FAZ plus ArtikelFrauen in der Popmusik

Alle meine Heldinnen

Von Johanna Dürrholz
Aktualisiert am 12.08.2020
 - 10:18
Mit Chucks und Bandbuttons an der Jeansjacke lief unsere Autorin in ihrer Jugend herum.
Einst hörte unsere Autorin, die Gitarrenmusik mag, nichts als: Männer, Männer, Männer. Und hätte dabei fast ein größeres Wunder verpasst. Eine Erweckungsgeschichte.

Niemals wieder hörst du Musik so, wie du sie mit 16 gehört hast, heißt es. Ich hatte Glück, denn ich habe Musikhören früh gelernt: im Kinderzimmer meiner Schwester. Sie hatte ein Sigur-Rós-Album aufgelegt, „( )“, und befahl mir, mich auf den Boden zu legen, des besseren Sounds wegen; sie war 17, ich 14. Wir lagen also zusammen auf dem Teppichboden und fühlten den Bass unter unserer Bauchdecke wummern und nahmen die seltsamen Klänge dieser isländischen Band ganz in uns auf, in die Arme, die Beine, den Kopf und die Brust, in der es im Takt pochte, so kam es mir zumindest vor. Es war ein ganz und gar trauriges Lied, das wir da hörten, so traurig, dass ich es als Erwachsene kaum aushalten kann. Doch als sehr junge Menschen sehnten wir uns geradezu danach, all die Traurigkeit dieser Welt aufzusaugen, diesen universellen Schmerz zu spüren – ein erster, brachialer Anschluss an etwas Größeres. Kollektives Fühlen. Irgendwann kam meine Mutter rein und fragte sinngemäß, ob noch alles recht tickte bei uns und ob wir das grauenhafte Gedudel wohl leiser stellen könnten.

Niemals wieder hörst du so Musik, wie du sie mit 16 gehört hast, und wenn das eine Plattitüde ist, dann nur, weil sie verdammt wahr ist. Alle meine Helden von heute wurden zu diesen Helden, damals, als ich ab und zu und trotzdem viel zu selten noch die lose Zahnspange trug, als ich in möglichst verdreckten Chucks und mit Band-Buttons an meiner Jeansjacke herumlief, als ich ewig wieder und wieder dieselben Songzeilen auf meine Schnellhefter kritzelte, ganze Collegeblöcke damit vollschrieb. Einmal rief eine Lehrerin meiner Schwester sehr besorgt unsere Eltern an: In einer Lateinarbeit meiner Schwester hatte sie ein Blatt gefunden, mit wahnsinnig düsteren Zeilen. Ob meine Schwester mit Selbstmordgedanken spielte? „By the dried-up stream we slit our throats and dreamed“, stand da. Es gab ein riesiges Theater und ein ernstes Gespräch, auch wenn sich sehr schnell herausstellte, dass meine Schwester sich nicht wirklich die Kehle aufschneiden wollte, sondern einfach nur gerne ihren Lieblingskünstler Beck zitierte. Aber das musste sie ja nicht unbedingt während der Klassenarbeit tun und dann noch den Zettel im Heft vergessen, befanden unsere Eltern.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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