Anonyme Alkoholiker

Sich besinnen gegen die Sucht

Von Katja Winter
11.09.2021
, 08:58
Selbsthilfegruppe: ein Schild der Anonymen Alkoholiker
Eine nicht ausgetrunkene Flasche Wein wieder verschließen und wegstellen? Für Alkoholiker unmöglich, wie Ralf sagt. Er konnte früher vom Trinken nicht lassen. Nun will er anderen helfen, trocken zu werden.

Im Gruppenraum sitzen Erich und Petra, Ralf und Heidrun. Sie könnten aber auch ganz anders heißen. Sie mögen Banker oder Mediziner sein, vielleicht sind sie aber auch arbeitslos, schlafen gar unter Brücken. Bei den Anonymen Alkoholikern, kurz AA, wird nicht gefragt, welches Leben der andere außerhalb der Treffen führt. Hier geht es nur um eines: trocken zu werden. Eine neue Gruppe hat sich gerade in Friedberg formiert. Drei langjährige Mitglieder der AA haben die Selbsthilfegruppe gegründet. Einer von ihnen ist Ralf, 62 Jahre alt und seit dem 24. Oktober 2001 trockener Alkoholiker. „Im 20. Jahr also“, sagt er, als wolle er seine eigene Leistung noch einmal gedanklich nachhallen lassen. Bis vor zehn Jahren habe es schon einmal Treffen in Friedberg gegeben, aber irgendwann nicht mehr. Diese Lücke wollen sie nun schließen.

Längst hat Ralf, der, wie alle bei den Anonymen Alkoholikern, nur mit seinem Vornamen in Erscheinung treten will, kein Verlangen mehr, Alkohol zu trinken. Das sei aber über Jahre, viele Jahre, anders gewesen. „Zum Schluss hatte ich keinen Halt mehr, keine Hoffnung“, sagt er. Er hatte schon Therapien und Entgiftungen hinter sich, hatte es geschafft, über ein, zwei Jahre trocken zu bleiben, wie er erzählt. Immer habe er gedacht: „Ich schaffe das schon.“ Ihm ging es gut, damals, als er die Finger vom Alkohol gelassen hat. „Und dann habe ich doch wieder angefangen.“ Und es klingt, als wäre die Geschichte genauso folgerichtig, weil er erst die AA entdecken musste, um einen Weg zu finden, vom Alkohol tatsächlich loszukommen.

„Vollkommen aus dem Leben geschossen“

Am Ende habe ihm ein Ereignis vor Augen geführt, dass es so nicht weitergehen kann. „Ich bin Vater eines Sohnes geworden“, erzählt er. Da habe er gewusst, fortan wirklich Verantwortung übernehmen zu müssen. Er habe damals auf sein Leben zurückgeblickt und musste sich eingestehen: „Da ist nichts Schönes.“ Durch das Trinken hatte er sich zuvor „vollkommen aus dem Leben geschossen“, wie er erzählt. Ein gesunder Mensch könne sich nicht vorstellen, was diese Krankheit aus dem Menschen mache.

Dann erzählt er etwa die Geschichte von einem Treffen unter Freunden. Jeder bekommt etwas Wein in sein Glas gefüllt, der Rest bleibt in der Flasche auf dem Tisch stehen – bis zum Schluss des Treffens. „Das ist einfach undenkbar für einen Alkoholiker“. Soll heißen: Die Flaschen werden auf jeden Fall leer getrunken. „Ein Alkoholiker denkt nur an Wein oder Schnaps“, sagt Ralf. Und dieser Mensch brauche andere, die ihn verstehen. Dieses Verständnis habe er bei den AA gefunden.

2001 wandte er sich an die Anonymen Alkoholiker. Die Gemeinschaft von Männern und Frauen, die 1935 in Ohio in den USA gegründet worden ist, teilt ihre Erfahrung, ihre Kraft und Hoffnung, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. So steht es in der Präambel der Anonymen Alkoholiker. Einzige Voraussetzung, um aufgenommen zu werden, sei der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Alkoholismus ist nach Auffassung der AA eine Krankheit, die der Einzelne nicht aus eigener Kraft, sondern nur mithilfe einer spirituellen Erfahrung besiegen kann. Dies und das Miteinander haben auch Ralf geholfen. So scheut er sich auch nicht vor großen Worten: „Erst als ich die AA kennengelernt habe, hörte ich auf zu sterben.“

Viele Alkoholiker sehen sich als Opfer

Wesentlicher Bestandteil der Arbeit der AA ist das blaue Buch, das erstmals 1939 erschienen ist. Seit Gründung der Bewegung wurden die enthaltenen Texte nicht wesentlich verändert. Darin erzählen vor allem Betroffene, wie sie ihrer Sucht entkommen sind. Ralf, der gelernte Tischler, hat sich mithilfe der Treffen mit sich und seinen Schwächen auseinandergesetzt, hat seine Ängste gedreht und gewendet, die Unsicherheit und das fehlende Selbstwertgefühl analysiert. Denn als Alkoholiker habe er immer einen Schuldigen für seine Sucht gefunden. Er war das Opfer, so seine Überzeugung. „Viele Alkoholiker denken das“, sagt Ralf. Deshalb sei es so wichtig, eine gründliche Inventur des Inneren zu machen, um der Wut, der Aggression, dem Selbstmitleid auf die Schliche zu kommen.

Hauptwache – Der F.A.Z. Newsletter für Rhein-Main

Werktags um 21.00 Uhr

ANMELDEN

In den traditionellen Meetings, wie es das in Friedberg sein werde, gebe es einen sogenannten Chairman, der die Namen der Anwesenden aufschreibe. Es gebe aber auch Mitglieder, die andere Pflichten übernähmen, wie etwa den Literaturdienst. Die Aufgaben rotieren, damit jeder mal dran ist und niemand sich wichtiger nimmt als die anderen. Denn in den Gruppen seien alle gleich. So rede jeder über sich und das, was ihn oder sie bewegt. Weitere Regeln besagen, dass man sich ausreden lässt und die anderen keine Kommentare über das Gehörte abgeben. Weder Heidrun noch Peter oder Ralf.

Die Gruppe trifft sich an diesem Sonntag von 18 Uhr an im Gemeinderaum der Stadtkirche Friedberg (Eingang Große Köhlergasse). Gäste sind herzlich willkommen. Der erste Sonntag im Monat ist jeweils als offenes Treffen geplant, an dem auch Angehörige teilnehmen können. Die drei weiteren Treffen stehen nur Betroffenen offen. Die Teilnahme kostet nichts.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot