Berliner Modewoche

Der Modezirkus trifft sich digital

Von Quynh Tran, Berlin
22.01.2021
, 06:33
Grade einmal sechs Designer haben sich in Berlin für eine richtige Schau entschieden. Andere Teilnehmer der Fashion Week setzten auf Mode-Filme, nur Loungewear sucht man hier vergebens.

Eigentlich würden sich an diesem Januarabend hunderte Modeinteressierte in die Türen des Berliner Kraftwerks drängen, vielleicht noch schnell in den weiten Betonhallen die Gläser klirren lassen, dann ein kurzer Plausch vor dem Handy-Blitzlichtgewitter, bevor das echte Rampenlicht angeht und mit der ersten Schau die Berliner Modewoche eingeläutet wird. Statt des gewohnten saisonalen „Familientreffens“, wie es die deutschen Modemenschen nennen, sitzen sie nun einsam vor dem Bildschirm.

Noch im Herbst wurde auf eine Fashion Week in ganz kleinem Rahmen spekuliert; mit dem Lockdown haben sich die Veranstaltungen aber schnell ins Digitale geflüchtet. Die Atmosphäre einer echten Veranstaltung kann das kaum kompensieren, gibt aber Designern in schweren Zeiten zumindest überhaupt eine Plattform.

„Eine Botschaft von Liebe und Zusammenhalt“

Ein kurzes Grußwort kommt vom belgischen Designer Tom van der Borght, der die Mercedes-Benz Fashion Week eröffnet, dann läuten sakrale Choräle und leichter Elektropop die opulenten Entwürfe ein. Es sind monsterhafte Wesen, überladen mit Kabelbindern, Pailletten, Plüsch und Lametta, die da zum Vorschein kommen, als seien sie nach einer Disko-Nacht auf psychedelischen Trips in eine Kiste voll Plüschspielzeug und Sportequipment gefallen und als Plastikbarockkreatur wieder herausgekommen.

Mit der Kollektion, die dem belgischen Designer den renommierten Grand Prix von Première Vision beim Modefestival von Hyères eingebracht hat, gehört Tom van der Borght zu gerade mal einem halben Dutzend Designern, darunter Marc Cain und Kilian Kerner, die das Gestreamte in einer richtigen Schau in der Fashion Week Location in Szene setzen. „Das ist meine erste Show in der Pandemie und es soll eine Botschaft von Liebe und Zusammenhalt sein, die wir gerade alle so dringend brauchen“, sagt der Designer. Man glaubt es ihm, und seine Outfits sind ohne Frage telegen.

Berlin Fashion Film Festival mit Leni Klum

Der Großteil der anderen Designer hat sich hingegen für Gruppenformate, Gespräche oder kurze Filme entschieden, schließlich gehört in diesem Jahr neben dem Fashion Open Studio, einem Studiobesuchs- und Porträtformat, auch das Berlin Fashion Film Festival zur Modewoche. Zum neuen Jahr wurde zudem der Berliner Mode Salon wiederaufgelegt, der als 360° Virtual Reality-Aufnahme und Kampagnenvideo mit Modeltochter Leni Klum auf dem YouTube-Kanal der MBFW zu sehen ist und einige wirklich sehenswerte Designer zeigt.

Zu den 38 deutschen Designern im Salon gehören etwa Esther Perbandt, die mit ihren avantgardistischen Entwürfen vergangenes Jahr den zweiten Platz bei der Amazon Prime Show „Making the Cut“ gewonnen hat, oder Michael Sontag, der im vergangenen Lockdown alte Färbetechniken mit Pflanzen aus seinem Garten neuentdeckt hat und die Resultate hier präsentiert, oder Vladimir Karaleev, dessen konstruktivistische Designs vor allem in Asien und Nordamerika beliebt sind.

Von Loungewear ist nicht viel zu sehen

Über die Gruppenpräsentation hinaus sprechen die Designer auch in Diskussionen und Filmen über ihr Schaffen. Auch wenn vielleicht das Flanieren und Anfassen nicht möglich ist, so geben die verschiedenen digitalen Formate der Modewoche zumindest eine Ahnung von der Arbeit der Designer. Von Jogginghosen, oder Loungewear wie es schlaue Verkäufer euphemistisch vermarkten, ist nicht viel zu sehen – nein es wird wieder glamouröser mit eleganten Schnitten und bunten Prints. Die Präsentationen sind eine Bestandsaufnahme, die daran erinnert, dass deutsches Design nach wie vor da, und vieles davon auch gut ist.

So trifft man auf Veteranen wie Odeeh und René Storck, die schon seit Jahrzehnten in ihrem Metier sind, oder Dawid Tomaszewski, der mit seiner zusätzlichen Linie für QVC auch in der Krise gewachsen ist, oder Neulinge wie Tim Borchert und Yannick Heidemann, die gerade ihr Männer-Label Per Se beim Filmfestival lanciert haben. „Natürlich hätten wir es lieber persönlich gemacht, schließlich ist es etwas ganz anderes die Entwürfe wirklich zu sehen und zu fühlen“, sagt Borchert. „Aber wir sind dankbar, dass wir unter den gegebenen Umständen eine Plattform haben.“

Ein Hilfspaket von 3,5 Millionen Euro für die Modewoche

Und noch eines hat die Modewoche mit in die digitale Dimension genommen: ihre Undurchschaubarkeit. Wieder ist es nicht eine Modewoche, sondern eine Vielzahl an Veranstaltungen verschiedener Organisatoren, die sich über die gesamte Woche zieht: da ist die Mercedes-Benz Fashion Week und der Berliner Mode Salon, beides von Nowadays veranstaltet, zudem das Berlin Fashion Film Festival, ab Donnerstag auch noch der neue 202030 Fashion Summit, das Content-Format „Berlin, Berlin“ von Highsnobiety, das Festival Reference Realities, eine Reihe von Diskussionen über Nachhaltigkeit und dann auch noch die „About You Fashion Week“.

Nachdem die Stadt im Sommer drei große Modemessen, die bisher im Rahmen der Fashion Week stattfanden, an Frankfurt verloren hat, war die Angst groß, den Modestandort Berlin, der trotz aller Häme alle Halbjahre wieder ein Millionengeschäft mit zigtausenden Besuchern war, zu verlieren. So billigte der Senat diesmal wohl auch angesichts der Pandemie ein Hilfspaket von 3,5 Millionen Euro für die Modewoche – mehr als die Modeindustrie sonst im ganzen Jahr bekommt. Das soll natürlich nicht nur die Pandemie-Effekte dämpfen, sondern auch ein Wachstumsimpuls für die lokale Kreativindustrie sein.

Aber wie effizient der Stimulus hier eingesetzt wurde, wird sich vermutlich nicht messen lassen. Die Zugriffe auf den YouTube-Kanälen waren bisher nicht wesentlich höher als bei jeder anderen Fashion Week, auch wenn sie theoretisch für alle gleich zugänglich war. Die Designer selbst indes bräuchten über einen Marketingplatz hinaus einen Marktplatz viel dringender – einen, der bei Produktion, Management und Verkauf hilft und ihnen auch langfristig wirtschaftliche Perspektiven gibt. Vielleicht sollten Fördergelder – und Aufmerksamkeit – nicht nur auf das Zeigen, sondern auch auf das Schaffen gelenkt werden.

Quelle: FAZ.NET
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