Weiße Stadt

Von JOCHEN STAHNKE, Fotos von JONAS OPPERSKALSKI

02.07.2019 · 4000 Häuser in Tel Aviv tragen die Marke Bauhaus. Sie entstanden in der Hoffnung auf eine neue Gesellschaft.

A n der Yael-Straße knistern die Bäume in der feuchten Hitze, als ein schwacher Luftzug die Anhöhe hinaufzieht. Es ist eine der kürzesten und eine der ruhigsten Straßen in Tel Aviv, obwohl sie im Zentrum der Stadt liegt. Die Geräuschkulisse von Verkehrslärm, Baustellen und Müllabfuhr scheint weit weg. Eine alte Frau geht mit ihrer philippinischen Pflegehelferin die Anhöhe hinauf, ein Elektroauto gleitet lautlos in die Straße, dort, wo der winzige, verlassene Park die Reihe der alten Häuser unterbricht. Es riecht nach Katzen, Staub - und nach Blättern, auf die seit Monaten kein Regen mehr gefallen ist. Tel Aviv lebt in Augen, Nase und Ohren.

Die Stadt wurde 2003 nicht nur wegen ihrer modernistischen Architektur zum Weltkulturerbe erklärt, sondern auch wegen ihres Aufbaus. Der schottische Stadtplaner und Biologe Patrick Geddes hatte die grünen Refugien skizziert, als Tel Aviv noch als Schlafstadt für Juden galt, die im angrenzenden Jaffa arbeiteten, der uralten Hafenstadt. Seine Skizzen legte Geddes 1925 dem Bürgermeister Meir Dizengoff vor, der neue Quartiere in den zentralen und nördlichen Gegenden der Stadt wollte. Die Grenzen schrieb die britische Mandatsmacht vor. Damals lebten 30.000 Menschen in der Stadt, Bürgermeister Dizengoff ließ einen Plan für 100.000 erstellen. Stadtplaner Geddes dachte sich die Stadt als Kreislaufsystem: Hauptstraßen verkörperten Arterien, Boulevards dienten als Einkaufsstraßen und verästelten sich in immer kleinere Straßen. Sie endeten in „Wohnblöcken“ - so nannte Geddes seinen Nachbarschaftskomplex mit Gemeinschaftsgärten. Die Gebäude stehen frei, durch die Blocks führen Einbahnstraßen, in die sich kein Durchgangsverkehr verirrt.

Runde Sache: Die Bullaugenfenster im Treppenhaus des Bauhaus-Gebäudes Yael-Straße 5 formen den Blick der Bewohner auf die Welt.

Am Anfang der Yael-Straße steht ein kubisches Haus, voller Details, ohne Schnörkel. Auf der Fassade klebt ockerfarbener Steinputz, der seit 80 Jahren der hohen Luftfeuchtigkeit und dem herübergewehten Sand trotzt. Die Rahmen der Eingangstüren sind dunkelrot gefliest, im Treppenhaus sind Bullaugen-Fenster eingelassen, die, gekippt, viel Luft, aber wenig Sonnenlicht einlassen. Ozeandampfer waren in den dreißiger Jahren Ausweis der Moderne - und Erinnerung an das Schicksal vieler Einwanderer, die in Haifa oder Jaffa an Land gegangen waren.

Die Bullaugen könnten auf Le Corbusier zurückgehen. In seinen frühen Jahren spielte der Architekt und Designer mit der Schiffsmetaphorik. Die beiden Architekten des Hauses an der Yael-Straße, die vor der Emigration nach Palästina ebenfalls in Paris gelebt hatten, nahmen die Bullaugen mit nach Tel Aviv. 1936 bauten Jehuda Fogel und Shlomo Mokheri das Haus. Die Relinggeländer sind von Walter Gropius inspiriert. Die um die Eingangstüren gekachelten Keramikfliesen haben eine andere Geschichte. „Es könnte ein Teil von Ha'avara sein“, sagt die Architektin Sharon Golan, die für die Tel Aviver Stadtbehörde arbeitet. Ha'avara hieß jenes Transferabkommen zwischen der zionistischen Führung und dem nationalsozialistischen Reichswirtschaftsministerium, das auswanderwilligen Juden die Mitnahme deutscher Produkte erlaubte, während die Ausfuhr von Geld verboten blieb. „Das Glas der Bullaugen-Fenster ist aus Deutschland, ganz sicher“, sagt Sharon Golan. „Die Fliesen könnten durch Ha'avara gekommen sein.“ So wie Maschinen, Baustoffe und Fachbegriffe. „Kratzputz, Oberkante, Spachtel“ sagt man auch auf Hebräisch.


