Ausstellung von Axel Scheffler

Grüße aus London

Von Tilman Spreckelsen
15.05.2022
, 16:42
Der Illustrator Axel Scheffler versieht seine Briefe oft mit wunderbaren Zeichnungen. Glücklich, wer sich zu den Adressaten zählen kann. Nun werden die Umschläge in Frankfurt und Leipzig ausgestellt.
ANZEIGE

Wer Post von Axel Scheffler bekommt, steht bisweilen vor einer Herausforderung. Und das noch bevor er sich dem Inhalt zuwenden kann. Denn einen vom Absender derart verzierten Umschlag wird man anders öffnen als gewöhnliche Briefe. Man wird jedenfalls nicht die Finger wie sonst irgendwo zwischen Lasche und Umschlag vergraben und beherzt aufreißen – die Gefahr, das Bild auf der Vorderseite zu beschädigen, ist mit dieser Methode groß. Wer einigermaßen geschickt ist, greift vielleicht zum Brieföffner, aber mit etwas Pech kann auf diese Weise eine gefaltete Beigabe zum Brief, zum Beispiel ein Zeitungsausschnitt, in der Mitte durchgeschnitten werden.

Was bleibt da noch? Die Lasche vorsichtig an der Klebestelle lösen? Aber auch sie kann leicht einreißen und so die Absender-Adresse beschädigen. Inzwischen habe ich nach einigem Probieren einen doch recht zerstörungsarmen Weg gefunden, der zumindest bei Umschlägen wirkt, die nicht ganz bis an den linken oder rechten Rand ausgemalt sind: Durch vorsichtiges Schütteln wird der Inhalt ganz auf die eine Schmalseite bewegt; auf der anderen Seite schneide ich mit der Schere einen äußerst dünnen Streifen ab. Der Umschlag ist offen, der Brief kann gelesen werden. Aber was sind das für Umschläge?

ANZEIGE

Die beiden Ausstellungen, die diesem besonderen Bereich von Axel Schefflers künstlerischem Werk in Leipzig und Frankfurt gewidmet sind, zeigen eine große Variationsfreude: Manche Umschläge sind vollständig bemalt, manche mit freigestellten Figuren, in wenigen gedeckten Farben oder leuchtend bunt. Die Szenerien wechseln die Hemisphären und die Epochen, und einzelnen Adressaten sind bestimmte Motivgruppen zugedacht: Eine Korrespondentin empfängt Skelett um Skelett, oft die Motive der jeweiligen Briefmarken in dieser Weise variierend, eine andere Schnabeltiere in wiederholungsfreier Fülle, die als Boten der „Platipost“ (nach dem englischen Wort „Platypus“ für das Schnabeltier) fungieren und auch schon mal hemmungslos das „Platipostgeheimnis“ missachten, indem sie fröhlich eine Zustellertasche durchwühlen. Ein eigener Stempel „Platipost“ ziert diese Briefe, und weil sich das aus sehr frühen Jahren der Korrespondenz bis in die Gegenwart hinzieht, trägt auf einem der letzten Umschläge ein großes, mattes Schnabeltier eine naturgemäß recht gedehnte, medizinische Maske im Gesicht.

Die Regeln einer gepflegten Korrespondenz

Das Schnabeltier ist nicht das einzige Umschlagmotiv, das auf Corona reagiert, auch andere – vom agilen Osterhasen über ein tanzendes Menschenpaar bis zum matt hingesunkenen Eichhörnchen – verhüllen in Corona-Furcht ihr Gesicht. Im Dezember 2020 trägt auch der Weihnachtsmann eine Maske. Was sie unverdeckt lässt, deutet auf ein recht zorniges Wesen hin, dessen ganzer Körper angespannt wirkt und dessen Augen selbst für die Handschrift dieses Künstlers ungewöhnlich hervorstechen, als könnte der auf dem Briefumschlag Gemalte nicht verstehen, was sich da gerade um ihn herum an Unvermögen und Hilflosigkeit im Umgang mit der Pandemie offenbart, und vor allem: als könne er es nicht gutheißen. Denn so wie die Umschläge auf die Adressaten abgestimmt sind, auf das Bild, das sich der Künstler von seinem Korrespondenten und dessen Vorlieben und Interessen macht, so reagieren sie auch auf die Welt, in der sich der Briefwechsel abspielt. Und kommentieren etwa die Zeit der Brexit-Entscheidung und die folgenden Monate mit Bildern der Trauer und auch der Wut.

ANZEIGE

Dass Axel Scheffler die Regeln einer gepflegten Korrespondenz schon früh gelernt hat, zeigt sein glücklich erhaltenes Heimatkundeheft mit Notizen etwa zum ordentlichen Gestalten der Adressen von Absender und Empfänger. Was davon nach einigen Jahrzehnten eifriger Korrespondenz übriggeblieben ist, zeigen dagegen die ausgestellten Umschläge. Da hält ein bärtiger Nix eine Art Banner, das zweimal um seinen Leib gewickelt ist, auf dem die Adresse steht. Ein Drache speit einen Feuerstrahl mit der Anschrift, ein anderer hält ein Blatt im geschlossenen Maul, ein Vogel macht es ihm nach, eine Robbe balanciert einen Ball, das Rund eines Schneckenhauses dient als Unterlage für die Adresse. Und die Anschrift einer Freundin wird von einem finster blickenden Mann mit Schlittschuhkufen in das Eis geritzt, dem eine besorgte junge Dame folgt, wie um die flüchtige Adresse in sich aufzunehmen, damit der Brief auch ankommen kann.

