Berlin Art Week und Positions

Wo hört Mode auf, wo fängt Kunst an?

Von Celina Plag, Berlin
19.09.2021
, 21:35
Modisches Publikum vor Arbeiten von Henrik Vibskov in Berlin
In Berlin dreht sich an diesem Wochenende bei der Berlin Art Week und dem Gallery Weekend alles um Kunst. Welche Rolle spielte dabei die Mode?

Der Kult um das richtige Logo ist in der Mode längst ein zeitloser Trend. Allein welche Logos die richtigen sind wird regelmäßig aktualisiert, je nachdem, welche Modemarken gerade als angesagt gelten. In Berlin schreibt man sich im Augenblick nicht den Namen eines Luxusdesigners, sondern eines Museums als Markenschriftzug auf die Brust: Im September launchte die Streetwear-Plattform Highsnobiety T-Shirts und Hoodies in Kooperation mit der kürzlich wiedereröffneten Neuen Nationalgalerie.

Die Kollektion ist im Rahmen des interdisziplinären „Berlin, Berlin“ Festivals entstanden und auf vielerlei Ebenen interessant. Einerseits zeigen die Neue Nationalgalerie-Logos am Körper von Berlins Cool Kids, dass Kunst zu deren Selbstverständnis längst dazugehört - oder man sich zumindest gern mit deren Aura umgibt. Kunst ist in! Andererseits poppt auch Mode immer häufiger im Kunstkontext auf. Generell stehen die Kleidungsstücke für das wachsende Miteinander von Mode und Kunst, wie sie in der Hauptstadt auch rund um die Berlin Art Week und das Gallery Weekend in dieser Woche stattgefunden haben.

Dass sich die beiden Disziplinen gegenseitig befruchten, war bereits auf einer Vielzahl von immersiven Veranstaltungen während der Berlin Fashion Week eine Woche vorher zu sehen. Wo hört Mode auf, wo fängt Kunst an? Die Grenzen sind ob des beidseitigen kreativen, künstlerischen, performativen Ausdrucks mitunter fließend. In der Hauptstadt mag man es eh nicht, sich strengen Stilen unterzuordnen. Mit Galleristen wie Johann König, der Kunst sogar schon im Kaufhaus verkauft und mit König Souvenir in Kooperation mit Künstlern regelmäßig neue Mode- und Designstücke auf den Markt bringt, ist das Phänomen sowieso kein neues mehr.

„Nervöse Elefanten“: Gäste der Ausstellung von Henrik Vibskov im Space der Agentur BAM in Berlin
„Nervöse Elefanten“: Gäste der Ausstellung von Henrik Vibskov im Space der Agentur BAM in Berlin Bild: Denis Kuhnert

Für Mira von der Osten steht fest: „Mode sollte wie Kunst betrachtet werden“. Sie ist Designerin des Labels Cruba und Mitinitiatorin der Fashion Positions, einer Art Modeausstellung innerhalb der Kunstmesse Positions, welche kurz vor der Berlin Art Week in den Hallen des Flughafen Tempelhof zum wiederholten Mal stattfand. Hiesige Designer, darunter Brachmann, Esther Perbandt, Starstyling oder das neue Talent Laura Gerte, die dort im vergangenen Jahr den Nachwuchspreis gewann, loteten mit ihrem künstlerischen Schaffen die Grenzen zwischen den Disziplinen weiter aus. Und zeigen einmal mehr, dass Mode mehr sein kann als das, was am Körper durch den Stadtraum getragen wird.

Gleichzeitig hofft man - vielleicht in beiden Disziplinen - auch auf neue Zielgruppen, ergo neue Kundschaft. „Exit through the gift shop“? Während die Positions ohnehin eine Messe ist, in erster Linie zum Abverkauf von Kunst gedacht, haben die Designer ihre künstlerischen Positionen vom reinen Verkauf getrennt: Der Ausstellung angeschlossen fand sich dann aber doch ein Pop-up-Shop, in welchem einige der mitmachenden Designer ihre Kollektionen verkauften.

Von Architektur inspiriert

Zurück zur Ausstellung: In einer Installation des Architektur-inspirierten Labels Brachmann, das mit dem Berliner Mies van der Rohe Haus zusammenarbeitet, zeigt sich schön, wie man den Charakter eines Hauses auf ein Kleidungsstück übertragen kann. Entstanden ist eine Modekollektion, die in Schnitten, Formen und Farben Bezug nimmt auf die klare Architektur van der Rohes. Gemeinsam mit dem Fotografen Axl Jansen sind dazu an die Ästhetik der Neuen Sachlichkeit angelehnte Filme entstanden, welche auf der Fashion Positions parallel auf Bildschirmen liefen.

An die Übertragung von Architektur auf Mode wagt sich auch Designerin Cläre Caspar mit ihrer Kollektion „Frappant“. Den Grundriss des gleichnamigen Gebäudes in Hamburg-Altona, ein westdeutscher Plattenbau, der bis 2003 eine Karstadt-Filiale beheimatete und 2009 abgerissen wurde, hat sie in Schnittmuster für Oberteile übertragen. Das Warenhaus zum Anziehen? Die Wahl des Gebäudes ist auch insofern spannend, als dass der Abriss von „Frappant“ den Höhepunkt des Abstiegs einer vormaligen, in den 1970ern florierenden Geschäftsstraße markierte. In den Kleidern von Caspar darf der Konsum vergangener Tage weiterleben.

Inspirationsquelle Architektur: Grundrisse auf T-Shirts bei Fashion Positions
Inspirationsquelle Architektur: Grundrisse auf T-Shirts bei Fashion Positions Bild: Poschmann

Claudia Skoda, das „Knitted Genius“, die mit ihren Strick-Kreationen die Mode des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat, war kürzlich noch mit einer großen Ausstellung im Berliner Kulturforum vertreten. Zu ihren Wegbegleitern gehörten Künstler wie Martin Kippenberger, Kraftwerk oder Jim Rakete. Während der Fashion Positions zeigte sie einige bunte Pullover, teils mit Filzelementen und japanischen Schriftzügen versehen. Ein Kunstkonzept hatte sie sich dazu nicht überlegt, erzählt aber mit verschmitztem Lächeln, dass ihre Kollektion von „Im Reich der Sinne“ inspiriert sei, einem Sadomaso-Film des japanischen Regisseurs Nagisa Ōshima, der 1976 auf der Berlinale erstmal gezeigt wurde. Damals von den Filmkritikern hochgelobt, von der Staatsanwaltschaft direkt als harte Pornografie einkassiert. Das muss man ihr lassen: Skoda, 1943 geboren, macht seit 1973 Mode, ist bis heute provokanter als viele Jungdesigner.

Die sieben Todsünden kennen

„Sündhaft“ ging es während der Art Week auch beim Berliner Modelabel Lala Berlin zu. Designerin Leyla Piedayesh lancierte nämlich eine limitierte Serie von sieben T-Shirts, welche jeweils in Zusammenarbeit mit einer Künstlerin oder einem Künstler entstanden und sich inhaltlich und visuell mit den sieben Totsünden beschäftigen. Warum? „Wenn wir alle die sieben Todsünden als solche anerkennen und heute neu achten würden, dann würden wir aufmerksamer und rücksichtsvoller leben“, so Piedayesh. Den Künstlerinnen und Künstlern ließ sie bei der Auseinandersetzung mit „ihrer“ Sünde künstlerische Freiheit.

Malerin Johanna Dumet setzte sich so mit der Völlerei auseinander und zeichnete auf die weiße Leinwand des T-Shirts geöffnete, laut Pressemitteilung „unersättliche“ Münder. Apropos Dumet: Die ist in der Kunst- genauso wie in der Modewelt gerade Liebling und überall anzutreffen: während der Art Week bei Office Impart mit der Ausstellung „Geil again“, außerdem im „Misa Artmarket“ der König Galerie und im Rahmen der Berlin Masters Foundation in den Wilhelm Hallen, Berlins neuem Hotspot für Kunst und Kultur in einer ehemaligen Eisengießerei, wo unter dem Motto „Hallen #2 - Yes to all“ diverse Galerien und Formate aktuelle Kunst ausstellen.

Sieben Todsünden auf T-Shirts bei Lala Berlin
Sieben Todsünden auf T-Shirts bei Lala Berlin Bild: Lala Berlin

Mitbesitzer des Areals Wilhelm Hallen ist übrigens die kanadische Lichtkunstmarke Bocci. Deren Gründer Omer Arbel hat die Verschmelzung verschiedener künstlerischer Disziplinen längst perfektioniert. Er arbeitet als Designer und Ingenieur genauso wie als Künstler und Architekt. Kein Wunder, dass es hier zu interdisziplinären Schnittstellen kommt. Zur Fashion Week zeigte in den Wilhelm Hallen Modedesigner William Fan eine Runway Show. Der wiederum nutze, wie etwa die Luxusmarken Audemars Piguet und La Prairie, den Rahmen der Kunstwoche für Dinner Events in der Hauptstadt; die Szene dann zusammen bringen, wenn ohnehin alle beieinander sind.

Dass sich Künstler jedenfalls auch anders herum oftmals an Textilien als künstlerischem Ausdruck bedienen, war dieser Tage ebenfalls in den Wilhelm Hallen zusehen. Etwa bei der Künstlerin Isabella Fürnkäs. Seit 2017 arbeitet sie fortlaufend an Schaufensterpuppen, denen sie über Kleidungsstücke, Textilien und Accessoires - und deren darin verpackten sozialen Codes -Bedeutung zuschreibt. Mittlerweile sind das an die 30 Figuren, fünf davon sind in einer Installation derzeit in den Wilhelm Hallen zu sehen.

Die Figuren stehen im Raum verteilt, für sich allein, beziehen sich aber dennoch aufeinander. Im Hintergrund laufen eingesprochene Monologe, Textcluster, die eine beklommene Atmosphäre erzeugen. Die Figuren scheinen miteinander in Kontakt treten zu wollen, die Kommunikation läuft aber bei Fürnkäs ins Leere — so, wie eigentlich die Mode auch oft vielmehr ein zum Selbstzweck gewordener Monolog ist, anstatt wirklich in einen Dialog zu treten.

Holzpuzzle: Arbeiten von Henrik Vibskov
Holzpuzzle: Arbeiten von Henrik Vibskov Bild: PR

Hier ein Schleier, dort ein kettenumschlungener Körper, Einkaufstüten, Sonnenbrillen, viele der Symbole, die die Figuren tragen, kennt man aus dem Alltag. Fürnkäs hat sie aus ihrem Kontext entrissen, neu zusammen gesetzt und verleiht ihnen damit eine Art universale Bildsprache und Heimatlosigkeit, die sich unabhängig von Zeit und Ort lesen oder besser: fühlen lässt. Alle Figuren hat sie mit einem transparenten Epoxidharz übergossen und die Flüchtigkeit der Zeichen damit haltbar gemacht. Das hat etwas Dystopisches, Düsteres. Die Figuren erscheinen wie in einem persönlichen Gefängnis, aus dem sie nicht wieder heraus kommen.

Fürnkäs hat schon häufiger mit Textilien gearbeitet. Sie sagt: „Kleidung ist Kommunikation“. Und außerdem besonders nah dran am Menschen. Dass die Grenzen zwischen Mode und Kunst verschwimmen, findet sie in jedem Fall. Gemeinsam mit einer Modedesignerin Jasmin Truong hatte sie kürzlich zum Düsseldorfer Mode-Kunst-Festival im Kunstmuseum K21 eine Arbeit rund um das Thema Körperlichkeit in den Medien gezeigt und damit den Preis des Festivals gewonnen.

Auch die Künstlerin Alexandra Bircken arbeitet sich zur Berlin Art Week mal wieder an ihrem Lieblingsthema, der Haut als Organ, als Bekleidung, ab. Bei ihr ist das immer auch ein Grenzgang zwischen Innen und Außen. Bircken kennt man in der Mode aus dem Freundschaftstrio aus Modedesigner Lutz Huelle und Fotograf Wolfgang Tillmans. Dessen Arbeit „Lutz and Alex sitting in the Trees“ (1992) ist bis heute eine der Ikonen der hedonistischen Modefotografie. In Berlin zeigt nun Bircken ihre erste institutionelle Einzelausstellung im Kesselhaus des Kindl. Aus Textilien, Latex, außerdem Gefäßen schafft sie morbide Skulpturen, die mal auf dem Boden liegen, mal von den gigantisch hohen Decken am Galgen hängen.

Weniger morbide, dafür nervös geht es bei Henrik Vibskov zu. Der Däne feiert als Modedesigner in diesem Jahr das 20. Jubiläum seines Modelabels. Er hat aber immer schon auch als Musiker und Künstler gearbeitet. Im Space der Agentur BAM zeigt er gemeinsam mit der Galerie Ruttkowski;68 eine Werkschau unter dem Titel „Nervous Elephants“, mit bemalten Holzpuzzles, Zeichnungen und Skulpturen und einem aufblasbaren raupenhaften Etwas in einem Schaufenster. Tropfen, Ballons, runde und natürliche Formen finden sich dabei in allen seiner Arbeiten. Den nervösen Elefanten findet Vibskov „ein gutes Zeichen der aktuellen Zeit“. Mit Corona auf angezogener Handbremse verhielten wir uns alle ebenso wie trampelige Wesen, die sich auf der einen Seite gerne annähern, dabei aber wie ein nervöser Elefant im Porzellanladen das Gespür verloren haben für die Feinheiten sozialer Interaktion.

Ob er dieses Gefühl, diese Ideen von „Nervous Elephant“ anstatt in Kunst auch in eine Modekollektion hätte übersetzen können? „Ganz leicht!“, sagt Vibskov. Ausdruck kenne eben nicht nur eine mögliche Form. Das muss noch nicht mal Mode oder Kunst sein. Das Berliner Stylisten- und Künstlerduo Alexx und Anton macht deshalb jetzt sogar Wein namens „Weinen“ — als erweiterter Arm ihrer kreativen Vision. In ihrem „Gallery Shop“ zur Berlin Art Week natürlich auch probieren. Was für eine smarte Idee. Was wäre schließlich ein Kunstevent ohne das obligatorische Glas Wein in der Hand.

Quelle: FAZ.NET
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