Valentina Vapaux im Interview

„Unsere Generation versteht ältere Menschen auch nicht wirklich“

Von Anna Wender
12.05.2022
, 10:39
„Wir sind immer noch eine gespaltene Generation“: Valentina Vapaux setzt sich mit der Generation Z auseinander.
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Ist die Generation Z wirklich so progressiv, wie sie dargestellt wird? Im Interview spricht die Autorin Valentina Vapaux über ihr erstes Buch, wie aktuell der Feminismus noch ist und welche Rolle der Existenzialismus dabei spielt.
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Wenn sie versucht, älteren Menschen ihren Job zu erklären, fängt Anna Valentina Plesnar, bekannt als Valentina Vapaux, mit dem Nachvollziehbaren an: Sie ist Journalistin, Autorin, Studentin der Politik und Literaturwissenschaften – und Social Media Creatorin. Und Valentina Vapaux hat mit ihrem ersten Sachbuch das geschafft, woran die älteren Generationen seit Jahren scheitern: ein authentisches Bild der Generation Z zu zeichnen, also all derer, die zwischen 1997 und 2012 zur Welt gekommen sind. Die 21-Jährige fängt in einer sehr persönlichen Analyse das Lebensgefühl ihrer Generation „zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt“ ein, ohne sie zu pauschalisieren. Wie sollte man auch eine ganze Generation beschreiben, die nichts mehr hasst, als in Schubladen gesteckt zu werden? Vapaux bringt so nicht nur vorangegangenen Generationen die Gen Z näher, auch Gleichaltrigen zeigt sie, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und es völlig normal ist, dass sie nicht immer dem Bild entsprechen, das im Buch beschrieben wird. Wir treffen uns in einem Café in Berlin. Statt Kaffee gibt es Matcha mit Hafermilch und ein Grilled Cheese Sandwich – optional vegan. Wir reden über unsere Generation, ihr Verständnis von Geschlecht und Sexualität, die Versuche alter weißer Männer uns zu analysieren, aber auch über Simone de Beauvoir und den Feminismus.

Sie gehören einer Generation an, die sehr liberal und progressiv auftritt. Vor allem wenn es um Themen wie Sexualität oder Geschlecht geht, eckt sie durch ihre Offenheit bei den älteren Generationen an. Ist die Generation Z wirklich so fortschrittlich?

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Klar ist unsere Generation viel offener, aber man darf nicht vergessen: In welcher Gesellschaft sind wir denn aufgewachsen, wer sind unsere Eltern und woher kommen diese neueren, freieren Ideen? Die haben sich erst innerhalb der jungen Bubbles entwickelt – wie eine Art Trend. Aber zum einen erreichen sie nicht alle, und zum anderen gehen Gewohnheiten, die man durch das Elternhaus mitbekommt, auch nicht weg, wenn jemand eine Regenbogenflagge schwingt.

Also trügt der Schein?

Diese progressive linke Bubble von jungen Menschen ist zwar medial sehr laut und stark vertreten, vertritt aber nicht die ganze Generation. Wir sind immer noch eine gespaltene Generation. An sich sind wir viel offener und fortschrittlicher, vor allem was das Thema Sex und Gender betrifft und darin den Unterschied zu sehen. Aber trotzdem sind viele junge Menschen noch nicht so weit, dass sie es in ihrer Lebensrealität mitbekommen oder ausreichend darüber gebildet sind, weil sie einfach keine Berührungspunkte mit Menschen haben, die sich zum Beispiel nicht als Mann oder Frau identifizieren.

Die Generation Z wird auch als eine „Genderless Generation“ beschrieben. Haben Sie in Ihrem Umfeld Menschen, die sich beispielsweise keinem Geschlecht zuordnen?

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Im Sommer habe ich in den USA zwei Personen kennengelernt, die sich als non-binär identifizieren und die Pronomen „they/them“ benutzen. Obwohl ich selbst queer bin, war es meine erste Erfahrung mit nicht binären Personen. Eine Freundin hat aber so selbstverständlich über die Person gesprochen, mit der sie zusammen ist, und dabei they/them als Pronomen verwendet, dass ich erst da gemerkt habe, wie einfach es im Englischen und wie schade es ist, dass wir im Deutschen kein Pendant dazu kennen. Wir haben einfach nicht das elegante „i’m gonna see them now“ oder „they are just telling me about their day“. Dabei ist das Thema Sprache extrem wichtig.

