Architektur von Gio Ponti

Die Welt als Villa und Vorstellung

Von Peter-Philipp Schmitt
13.03.2021
, 10:14
Anala und Armando Planchart ließen sich in den Fünfzigern „ein modernes Haus“ in Caracas errichten. Heute versucht eine Stiftung, das Werk des Architekten Gio Ponti zu erhalten.

Mit einem Brief fing es an: „Wir hoffen“, schrieb Armando Planchart im Juni 1953, „Sie haben etwas Kostbares für uns auf Lager.“ Der Satz war an Gio Ponti gerichtet. Den berühmten italienischen Architekten hatte Plancharts Frau Ana Luisa, genannt Anala, im fernen Caracas entdeckt. Ponti hatte 1928 die Zeitschrift „Domus“ gegründet, sie erschien monatlich und beschäftigte sich unter seiner Leitung mit „Architektur und moderner Einrichtung in der Stadt und auf dem Land“. Anfang der fünfziger Jahre war sie die maßgebliche Architektur-Zeitschrift der Welt, und Anala Planchart war eine begeisterte Anhängerin der Arbeiten Gio Pontis geworden.

Wenig später schon reisten die Plancharts nach Mailand, um den vielbeschäftigten Architekten für sich und ihre Pläne zu gewinnen. Anala Planchart hatte ein Grundstück auf einem Hügel mit Blick auf die Hauptstadt Venezuela erworben, dort sollte nun ein „modernes Haus„ entstehen. „Ich möchte, dass es keine Wände hat, damit ich Ävila sehen kann“, sagte sie bei ihrem ersten Treffen zu Gio Ponti. Ävila, das ist das mehr als 2000 Meter hohe Gebirge, das sich nördlich von Caracas erhebt.

Der Mailänder, Jahrgang 1891, machte sich ans Werk. Dutzende Briefe mit Ideen und Plänen gingen hin und her, schließlich reiste Gio Ponti 1954 selbst nach Caracas, um sich ein Bild von „El Cerro“ zu machen, dem Hügel, auf dessen Spitze das Haus „so sanft wie ein großer Schmetterling“ sitzen sollte. Am 8. Dezember 1957 war die Villa bezugsfertig. Von dort oben hatten die Plancharts die beste Aussicht auf die ganze Stadt. Nur ein Jahr später verfolgten sie von ihrer Terrasse aus, wie der Diktator Marcos Pérez Jiménez gestürzt wurde und an Bord eines Flugzeugs in die Vereinigten Staaten floh.

Extravaganzen der Wohlhabenden

Armando Planchart, 1906 in Caracas geboren, war Geschäftsmann. Er arbeitete zunächst für General Motors und machte sich später selbständig. Venezuela war nach dem Ersten Weltkrieg dank seiner Erdölvorkommen zu einer aufstrebenden Industrienation geworden, in der viel Geld zu verdienen war. Anala und Armando Planchart gehörten bald zu einer wohlhabenden Elite, die sich viele Extravaganzen leisten konnte, darunter die nach ihnen benannte Villa.

Gio Ponti plante und baute sie nicht nur für sie, er stattete sie auch aus. Sessel und Schränke stammen genauso von ihm wie der „Harlekin-Fußboden“ aus buntem Marmor und die Wände mit Mosaiken aus Steinen und Fliesen. Selbst das Geschirr in der Küche hat der Designer eigens für die Villa Planchart entworfen.

Haus und Inventar haben sich erhalten und sind heute im Besitz der Fundación Anala y Armando Planchart, einer Stiftung, die Armando Planchart 1970 gegründet hat. Er starb 1978 in Caracas, seine Frau überlebte ihn um 27 Jahre. Bis zu ihrem Tod 2005 im Alter von 94 Jahren wohnte sie in „El Cerro“, wie die Villa auf dem Hügel auch genannt wird. Seither dient das Gebäude der Stiftung als Veranstaltungsort. Auch das ist einer der Stiftungszwecke: Die Fundación soll Kunst und Kultur in Venezuela fördern.

Doch das ist nicht leicht in einem Land, das von einer wirtschaftlichen Krise in die nächste taumelt. Venezuela steht seit Jahren, spätestens seit Nicolás Maduro die Macht von Hugo Chávez übernommen hat, vor dem Staatsbankrott. Zur Zeit, sagt die Direktorin der Stiftung, Carolina Figueredo, sei das Gebäude noch in einem guten Zustand. „Doch ohne Hilfe können wir die Villa Planchart auf Dauer nicht erhalten.“

Die Stiftung bemüht sich um internationale Unterstützung, die vor allem aus Italien kommt, etwa von Gio Pontis Enkelsohn Salvatore Licitra, der den Nachlass seines Großvaters verwaltet. Nachdem einige Möbel aus der Villa 2018 in der Ausstellung „Tutto Ponti“ im Musée des Arts décoratifs in Paris zu sehen waren, wuchs das Interesse. Inzwischen kann man einen Entwurf aus der Villa Planchart kaufen – den Sessel D.154.2, den Molteni & C herausgebracht hat.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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