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Zukunft der Solarien

Naht das Ende der Sonnenbank?

Von Leonie Feuerbach
03.04.2021
, 11:05
Die Zahl der Solariennutzer geht in Deutschland zurück. Angst vor Falten und Krebs spielen dabei eine Rolle. Bild: ddp Images
Immer weniger Menschen gehen ins Solarium. In anderen Ländern wurden Sonnenstudios schon verboten. Kommt es auch in Deutschland dazu?
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An einem regnerischen Montagnachmittag im Februar klingelt die Türglocke des Solariums in Frankfurt im Minutentakt. Sonnenstudios in Hessen mussten – im Gegensatz zu anderen Bundesländern – im zweiten Lockdown nicht schließen. Daher sei mehr los als je zuvor, berichtet die Studentin, die hier jobbt. Eine Kundin in schwarzer Jogginghose sagt, gerade in diesen Zeiten, in denen Friseure und Nagelstudios geschlossen seien, tue es gut, etwas fürs Aussehen tun zu können. Braungebrannt gefalle sie sich selbst einfach besser als blass, das sehe so ungesund aus. Auf die Frage, ob nicht eher das Solarium ungesund sei und ob sie keine Angst vor Hautkrebs habe, antwortet die Frau nur: „Ich hatte bisher noch keine Probleme.“

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Fast wundert man sich über diese Naivität und über die vielen Besucher. Sind Solarien nicht längst out? Ist ihr Ruf nicht fast so schlecht wie der von Spielhallen und Raucherkneipen, in deren Nachbarschaft sie sich oft befinden? Ist die Zeit von braungebrannter Haut und wasserstoffblonden Haaren nicht genauso vorbei wie die von Bauchnabelpiercings und Arschgeweihen?

In den Siebzigern wurden sie erfunden, in den Achtzigern und Neunzigern hatten Solarien ihre besten Zeiten. Braun zu sein war damals ein Statussymbol. Wollte man Urlaubsrückkehrer ärgern, sagte man: „Du bist ja gar nicht braun geworden!“ Heute hingegen klingt „Du bist aber braungebrannt“ fast wie ein Vorwurf. Schließlich weiß man inzwischen, dass sich die Haut mit der Bräunung vor der Zumutung von UV-Strahlen zu schützen versucht. Und dass es so etwas wie gesunde Bräune, so gut das auch klingen mag, eigentlich gar nicht gibt.

Halb so viele Solarien wie im Jahr 2000

Die Zahl der registrierten Hautkrebserkrankungen steigt. Zuletzt wurden in Deutschland jedes Jahr rund 20.000 Fälle des besonders gefährlichen schwarzen und knapp zehnmal so viele des weißen Hautkrebses diagnostiziert. 2009 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch die künstliche UV-Strahlung als krebserregend ein. Seither ist Minderjährigen der Besuch von Solarien verboten. Seit 2012 gelten noch strengere Regeln. Im selben Jahr musste sich die Modekette H&M nach Empörung über ihre braungebrannten Bikini-Models für ihr „tödliches Schönheitsideal“ entschuldigen.

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Das alles hat Folgen. Gab es im Jahr 2000 noch etwa 7500 Solarien in Deutschland, sind es inzwischen nicht mal mehr halb so viele. Legten sich 2012 bundesweit noch 14,6 Prozent der befragten Deutschen zwischen 14 und 45 Jahren auf die Sonnenbank, waren es 2015 elf und 2018 nur noch 8,8 Prozent. Besonders Frauen gehen seltener ins Solarium. Bei Männern und bei Personen mit Migrationshintergrund ist die Nutzung eher konstant. Womöglich sorgen sich Frauen mehr um ihre Gesundheit oder haben größere Angst vor vorzeitiger Hautalterung. In Mittelmeerländern könnte gebräunte Haut noch ein stärkeres Schönheitsideal sein, sagt die habilitierte Public-Health-Wissenschaftlerin Katharina Diehl, die diese Daten zur Solariennutzung mit Kollegen erhebt.

Ist Sonnenbaden angesichts der Gesundheitsrisiken noch in? Bild: dpa

Einen Grund zur Entwarnung sieht sie in den Zahlen nicht. Denn ausgerechnet bei den Minderjährigen, die eigentlich gar nicht ins Solarium gehen dürfen, gebe es von 2015 bis 2018 einen geringen Anstieg, der jedoch nicht statistisch signifikant sei. Und das Risikobewusstsein scheine zu sinken. Zudem geben immer mehr Befragte an, nicht nur aus Gründen der Schönheit und Entspannung ins Solarium zu gehen, sondern auch, um die Vitamin-D-Produktion anzuregen oder um Symptome von Hautkrankheiten zu mildern. Das ist wohl ein Erfolg der Besonnungsindustrie, die vermehrt mit Entspannung und Hautpflege wirbt. Für Hautkrankheiten gebe es aber spezielle Lichttherapien beim Dermatologen, sagt Diehl. Und für die Vitamin-D-Produktion reiche es in der Regel, Gesicht, Hände und Arme von der Sonne bescheinen zu lassen.

