Chanel Nº 5 wird hundert

Das Parfum

18.05.2021
, 06:18
Hundert Jahre Chanel Nº 5: Es ist der erfolgreichste Duft aller Zeiten. An ihm haften besonders viele Erinnerungen. Sechs Anekdoten unserer Redakteurinnen zum Jubiläum.

Der Duft meiner „Omma“

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem ich als Erstsemesterstudentin in die Großstadt gezogen war, zog meine Oma nach Meppen, in ihre erste eigene Wohnung. Meine Heimatbesuche häuften sich dadurch noch mehr, bei Oma konnte ich mich mittags auch nach langem Schlaf noch melden, und sie sagte: „Komm doch zum Essen“, und dann gab es entweder himmlische Frikadellen oder kleine, panierte Schnitzel, die bei ihren Enkelkindern so beliebt waren, dass sie eigentlich immer eines in Alufolie gewickelt in ihrer Handtasche mit sich herumtrug und bei den seltsamsten Gelegenheiten verschwörerisch fragte: „Willst du ein Schnitzel?“ Wir wollten übrigens immer. Mein Oppa war kein strenger Opa, wohl aber ein strenger Ehemann, und für meine Omma, die das Ruhrgebiet nie verlassen hatte und auch ihren Slang nie verlernte (sie war immer „die Omma“), begann in Meppen eine neue Zeitrechnung: Sie ging mit ihren Freundinnen essen, ins Café, spielte Bingo, sie machten Tagestrips auf die Nordseeinseln und aßen Krabben vom Kutter. Meine Omma gönnte sich plötzlich luxuriöse Sachen. Und man durfte ihr auch luxuriöse Dinge schenken. So änderte sie auch ihren Duft: Chanel Nº 5. Wenn ich meine Nase an ihren Hals steckte, schnupperte ich und roch diesen wohlbekannten Duft, meine Mutter hatte ihn auch eine Zeit lang getragen, ihn aber wieder gewechselt, weil er ihr zu schwer geworden war. Meine Omma war keine gebildete Frau, das lag am Krieg, an den Umständen, am Frausein. Sie hatte kurz als Schuhverkäuferin gearbeitet und war sonst ein Leben lang Hausfrau, doch reden konnte man mit ihr so richtig gut. Über Gott (es war für sie in Ordnung, dass ich keinen habe), über das Studium (sie wollte alles wissen, auch wenn sie vieles nicht kannte), ich gab ihr erste Geschichten zu lesen (keinem anderen hätte ich die anvertraut) und über die Liebe (sie wusste bei meinem jetzigen Freund gleich, dass er der Richtige für mich war, genau wie sie es bei meinem Oppa sofort gewusst hatte). Als meine Oma starb, hatte meine Mutter ihr Chanel Nº 5 in der Hand. Sie konnte es nicht nehmen, also gab sie es mir. Das Parfum roch nach Omma, ich trug es so gut wie nie, aber manchmal nahm ich die Flasche in die Hand und schnupperte. Es roch nach dem Luxus, den meine Oma sich spät in ihrem Leben gönnen durfte. Es roch nach der ersten eigenen Wohnung meiner Oma. Es roch nach Verlust. Johanna Dürrholz

Gegen die Nachwendedepression

Chanel Nº 5 wird immer mit Trang verbunden sein. An das Pröbchen war ihre Schwester in der Luxusparfümerie der brandenburgischen Kleinstadt gekommen, in der wir zur Schule gingen. Im Chemieunterricht, während die anderen sich vorsichtig über blubbernde Kolben beugten, schnupperten wir an dem Röhrchen. Was daraus entstieg, war anders als alles, was sich in den Regalen der Drogerien befand, durch die wir sonst schlenderten. Es war weich, aber strahlend, warm, aber nicht süß. Bei unserer Ignoranz gegenüber dem Unterricht entging uns die Ironie, dass die Aldehyde, die uns da in die Nase stiegen, höchster Chemiekunst entsprangen. Das Parfum wurde für uns der Heilige Gral unter den Düften, es roch nach Luxus und Großstadt und Unabhängigkeit, nach allem, wovon wir zwischen Nachwendedepression und Arbeitslosigkeit nur träumen konnten. Trang zog in der neunten Klasse mit ihrer Familie in den Westen. Am letzten Tag überließ sie mir das Parfumpröbchen. Es ging irgendwann im Rucksack kaputt, und meine Stifte dufteten wochenlang nach Ylang-Ylang und Iris, ich hätte gern darin gebadet. Jahre später war ich für ein Interview in Paris, hatte ein paar Stunden, bis der Zug zurückging, und kaufte mir den Duft in einer Flasche. Es war als Trophäe gedacht, als Zeichen, die Nachwendedepression überwunden zu haben. Es wurde mein Winterduft, der nun mit dem Bild der verschneiten Dächer im Marais und der glitzernden Lichter der Champs-Élysées verbunden ist. Wie die Aldehyde auch nach hundert Jahren noch so modern riechen können, bleibt Chanels Rätsel. Ich hoffe, Trang hat auch eine Flasche in ihrem Bad stehen. Maria Wiesner

