Trauer im Internet

„Ich habe dann das Gefühl, dass sie ein bisschen weniger tot ist“

Von Matthias Kreienbrink
Aktualisiert am 31.10.2020
 - 17:21
Ein Stein gewordener Ort der Trauer: Engel auf dem Hauptfriedhof in Mainz. Heute kann auch die Timeline zur Gedenkstätte werden.zur Bildergalerie
Längst nutzen Menschen die sozialen Medien auch, um einen Verlust zu teilen. Das macht den Tod sichtbarer – die Angehörigen allerdings auch verletzlicher.

Was bleibt von einem Leben? Manchmal bleibt, dass der letzte getätigte Einkauf ein Geschenk für den 1. Geburtstag der Enkelin war und es an der Tür bereit zur Übergabe stand. Und das ist doch auch etwas Schönes. Adieu, Papa.“ Das twittert Natascha Strobl Ende Juni für sich und ihre knapp 100.000 Follower. Dazu zeigt sie zwei Bilder. Eines zeigt ihren Hochzeitstag: Einige rausretuschierte Gesichter, nicht aber das ihres Papas, der schaut glücklich in die Kamera.

Das andere Bild zeigt das Geschenk für die Enkelin – es ist eine Holzkatze mit Rollen. Ihr Vater ist gestorben, den Tag hat die österreichische Politikwissenschaftlerin mit Familie und Freunden verbracht. Der Tweet entsteht in einem der ersten stilleren Momente, später Nachmittag. „Das war eine eher spontane Entscheidung das zu twittern“, sagt sie. Der Moment habe sich richtig angefühlt – und die ersten Reaktionen waren überaus empathisch: „Ich denke an euch. Möge die Erde deinem Papa leicht sein“, ist eine von Hunderten Reaktionen. „Ich habe mich aufgefangen gefühlt in der Community“, sagt Strobl.

Online-Kondolenzbücher werden häufiger

Dass Menschen im Internet offen mit ihrer Trauer umgehen, passiert immer häufiger. Soziale Medien, Foren oder auch Online-Kondolenzbücher werden genutzt, um nicht allein mit dem Verlust zu sein, die Trauer in Worte zu fassen und sie zu verarbeiten.

Monika Müller-Herrmann ist Psychologin und bietet in ihrer Praxis in Frankfurt am Main Trauerbegleitung an. „Die meisten Menschen kommen erst drei bis fünf Monate nach dem Tod eines Angehörigen zu mir. Die erste Schockphase machen die Trauernden oftmals mit sich und in ihrer Familie aus“, sagt sie. Einige alltägliche Trauerrituale empfiehlt sie für diese Zeit: ein Foto aufstellen, daneben eine Kerze. Tagebuch führen. Briefe an die Person, die verstorben ist – oder eben „Trauer 2.0“, wie sie es nennt: In Foren oder in den sozialen Medien mitteilen, was passiert ist.

„Trauernde haben ein starkes Bedürfnis, über ihre Trauer zu sprechen, und die Resonanz, selbst wenn sie von fremden Menschen kommt, kann eine große Hilfe sein“, sagt die 54-Jährige. Sie selbst habe sich, als ihre Schwiegermutter gestorben war, in einem Demenz-Forum mitgeteilt. Über 700 Menschen sind da aktiv und viele Nachrichten sind wie diese: „Mein Vater, den ich jetzt so lange gepflegt habe, ist heute Nacht gestorben.“

In diesen Botschaften teilt sich auch mit, dass der Mittelpunkt des Lebens plötzlich weg ist. Gerade Menschen, die nach längerer Krankheit gestorben sind, hinterlassen eine besondere Art von Lücke. Für Monate oder Jahre drehte sich der Alltag um sie, strukturierten ihre Bedürfnisse jeden Tag. Und dann sind sie plötzlich – weg. In so einem Forum können die Trauernden dann andere Menschen finden, die diese Lücke auch kennen, die vielleicht schon Worte gefunden haben, die das Erlebte beschreiben können, zumindest ansatzweise. Hier können Menschen digitale Geborgenheit finden.

Für Natascha Strobl gleichen einige der Reaktionen auf den Tweet in jenen Sommertagen nach dem Tod ihres Vaters allerdings eher einem Schlag in die Magengrube. Ihr Tweet sollte eine erste Verarbeitung sein, ein Ausdruck der plötzlichen Trauer – das Geschehene in Worte gefasst, vielleicht macht das den Schmerz greifbarer. „Es wurde noch mal real durch das Twittern, auch wenn ich es vorher schon vielen Menschen in Person mitgeteilt hatte“, sagt die 35-Jährige.

