FAZ plus ArtikelTraumatische Erfahrungen

Die Zeit heilt alle Wunden. Ach ja?

Von Julia Schaaf
16.01.2019
, 16:00
Es sagt sich so leicht. Aber der Schmerz will nichts davon wissen, dass er angeblich vergeht. Eine Suche nach der Weisheit einer Redensart – beim Arzt, im Zeitlabor, in der Seele.

Wenn Leon neuerdings über das spricht, was man die Wunde seines Lebens nennen könnte, schickt er voraus: Bitte kein Mitleid. Schon als seine Mutter noch lebte, hat er gelernt, der Starke zu sein. Wenn es ihr nicht gutging, war er die Schulter zum Anlehnen. Später gab er seinen Geschwistern Halt. Freunde wissen bis heute: Auf Leon können sie zählen.

Leon ist 21 Jahre alt und studiert Psychologie. Jahrelang hat er allenfalls erwähnt, seine Mutter sei tot. Inzwischen hat er seine Geschichte in allen Details zwei, drei Kommilitonen erzählt und gemerkt, es bekommt ihm gut. Jetzt trifft er im Café eine Journalistin. Daunenjacke, hipper Rucksack und ein Vorname, den er sich für den Schritt in die Öffentlichkeit ausgedacht hat. Hübsche Locken und milde Augen. Obwohl Leon so groß ist, dass er die meisten überragt, sitzt er sehr aufrecht. Er sagt: Vor sieben Jahren habe seine Mutter sich das Leben genommen. Zwölf, vielleicht 13 Jahre alt sei er gewesen. Wenn man nachhakt, weil das rechnerisch nicht stimmen kann, ist er überrascht. Er weiß, es war Frühjahr, irgendwann nach Ostern. Es hatte Eis gegeben, und er trug kurze Hosen. Aber das Datum? Natürlich steht es auf ihrem Grabstein. Aber den Friedhof hat Leon seit der Beerdigung nicht betreten.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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