Geschenkideen

Welche Duftkerze darf es denn sein?

Von Kais Harrabi und Maria Wiesner
12.12.2020
, 19:41
Sie suchen noch nach einem kleinen Präsent für die Nachbarin, den Hipsterneffen oder die reiche Tante? Wir haben Duftkerzen getestet und verraten, welche für wen geeignet ist.

Feuille de Lavande – Diptyque

Lavendel ist mittlerweile fast schon zum Duft-Klischee verkommen. Wer keine Ahnung hat, wonach etwas riechen soll, kann mit Lavendel eigentlich nichts falsch machen. Lavendel riecht frisch, würzig und benebelt gleichzeitig so angenehm die Sinne, dass er fast schon einschläfert. Er passt in alle Jahreszeiten, in alle Lebenslagen und in alle Lebensalter. Die Parfumeure von Diptypue haben sich diesen Duft nun vorgenommen und ihm eine ganz unerwartete Seite abgerungen, die bei der Kerze „Feuille de Lavande“ (unser Aufmacherbild oben) voll zur Geltung kommt: Frische. Statt schnöde getrocknetem Lavendel geht es hier um die frischen Lavendelblüten – und wie! Schon beim Herausnehmen aus der Schachtel riecht es, als würde man die frischen Blüten zwischen den Fingern zerreiben. Dazu gesellt sich ein leicht erdiger Hauch, der einen direkt auf die sonnigen Lavendelfelder der Provence katapultiert. Oder, wenn man die Fantasie spielen lassen möchte, auch in ein weitläufiges Ferienhaus, mit offenen Fenstern, durch die der Wind von den Lavendelfeldern hereinweht und die Gardinen aufbauscht.

Zündet man die Kerze an, bekommt der Duft eine samtig-warme Anmutung, behält aber auch gleichzeitig seine Frische. So passt er auch in die kalte Jahreszeit und in die heizungswarme Luft eines deutschen Großstadtapartments. Aufstellen kann man die „Feuille de Lavande“-Kerze in allen Räumen. Am meisten empfehlen sich aber Schlaf-, Wohn- oder (warum nicht?) Arbeitszimmer. Nicht unbedingt ein Winterduft, eher was für Frühlingsvormittage, aber definitiv ein Geschenk für Freunde, die luftige Frische schätzen und bei denen man nicht genau weiß, welche Duftnoten sie wirklich mögen. Mit Lavendel kann man halt nicht viel falsch machen.

Joyeux Noel – Frederic Malle

Die Kerzenkreationen von Frederic Malle gehören vielleicht zu den spannendsten, die man kaufen kann, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen. Die Gläser fallen mit ihrem modernen Design auf, sind aber trotzdem dezent minimalistisch. Für die schönste Zeit des Jahres hat Meisterparfümeur Dominique Ropion die Duftkerze „Joyeux Noel“ kreiert. Noten von Kiefer, Zimt, Amber und Zuckerwatte bilden den Weihnachtsduft schlechthin: Der Geruch eines Nachmittags zu Hause mit der Familie, bei brennenden Kerzen auf dem Adventskranz, während draußen die Schneeflocken rieseln und Menschen ächzend ihre Weihnachtsbäume über die Bürgersteige schleifen. Schon beim Öffnen der (wunderschön gestalteten) Verpackung entsteigt ihr ein würzig-weihrauchiger Duft und beschwört die weihnachtlichen Besuche in der Kirche. Das rote Glas, nach unten abgerundet, hat etwas von einer Christbaumkugel. Zündet man die Kerze an, erfüllt sie den Raum mit einem wohlig süßlichen Duft, der auch lange nach dem Löschen noch bleibt, eine Mischung aus Punsch, Weihrauch und Gebäck.

Diese limitierte Weihnachtskerze ist vor allem eine zum selbst behalten. Mit ihr lässt sich wunderbar die Vorfreude auf die Weihnachtszeit schüren und Abende auf der Couch verzaubern. Nur sollte man ab und zu den Docht etwas kürzen, sonst wird das Ganze eine recht rußige Angelegenheit. Aber auch das gehört ja zu Weihnachten: Ständig ein Auge auf all die Kerzen haben, damit keine den Baum ansengt.

Villa Bordighera 20 – Krigler

Diese Kerze ist die reiche, früh verwitwete, etwas schrullige Tante in unserer Auswahl. Allein die Verpackung in einem goldenen, zylindrischen Karton, eingewickelt in opulentes Zellophan verweist auf die Extravaganz, mit der wir es hier zu tun haben. Und tatsächlich: Krigler hat hier einen Parfümklassiker in Wachs gegossen. Villa Bordighera ist eines der Parfums aus den Anfangstagen des Unternehmens, als Gründer Albert Krigler für den italienischen Dramatiker Guiseppe Adami dessen liebsten Urlaubsort als Duft verewigte.