Nach ein paar Tagen mischten sich auch andere Nachrichten unter die Online-Beileidsbekundungen, die Natascha Strobl erreichten. Ihren Twitter-Account nutzt Strobl auch, um rechte Diskurse einzuordnen. Als Politikwissenschaftlerin forscht sie zum Rechtsextremismus mit dem Schwerpunkt Neue Rechte. Nun bekam sie von Anhängern dieser Szenen einen Shitstorm – für ihren Umgang mit dem Tod ihres Vaters. „User haben nach mir gegoogelt und die Online-Kondolenz-Seite meines Vaters gefunden.“

Auf Facebook fing es an: Fremde Menschen schrieben sie an, beleidigten, machten sich lustig. Hinzu kamen immer mehr Nachrichten auf Twitter und im Online-Kondolenzbuch. Die Mitglieder rechter und rechtsradikaler Gruppierungen nutzten die Trauer von Natascha Strobl aus, um sie zu verletzen. Der Tod des Vaters war für diese Menschen nichts weiter als eine günstige Gelegenheit. „Das war das Schlimmste für mich, da konnte und wollte ich auch nichts überspielen“, sagt sie. Es sei eine neue Qualität gewesen, eine Konfrontation, die kein Mensch erleben sollte.

Auch diese Angriffe machte Natascha Strobl öffentlich. Sie twitterte Screenshots von Nachrichten. „Wären Sie meine Tochter, wäre ich auch lieber tot“, steht da etwa. Gesendet in das Twitter-Postfach einer trauernden Person. Dennoch: „Öffentlich mit dem Tod meines Vaters umzugehen hat sich damals richtig angefühlt, und so fühlt es sich trotz allem immer noch an“, sagt Strobl. Teils unbekannte Menschen haben in den Kommentaren ihre eigenen Trauer-Erfahrungen mit ihr geteilt, waren bereit ihr zu helfen.

„Die Gefühle der Trauernden müssen raus“

„Die Trauerphase ist eine äußerst sensible Zeit. Es ist klar, dass Hassnachrichten da besonders verletzend sind“, sagt die Psychologin Monika Müller-Herrmann. Sie selbst erlebe bei Privatpersonen so einen Backlash jedoch zum Glück kaum. „Die Gefühle der Trauernden müssen raus. Oft erleben sie, dass das Umfeld schon nach wenigen Wochen nichts mehr über die Trauer hören will“, sagt sie.

Die Beileidsbekundungen hören auf, die Fürsorge wird weniger – die Menschen reagieren sogar genervt von der andauernden Trauer. „Jetzt muss doch mal gut sein“, ist die Reaktion, die viele Trauernde dann spüren – und das oft viel zu früh. „Genau da kann das Internet helfen, es wird zum Raum, in dem man der Trauer Ausdruck geben kann und auf Menschen trifft, die verstehen“, sagt Müller-Herrmann.

Am 31. Dezember 2019 ist die Mutter von Sara Haußleiter gestorben. Nicht alle hätten gewusst, dass sie krank war, der Tod sei für viele überraschend gewesen. „Ich dachte, dass sich an Silvester bestimmt viele Menschen bei mir melden werden, und ich hätte nicht die Kraft gehabt, allen zu sagen, was passiert ist“, sagt die 37-jährige Rechtsanwältin. Also postete sie es auf Facebook. Ein Bild ihrer Mutter mit der Nachricht, dass sie gestorben ist. „Ich wollte erst mal einfach nur diese Info raushauen.“

Aber Facebook wurde für sie besonders in den Monaten nach dem Tod und bis heute zu einem Ort des Gedenkens. Die Plattform hat die Funktion, dass sie User an Jahrestage erinnert. Dann erscheinen Bilder, die etwa vor einem Jahr gepostet wurden, mit der Frage, ob man sie nicht im Feed nach oben holen möchte, um die Facebook-Freunde noch mal daran teilhaben zu lassen. „Die meisten meiner Freunde haben jüngere Eltern, die alle noch leben.

Sie können nicht nachvollziehen, wie diese Trauer ist, dass sie nicht einfach wieder geht. Sie dauert an“, sagt Sara Haußleitner. Also postet sie immer wieder diese Erinnerungen an ihre Mutter: An ihrem Geburtstag, am Muttertag, am Jahrestag des letzten Urlaubs. „Oft sind diese Erinnerungen von Facebook erst mal eine schlimme Konfrontation. Dann sehe ich plötzlich unvermittelt ein Bild meiner Mutter, und die Trauer ist wieder da“, sagt sie.