„Für mich war dieses Haus immer etwas Besonderes.“
DAN LEVIN

Dan Levin wohnt gern im Haus Yael-Straße 5.

Im ersten Stock des Bullaugen-Hauses an der Yael-Straße wohnt der Systemadministrator Dan Levin. Sein Urgroßvater war in den Dreißigern aus Danzig eingewandert und hatte sich zunächst in Jaffa niedergelassen. „Von dort aus zog er immer weiter nordwärts, so wie sich Tel Aviv ausdehnte“, sagt der 37 Jahre alte Levin. Das Haus kaufte sein Urgroßvater 1937. Damals lag es noch unmittelbar am Stadtrand, erzählt Levin. „Nebenan begann der Sand, niemand wollte hier wohnen.“ Sein Urgroßvater habe Neuankömmlingen angeboten, erst einmal unentgeltlich hier zu wohnen. Levins Wohnung hat drei Balkone, und wenn er die Holzschiebetüren zwischen Wohn-und Schlafzimmer und zum Balkon hin öffnet, beginnt ein zarter Durchzug. Die Küche ist neu, aber zum Bad öffnet sich noch eine Tür aus damaliger Zeit, in der ein winziges rechteckiges Milchglas eingelassen ist.

„Für mich war dieses Haus immer etwas Besonderes. Aber ich habe es nicht als Bauhaus empfunden“, sagt Levin. Er lebt allein in der Wohnung, im Flur unter der hohen Decke hängt ein Rennrad an der Wand. Er liebt die hohen Decken, die kleinen Räume, die abgetrennte Küche. „Heute ist in Israel alles offen, aber ich mag den alten Stil.“

Jedes Haus im Viertel steht für sich allein. Einige auf Pfosten, sogenannten Pilotis, um die Luft besser zirkulieren lassen zu können und Platz für Gartenflächen zu schaffen. Heute dienen die Flächen meist als Parkplätze in der überfüllten Stadt. Die Pfosten lösten die Stütze von der Fassade, typisch für Le Corbusier: Durch den Einsatz von Stahlbeton konnte auf viele tragende Wände verzichtet, der Grundriss freier gestaltet, die Fassade mit langen Fenstern durchbrochen werden. Auch der rechte Teil des Bullaugen-Hauses hatte einmal solche Stelzen. Bis jemand vor ein paar Jahren den Gartenteil unter den Balkonen zumauerte, um eine weitere Wohnung zu gewinnen. Wohnraum ist knapp in Tel Aviv, die Mieten sind hoch, in der Innenstadt fast unbezahlbar.

Die Architektin Sharon Golan seufzt, als sie das sieht. Das gehe eigentlich gar nicht, sagt sie, an einem denkmalgeschützten Haus. Die Stadt aber ist ein Organismus - es wächst, was eben wächst. Ähnlich mag es der Bauhaus-Begründer Walter Gropius gemeint haben, als er in Dessau das neue Denken formulierte: „Es wird lebendig sein, solange es nicht an der Form hängt, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst sucht!“

In Tel Aviv verändert sich andauernd alles. Aus einem Restaurant wird ein Friseurgeschäft, Monate später ein Maklerbüro, dann eine Bankfiliale. Nur die Häuser bleiben. 4000 von ihnen tragen die Marke Bauhaus. Darunter wird in Tel Aviv die Bauzeit der dreißiger Jahre bis zur Staatsgründung 1948 gefasst. Es ist die größte derartige Gebäudeansammlung der Welt im internationalen, modernistischen Stil. Die Hälfte der Häuser steht unter Denkmalschutz. Die Baumeister und ihre Ideen stammen aus ganz Westeuropa.

Nur sechs Architekten in Tel Aviv hatten tatsächlich am Bauhaus in Dessau studiert, sagt Micha Gross vom Bauhaus-Zentrum am Dizengoff-Platz - bei so gegensätzlichen Lehrern wie Mies van der Rohe und Hannes Meyer. „Bauhaus ist keine Ideologie gewesen, Pluralismus war eine der Hauptideen der Zeit“, sagt er. Eingewanderte Architekten hatten im Büro von Le Corbusier gearbeitet, andere in Belgien. Bauhaus stand auch für die Vereinigung von Designhandwerk, Architektur und Kunst und verkörperte die Hoffnung auf eine neue, gleichberechtigte Gesellschaft. Diese Gesellschaft verdiente Häuser, die nach Maßgabe von Effizienz und Nutzen gebaut wurden, sie sollten das Individuum glücklich machen. Prunk war verpönt, doch auch kalte Funktionalität nicht das Ziel.

Gropius wehrte sich dagegen, Bauhaus einen „Stil“ zu nennen, gar eine „Mode“. Es werde lebendig sein, schrieb er 1930, drei Jahre bevor die Nationalsozialisten seine Hochschule schlossen. Viele Lehrer und Schüler emigrierten, vor allem nach Amerika, auch nach Tel Aviv. Mit ihnen gingen Zehntausende Juden aus Mitteleuropa nach Eretz Israel. Die meisten Neueinwanderer dieser Zeit waren wohlhabende Bürger aus Mitteleuropa, denn die britische Mandatsmacht verlangte Nachweise über Kapital, bevor sie weitere Juden ins Land ließ. 1932 wurde in Tel Aviv das Kunstmuseum eröffnet, 1938 das philharmonische Orchester gegründet.

Micha Gross ist Mitbegründer des Bauhaus-Zentrums in Tel Aviv.

Die Zeiten waren übel, die Baubedingungen in Palästina gut. Der britische Hochkommissar Arthur Wauchope mochte die moderne Architektur. Der „Internationale Stil“ stand für einen Neuanfang, galt als Ausdruck technischer Avantgarde und westlich-rationaler Herangehensweise. Die Nutzung des Betons ließ sich an die klimatischen Bedingungen anpassen in einem Gebiet, in dem es kaum Ziegeleien gab, aber viel Sand und Kies. Die Begrifflichkeiten vermischten sich schon damals. Gropius nannte die erste öffentliche Ausstellung des Bauhaus 1923 „Internationale Architektur“ und meinte die völkerverbindende Bewegung einer gemeinsamen Architektur, deren Formensprache Teil einer neuen Lebensform in neuen Städten sein sollte. Für die Nationalsozialisten bedeutete „international“ zugleich „undeutsch“. Sie sprachen von „jüdischer Architektur“, ihnen galten Juden als wurzelloses Volk. Für die Zionisten dagegen passte die modernistische Bauweise zur Neugründung eines modernen, aufgeklärten Staats. Der wohl wichtigste deutsche jüdische Architekt Erich Mendelsohn vermisste damals aber die kreative Weiterentwicklung. „Während in Europa die neuen architektonischen Experimente in den Werken der Besten bereits Standardwerke der Planklarheit, der konstruktiven Einfachheit und des sinngemäßen architektonischen Ausdrucks hervorgebracht haben“, schrieb Mendelsohn 1936, „ergießen sich über das neue Palästina die unverstandenen Kopien dieser historisch notwendigen Gehversuche der neuen Architektur.“ Er war als berühmter Architekt nach Palästina emigriert, konnte dort beruflich kaum Fuß fassen, wähnte sich aber oft kopiert. Die von Mendelsohn geprägten halbkreisförmigen Balkonteile lassen sich auch im Bullaugen-Haus vermuten - was ist schon „original“? Vielleicht das Haus direkt nebenan, Yael-Straße Nummer 3, dessen Front wie eine Bühne mit seitlichen Aufgängen wirkt: ein Werk des Theaterarchitekten Oskar Kaufmann, der in Berlin die Volksbühne baute und in Tel Aviv das Habima-Theater.