Für viele junge Menschen scheint gendern mittlerweile selbstverständlich geworden zu sein.

Wenn wir über die Genderless Generation reden, sprechen wir automatisch über das Gendern, was eine sehr aufgebauschte politische Debatte ist. In meinem Umfeld gendern alle. Als ich aber vor Kurzem meine Eltern und meine kleine Schwester in Bayern besucht habe, hat sie mir erzählt, dass eine Transperson in ihrer Schule gemobbt wird. Es werden mit Absicht falsche Pronomen verwendet, generell ist das Thema Gendern dort verpönt. Das ist leider auch Generation Z. Auf der einen Seite fand ich es erschreckend, aber es war leider auch nicht überraschend.

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Würden Sie sich trotzdem als eine typische Gen Z-lerin beschreiben?

Ja. Ein großer Teil der Arbeit an meinem Buch bestand aber auch darin, Studien und Fakten zu lesen und herauszufinden: Eigentlich bin ich total anders. Ich glaube, dass keine Person der Generation Z genau dem Bild entspricht, dass in den Studien aufgezeigt wird. Deshalb war es mir auch wichtig, anderen das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, dass wir alle irgendwo die gleichen Sorgen haben. Dadurch werden sie zumindest ein bisschen geringer. Es ging mir auch nicht darum, ein Buch zu schreiben, mit dem sich jeder identifizieren kann, sondern dass man auch mal Dinge liest und merkt: So bin ich gar nicht. Das ist Teil eines Prozesses, der hilft, die eigene Persönlichkeit zu finden und zu stärken.

Typisch Gen Z? Valentina Vapaux will Gleichaltrigen auch zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind.
Typisch Gen Z? Valentina Vapaux will Gleichaltrigen auch zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Bild: privat

Was hat Sie besonders überrascht?

Von manchen Rechercheergebnissen war ich schockiert, vor allem beim Thema Feminismus. Ich dachte, dass wir extrem liberal, links und grün sind und dass wir alle feministisch wären. Dabei entsprechen gerade die Rollenbilder, die am meisten auf Social Media vertreten sind, dem Frauen- und Männerbild der 50er- und 60er-Jahre: Frauen kümmern sich um ihr Äußeres, bleiben zu Hause bei den Kindern und schmeißen den Haushalt – also eigentlich eine glorifizierte moderne Version der Hausfrau der damaligen Zeit. Je mehr Zeit junge Menschen in den sozialen Netzwerken verbringen, umso sexistischer sind ihre Denkmuster. Ich war mir sicher, dass es genau andersherum ist.

Wie aktuell sind der Feminismus und Ausrufe wie „The future is female“ noch?

Man muss dafür erst mal den Feminismus definieren. Heutzutage gibt es so viele Menschen, die sich als feministisch bezeichnen, aber ein ganz unterschiedliches Verständnis davon haben. „The future is female“ hat für mich den Nachklang des „Girlboss Feminism“, der häufig von Millennials betrieben wird. Ihnen geht es darum, im kapitalistischen, von Männern dominierten System eine Parallelwelt in Pink und Glitzer aufzubauen. Der „Girlboss Feminism“ konzentriert sich eigentlich nur auf weiße privilegierte Frauen mit Hochschulabschluss.

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Wie definieren Sie Feminismus?

Der Feminismus, an den ich glaube und von dem ich sage, dass wir ihn auf jeden Fall brauchen, ist ein Feminismus, bei dem es nicht darum geht, dass Frauen die Welt regieren sollten, oder dass wir überall einfach mehr Frauen brauchen. Es geht ganz fundamental um Gleichberechtigung – aber im intersektionalen Sinne. Statt einfach nur Lisa oder Maria in die Chefetage zu bringen, müssen auch queere oder Menschen mit Migrationshintergrund mit einbezogen werden. Feminismus ist für mich ein Ideal von Gleichberechtigung.

Was bedeutet männlich und weiblich heute noch für Sie?

Mein Grundsatz ist: Wir sind alle Menschen – nur mit unterschiedlicher Biologie. Wir beschreiben bestimmte Züge als männlich oder weiblich, dabei gibt es auch männliche Frauen oder weibliche Männer. Ich glaube aber, dass wir als Gesellschaft noch nicht so weit sind, die binären Kategorien komplett aufzubrechen. Durch unsere Erziehung und dieses festgelegte Bild einer Frau oder eines Mannes sind wir noch beschränkt – sollten aber überlegen, wie wir Menschen, die mit den alten Denkmustern aufgewachsen sind, ermutigen können, aus ihnen auszubrechen und sich von ihnen zu befreien, damit sie nicht benachteiligt werden.