Aber wenn sie die Bilder dann mit ihren Freunden teilt, geschehe häufig etwas sehr Schönes: Andere Menschen teilen ihre Erinnerungen an die Mutter. Die vielleicht im Urlaub mit dabei waren, die bei der Geburtstagsfeier ein schönes Gespräch mit ihr geführt haben. „Ich habe dann das Gefühl, dass sie ein bisschen weniger tot ist, dass die Erinnerungen weiterleben“, sagt Haußleitner. Sie sei nicht gläubig, habe die Beerdigung ihrer Mutter als befremdlich empfunden, besuche nur selten das Grab. Aber diese digitalen Spuren, die vielen Erlebnisse mit der Mutter, vom Internet festgehalten, die User, die sich mit ihr erinnern – all das helfe ihr ungemein.

Ein veränderter Umgang mit dem Tod

„Trauer 2.0 verändert unseren Umgang mit dem Tod“, sagt Monika Müller-Herrmann. In Timelines, Feeds und in Foren tauchen plötzlich Nachrichten auf, die an das Ende erinnern. Daran, dass wir alle irgendwann gehen – und dass Menschen zurückbleiben. So können Worte für den Tod und die Trauer gefunden werden, kurze Einblicke in das Leben der Trauernden, die sonst oft so still wirken, so abgeschottet, so anders.

Die Psychologin rät den Trauernden in ihrer Praxis: „Kündigt den Handyvertrag der verstorbenen Person nicht gleich.“ Nicht nur könnten weiterhin Nachrichten kommen von Menschen, die vom Tod noch nichts wissen. „Auch können dann weiterhin Nachrichten gelesen werden, Bilder und Videos betrachtet oder Sprachaufnahmen angehört werden.“ Das Handy könne so zum Erinnerungsgegenstand werden. Das digitale Leben der Mutter oder eines Freundes in der Hand der Trauernden, immer dann abrufbar, wenn die Sehnsucht kommt.

Jürgen Wolf ist 57 und Geschäftsführer einer Marketingagentur. Viele seiner Kunden sind Bestattungsunternehmen. Heute rät er stets dazu, für die Trauernden Online-Gedenkseiten zu erstellen – denn er selbst hat damit gute Erfahrungen gemacht. Am 7. Januar 2018 starb seine Mutter. Nach einem Tag im Kreis der Familie voll mit Gesprächen darüber, wie die Beerdigung zu planen sei, habe er am Abend allein vor seinem Rechner gesessen. „Seit 40 Jahren mache ich gern Fotos und habe sehr viele Bilder von meiner Mutter“, sagt der 57-Jährige.

Also habe er die digitalen Fotos zusammengesucht und daraus einen Film gemacht. Diesen hat er auf der Plattform Vimeo hochgeladen und auf Facebook geteilt. „Das ging schneller als jede Traueranzeige in der Tageszeitung und ist auch sehr viel persönlicher“, sagt er. Beim Erstellen des Videos sei eine Last von ihm gefallen. Die Tränen kamen.

Wenige Tage später hat ein Bestattungsunternehmen eine Online-Gedenkseite für die Mutter erstellt, auch da lud er das Video hoch. „Es gab sehr viele Reaktionen, von weinenden Smileys zu lieben Kommentaren“, sagt Jürgen Wolf. Und seitdem schlägt er allen seinen Kunden vor, diese Seiten standardmäßig anzubieten. „Mit diesen Seiten hat die Trauer nicht ein abruptes Ende. Wir sehen an den Zahlen, dass sie auch nach Monaten noch aufgerufen werden“, sagt Wolf. Es falle vielen Menschen leichter, auf einer solchen Seite das Beileid zu bekunden als in Person. Und der große Unterschied ist: „Wenn im Internet jemand öffentlich sein Mitgefühl ausdrückt, können das alle Angehörigen sehen, das ist bei einer Kondolenz-Karte nicht so.“

Ebenso könnten dort wie auch in den sozialen Medien, stetig Bilder oder erinnernde Worte hochgeladen werden. Diese Internetseiten könnten zu einer Sammlung von Erinnerungsstücken werden – für alle trauernden Menschen, egal wo sie auch wohnen mögen. Und es bleibt im Bewusstsein: Diese Menschen trauern noch, der Tod reißt eine Lücke, und diese Lücke bleibt. Jürgen Wolf erinnert sich noch einmal an den Abend, an dem er sich mit den Erinnerungen an seine Mutter beschäftigte: „Als ich das Video damals hochgeladen habe, wollte ich die Welt an dem Verlust teilhaben lassen. Ich wollte sagen: Mein Leben ist jetzt ein anderes. Und ihr wisst, warum.“

Quelle: F.A.S.
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