mythos einer Molekül-Kombination.

Da war es wieder, dieses Wort, mit dem sich alles entschuldigen lässt. Das den kleinen Unterschied plötzlich richtig groß macht. Er sei nie ganz zurechnungsfähig, der Mann, solange es noch relativ ungebremst durch seinen Körper zirkuliere, das Testosteron. Weil Hormone eben die Tendenz hätten, das Gehirn auszuschalten, behauptete Ulrich Tukur vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview, in dem es um Liebe, Betrug, Rache, Beziehungen, Parallelwelten und das Ende des Lebens ging, und sprach sich und seine Geschlechtsgenossen von der Verantwortung frei. Im Alter, ja, da werde es besser. Er selbst? Der Mann an sich? Seine Hormonwerte? Vielleicht ja auch der Umgang mit einem Begriff, der 19 Kohlenstoff-, 28 Wasserstoff- und zwei Sauerstoffatome zusammenfasst und auf besondere Weise arrangiert. Testosteron, das bedeutet noch immer Stärke, Dominanz, Furchtlosigkeit, Macht, Kampf, Sex, Fertilität, also Erfolg auf ganzer Linie. Nur keine Schwäche. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Wir schreiben das Jahr 2019. Achtzig Jahre, nachdem Adolf Butenandt und Leopold Ružička, denen die Synthese unabhängig voneinander gelang, mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden für ihre Erforschung der Steroidhormone, hat Testosteron nichts von seiner Mystik verloren. Eher an Bedeutung gewonnen, da seine Rolle im männlichen und weiblichen Körper weitaus komplexer ist, als es das anabole Klischee erahnen lässt. Natürlich, die männliche Anatomie steht unter seinem Einfluss, die frühe Entwicklung des Embryos, das Gehirn, aber auch die Penisarchitektur. Mit Diabetes, Übergewicht oder Knochendichte beschäftigen sich allerdings nur die wenigsten, erst recht nicht jene, die den Mann als testosterongetriebenes, empathieloses Muskelpaket begreifen.

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Einen Extrakt aus Meerschweinchen- oder anderen Tierhoden würde sich heute niemand mehr spritzen, dabei war ein solch wundersames „Lebenselixir“ in Amerika Ende des 19. Jahrhunderts ein echter Bestseller. Damals wurde auch noch mehr über die Leistungssteigerung von Sportlern nachgedacht als über deren Kontrolle. Oder über die Untersuchung der Weiblichkeit. Da der Internationale Leichtathletikverband IAAF aber inzwischen einen Testosterongrenzwert festsetzt, wenn Frauen mittlere Distanzen von 400 Metern bis zu einer Meile laufen, hat der Kampf der Geschlechter jetzt die Molekülebene erreicht. Die Athletinnen dürfen eine Menge von fünf Nanomol je Liter Blut nicht erreichen oder gar überschreiten, sie müssten sonst entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, im weiblichen Körper seien Mengen zwischen 0,1 und 1,8 Nanomol je Liter üblich.

Mit dem für Läuferinnen festgelegten Wert wäre vermutlich kein Mann besonders glücklich, acht Nanomol gelten für ihn als untere Grenze. Und weil niemand mehr für Kirche oder Opernbühne ein paar Hoden opfern würde, um Knaben vor dem Stimmbruch zu bewahren, müssen heute sowieso andere die berühmten Arien der Kastraten singen. Trotz ihres Erfolgs waren sie Opfer ihrer Zeit. An ihnen zeichnete sich ab, wie der menschliche Körper auf Eingriffe reagiert, die in der Tierzucht üblich sind, um Stiere, Hengste oder auch Hähne gefügig zu machen. Beobachtungen im Tierreich und Studien an Vögeln, Rotwild, Nagetieren oder Primaten können den Menschen nicht bis ins letzte Detail erklären. Entfernt man einem Jungen die Hoden, würde fortan zu wenig Testosteron produziert, die Nebennierenrinde könnte den Verlust nicht ausgleichen, der Bartwuchs bliebe aus, der Penis würde sich nicht richtig entwickeln.

