Kunst trifft Mode in Berlin

Echte Influencer, ein Duft wie für Keith Richards und ein Hype für Millenials

Von Celina Plag, Berlin
13.09.2020
, 17:58
In Berlin spielt dieser Tage Kunst die Hauptrolle, doch die Mode hat ein Gastspiel. Wie wird das inszeniert? Unsere Autorin hat sich auf einigen Veranstaltungen umgeschaut.

Berlin Art Week, Gallery Weekend, die Messe Positions, Berlin Biennale sowie die Ausstellung Studio Berlin im Berghain: Die Hauptrolle spielt in der Hauptstadt dieser Tage die Kunst. Doch auch die Mode trat mit einem Gastspiel auf: Erstaunlich viele Labels nutzen den Moment, ihre Ideen für heute und morgen zu inszenieren und präsentieren. Wenn man so will, lief parallel zur Kunstwoche eine Fashion Week Light. Ganz ohne klassische Modenschauen.

Sich an die Kunst zu hängen, ist für die konstant nach Substanz und Sinnhaftigkeit suchende Mode genau genommen ein alter, aber immer noch schicker Hut: Designer lassen sich von den Werken von Künstlern inspirieren. Boutiquen sehen aus wie Galerien. Departement Stores locken mit Ausstellungen. Und die Großen der Mode sind gleichzeitig die Mäzene der Kunst. Außerdem steckt in jedem Sammler ein potentieller Kunde — und anders herum bedient sich der Kunstmarkt sowieso längst auch an den Mechanismen der Mode.

Gerade in Berlin, wo Mode durch den angekündigten partiellen Umzug der Fashion Week nach Frankfurt institutionell zukünftig vielleicht in abgespeckter, zumindest in anderer Form stattfinden wird, könnte die Liaison mit der Kunstwoche eine Konzept mit Zukunft sein. Zumal sich das klassische Schauenkonzept zuletzt sowieso nicht mehr so recht behaupten wollte.

Wie wurde Fashion im Rahmen Kunst inszeniert? Auf einigen Veranstaltungen der Woche haben wir uns umgeschaut.

LML Studio

„Ich bin für Sex und Kunst nach Berlin hergezogen. Das Gallery Weekend ist für beides perfekt“, sagt Lucas Leclere. Zur Kunstwoche präsentierte der französische Künstler und Modedesigner, der mal Stoffdesigner bei Chanel war, seine Idee von Couture auf einem Event, das selbst so sexy wie artsy war: Zu den neuen Galerie-artigen Räumlichkeiten seiner Agentur Reference Studios auf der Potsdamer Straße zog es das Who is Who Berliner Party Kids, die in hedonistischen Modefummeln vor der Tür scheinbar ihr eigenes Event feierten — wegen der strengen Corona-Maßnahmen konnten nämlich nur wenige gleichzeitig hinein. Machte nichts: Die Sound Installation von Cem Dukkha und Nicolas Maxim Endlicher, den Gründern der berüchtigten Berliner Herrensauna Clubnacht, waberte genauso nach draußen wie die die Düfte von D. L. Roelen — multisensorisch kam hier alles zusammen.

Lecleres Mode betrachtete man dann doch besser aus der Nähe. Immerhin arbeitet der Designer, der durch Gespräche und seine Ausstellung hüpft wie ein Flummiball, gern mit aussortierten Stücken der großen Luxushäuser. Nach dem Motto der Künstlerin Elaine Sturtevant — „remake, reuse, reassemble, recombine“ — verarbeitet er die feinhaptischen Überbleibsel zu nachhaltigen, einzigartigen Stücken, die man sich auf der MET Gala genauso vorstellen kann wie auf einer Sex Positive Party Post-Corona. Vielleicht auch im Museum. Ein gutes Beispiel ist ein dekonstruiertes klassisches Tweedkostüm. Mit handgestickten Spitzensäumen sowie wilden Pinselstrichen hat Leclere dem eher konservativen Material eine Überdosis Berlin verpasst. Der Tweed scheint das zu genießen.

Mario Lombardo mit Atelier Oblique

„Keith Richards hat mich schon immer inspiriert. Vor allem die Songs aus seiner Drogenphase“, sagt Mario Lombardo und lacht. Während des Lockdowns hörte der Berliner Grafikdesigner dessen Musik rauf und runter, außerdem immer wieder Blues Rock aus den späten Sechzigern. Dabei feierte er zwar keine Drogenexzesse, frönte jedoch gelegentlich dem Alkohol. Wie man das in times of Corona eben so macht. Weil Lombardo mit seinem Label Atelier Oblique auch Gestalter von Duftwelten ist, liefen die feuchtfröhlichen Sessions zwangsläufig auf einen neues Eau de Parfum hinaus: „Voodoo Flowers“ ist die magische Nummer Sieben seiner in den französischen Parfumstädten Grasse und Paris entwickelten Düfte. Und neben „Beton Brut“ eines von zwei neuen Parfums, welche er eher zufällig zur Kunstwoche lancierte. Nach den großen Ferien, vielleicht vor dem nächsten Lockdown: Das Datum der Berliner Kunstwoche hätte laut Atelier Obliques Managerin Vanessa Obrecht für den Launch ganz einfach Sinn ergeben. Von der Modewoche in der Hauptstadt, die sich in der Vergangenheit oft mit den wichtigeren Couture-Schauen in Paris überschnitt, konnte man das ja selten sagen. Egal, wie riecht’s? Scharf, herb, floral; nach Champagner und Gin, wie ein wilder Drink. Und nach Leder und Vetiver — und damit so rauchig wie eine Rockstar-Stimme natürlich.

Why Not?