Vorboten ihres Inhalts

Auch von dem gelernten Aufbau, der eine Trennung zwischen Schriftteil und Briefmarke vorsieht, bleibt da nicht übermäßig viel. Manche Marken stehen zwar tatsächlich ganz unabhängig auf dem Umschlag, andere sind dagegen aufs Schönste in das gemalte Bild integriert, mehr noch, sie scheinen der Keim für die Gestaltung, für die Wahl des Motivs zu sein. Werden Köpfe auf den Marken gezeigt, bekommen sie von Axel Scheffler gern einen bisweilen überraschenden Körper. Und wenn eine Marke an die 1915 vom südpolaren Eis eingeschlossene „Endurance“ erinnert, Ernest Shackletons legendäres Schiff, dann wird die Eislandschaft auf dem Umschlag großartig und nahtlos weitergeführt, aus der Ferne staunende Pinguine inklusive. Manchmal führt eine solche Ausweitung aber in eine zur Kenntlichkeit gebrachte, naturgemäß düstere Welt, wenn aus einer Dinosaurierkopf-Marke ein Umschlagbild entsteht, das zwei irre lachende Dinosaurier zieren, während im Hintergrund ihr Lebensraum in einem Vulkanausbruch untergeht.

Und schließlich der Absender. Er erscheint in der Regel als gestalteter Stempelabdruck, der mit den Jahren wechselt: Einst war die Adresse von Eichhörnchen umgeben, davor hielt der Künstler selbst die Tafel mit der Adresse, unterstützt von einem Bären, inzwischen birgt eine auf dem Ararat gestrandete Arche die Anschrift. Das bleibt selten ohne Zusätze, wenn sich etwa gefräßige Wölfe der Arche nähern, kolorierte gestiefelte Kater über den Umschlag laufen oder sich Pinguine eng zusammendrücken.

ANZEIGE

Viel fröhliche Willkür also, zudem ersichtliche Freude daran, so kann man vermuten, einmal nicht für die Bedürfnisse eines Millionenpublikums zu arbeiten, sondern jeweils für die Augen eines einzigen Adressaten, der Anspielungen versteht, die an einen bestimmten Moment und eine Person gebunden sind. Wer, wenn nicht dieser Adressat, kann schon wissen, warum ein Umschlag ausgerechnet die Begegnung von Frankensteins Monster mit einem Kind zeigt oder Alice im Wunderland? Wer, der nicht befugt ist, den Brief zu öffnen, versteht die in Grüntönen kolorierte Zeichnung mit den nackten Frauen, die durch einen Bottich waten? Denn dazu müsste er den im Brief beigelegten Zeitungsausschnitt lesen, der von einer neuen Theorie zur Entschlüsselung des ominösen Voynich-Manuskripts erzählt und eine Abbildung enthält, die der auf dem Umschlag ähnelt. So sind viele dieser Briefe äußerliche Vorboten ihres Inhalts. Zugleich aber sind sie, indem sie auf die ganz eigenen Interessen des Empfängers reagieren – Zeitungsausschnitte zum Voynich-Manuskript schickt man nun mal nicht blind in der Welt umher –, ein Signal für den Adressaten: Du bist gemeint.

Besuch von der Königin

Der Umschlag als Echo früherer Gespräche und als ihre Fortführung: eine schöne Form der Höflichkeit, die sich mit Briefen ausdrücken lässt und die hier auch ausgedrückt wird. Dabei geht es nicht nur um den Adressaten. Wie als Kommentar zum eigenen Schaffen sind mitunter auch Gestalten aus Axel Schefflers Büchern abgebildet – ein skeptischer Affe schaut seinen Nachwuchs an, der Grüffelo und die Maus fahren Ski, der noch (oder schon wieder) schicke Riese Rick beugt sich zum Briefkasten hinunter, um Post einzuwerfen, und der gestrandete Wal bekommt Besuch von der Königin, die allerdings – da ihre Mimik durch die integrierte Briefmarke vorgegeben ist – breit lächelt, was der Situation ganz unangemessen ist und eine eigene grimmige Komik hervorbringt.

Ein solcher Bestand, auf so viele unterschiedliche Adressaten in mehreren Ländern verstreut, ist auch ein Nachweis für die Ehrlichkeit der jeweiligen Briefzusteller. Die freilich Organisationen dienen, die beim Durchsetzen ihrer Regeln auch unerbittlich sein können. Einmal erreichte mich ein verschlossener Brief in einem zweiten Umschlag, dazu eine Karte: „Wer weiß was in diesem Umschlag steckt – ich nicht mehr – falsche Hausnummer, also zurecht zurück.“ Ein anderes Mal stand in einem Brief: „Außerdem kam gerade meine Weihnachts-/Neujahrkarte an Euch zurück – nicht etwa weil, wie behauptet, Porto nicht ausreichend war, sondern weil Sortiermaschinen natürlich eine Briefmarke nicht finden, wenn sie mal woanders klebt, als geplant.“ Wo immer die Marke klebte: Ich bin dankbar für die Briefe, die trotzdem bei mir angekommen sind. Mit dem sicheren Bewusstsein, aus der Ferne Londons durch jeden von ihnen beschenkt zu sein.

ANZEIGE

Ausstellungen: „Von Monstern, Mäusen und Menschen – Axel Schefflers fantastische Briefbilder“: Museum für Kommunikation, Frankfurt, 12. März bis 24. Juli; „Verbriefte Freundschaft – Axel Schefflers fantastische Briefbilder“: Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Leipzig, 16. März bis 25. September.

Quelle: F.A.Z.-Magazin
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Gutscheinportal
Finden Sie die besten Angebote
Selection
Exklusives für Anspruchsvolle
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE