Bill und Melinda Gates

Eine Scheidung für alle

Von Johanna Dürrholz
09.05.2021
, 14:32
Die Gates lassen sich scheiden, das hat viele überrascht. Wieso berührt es uns, wenn Wildfremde sich trennen? Und haben Philanthropen ein Recht auf Rosenkrieg?

Melinda French war 22 Jahre alt, als ihr mit einem abgeschlossenen Informatikstudium in der Tasche alle Türen offen standen: IBM wollte sie einstellen. Und das Start-up mit dem berühmten Chef: Microsoft. Das rapide wachsende Unternehmen heuerte gleich sechs neue Produktmanager an: fünf Männer – und Melinda. Später, bei einem Plausch auf dem Parkplatz, fragte Bill Gates sie schließlich nach einem Date – in zwei Wochen. „Das ist mir nicht spontan genug“, soll Melinda nur gemeint haben, in ihr Auto gestiegen und davongefahren sein. Eine Stunde später klingelte ihr Telefon. „Ist es heute Abend spontan genug für dich?“

Mehr als drei Jahrzehnte danach sind Bill und Melinda Gates ein Power-Coup­le mit der größten privaten Stiftung der Welt, Verbindungen zu wichtigen Länderchefs, einem enormen weltpolitischen Einfluss – und einem Vermögen von 130 Milliarden Dollar. In der Filmreihe „Der Mensch Bill Gates“ erklärt Bill Gates das Funktionieren ihrer Ehe immer wieder mit dem Satz „We’re equals“, sie seien einander gleichgestellt. Die beiden werden etwa gezeigt, wie sie gemeinsam ein Puzzle lösen. Und erzählen, wie sie beim Frühstück wegen eines New-York-Times-Artikels über Kindersterblichkeit durch Durchfall zufällig den Einfall hatten, ihre Stiftung zu gründen, die heute der zweitgrößte Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation WHO ist.

Die ideale Mischung aus genialen Köpfen, viel zu viel Geld und dem Drang, Gutes zu tun, ist auch die Grundlage für eine funktionierende Beziehung der Milliardäre – so jedenfalls schien es all die Jahre. Bis dann, an einem Montag im Mai, Melinda die Scheidung einreichte. Nach 27 Ehejahren. Und nur zwei Jahre nach Erscheinen der erwähnten Filme, die ihr Privatleben so heil erscheinen hatten lassen.

Überhöhte Vorstellungen von Romantik

Für viele ein Schock: Scheidung, ausgerechnet bei den Gates? Die ja, wie wir wissen, gemeinsam all den Verschwörungstheorien getrotzt haben, dass sie Echsen seien oder das Coronavirus erfunden hätten, und einfach weiter Gutes getan (und darüber geredet) haben? Dabei ist es ja, bei näherer Betrachtung, nicht unüblich, dass Paare, zumal solche in finanzieller Totalunabhängigkeit, sich auch in fortgeschrittenem Alter (er ist 65, sie 56) trennen. Trotzdem: Ist es nicht merkwürdig, dass vollkommen fremde Paare für unsere überhöhten Vorstellungen von Romantik herhalten müssen?

Die Bonner Soziologieprofessorin Doris Mathilde Lucke wundert sich nicht darüber. „Wir leben in einer hochgradig digitalisierten und mediatisierten Welt, in der erstens die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen immer mehr verschwimmen und zweitens die räumliche und soziale Distanz eine seltsame Veränderung erlebt.“ Uns sind nämlich gerade ferne Menschen nah, meint Lucke – und Menschen, mit denen wir in einem Raum sitzen, unter Umständen sehr fern. Eine traurige Vorstellung, aber „das kann auch ein Schutz sein“, sagt Lucke. „Alle sozialen Probleme, die es in unserer Gesellschaft gibt, kann ich mir wie in einem Kaleidoskop anschauen und beispielhaft meine Lehren daraus ziehen.“ Ohne davon betroffen zu sein. Sehr praktisch.