Wie kreiert man einen Hype für Millenials? Darauf war ein Event im Kreuzberger Space der Berliner Szeneagentur BAM Berlin dieser Tage vermutlich die beste Antwort. Dort machten nämlich die Jungs vom Künstler- und Kreativkollektiv „Sucuk & Bratwurst“ gemeinsame Sache mit dem Münchener Design Studio Wiegand von Hartmann. Zusammen hatten sie schon vor zwei Jahren die „Why Not“-Kappe entworfen, in welcher sie das ikonische New York Yankees Logo integrierten. Die war wegen Coolness sofort vergriffen. BAM konnte die Kreativen überzeugen, eine Re-Edition zu produzieren und für die Agentur obendrein zwei eigene Farben zu gestalten, die es nur auf der Party zum Gallery Weekend gab — die gut informierten Follower wissen natürlich, dass diese die Begehrlichsten sind. Auf dem Event selbst gab es die Kappe außerdem als gigantische Installation einer aufblasbaren Hüpfburg, die als solche durchaus genutzt wurde. Wer mit Instagram lebt, musste noch nicht mal dort sein, um sich nach den unzähligen Bildern und Videos der Installation so schwindelig zu fühlen wie nach einem eigenen Hüpf-Happening. Parole: Kunst ist Fun. Why not?

Aino Laberenz und Aeyde

Bei Andreas Murkudis sind Mode und Kunst schon immer Mitbewohner gewesen. In seiner Berliner Concept Boutique stehen Handtaschen im Regal wie Skulpturen. Zum Gallery Weekend weichen Accessoires wiederum Kunst. Für die gemeinsame Präsentation von Aeyde und Aino Laberenz bot sich der Ort förmlich an: Für das deutsche Schuh- und Accessoire-Label hat die Kostümbildnerin und Künstlerin Laberenz den Print für ein Seidentuch entworfen, mit welchem sie klassische Foulard-Drucke hinterfragt. Traditionelle Blumenmuster brach Laberenz auf, indem sie die pieksige Distel — eine der beliebtesten Blumen in Wappen — genauso zeigte wie ihre Hände in Schwarz. Präsentiert wurde das Tuch auch in einer Videoinstallation und zwar als wehende Flagge. Hat das Ganze gar eine Protestdimension? Zum Beispiel ein Pieks gegen aktuelle Migrationspolitik? Laberenz muss schmunzeln. „Da kann man natürlich alles rein dichten. Wenn das für jemanden ein Zeichen für Widerstand ist, finde ich das gut.“ Das Foulard ist jedenfalls das erste Objekt von Aeydes neuer „Collectables“-Linie, für welche Gründerin und Kreativdirektorin Luisa Dames zukünftig regelmäßig mit wechselnden Künstlern zusammenarbeiten möchte. Wie Kunst sind die limitierten Objekte zum Sammeln gedacht und wie Lieblingsstücke im Schrank sollen sie über die Generationen weiter vererbt werden. Für Dames ergibt das Zusammenspiel beider Disziplinen übrigens Sinn: „Frauen, die Aeyde tragen, sind genauso Mode- wie Kunstinteressiert.“ Ohnehin seien die Grenzen oft fließend. Starre Grenzen kann und sollte man sowieso immer hinterfragen.

„Mindful Design“: Stefanie Hering und Aleksandra Jagdfeld

Ein weißes Volant-Kleid, schwarze Schnürboots und darüber einen ihrer voluminösen Chapan-Mäntel im uzbekischen Ikatmuster: Aleksandra Jagdfeld ist selbst ihre beste Werbung. Gemeinsam mit der Porzellankünstlerin Stefanie Hering zeigt sie zum Gallery Weekend die Lieblingsstücke ihres Labels ALEKSANDRAVIKTOR unter dem Motto „Mindful Design“ im P98 in Berlin. Das passt gut zusammen. Immerhin teilen beide Kreative ein ähnliches Interesse an Nachhaltigkeit als auch gestalterischer Qualität. Die gemusterten Stoffe von Jagdfelds eiförmigen Chapans aus Seide und Baumwolle, die sie den Besuchern des P98 selbst vorführt und erklärt, werden zum Beispiel nach alter Familientechnik, welche von Generation zu Generation weiter gegeben wird, in Usbekistan handgewebt und in einer Manufaktur in Deutschland geschneidert. Fast sind sie selbst sowas wie Kunstwerke.

Dawid Tomaszewski

Eine geheimnisvolle Location mitten im Industriegebiet, elegante Drinks, prall gefüllte Goodie Bags und eine Horde hübscher Influencer, die — man hätte es fast vergessen — tatsächlich in real life existieren: Mit dem Event von Dawid Tomaszewski kam Fashion-Week-Feeling auf.

Der Berliner Modedesigner hatte die Gelegenheit der Kunstwoche nämlich genutzt, selbst einen künstlerisch-modischen Film zu präsentieren, der auf einer großen Leinwand im weitläufigen Außenbereich lief — „Drops Of Time“, so der Titel, ein visuelles Medley seiner Frühjahr-Sommer-Kollektion 2021 genauso wie bildmächtige Berlin-Schnipsel der momentanen turbulenten Gegenwart.

Kurzer Plausch an der Kaviar-Bar: „Ich war schon immer ein kunstaffiner Designer“, so Tomaszweski, der für seine Mode zusätzliche Wertigkeit auch in der Nachhaltigkeit sucht. Parallel präsentierten die Künstler Bo Larsen, Karolin Hägele, Pawel Zielinski, James Song als auch Margit Hartnagel einige ihrer Arbeiten im angrenzenden Ausstellungsraum. „Das ist ja hier wie ein echtes Event vor Corona“, nuschelte eine Besucherin zufrieden in ihre Maske.

Quelle: FAZ.NET
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