Wen meinen Sie damit?

Ich merke das gerade besonders in meinem beruflichen Umfeld, wenn es ums Verhandeln, Aufstiegschancen oder ernsthafte Gespräche geht. Die Biografien meiner männlichen Freunde unterscheiden sich kaum von meiner, aber sie stellen sich einfach hin und verhandeln wie ein junger Gott. Schon allein wie sie netzwerken, füreinander einstehen und sich gegenseitig hochziehen. Meine Freundinnen und ich haben da wahnsinnige Probleme mit. Wir wollen es allen recht machen und niemandem auf die Füße treten. Während meine männlichen Freunde sich immer über ihrem Wert verkaufen und in der Mitte oder sogar drüber landen, lande ich immer darunter. Ob das jetzt an meiner Biologie und den damit verbundenen Vorstellungen liegt oder an der Gesellschaft, das Ergebnis ist dasselbe. Das möchte ich ändern.

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Gab es in Ihrer Kindheit bestimmte Rollenbilder, die Sie mit auf den Weg bekommen haben?

In meiner Erziehung ist der kulturelle Kontext sehr wichtig: Meine Mutter ist aus Mexiko eingewandert, meine Großeltern sind aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen. Obwohl meine Mutter mich sehr katholisch und auch etwas strenger erzogen hat, wurden klassische Rollenbilder aufgebrochen. Meine Eltern haben mir nie gesagt, dass ich etwas nicht machen kann, nur weil ich eine Frau bin.

Sie sind im recht konservativen Bayern aufgewachsen. Wie haben Sie dieses Umfeld erlebt?

Das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, würde ich als im Kern konservativ, aber mit einer liberalen Schale beschreiben. Auch wenn die meisten von sich behaupten alles und jeden zu akzeptieren, wird es schwierig, wenn der Fall eintritt. Nach meinem Outing wurde ich an meiner Schule gemobbt, weil es bis zur 12. Klasse auch einfach keine geoutete queere Person gab. Was ich heute sehr erschreckend finde, ist, wie früh wir uns sexualisiert haben und von den Jungs sexualisiert wurden. Von 13 bis 17 ging es eigentlich nur darum, geil auszusehen und den Typen zu gefallen. Erst als ich angefangen habe, meine Sexualität zu hinterfragen und meine ersten Beziehungen mit Frauen hatte, habe ich begonnen, zu hinterfragen, wie Männer mit mir umgegangen sind.

Was bedeutet Gender für Sie?

Gender ist ein Spektrum, genau wie Sexualität. Zwar gibt es für mich noch Mann und Frau und ich bin überzeugt, dass es Menschen gibt, die sich voll als Frau oder Mann identifizieren. Aber genauso gibt es Menschen, die im falschen Körper geboren wurden. Die Kategorien männlich und weiblich sind für mich wie ein Baukastensystem, mit dem ich meine Persönlichkeit baue. Es gibt männliche und weibliche Eigenschaften oder Attribute, aber die stehen nicht nur dem jeweiligen Geschlecht zu.

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Fluidität wird mittlerweile als eine Philosophie der Generation Z angesehen. Ist sie der Schlüssel zur Gen Z?

Fluidität ist ein guter Schlüssel, den man an seinem Schlüsselbund haben sollte, wenn man sich mit unserer Generation befasst, aber ich glaube nicht, dass es der Schlüssel ist. Man kann Fluidität auf viele Bereiche anwenden. Natürlich auf Gender, weil Geschlecht einfach etwas Fließendes ist, aber auch auf Sexualität: Es gibt nicht nur homo- oder heterosexuell, sondern auch alles dazwischen. Meine Sexualität und Beziehungen sind fließend – aber auch in anderen Bereichen wie Hierarchien am Arbeitsplatz spielt Fluidität eine wichtige Rolle.

„Generation Z: Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt“ ist eine sehr persönliche Analyse der Autorin.
„Generation Z: Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt“ ist eine sehr persönliche Analyse der Autorin. Bild: privat

Sie beschäftigen sich viel mit Literatur und Philosophie, wie passt das zur Generation Z?

