Anna Wintour wird 70

Der Teufel trägt noch immer Prada

Von Alfons Kaiser
03.11.2019
, 14:43
Anna Wintour gilt als mächtigste Frau der Mode. Nun wird die Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ 70 Jahre alt – und macht einfach weiter.

Man erkennt sie schon von weitem. Ihre Frisur sieht aus, als hätte man aus einem haarigen Helm ein Fenster fürs Gesicht ausgefräst. Die blickdichte Brille sagt geradeheraus: Sprich mich nicht an! Und die unbewegliche Miene trägt nicht dazu bei, dass man in der ersten Reihe von Modenschauen gerne neben ihr säße – was ohnehin nicht passiert, denn an ihrer Seite sind natürlich ihre Getreuen.

Anna Wintour, die an diesem Sonntag 70 Jahre alt wird, braucht viele Schutzschilde. Denn die Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ gilt als mächtigste Frau der Mode, noch vor den eigentlich Kreativen wie Miuccia Prada, Jil Sander oder Rei Kawakubo. Das Logo, zu dem sie sich gemacht hat, trägt zur Stilisierung ihrer Person bei. Zugleich bewahren die Sonnenbrille und der Bob vom Typ „Klare Kante“ sie davor, schräg angequatscht oder böse angemacht zu werden.

Der selbstsichere Auftritt der Frau, die stets pünktlich mit strammem Schritt zum Defilee eilt, ist auch Selbstverteidigung. Denn unangefochten war sie in ihrer schon seit 1988 währenden Regentschaft am Times Square, Ecke 42. Straße, und nun im 25. Stockwerk von One World Trade Center nicht. Da sind die Veralberungen noch das geringste Problem. Bei der Lanvin-Schau am 2. März 2008 drängte sich eine Dame mit strengem Bob und dicker Sonnenbrille in die erste Reihe, und es war – die Moderatorin „Mademoiselle Agnès“, die sich einen Scherz für ihre Fernsehshow gestattet hatte. All die Witzchen, Graffiti, Karikaturen finden genug Stoff in ihrem Auftritt, zu dem auch die Kaschmirjäckchen und die verschränkten Arme gehören, noch so ein Abwehrverhalten gegen die Gefahren einer oft überehrgeizigen, oberflächlichen und zuweilen durchtriebenen Szene.

Am laufenden Band fällt sie Geschmacksurteile

Im Frühjahr 2008 musste Wintour im „New York Magazine“ unter der Überschrift „The Anti-Anna“ lesen, dass ihre Kollegin Carine Roitfeld sie in durchaus zwiespältiger Art bewunderte: „Anna ist zur Ikone geworden“, sagte die damalige Chefredakteurin der französischen „Vogue“, „aber sie wirkt wie eine Marionette. So möchte ich nicht sein, ich möchte keine Uniform tragen.“ Das saß. Und als dieser Ton einmal angeschlagen war, riefen viele zur Jagd. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die sich auch zu einer Medienkrise auswuchs, veröffentlichten Ende 2008 zahlreiche Medien hämische Abgesänge auf „Nuclear Wintour“, die sich von der „Editrix“ zur „Dominatrix“ entwickelt habe. Dabei hatte sie im September 2007 ein 842-Seiten-Totschlagargument (mit 727 Seiten Anzeigen) vorgelegt. Übertroffen wurde sie nur von sich selbst: Im September 2012 brachte sie – mit unvergesslicher Lady Gaga auf dem Titel – eine Rekordausgabe von sage und schreibe 916 Seiten heraus, die wohl dickste Zeitschrift der Mediengeschichte.

Sollen die lieben Kolleginnen und Kollegen aus anderen Verlagen und teils auch im eigenen Imperium reden – Anna Wintour, die um fünf Uhr morgens aufsteht und neben ihrer Karriere auch noch zwei Kinder aufzog, macht einfach weiter. Am laufenden Band und erstaunlich sicher fällt sie Geschmacksurteile. Trotzdem ist ihre Zeitschrift ästhetisch und inhaltlich nicht „top-notch“, wie man in New York sagen würde. Allzu oft bestehen die Seiten aus cremefarbener Langeweile für die blasierte weiße Ostküsten-Oberschicht – da hilft auch keine Beyoncé auf dem Cover.

Aber dieses Zielpublikum muss man erst einmal bedienen können! Es ist geradezu absurd anzunehmen, das könne irgendjemand so gut wie sie. Denn zu allem Überfluss ist die Unnahbare auch noch ziemlich smart. Als der Spielfilm „Der Teufel trägt Prada“ im Jahr 2006 ihre Wirkmacht einem großen Publikum vorführte und ihren Mythos ins Überirdische vergrößerte, mündeten die vielen satirischen Kommentare über diese Frau in ungläubiges Staunen. Die eiserne Lady der Mode kleidete sich nämlich bei der New Yorker Premiere des Films in eine selbstironische Pointe: Sie trug Prada.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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