Alfredo Häberli im Fragebogen

„Was mir zum Glück fehlt? Zum Glück nichts“

Von Peter-Philipp Schmitt
02.05.2020
, 13:44
Alfredo Häberli ist einer der bekanntesten Produktdesigner der Schweiz, seine Stücke sind zeitlose Klassiker. Im Stil-Fragebogen verrät er zum Beispiel, warum es ihm Mut abverlangt, seinen alten Skioverall zu tragen.

Er scheint Schweizer durch und durch, der Familienname spricht dafür. Doch Alfredo Häberli wurde 1964 in Buenos Aires geboren. Als Jugendlicher ging er mit seiner Familie zurück in die Heimat seiner Großeltern. An der Hochschule für Gestaltung in Zürich studierte er Design, gründete nach dem Diplom Anfang der Neunziger sein Studio. Heute ist Häberli der bekannteste Produktdesigner der Schweiz. Viele Arbeiten für Firmen wie Alias, Iittala, Offecct und Luceplan sind zeitlose Klassiker. Moroso und Andreu World wollten Ende April neue Sitzmöbel von ihm auf der Mailänder Möbelmesse vorstellen - die ist für dieses Jahr aber abgesagt worden.

Was essen Sie zum Frühstück?

Wenn ich zu Hause in Zürich bin, Bircher Müsli mit Joghurt und dazu einen starken doppelten Espresso. Das Müsli mache ich selbst, aus Körnern und Früchten.

Wo kaufen Sie Ihre Kleidung ein?

Vorwiegend wenn ich unterwegs bin. Zu meiner Arbeit gehört es, Boutiquen zu besuchen, ob das nun in Kopenhagen, Mailand, London oder New York ist. Mich interessieren die Innenarchitektur sowie unbekannte Marken und Produkte. In Zürich habe ich zudem für den Maßkonfektionär Alferano eine Herrenboutique entworfen, und ein Teil meines Honorars sind maßgefertigte Anzüge.

Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Schrank?

Ein gelber Skioverall von Descente. Als ich in den siebziger Jahren in die Schweiz kam, war Skifahren noch Pflicht. Den Overall habe ich mir im Ausverkauf gekauft. Er passt auch noch, ist aber so schräg und verrückt, dass es viel Mut braucht, mit ihm noch auf die Piste zu gehen.

Wann haben Sie zuletzt handschriftlich einen Brief verfasst?

Heute Morgen. Es ist mehr ein gezeichneter Liebesbrief an meine Frau. Wenn ich morgens früh auf Reisen gehe, hinterlasse ich ihr und den Kindern gerne ein paar Zeilen.

Welches Buch hat Sie im Leben am meisten beeindruckt?

Ein Buch aus den Vierzigern. Es ist von einem Cartoonisten des „New Yorker“, Saul Steinberg, und heißt „All In Line“.

Wie informieren Sie sich über das Weltgeschehen?

Ich lese jeden Tag den „Tages-Anzeiger“, sonntags die „NZZ am Sonntag“. Für unterwegs habe ich Magazine dabei, Beilagen von „New York Times“, „Süddeutscher Zeitung“ und F.A.Z., die ich zwischendurch lese.

Was ist Ihr bestes Smalltalk-Thema?

Ich tendiere dazu, nicht über mich und meine Arbeit zu sprechen. Ich mag es nämlich nicht, wenn ich über meinen Beruf definiert werde. Ich frage lieber nach, was mein Gegenüber gerade beschäftigt.

Bei welchem Film haben Sie zuletzt geweint?

„Bohemian Rhapsody“ über Freddy Mercury. Dabei hat mich der Tod meines Bruders, der ebenfalls in den Neunzigern an Aids gestorben ist, eingeholt. Das war ziemlich katastrophal im Kino, aber es hat nachher zu sehr schönen Gesprächen mit meinen Kindern und meiner Frau geführt, für die Aids ein eher abstraktes Thema ist.

Sind Sie abergläubisch?

Nein. Da hatte ich nie Platz für.

Worüber können Sie lachen?

Ich bin in Argentinien geboren, und dort ist aufgrund des andauernden politischen und wirtschaftlichen Chaos Humor unerlässlich. Das spielt für argentinische Komiker eine große Rolle. Meine beiden Schwestern, meine Mutter und ich können uns über ihre Witze kaputtlachen.

Ihr Lieblingsvorname?

Ich bleibe meist bei französischen Namen hängen, darum heißen unsere Kinder wohl auch Luc und Aline. Alfredo mag ich gar nicht, das klingt nach einer Pizza. Aber ich kann gut damit leben, mein Vater hieß auch Alfredo. Und mein zweiter Vorname ist auch nicht besser: Walter.

Machen Sie eine Mittagspause?

Ja. Wenn ich in Zürich bin, muss ich mittags raus aus dem Studio, um alleine zu sein. Ich gehe dann gerne auch alleine in ein Restaurant.

In welchem Land würden Sie gerne leben?

Ich dachte lange, auf einer Insel zu wohnen wäre schön. Ich war dann ein Jahr auf Mallorca und habe festgestellt, dass ich lieber in der Toskana leben würde, des Essens, der Landschaft, des Wetters und der Leute wegen.

Was fehlt nie in Ihrem Kühlschrank?

Genügende Kälte.

Fühlen Sie sich mit oder ohne Auto freier?

Mit! Ich bin ein Autonarr. Ich bin neben der Rennstrecke Oscar Cabalén in Córdoba aufgewachsen. Wenn ich nach Italien mit dem Auto fahre, natürlich immer über den Pass, dann höre ich kein Radio, weil mir das Geräusch des Motors so gefällt.

Was ist Ihr größtes Talent?

Umgang mit Menschen. Und dass das Beobachten Teil meines Denkens ist.

Was tun Sie, obwohl es unvernünftig ist?

Auch wenn ich das wohl nicht mehr sagen dürfte: ein-bis zweimal im Jahr auf einer Autorennstrecke sinnlos herumfahren.

Welcher historischen Person würden Sie gerne begegnen?

Ich hätte gerne mit dem amerikanischen Künstler Alexander Calder an seinen Mobiles gebastelt.

Tragen Sie Schmuck? Und eine Uhr?

Seit meinem 18. Lebensjahr sammle ich Uhren. Sie sind alle aus den Siebzigern, bis auf die Uhr, die mein Vater zu seinem 18. Geburtstag geschenkt bekommen hat. Ein Mann sollte immer eine schöne Uhr tragen, als Schmuck, und nur eine Uhr. Ich nehme immer mindestens zwei bis drei meiner gut 60 Schweizer Uhren mit auf Reisen.

Haben Sie einen Lieblingsduft?

Zwei, beide von Hermès: Terre d'Hermès und Eau des Merveilles Bleue.

Was war Ihr schönstes Ferienerlebnis?

Eine Reise mit dem Auto durch Marokko, von Marrakesch bis zum Hohen Atlas. Das war sehr schön, vor allem die Farbigkeiten, die Texturen, die Gerüche.

Auf welchem Konzert waren Sie zuletzt?

Bei dem englischen Musiker Benjamin Clementine.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Zum Glück nichts.

Was trinken Sie zum Abendessen?

Vorwiegend Züricher Leitungswasser. Hin und wieder ein Ginger Beer.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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