„Die fachgerechte Restauration kostet 14 Millionen.“
HAIM EZER

In Europa waren die Häuser per Licht-Luft-Öffnung aufgeglast, in Israel geschlossen und zum Meerwind hin ausgerichtet. Statt langer Fensterbänder skizzierten die Architekten Fogel und Mokheri für ihr Bullaugen-Haus Balkone mit nach unten verlängerten Brüstungen, die dem unteren Nachbarn einen größeren Schatten spendeten. In Tel Aviv gehen die Balkone meist zur Straße - für Gross ein Zeichen der Offenheit. Die Zeiten und Orte, an denen Juden sich verstecken und anpassen mussten, lagen hinter den Neueinwanderern. Man zeigte sich den Nachbarn.

Dan Levins Vormieter ließ den Balkon in den neunziger Jahren mit Jalousien aus Plastiklamellen schließen. „Das sieht von außen nicht sehr schön aus, aber ich habe ein Arbeitszimmer mehr“, sagt er. Die Klimaanlage, die an der Wand über der Tür zum Flur hängt, bringt ohnehin mehr Frische als jeder Lufthauch über den Balkon. „Seit sie die Hochhäuser ans Meer gesetzt haben, hat die Luftzirkulation in Tel Aviv nachgelassen.“ Levin und die Nachbarn überlegen, ob sie das Gebäude renovieren sollen. Doch das kostet viel Geld, nicht jeder Bewohner ist dafür.

Wie ein Aufgang zur Bühne: Das Haus Yael-Straße 3 wurde vom Theaterarchitekten Oskar Kaufmann entworfen.

Mehr als die Hälfte der Bauhaus-Gebäude muss renoviert werden. Die deutsche Bundesregierung unterstützt den Bau eines Architektur-Zentrums im denkmalgeschützten Max-Liebling-Haus „zum Erhalt der Weißen Stadt Tel Aviv“ mit mehreren Millionen Euro. Golan, die das Zentrum leitet, sagt, dazu müsse alte Handwerkskunst wiederbelebt werden. Kürzlich erst hat sie mit etwas Glück einen Spezialisten in Berlin aufgetan, der längst vergessene Putztechniken kennt. Fast alle Wohnungen sind in Privatbesitz. Viele Eigentümer haben weder das Geld, noch sehen sie die Dringlichkeit einer Reparatur. Die Stadtverwaltung macht ihnen ein Angebot: Wer sein Haus renoviert und restauriert, bekommt neue Baurechte, um zwei weitere Etagen auf das Flachdachgebäude zu setzen, die sich teuer vermieten lassen. Wo dies nicht möglich ist, bekommt man Land an anderer Stelle für einen Neubau.

Der Makler Haim Ezer, dessen Büro im Erdgeschoss des Bullaugen-Hauses liegt, sagt: Das Angebot rechne sich kaum. „Wenn ich mir unser Haus anschaue, bekommt man für die vollständige Renovierung Baurechte für Wohnungen, die sich für 6,5 Millionen Schekel verkaufen lassen“, vermutet er. „Aber die fachgerechte Restauration kostet 14 Millionen.“ Andere Wohnungsbesitzer rechnen offenbar anders: Die Stadt vibriert vor Baustellen, an jeder Straße der Bauhaus-Gegend stehen renovierte und aufgestockte Häuser. Das hat die Proportionen verändert. Doch was dem Menschen dient, dem könnten auch die Architekten nicht widersprechen, wenn sie noch leben würden. So war Bauhaus schließlich gemeint.