Bordighera liegt in Italien, an der Grenze zu Frankreich. Und so verströmt diese Kerze denn vor allem altmodischen, dekadenten, mediterranen Luxus. Der angenehme Duft erinnert an blühende Zitronenbäume und hängt dezent im Raum, als wäre gerade jemand hindurchgegangen, der eben jenes „Villa Bordighera“-Parfum trägt. Neben der zitronigen Basis kommen hier Bergamotte, Rosen-Absolue, Grapefruitblüten und Kaschmirholz aus Indien zum Einsatz. Ein internationaler Jetsetduft par exellence. Selbst das sonnengelbe Glas, in dem die Kerze präsentiert wird, ist hier ausgesprochen luxuriös: es wird an der Cote d’Azur (natürlich) mundgeblasen. Das ist schon fast zu viel des Guten und doch, all der schwelgerische Luxus lohnt sich, denn die Aromen der Kerze verkörpern Frühling und Sommer und sind für alle etwas, die sich mit einem Duft von Urlaub über den Winter retten wollen. Oder für all jene, die ein Geschenk für eine reiche Tante mit einem Haus in Italien brauchen, in dem sie gerne den Sommer verbringen möchten.

Aganice Aromatique Candle – Aesop

Aesop hat erst in diesem Jahr drei neue Kerzen ins Sortiment genommen und da die Naturmarke aus Australien gern den philosophischen Überbau mitliefert, sind diese drei Duftkerzen griechischen Philosophen und Naturwissenschaftlern gewidmet. Unser Duftbeispiel „Aganice“ (oder Aglaonike, wie sie auf deutsch heißt), war der Legende nach eine Zauberin, die den Mond herabziehen konnte. Plutarch beschreibt sie rationaler als eine Astronomin mit der Fähigkeit, die Mondfinsternis vorher zu sagen. Die Kerze, gegossen in ein robust, aber elegantes Keramikgefäß, verströmt den Duft von Mimosen, Kardamom und leichten Tabaknoten. Eine Hommage an die marokkanische Hafenstadt Tanger und das Kap Spartel, vor dessen Küste sich Mittelmeer und Atlantik treffen.

Diese Kerze im weißen Gefäß steht mit Sicherheit schon auf dem Wunschzettel aller Großstadthipster, könnte aber auch etwas für die beste Freundin sein, die Gefallen an der feministischen Geschichte der Namensgeberin findet.

Dandelion – Perfumer H

Wenn man ein Zimmer betritt, in dem diese Kerze brennt, wähnt man sich in einem englischen Garten: leichte grüne Noten von Basilikum schweben durch den Raum, Geißblatt windet sich um zarte Orangenblüten, gebettet auf Eichenmoos und Vetiver. Erdacht hat diese Duftkombination mit dem schönen Namen „Dandelion“ (also Löwenzahn) Lyn Harris, die vor mehr als einem Jahrzehnt mit einer anderen Duftkerze berühmt wurde. Anfang der 2000er hatte sie nach ihrer klassischen Parfumeursausbildung im südfranzösischen Grasse das Londoner Nischenlabel „Miller Harris“ gegründet. Als Großbritanniens „First Lady“ Samantha Cameron 2012 beim ersten Treffen mit Amerikas „First Lady„ Michelle Obama eine Auswahl an Miller-Harris-Duftkerzen als Gastgeschenk präsentierte, war Lyn Harris' Parfumkunst plötzlich überall heiß begehrt. Mittlerweile hat sie mit „Perfumer H“ ein neues Unternehmen gegründet, in dem sie sich ganz auf ihre Kreativität konzentriert und bei langen Spaziergängen durch Londons Parks Düfte sammelt, die sie in ihren Parfums nachbildet. So gibt es in „Rain Cloud“ einen Regenakkord, der süchtig machen könnte. Und so zaubert eben „Dandelion“ eine grüne frische Londoner Wiese an einem Frühsommermorgen ins Wohnzimmer.

Verschenken kann man diese Kerze, die im handgeblasenem wiederbefüllbaren Glas geliefert wird, natürlich auch sehr gut. Sie eignet sich für Schwiegermütter und -väter, die ihren Londontrip in diesem Jahr schmerzlich vermissen und sowieso für alle Liebhaber britischer Dinge.

Petit Grain, Palo Santo und Figue – Le Labo

Bei weihnachtlichen Probierpaketen, die mehrere Produkte enthalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man den Geschmack des Beschenkten mit einem davon schon treffen wird. So eine breite Streuung bietet auch das „Discovery Set“ von Le Labo. Die Luxusduftmanufaktur aus New York hat dafür in Anlehnung an die Düfte ihrer Parfumreihe drei handgegossene Minikerzen in den Duftrichtungen „Figue 15“ (grüne Feigen unter der Sommersonne), „Petit Grain 21“ (Orangenblüten mit grünen Blättern) und „Palo Santo 14“ (Weihrauch mit Patschuli) kombiniert. Wer mag, kann Weihrauch und Orangenblüte also zu einem persönlichen Weihnachtsbouquet kombinieren oder jede einzeln abbrennen. Und da Le Labo zu jeder Bestellung die Möglichkeit zur Personalisierung anbietet, wirkt das Set auch noch, als hätte man sich lange und intensiv mit den Vorlieben der oder des Beschenkten auseinander gesetzt.

