Zukunftsforscher Matthias Horx

„Das Virus hat wie ein Scheinwerferlicht in dunkle Ecken geleuchtet“

Von Sabine Spieler
Aktualisiert am 04.08.2020
 - 17:46
Neues Normal? Am Kölner Rheinufer sitzen Menschen in aufgemalten Kreisen, um den Mindestabstand einzuhalten.
Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher – und sieht in der Pandemie eine Tiefenkrise, die Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft verändern wird. Im Interview gibt er seine Prognosen ab.

Herr Horx, Sie haben zu Beginn des Lockdowns einen sehr positiven, fast idealisierenden Bericht über Covid-19 und die Folgen des Virus auf die Gesellschaft geschrieben. Sehen Sie die Entwicklung heute, vier Monate später, immer noch so positiv?

Ich habe versucht, auf den Überraschungs-Charakter von disruptiven Krisen hinzuweisen, die uns zunächst sehr bedrohlich erscheinen – und natürlich auch Bedrohungen mit sich bringen. Im privaten Bereich erfahren wir ja, dass Krisen auch eine notwendige Veränderung mit sich bringen können, eine Transformation. Wir wundern uns manchmal über uns selbst, wie wir auf scheinbar aussichtlose Situationen reagieren, und dann beginnt etwas Neues. Auf diese Möglichkeit wollte ich hinweisen. Und das ist, glaube ich, durchaus auch so gekommen.

Inwiefern wird sich die Gesellschaft verändern?

Eine Tiefenkrise wie die Corona-Krise verändert auf allen Ebenen unsere Existenz: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Wertesysteme. Die Politik hat an Einfluss und Deutungsmacht zumindest in den meisten europäischen Ländern gewonnen. Die Wirtschaft gestaltet sich auf vielen Ebenen um, manche Branchen verlieren, manche gewinnen. Viele Menschen haben einen Zuwachs an Achtsamkeit erlebt, eine Erfahrung des Innehaltens. Sie haben im Lockdown erfahren, wie wichtig das Zwischenmenschliche und das Soziale sind, wie verletzlich wir alle sind. Dadurch nehmen wir jetzt vieles anders wahr. Das Virus hat gewissermaßen wie ein Scheinwerferlicht in manche dunklen Ecken hineingeleuchtet. Man denke an die Schlachthöfe oder das große Besäufnis am Ballermann. Das hat es auch schon früher gegeben, aber jetzt hat es eine andere Dimension. Es wirkt völlig anders. So entstehen Werteverschiebungen.

Sie gehen auch davon aus, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit an Bedeutung gewinnen. Besteht aktuell nicht eher die Gefahr, dass in einer Welt mit Existenzsorgen und Arbeitslosigkeit Mitmenschlichkeit eher einer Aggressivität weicht?

Die Gefahr besteht immer. Wir erleben, dass Menschen in der gesellschaftlichen Mitte erstaunlich wenig Angst vor Arbeitsverlust haben, auch weil der Staat vieles abfedert, aber vielleicht auch, weil wir als Individuen und Gesellschaft etwas robuster und resilienter geworden sind. Ein Indiz dafür ist auch, dass populistische Versprechungen nicht mehr so recht greifen. Vielleicht müssen wir auch nicht immer in jeder Unsicherheit oder Krise den Untergang herbeifürchten, wie das in einer medial sehr alarmistischen Gesellschaft üblich geworden ist. Das wäre ein erwachsenerer Umgang mit der Welt, auf den ich hoffe.

Was bedeutet die Corona-Krise für den Konsum?

Eine Dämpfung der Kauflust in vielen Sektoren. Ausnahmen sind vielleicht Alkohol, Teile von Wohneinrichtungen, „Trostprodukte“ aller Art. Aber das Reiseniveau wird viele Jahre zurückgehen, die Lust auf alles, was exzessiv und laut ist, nimmt ab. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Übers Wochenende für 40 Euro im November nochmal zum Ballermann reisen war vielleicht auch nicht so – wie soll man sagen? – erfolgreich. In jeder Hinsicht. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich eher in Richtung Gesundheit, deshalb boomt Fahrradfahren, Gärtnern, alles was mit Natur zu tun hat. Die klassischen Exzesse des Konsums, also das Immer-Mehr-Kaufen, wird weniger attraktiv. Ich schätze, dass sich zehn bis fünfzehn Prozent des alten Konsumniveaus nicht wieder ganz herstellen. Eine wachsende Gruppe von Menschen konsumiert in Zukunft gezielter, ökologischer und nachhaltiger.

Stichwort Globalisierung: Wird es durch Corona eine Rückbesinnung auf „Made in Germany“ oder zumindest „Made in Europe“ geben?

