Parfümeurin Lyn Harris

Es liegt Regen in der Luft

Von Maria Wiesner
17.12.2020
, 20:30
Parfümeurin Lyn Harris hat in Grasse gelernt und ist in London zu Hause. Wie hat sie sich nach „Miller Harris“ mit einem Nischenlabel neu erfunden?

In Zeiten der Krise steht die Parfümeurin Lyn Harris über Instagram in Kontakt mit ihren Kunden. Auf ihrem Account namens „Perfumer H“ sieht man Fotos von morgendlichen Spaziergängen durch Londoner Parks. Momentaufnahmen von Pflanzen und Blüten, deren Duft man beinahe digital wahrzunehmen meint. „Die Leute schreiben mir, dass meine Düfte ihre Zufluchtstätte sind“, sagt Harris. Doch bis Lyn Harris, die heute um die fünfzig ist, dort ankam, war es ein langer Weg.

Geht man ihn mit ihr zurück, landet man in Schottland. Dort entdeckte sie ihre Affinität zu Düften. „Während der Schulferien habe ich immer meine Großeltern besucht. Sie hatten einen kleinen Bauernhof, bauten selbst Gemüse an. Ich wuchs also mit dem unfassbar schönen Blumengarten meiner Großmutter auf. Sie hatte Rosen und Geranien. Es gab alle möglichen Beeren.“ Der Großvater war Schreiner, arbeitete viel mit Holz. Die Großmutter kochte Marmelade ein und war passionierte Bäckerin. „Wenn ich morgens aufwachte, lag immer der Geruch von Frischgebackenem in der Luft.“

Diese Kindheitserinnerungen beschreibt sie als „sehr sinnlich“. Es waren „die ersten olfaktorischen Erlebnisse“, aus denen sich bis heute ein Teil ihrer Kreativität als Parfümeurin speist. Ihre Inspiration sucht sie noch immer in der Natur, deshalb waren die Spaziergänge während des Lockdowns für sie so wichtig. „Der kleine Park, der auf Instagram zu sehen ist, liegt gleich die Straße hinunter“, sagt Harris. „Es ist ein Gemeinschaftsgarten, in dem ein paar der älteren Nachbarn, die sich sonst nicht heraustrauten, ins Freie konnten. Das ist sehr beruhigend. Natur ist unbeschreiblich.“

Harris entwirft Poesie mit Düften

Der Satz klingt wie das Motto ihrer Arbeit. Lyn Harris versucht, nicht Greifbares in Flakons einzufangen: das goldene Glitzern eines Sommermorgens auf einer mit Tau überzogenen Wiese, die dampfende Wärme eines Sommergewitters, den Duft eines Walds im Winter. Andere schreiben über solche Momente Gedichte, Harris entwirft Poesie mit Düften. „Es ist meine Art, meine Kreativität zu entfalten.“

Das Handwerk dafür lernte sie in der südfranzösischen Parfumstadt Grasse, als erste Britin schloss sie dort die klassische Ausbildung ab. Da man jedoch nicht gleich in Grasse anfangen kann, arbeitete sie zunächst während der Ferien in einer Parfümerie – der einzigen, die in ihrem Heimatort Halifax in West Yorkshire Chanel verkaufte. Es war ihre erste Begegnung mit französischen Häusern. „Dort sah ich, wie Duft die Kundinnen in elegante Frauen verwandelte.“ Zwischen teuren Wassern und Papierteststreifen reifte in ihr der Entschluss, selbst Düfte zu entwerfen. „Meine Eltern haben mir beigebracht, meinen eigenen Kopf zu haben“, sagt Harris. „Nie zu kopieren, nie zu folgen, keine Angst zu haben.“ Nach dem Schulabschluss ging sie nach Paris und begann ihre Ausbildung bei der Parfümeurin Monique Schlienger. „Sie hatte großen Einfluss auf mich. Als eine der ersten unabhängigen Frauen in dem Geschäft hatte sie mit Annick Goutal und Guerlain zusammengearbeitet“, sagt Harris und klingt dabei noch immer ehrfürchtig und dankbar. Als sie ihren Abschluss hatte, war klar, dass es nur noch einen Ort gab, an dem man ihr noch mehr beibringen konnte: Grasse, die alte französische Parfumstadt.

