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Illustrationen: Thilo Rothacker

Die Wahl-Schlappe

Von JENNIFER WIEBKING

25.06.2019 · Bequemlichkeit ist beim Look ein zunehmend wichtiges Gebot, und im Sommer zeichnet sich das nirgendwo deutlicher ab als am Schuh. Aber Gummisohle ist nicht gleich Bast-Schlupfschuh. Eine Typologie der Trägerinnen und Träger.

ESPADRILLES

Mediterranisierung von den Füßen aufwärts.
Es gab eine Zeit, unerträgliche zwei, drei Sommer lang, da trug alle Welt Espadrilles. Jetzt ist man in dieser kleinen, feinen Stil-Gemeinde wieder mehr unter sich: mit dem Gefühl, auf Bast zu laufen, und zumindest der Erinnerung, darunter einst die von der Sonne erhitzten Pflastersteine der Plaza de España in Sevilla gespürt zu haben. Dass ein deutscher Bahnhofsvorplatz bei günstigen Bedingungen auf ähnlich hohe Temperaturen kommt, hilft zusätzlich auf die Sprünge. Kritiker, die für mehr Fußbett sind, kann der Espadrilles-Träger locker ein, zwei Gegenargumente entgegenschmettern, und dass sich der Schuh irgendwann in seine Einzelteile auflöst, sei ja Teil der Idee. Alle anderen haben das nur nie richtig verstanden.


ADILETTEN

Alltag ist, wenn man trotzdem Dusch-Schuhe trägt.
Dass dieser Schuh einen garantierten Proll-Faktor hat, passt auch demjenigen gut, der nicht von morgens bis abends RTL2 schaut. In der Jogginghose geht er natürlich trotzdem vor die Tür, oder zumindest im Kapuzensweater, und die Witze sind so derb, dass nur die Nächsten und Liebsten, die es wissen, mit ihm umzugehen, eine gute Antwort zurückfeuern können. Diese 1963 von Adolf Dassler ursprünglich als Dusch-Schuhe konzipierten Gummischlappen sind eine Provokation, mit der sein Träger jongliert wie Mark Zuckerberg mit dem Thema Privatsphäre. Der ist gewissermaßen die Ikone der Adiletten-Träger, und eben auch kein affirmativer Typ.


CROCS

Verantwortlich für großen menschlichen Fußabdruck.
Andere würden ihm ein ausgeprägtes Ego attestieren, der Crocs-Träger selbst spricht von gesundem Selbstbewusstsein, das er mit keinem Accessoire besser ausleben kann als mit diesen Schuhen im Stil von Entenfüßen. Aber dafür sind die eigenen darunter geschützt und belüftet, und weil das so guttut, gibt es die Teile auch für den Nachwuchs, inklusive der Schuhanstecker. Welche Motive der sich in den Belüftungslöchern zusammenbastelt, ist natürlich einzig und allein ihm überlassen. Denn Individualität hat viele Gesichter, auch das im eiskalten Flieger um den Körper geschlungene Tuch der Mutter muss weder farblich noch in seiner Funktion zu den halboffenen Schuhen passen. Konventionen sind für den Crocs-Typen das, was man selbst für richtig hält.


SUPERGA

Neunziger-Nostalgiker von Mai bis August.
Superga-Typen wissen, wenn sie auf Gleichgesinnte treffen; dafür muss nur einer von beiden welche tragen. Kommentiert der andere die Schuhe mit dem Satz: "Oh, Superga, die habe ich als Kind getragen", hat man gleich ein Thema, und der Superga-Träger kann einstimmen: "Jeden Sommer, immer in einer anderen Farbe." Dass diese Rotarier-Mitgliedschaft von Sommerschuh seit einigen Jahren wieder ein Ding ist, liegt natürlich am Nostalgiedenken der Klientel, die man sich schlauerweise schon herangezogen hat, als Mama und Papa noch die 50 Mark pro Paar berappen mussten, damit Sohnemann und Töchterchen gut gekleidet waren. Damals auf dem Schulhof in den Neunzigern. In Sachen Trends halten die sich seit einer Weile hartnäckig, jedenfalls länger als so ein Stoff-Schuh in Weiß mit Gummisohle, der damals wie heute nach einem Sommer leider ein Fall für die Tonne ist.


FLIP-FLOPS

Immer draußen, immer unterwegs.
Man trifft ihn im Beachclub zwischen den Lounge-Sesseln aus Kunstleder, wo er einen innerhalb von zwei Minuten wissen lässt, was für einer lahmen Veranstaltung man hier gerade gemeinsam beiwohne. Nicht zu vergleichen mit dem, was jetzt im "Jackie O" auf Mykonos abgehe. Überhaupt hat er seine Saison auf Myko beziehungsweise Ibiza längst durchgeplant, vom season opening bis zum closing, die crowd klargemacht, die Playlist auf Spotify zusammengestellt. Er ist halt ein Sommermensch, immer draußen, immer unterwegs, und weil ein Mensch auch Füße hat, kann das nur bedeuten, dann das Maximum an möglicher Fläche zu präsentieren.


BIRKENSTOCK

Hühner im Stadtgarten, Kork-Schuhe auf Asphalt.
Früher mag er von einem Leben in den Wäldern Skandinaviens geträumt haben, schön weit weg. Aber seit Peter Wohlleben den Deutschen die Kunst vermittelt, öfter mal einen Baum zu umarmen, sind auch die Ansprüche des Birkenstock-Trägers zunehmend in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Es kann seinem Bio-Leben zwischen lauter Gleichgesinnten jetzt auch in der Altbauwohnung mitten in der Stadt nachgehen. Hühner halten die Nachbarn mit ihm im Gemeinschaftsgarten hinterm Haus. Dass sich sein Schuh gerade in alle Richtungen neu erfindet, weil das Unternehmen damit auch Geld verdienen will und die Korksohle leider so unverwüstlich ist, dass man deshalb Sommer für Sommer über Jahrzehnte hinweg in denselben Schuhen schlappen kann, sieht er allerdings kritisch. Braucht es Handcreme von Birkenstock? Für ein wohltuendes Kartoffelbad - Wasser nach dem Kartoffelkochen abkühlen lassen, Hände darin 15 Minuten einweichen - fehlt ihm allerdings auch die Zeit.

Quelle: F.A.S.