Das Paar als Projekt

Doch die Gates haben ja auch noch die Stiftung und die Arbeit daran, und das, so dachte man, schweißt sie doch auf ewig zusammen. „Das gemeinsame Großprojekt war vielleicht auch eine Art Ehekit“, meint die Soziologin Lucke. Ein gemeinsames Projekt schweißt zusammen. „Meine These ist, dass immer mehr Paare sich als Unternehmen fühlen“, fügt sie hinzu. „Paare sind nun häufiger Doppel-Egos. Das geht mit der Optimierung des gesamten Lebens einher.“ Das Paar wird dann, so Lucke, selbst zum Projekt. Und das gemeinsame Leben soll möglichst ideal gelebt werden, keine Ressource der Liebe ungenutzt bleiben. „Für mich ist das auch Teil einer perfekten Inszenierung und Optimierung. Die ist oft ökonomisch motiviert.“

Die Liebe als Produkt, die Beziehung als zu vermarktendes Projekt. Klingt nicht nur unromantisch, es passt auch so gar nicht zu dem Bild, das die Gates von sich zeichneten: unergründlich reich, aber auch sehr down to earth, fast schon gewöhnlich. Sie sind kein Glamourpaar, im Gegenteil, Bill Gates macht eher den Eindruck eines Erdkundelehrers, der sonntags mal den guten Pullunder trägt. War die Trennung der Gates deshalb ein Schock? Sind sie Projektionsfläche? Brauchen wir solche Paare, um an die große Liebe zu glauben? „Role models sind ganz wichtig für uns“, sagt Doris Mathilde Lucke. „Unsere Gegenwartsgesellschaft wird ja oft als orientierungslos beschrieben. Da braucht es Maßstäbe, an denen sie sich messen kann.“

Es ist noch immer so: Wir wünschen uns ein happily ever after, ein „Glücklich bis ans Lebensende“: eine Beziehung, die ein Leben lang hält. Die Realität sieht jedoch vollkommen anders aus: Die meisten Ehen und Beziehungen gehen irgendwann in die Brüche. Das echte Liebesleben verhält sich damit diametral zu den Liebesbeziehungen fiktiver Figuren in Filmen und Büchern – und damit auch zu unserer Idealvorstellung von Partnerschaft. „Die Scheidung eines reichen, berühmten Paars kann auch entlasten“, meint Lucke. „Das ist ein Zeichen dafür, dass Trennungen und Scheidungen zunehmend normal sind. Darum spielen diese Ereignisse, auch wenn sie im Persönlichen traurig sind, für die gesellschaftlichen Normalisierungsprozesse eine wichtige Rolle.“

Der Traum von lebenslanger Zweisamkeit ist auch empirisch belegt, weiß Lucke. „Aber gleichzeitig wissen wir: Das wird wahrscheinlich auch bei mir nicht so sein.“ Vielen Menschen macht dieser Gedanke Angst. Was, wenn wir im Alter einsam sind, einsam sterben? Lucke sagt: „Das ist die Kunst des Lebens: mit der Kluft zwischen der erträumten Biographie und der wahrscheinlich wahr werdenden umzugehen.“

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Und dann sind da noch unsere unfairen Maßstäbe, die wir den Gates anlegen – immerhin sind sie weltbekannte Philan­thropen. Aber haben sie nicht auch das Recht auf eine Schlammschlacht-Scheidung? Warum müssen Menschen, die Gutes tun, auch noch die perfekte Ehe führen? „Das hat etwas mit Wahrnehmung und sozialer Ungleichheit zu tun. Wenn ich jemanden, wie zum Beispiel die Gates, wenig kenne, bin ich umso bereiter, mein Bild von diesen Personen zu komplettieren. Und das Bild muss in sich stimmig sein“, erklärt Lucke.

Es ist also gar nicht ungewöhnlich, dass wir davon ausgehen, dass Philan­thropen auch privat gute Menschen sind und gute Beziehungen führen. „So funktionieren Vorurteile und Stereotypen“, meint Lucke. Dabei könne auch ein Philanthrop ein schlechter Ehemann sein – was wir aber nicht wahrhaben wollen. Aus der Akzeptanzforschung sei dieses Phänomen ebenfalls bekannt, erklärt Lucke. „Das nennt sich ‚Sponsorship‘-Effekt.“ Und es bedeutet, dass wir einen Freund, der ein guter Arzt sei, unter Umständen sogar danach fragen würden, wie wir unser Geld anlegen sollten. „Auch wenn der Freund davon gar keine Ahnung hat.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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