Unkonventionell und typisch britisch

Das Haus Robertet verarbeitet seit 1850 Rohmaterialien zu Parfumessenzen. Dort wurde sie in der französischen Tradition zur „Nase“ ausgebildet. Die junge Frau muss auf die Franzosen unkonventionell und typisch britisch gewirkt haben. „Als ich mich bei Robertet vorstellte, trug ich Jeans und Sweatshirt, irgendwie fanden sie das interessant“, erinnert sich Harris und lacht. In den Labors des Traditionshauses lernte sie die teuren Essenzen kennen und lieben. „Mein Ausbilder sagte zu mir: Riech dich daran satt, denn du wirst sie niemals verwenden können. Sie sind zu kostspielig für die Massenproduktion.“

Für Lyn Harris aber waren die Rosen- und Jasmin-Essenzen in Grasse so wichtig, dass sie beschloss, sich für ihre Düfte nicht dem Gedanken an Profit zu unterwerfen und stattdessen alles daran zu setzen, hochwertige Zutaten in ihren Kreationen zu nutzen. Bis heute unterhält sie gute Beziehungen nach Südfrankreich. Die Rohmaterialien für ihre Kompositionen kommen noch immer direkt aus Grasse.

Als sie nach ihrer Lehrzeit nach London zurückkehrte, gründete Lyn Harris ein Label unter dem Namen Miller Harris. Ihr Nachname, der Vorname ihres Vaters. Es entwickelte sich schnell zur begehrten Nischenparfummarke, für britische Düfte auf französischem Niveau. Bis heute verbindet es die Faszination für die Natur mit einer britischen Melancholie.

„Einfachheit und Ehrlichkeit zählen für mich“, sagt Harris. Bekanntheit erlangte ihre Marke, als die damalige britische First Lady Samantha Cameron der amerikanischen First Lady Michelle Obama bei einem Staatsbesuch eine Kerze von Miller Harris schenkte. Es folgte eine Kooperation mit Jane Birkin, die zugab, selten Parfum zu tragen. Ihr schenkte Lyn Harris einen Duft, der den zarten Namen „Ein Hauch von Nichts“ (L'Air de Rien) trägt. 2012 kaufte die Investmentfirma Neo Capital die Marke, kurz darauf verließ Lyn Harris das Geschäft, um sich neu zu erfinden. Mit einer neuen Marke – Perfumer H.

Sie zog dafür in den Londoner Stadtteil Marylebone und richtete ein Atelier mit Labor ein. Das Ladendesign erinnert an ihre Kreationen: geradlinig, ohne viele Schnörkel, aber mit liebevollen Details und exquisiten Materialien. Auf nussbraunen Holzregalen stehen Duftkerzen und Parfumflaschen in Samtrot und Yves-Klein-Blau.

Harris entwirft heute zwei Kollektionen pro Jahr, eine für Frühjahr und Sommer, eine für Herbst und Winter. Es geht ihr noch immer darum, die Vergänglichkeit der Natur festzuhalten. „Ich liebe den Geruch von nassen Blüten, wenn es nach großer Hitze geregnet hat. Ich speichere diesen Geruch ab, und dann ist es eine Tortur, bis ich ihn richtig wiedergeben kann.“ Ohne ein britisches Klischee bedienen zu wollen, spielt Regen in ihrer Arbeit öfter eine Rolle. Besonders an der dampfigen Note des Regens, die sich in ihren Parfums findet, hat sie lange gearbeitet. „Mit dem Duft Rain Cloud habe ich meinen Regenakkord endlich gefunden.“ Er konzentriert sich nicht auf die Frische, die viele aquatische Düfte auf dem Markt wiederzugeben versuchen, sondern auf den Moment, wenn die ersten Tropfen fallen und den Staub in der Hitze aufwirbeln. Und auch das kann an die Natur erinnern: Für die Zeit der Pandemie hat Lyn Harris Duftwasser entwickelt, die den Mund-Nasen-Schutz auffrischen. Sie riechen nach Orangenblüten, Bergamotte und Minze.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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