Ist ein niedriger Testosteronwert in der Pubertät ein Problem, lässt sich das gut behandeln, und damit kennt sich Sabine Kliesch aus, die am Universitätsklinikum Münster die Abteilung für Klinische und Operative Andrologie leitet. Ob unerfüllter Kinderwusch, Hypogonadismus oder Erektionsstörungen: Patienten, die bei Kliesch und ihren Kollegen am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie Hilfe suchen, sind natürlich hormongesteuert wie alle Menschen, aber keine Getriebenen. Und sie können darauf hoffen, dass sie hier eine differenzierte Diagnose erhalten und nicht irgendein Pauschalurteil. „Testosteron erklärt nicht alle Facetten der Männlichkeit“, sagt Kliesch. Einen erwachsenen Mann prägten nicht nur seine Hormone, sondern auch entscheidend sein Umfeld.

Trotzdem gebe es heute Leitlinien und Grenzwerte, gut abgesichert durch die Studienlage. Was normal oder krankhaft erniedrigt ist, war lange umstritten, nun scheint es evident, dass bei einem gesunden Mann nach der Pubertät Werte von zwölf Nanomol Testosteron pro Liter Blut zu erwarten sind; zwischen acht und zwölf Nanomol besteht eine Grauzone, in der Beschwerden auftreten können. Unter dem Wert von acht Nanomol je Liter wird eine Therapie empfohlen, denn nicht alle Symptome sind so harmlos wie ein nachlassendes Lustgefühl. Das wäre ein Verlust, aber kein Gesundheitsrisiko.

So vielfältig Testosteron im Körper wirkt, so unspezifisch kann sich der Mangel zeigen: „Es gibt eine breite Palette von Symptomen, die Körper und Psyche beeinflussen können“, sagt Kliesch. Die Körperbehaarung nimmt ab, die Blutbildung verschlechtert sich, die Knochendichte schwindet, Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Schlafmangel gehören zu den Folgen, Lustlosigkeit und Erektionsstörungen. Fragebögen helfen bei der Diagnose, doch es sind ausführliche Tests nötig, um herauszufiltern, was nicht stimmt, wenn ein erwachsener Mann im Laufe seines Lebens einen Mangel entwickelt.

„Ist der Testosteronhaushalt wieder ausgeglichen, könnten Diabetespatienten beispielsweise stark profitieren“, erklärt Sabine Kliesch. Der Zuckerhaushalt lasse sich dann besser einstellen. „Wenn ein Mangel besteht, dann sollte man auch eingreifen. Testosteron ist ein Hormon, das eben nicht nur für die Sexualität wichtig ist, sondern den Stoffwechsel breit beeinflusst.“ Das zeigt sich beispielsweise durch signifikanten Gewichts- und Fettverlust, was sich in mehreren Studien mit übergewichtigen Männern beobachten ließ, deren Testosteronmangel über längere Zeit therapiert wurde; auch ihr metabolisches Syndrom ließ sich schwächen. Effektiv und gut verträglich, so empfiehlt es ein emeritierter Professor für Urologie der Boston University School of Medicine in einer Review gar als Ergänzung für das Waffenarsenal im „War on Obesity“.

Den Körper mit 500 Milligramm täglich aufpeppen

Testosteron fördert Fettabbau und Muskelaufbau, und es wird auch immer wieder mit Aggressivität in Zusammenhang gebracht. Während eine überdosierte Schilddrüse einen Menschen tatsächlich aufputscht, ist diese Verbindung bei Testeron nach wie vor ungeklärt: „Es gibt zumindest keine Daten, die zeigen, dass ein Mann aggressiv wird, wenn er Testosteron bekommt“, sagt Kliesch und betont, dass von einem normalen physiologischen Blutspiegel die Rede sei, nicht von einer missbräuchlichen Anwendung etwa zum Doping. Zum Vergleich: Die Dosis, mit der ein Jugendlicher zur Unterstützung in der Pubertät behandelt wird, beträgt 250 Milligramm alle drei Wochen. Aus der Praxis weiß Sabine Kliesch, dass manche Männer ihren Körper mit 500 Milligramm täglich aufpeppen, das sei eine völlig andere Dimension. Die Betroffenen landen nicht selten als Patienten in ihrer Abteilung, denn der Anabolikamissbrauch mit Testosteron oder entsprechenden Derivaten schädigt die Hoden: „Sie kommen mit Potenzproblemen und weil sie unter Kinderlosigkeit leiden.“