Das sind eher Markenbegriffe, die in Zukunft nicht mehr eine so große Bedeutung haben. Aus China werden demnächst ebenfalls tolle Autos und qualitative Luxusgüter kommen. Auch wenn der Welthandel nicht aufhört: Es wird auf jeden Fall wieder mehr lokale, regionale, nationale und europäische Fertigungsstufen geben. Die Zeiten der Millionen Billigteile aus China, aus denen man dann hier ein Auto zusammenbaut, sind definitiv vorbei. Die Globalisierung reorganisiert sich, weg vom „Just in Time“ zu „Right Place und Right Product“. Es geht um lokale Autonomie, aber die Ananas wird sicher nicht aus Oberfranken kommen.

Das Thema Nachhaltigkeit bleibt also relevant.

Die ökologische Frage ist die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts. Die große Auseinandersetzung um die Erderwärmung geht in die entscheidende Phase, und Corona hat diese Zuspitzung forciert. Die Jüngeren werden fragen: Wenn wir durch Verhaltensänderung ein Virus stoppen können, können wir das dann nicht auch mit fossilen Produktionsmethoden? Geht das nicht schneller, wo es doch bei Corona so turboschnell ging, alles stillzulegen? Die Corona-Krise geht nahtlos in eine neue Turbulenz- und Protestphase in Richtung einer nachhaltigeren Welt über. Durch die immer wahrscheinlicher werdende Abwahl Trumps wird die grüne – oder blaue Wende, wie ich sie nenne – neuen Schwung bekommen. Das Virus war letztlich auch ein Produkt der globalen Überverdichtung und Überbeschleunigung.

Sie definieren Corona auch als eine Art Chance für einen Neubeginn und schreiben von einer schöneren, besseren Welt. Wie könnte die Ihrer Meinung nach aussehen?

Es geht nicht um eine schöne, bessere Welt, das wäre naives Wolkenkuckucksheim. Es geht um Entscheidungen, die dringender geworden sind. Um Wandlungen, die auch dadurch entstehen, dass alte Ausreden und Möglichkeiten nicht mehr zu Verfügung stehen. So wird etwa der Öl-Sektor durch Corona in eine tiefe Strukturkrise geraten, aus der man ihn auch nicht mehr so einfach heraus subventionieren kann. Das Virus zwingt uns dazu, zu entscheiden, wie wir in Zukunft leben wollen. Das spüren viele Menschen. Wandel, im Sinne einer tieferen Veränderung geht immer über das Herz. Unser Herz ist aber durch die Krise existentiell berührt worden. Diese innere Öffnung sollten wir alle nutzen, individuell, aber auch als Gesellschaft, als Politik, als Unternehmer.

Würden Sie sagen, wir stehen vor einem historischen Moment des Neuanfangs?

Zumindest sind wir in einem „Semantic Shift“, einer Veränderung von Wahrnehmungs-Kontexten. Viele Menschen haben erfahren, wie wichtig Vernunft, Wissenschaft und solidarisches Verhalten sind. Es bildet sich in der Not immer eine neue Gemeinschaft, die aber auch Solidarität entwickelt und einfordert. Die meisten Länder haben sich entschieden, die Wirtschaft zu riskieren, um älteren und schwächeren Menschen das Überleben zu ermöglichen. Wir alle haben verzichtet und tun es noch, damit anderes Leben gerettet wird. Das ist ein ethischer Fortschritt. Diese Erfahrung macht uns reifer. Man sieht, was passiert, wenn das wie in Amerika nicht gelingt. Dort ist die Gesellschaft noch gespaltener als vorher und rutscht in eine tiefe Sinnkrise.

Was bedeutet das für die politische Entwicklung weltweit?

China steigt weiter auf. Amerika geht auf einen Abgrund zu, der aber auch zu einer Renaissance und Neu-Erfindung führen kann. Kleinere Länder, besonders wenn sie von Frauen geführt werden, sind relativ gut durch die Krise gekommen. Es gibt wieder eine Idee der „Care Society“. Es wird Unruhen geben, vielleicht eine neue weltweite Jugendbewegung wie nach 1968. Autokraten werden fallen, vielleicht auch neue dazukommen. In jedem Fall ist die Zeit der amerikanischen Dominanz vorbei. Wir erleben den Anfang eines neuen multipolaren Weltsystems. Vor dem fürchten wir uns noch, weil es neu und ungewohnt erscheint. Aber es muss nicht zwangsläufig schlechter sein als das Zeitalter der amerikanischen Dominanz.

Quelle: FAZ.NET
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