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„Ein Verbot wäre das Beste“

Hautärzten geht selbst das schon fast zu weit. Mark Berneburg, Professor und Direktor der Dermatologie an der Uniklinik Regensburg, rät dazu, an sonnigen Tagen immer Sonnenschutz zu verwenden, auch im Winter. „An Hautkrebs kann man sterben.“ Ein Vitamin-D-Mangel lasse sich hingegen einfach durch Tabletten beheben. Er befürwortet ein Solariumverbot. „Ich verstehe, warum Menschen dahin gehen, aber gesundheitstechnisch wäre ein Verbot das Beste.“

Auch Eckhard Breitbart, Vorsitzender des Hautkrebs-Netzwerks Deutschland, lässt keine Zweifel zu: „UV-Strahlung ist krebserregend.“ Wer vom 35. Lebensjahr an einmal im Monat ins Solarium gehe, erhöhe sein Hautkrebsrisiko um 60 Prozent. In Europa gingen 800 Hautkrebstote pro Jahr laut Hochrechnungen auf Solariennutzung zurück. „Das ist wirklich eine ziemlich giftige Sache.“ Deshalb setzten sich die Krebshilfe, die Strahlenschutzkommission des Umweltministeriums, die EU und die WHO für ein Verbot ein. Das gibt es bisher in Australien und Brasilien, in Frankreich wird darüber debattiert. „Nachdem ich 30 Jahre für ein Verbot gekämpft habe“, sagt Breitbart, „sehe ich die Chancen dafür inzwischen relativ gut.“

Der Bundesfachverband Besonnung widerspricht als Interessenverband deutscher Solarienbetreiber vehement. Es gebe „einen guten Ordnungsrahmen für den Betrieb von Solarien“. Ein Verbot zu fordern sei ideologisch motiviert, teilt der Sprecher schriftlich mit. „Im Gesamtkontext gesehen, überwiegen die positiven Einflüsse von Sonnenlicht den vermeintlichen Schaden um ein Vielfaches.“ UV-Licht und Vitamin D könnten Hautkrebs sogar entgegenwirken. Eine aktuelle Metastudie sehe „keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Solarien und der Entstehung eines schwarzen Hautkrebs“.

Wer hat Recht? Bemerkenswert ist eine weitere Metastudie. Aus ihr geht hervor, dass von fast 700 Studien zum Thema, die bis 2019 veröffentlicht wurden, gut sieben Prozent finanzielle Förderung von der Solarienindustrie bekommen hatten. Während 92 Prozent der Studien ohne finanzielle Verbindungen zur Bräunungsindustrie Solarienbesuche negativ bewerteten, befürworteten von der Branche geförderte Studien diese zu 78 Prozent.

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Verändert die Vernunft unsere Schönheitsideale?

Unterstützung bekommen Krebsforscher und Dermatologen nun aus den sozialen Medien. In der Welt der Schönheits-Influencer wird die tägliche Verwendung von Sonnencreme als Tugend gefeiert. Solariumbesuche sind verpönt. Videos über die beste Sonnencreme für Personen mit Akne oder mit trockener Haut haben auf Youtube teils mehr als eine halbe Million Aufrufe. Hyram, ein blasser junger Mann, dessen Hautpflege- Videokanal fast fünf Millionen Personen abonniert haben, erklärt Sonnencreme zum wichtigsten Bestandteil der „skincare routine“. Unter Lichtschutzfaktor 30 brauche man gar nicht erst anzufangen. Zur Begründung reichen ihm zwei Worte: „Because: cancer.“

Verkehrt die Vernunft alte Schönheitsideale ins Gegenteil? Anuschka Rees, Autorin von „Beyond Beautiful“, glaubt das nicht. Gebräunte Haut werde immer noch als schön empfunden. „Vor allem im Sommer. Aber gleichzeitig betont man dann, sich nicht absichtlich gebräunt zu haben.“ Dass Frauenmagazine und Influencer mahnen, selbst an wolkigen Wintertagen nie den Sonnenschutz zu vergessen, weil sonst Falten drohten, sieht sie kritisch. „Das ist letztlich nur eine weitere Blüte unserer allgemeinen Fixierung auf Schönheitsmaßnahmen.“ Und offenbar eine, die in bestimmte Kreise gar nicht vordringt.

Die Solariumbesucherin in der schwarzen Jogginghose verwendet nie Sonnenschutz. In ihrem Job als Kellnerin, erzählt sie, habe sie mal eine ältere Dame bedient, die ledrige, fleckige Haut gehabt habe. Die habe sie vor dem Solarium gewarnt: „Mädchen, mach das nicht!“ Sie vermutet: „Die hat es auch übertrieben, die war bestimmt jeden Tag.“ Sie selbst gehe nur zwei- bis dreimal die Woche ins Sonnenstudio.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Leonie Feuerbach
Redakteurin in der Politik.
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