Allein in den Vereinigten Staaten ist die Testosterontherapie ein Milliardenmarkt, und neben den offiziellen Verschreibungen besorgen sich zahlreiche Männer das Hormon auch ohne Rezept im Internet, wo ihnen Werbefloskeln oft Jugend, Potenz und Männlichkeit versprechen. Ein „viriles Klimakterium“, dem manche entgegenwirken wollen, gibt es allerdings nicht. Im Gegensatz zum weiblichen Körper, der zu einem bestimmten Zeitpunkt die Hormonproduktion im Eierstock stark herunterfährt, findet bei einem Mann kein solcher Wandel statt, der Testosteronspiegel sinkt meist nur langsam.

Allerdings können bestehende oder neu auftretende Erkrankungen die Hodenfunktion stärker beeinträchtigen und zu einem funktionellen Hypogonadismus führen. „Entweder weil das Gewebe die Aufgabe nicht mehr erfüllen kann oder weil die Impulse fehlen, das untersuchen wir und behandeln es gegebenenfalls“, sagt Sabine Kliesch. Die Andrologin warnt aber nicht nur vor der Selbstbehandlung, sondern auch vor manchen Daten aus den Vereinigten Staaten, denn da werde vieles gemacht, was nicht unbedingt sinnvoll sei. Es gebe klare Richtlinien und Empfehlungen, ein Testosteronmangel werde deshalb auch mit einem Bluttest abgeklärt und dann gegebenenfalls entsprechend behandelt.

Das komplexe Wechselspiel der Hormone ist auch für all jene ein Thema, die sich im falschen Körper gefangen fühlen und eine Geschlechtsangleichung wünschen. Es gibt Kliniken, die auf die langwierigen, alle Lebensbereiche betreffenden Prozesse spezialisiert sind. Die Hormonbehandlung ist nur ein erster Schritt, der es einer Frau etwas leichter macht, zum Mann zu werden als umgekehrt: Was das Testosteron in der Pubertät sprießen ließ, seien es beispielsweise die über den gesamten Körper verteilten Haarfollikel, ist angelegt und verschwindet nicht einfach, wenn plötzlich Östrogen die Hauptrolle übernimmt. Deshalb ist ein früher Zeitpunkt für den Eingriff oft entscheidend. „Und in unserer Abteilung kümmern wir uns darum, diesen Patienten eine Art Fruchtbarkeitsreserve zu sichern, falls sie sich später einmal Kinder wünschen“, erklärt Kliesch.

Keine Frage, Testosteron spielt für den Menschen eine wichtige Rolle. Und es sind noch längst nicht alle Fragen beantwortet. In Münster wird erforscht, was auf Ebene der Rezeptoren passiert, wenn mit Hormonen behandelt wird. Und wie es um die Stammzellen des Hodens steht. Man weiß zwar, dass Testosteron im Gehirn wirkt, das limbische System und die Stimmungslage beeinflusst. Doch wie genau, ist noch ein Rätsel. Ein anderes scheint seit September gelöst, wenn die amerikanische Studie aus den „Proceedings of the Royal Society B“ nicht widerlegt wird. Ein Forscherteam zeigte dort, dass Testosteron und Empathie sich nicht ausschließen, dass erhöhte Werte es nicht schwieriger machen, die Gesichter anderer zu lesen, ihren Gefühlszustand zu erkennen. Mehr als 600 gesunde Männer nahmen an den Versuchen teil; eine Hälfte erhielt ein Gel, das ihren Testosteronspiegel erhöhte, die andere nur ein Placebo. Weder im Verhalten noch in den Fragebögen zeichnete sich ein steroidgetriebener Unterschied ab. Männer können – und dürfen also Empathie zeigen. Testosteron ist vorerst keine Entschuldigung mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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