Mit 16 war der Existenzialismus für mich eine Art Befreiungsphilosophie. Eigentlich kann jeder Mensch in jeder Sekunde entscheiden, wer er ist oder sein möchte und wie er sein Leben gestalten will. Ich habe mich auf einmal verstanden gefühlt, weil er mich darin bestärkt hat, das zu machen, was ich will und dabei auch sein zu können, wer ich will. Das trifft extrem auf unsere Generation zu.

Ist es nicht genau diese „Wir machen, was wir wollen“-Einstellung, die ältere Generationen an der Generation Z kritisieren?

Existenzialismus hat auch viel mit Verantwortung zu tun. Wir haben beispielsweise aus dem nichts eine Klimabewegung gestampft. Frei zu sein bedeutet eben auch, dass du für alles verantwortlich bist. Wenn du der Herr von allem bist, es keinen Gott gibt, wegen dem man etwas tut, und es nichts gibt, das dir in die Wiege gelegt wird, liegt alles bei dir selbst. Verantwortung spielt in unserer Generation deshalb eine entscheidende Rolle, egal ob gegenüber anderen Menschen, Minderheiten, dem Klima oder eben uns selbst. In dem Punkt vertritt ein Großteil der Generation Z unbewusst einen Mini-Existentialismus, frei nach dem Motto: Ich lebe mein Leben so, wie ich es möchte, und nicht wie die Gesellschaft es mir vorschreibt.

Ist das ein Aufruf an die Generation Z, sich mit Existenzialismus zu befassen?

Sich mit Existenzialismus zu beschäftigen ist nicht Gen Z. Man wird nie eine Philosophie oder Lebensausrichtung finden, die auf eine ganze Generation zutrifft. Es gibt auch viele in unserer Generation, die denken, sie wären determiniert, ohne jegliche Freiheit. Der Glaube an Existenzialismus – an eine grenzenlose Freiheit – ist reiner Selbstzweck, denn du glaubst daran, um freier zu werden und um dich zu empowern. Aber auch wenn ich an den Existenzialismus glaube, gibt es immer wieder Situationen, in denen ich limitiert bin – aber ich bin nie limitiert darin, wie ich über eine Situation denke, mit ihr umgehe und was ich dabei fühle. Das ist der Kern des Existenzialismus.

Unsere Generation wird gerne von „alten weißen cis-Männern“ analysiert. Warum ist das problematisch?

Ich werde oft gefragt, warum ich dieses Buch geschrieben habe, und ich habe es eigentlich aus genau dem Grund geschrieben. Seit einiger Zeit dreht sich immer mehr um die Generation Z, aber die Analysen oder Reports, die über uns geschrieben werden, kommen meistens von Männern in den Fünfzigern. Es stehen oft total absurde Sachen drinnen, an denen man merkt, dass sie uns einfach nicht verstehen. Genau das hat mich gestört – weil es immer ein Über-uns-schreiben ist und kein Miteinander. Mein Ziel war es, eine sehr persönliche Analyse der Generation Z zu schreiben: Wie sehe ich als junger Mensch die Generation Z? Ich hoffe, dass dadurch ältere Menschen ein besseres Verständnis für uns bekommen.

Was müssen die älteren Generationen wissen, um uns zu verstehen?

Es geht nicht primär um Inhalte, um einander zu verstehen. Wir können denselben Anspruch auch an uns stellen, denn unsere Generation versteht ältere Menschen auch nicht wirklich. Das Allerwichtigste ist, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören. Damit meine ich nicht nur, dass ältere Menschen uns zuhören müssen, sondern dass auch wir ihnen zuhören müssen. Wenn man das grundlegende Verständnis füreinander hat, kann man auch gemeinsam zusammenfinden. Die Akzeptanz, das Miteinander und das Zuhören fehlen auf allen Ebenen. Es ist ein ständiges gegeneinander: Männer gegen Frauen, Jung gegen Alt, rechts gegen links – und das macht es so schwierig. Dabei ist das Miteinandersprechen der beste Weg, um die eigenen Denkmuster zu hinterfragen.

Wie wird sich die Gesellschaft durch unsere Generation verändern?

Im neuen Koalitionsvertrag stehen so viele Gen Z Themen und Forderungen, dass ich hoffe, dass sich etwas verändern wird. Für mehr Diversität zu sorgen, Menschen zu akzeptieren, verschiedene Stimmen zu hören und sich um das Klima zu kümmern, das alles sind Themen unserer Generation und das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

Quelle: FAZ.NET
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Anna Wender
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“
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