Les Albâtres „Héméra“ – Cire Trudon

Wenn die Geschenke bisher leichte und verspielte Zugaben im Weihnachtspäckchen waren, kommen nun die Schwergewichte: „Les Albâtres“ des französischen Traditionshauses Cire Trudon haben nicht etwa nur eine farbliche Ähnlichkeit mit Alabaster, ihre runden Gefäße sind tatsächlich aus dem Material gefertigt, dessen Struktur eine Ähnlichkeit mit Marmor aufweist. Mit einem dazu passenden Deckel sind sie schon mehr skulpturaler Raumschmuck als reine Beduftungsspielerei. Duft aber verströmen sie obendrein auch noch. „Héméra“ verkörpert in der griechischen Mythologie den neuen Tag, der gleichnamigen Kerze entsteigt der Geruch von Rosen und Weihrauch, Iris und Muskatnuss, Amber und Sandelholz.

So ein duftendes Alabastergefäß macht ja in jeder Wohnung etwas her. Wir würden nur davon abraten, diese Kerze zu verschenken, wenn nicht klar ist, wie stark die Familienstreitigkeiten am Weihnachtsabend eskalieren könnten, dieses Schwergewicht gibt nämlich im Zweifel ein hervorragendes Wurfgeschoss ab.

Sweet&Spicy – H&M Home

Es gibt Kerzen, bei denen macht die Verpackung mehr her als Duft. Dieses Duo von H&M Home ist so eines. In goldener Schrift wird der Duft als „delicious“ angepriesen, öffnet man den Deckel schlägt einem aber erst einmal eine künstliche Pfefferminznote entgegen, die vage an rot-weiß-gestreifte Bonbons erinnert. Auf komplementärem roten und grünen Glas tragen eine Füchsin im Samtkleid und ein Hirsch im Offiziersjäckchen die Aufschriften Peppermint (also Minze) und Cinnamon (Zimt). Angezündet verfliegt der künstliche Geruch schnell und verbindet sich, wenn man wirklich beide Kerzen gleichzeitig entzündet, zu einer harmlosen, aber angenehmen Duftrichtung.

Verschenken kann man das durchaus, wenn last minute noch ein Geschenk fehlt und die Freunde sowieso schon ganz ironisch Bildchen von Ottern mit Mustache auf den upcycled Möbeln stehen haben oder völlig unironisch über jede Kerze glücklich sind, weil das ausgefallene Beleuchtungskonzept mit den auf vintage-getrimmten Glühbirnen die meisten Ecken der Wohnung im Dunklen lässt.

Botanica by Air Wick – Ananas und tunesischer Rosmarin

Düfte können sein, was für Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Madeleine war: Ein Schlüssel zu verborgen geglaubten Erinnerungen, längst vergessenen Begebnissen, die auf einmal wieder so präsent sind, als wären sie gestern gewesen. Ganz unerwartet hat diesen Effekt auch die Kerze „Botanica by Air Wick“ in der Duftrichtung „Ananas und tunesischer Rosmarin“. Der starke Geruch nach Ananas, oder besser: nach künstlichem Ananasaroma erinnert weniger an tropische Ferne als an bröckeligen Kaugummi, den man früher nach der Grundschule auf dem Heimweg beim Bäcker für 10 Pfennig das Stück kaufen konnte. Freudig kaufte man sich damals vom Taschengeld einen solchen Kaugummi, steckt ihn sich in den Mund, ließ die Geschmacksknospen vom chemisch-fruchtigen Aroma überschwemmen und überreizen, machte eine Blase, die größer und größer wurde, bis sie schließlich platzte. Und dann hatte man Kaugummi unter der Nase kleben und hat es nicht gemerkt und sich die ganze Zeit gewundert, woher dieser Kaugummigeruch noch kommt, obwohl man das Ding längst ausgespuckt hat. Zugegeben, das ist eine etwas seltsame Assoziation zu einer Duftkerze, aber Düfte können ganz merkwürdige Dinge im Kopf miteinander verknüpfen. Ja, im Vergleich zu den anderen Kerzen stinkt diese hier (im wahrsten Sinne des Wortes) leider völlig ab: Der Hersteller verspricht „atemberaubend natürliche Düfte“ und tatsächlich ist der erste Eindruck atemberaubend. Leider überdeckt das Ananas-Aroma die Rosmarin-Noten, sodass keine Spur davon zu riechen ist. Immerhin, die Kerze sieht in ihrem Glas gut aus und der Schraubverschluss macht was her. Vielleicht also ein gutes Geschenk für all jene, die gerne Kaugummi kauen oder eine Kerze für ihr Gäste-WC brauchen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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