Zum Erwachsenwerden

Erwachsen werden, das heißt Experimentieren: mit der eigenen Identität, Mode – und mit Düften. Jugendliche Nasen sind während der Pubertät nicht unbedingt anspruchsvoll. Der exzessive Konsum von Vanille-Deodorant war in der Mädchenumkleide diesbezüglich das allerhöchste der Gefühle. Ich hingegen verliebte mich in den schlichten und doch klassischen Flakon von Chanel Nº 5. Ein regelrechter Mythos umgab dieses Fläschchen, das ich auf Kleiderkreisel für wenige Euros erstand und aufgeregt aus dem Briefkasten fischte. Immerhin, so erfuhr ich aus dem Internet, trug Marilyn Monroe im Bett nichts außer diesen Duft. Nach umfangreichen Tests im Kinderzimmer stellte ich fest: Das hier sollte mein erstes eigenes Parfum werden. Nicht das Christina-Aguilera-Parfum aus der Drogerie und nein, auch nicht die anderen Chanel-Düfte meiner Mutter, sondern Chanel Nº 5. Den damals neuen Nº-5-Werbespot mit Audrey Tautou lud ich mir auf meinen iPod. Doch ein Problem blieb: Für einen derart kostspieligen Duft fehlte mir auf Dauer als Schülerin das nötige Kleingeld. „Das ist ein Duft für Omas“, sagte meine Mutter leicht entgeistert über meine neu gefundene Obsession. „Kein Duft für junge Mädchen wie Sie“, bestätigte mir die Dame in der Parfümerie. Jahrelang hielt ich mich allen kritischen Stimmen zum Trotz mit Parfumproben über Wasser, bis ich mir mit 18 Jahren endlich vom ersten eigenen Lohn einen größeren Flakon leisten konnte. „Jetzt bist du erwachsen“, dachte ich mir. Dass zum Erwachsenwerden mehr gehört als Geld verdienen und ein ikonischer Duft von Chanel, erfuhr ich später. Aber das Gefühl, es stimmte. Zumindest einen Hauch lang. Johanna Christner

Chanel Nummer eins

Eigentlich war ich happy mit einem Parfum von Clinique namens Happy, als ich in der elften Klasse für ein Jahr nach Südengland ging. An unserem Internat wehten andere Duftnoten: Das alte Gemäuer roch ein bisschen muffig. Häufig strömte der Geruch von verbranntem Weißbrot durchs Haus, wenn wieder jemand eine Scheibe Toast im Gemeinschaftsraum ankokeln ließ. Aber es roch an dieser neuen Schule, die für ein Jahr lang meine sein sollte, eben auch nach Chanel. Mehrere Schülerinnen verwendeten Coco Mademoiselle, nur eine aber hatte den Klassiker: Chanel Nº 5. Ihr Name war Lindsey, und sie trug noch mehr Besonderes: leuchtend pinke Samtschuhe mit schmalen Absätzen und weiße Kostüme zum Beispiel. Das hatte damit zu tun, dass Lindsey schon die Abschlussklasse besuchte und die somit etwas größeren modischen Freiheiten im Schuluniformen-Land maximal auszukosten wusste. Wir Lower Sixth Formers, in der Jahrgangsstufe darunter, sahen in unseren obligatorischen dunkelblauen Röcken zu dunkelblauen Blockabsatzschuhen dagegen aus, als arbeiteten wir hinter dem Schalter der einzigen Bank im Dorf. Zu der Erkenntnis, dass Menschen, die sich bewundernswert gut kleiden, häufig auch einen signature scent haben, einen Duft als Alleinstellungsmerkmal, kam ich erst später. Aber das Mädchen mit dem schweren Nº-5-Duft und den Samtschuhen war so gesehen das erste Beispiel, die Nummer eins: optisch und olfaktorisch ganz bei sich, so wie das nicht vielen Menschen gelingt. Mit meinem 17. Geburtstag legte ich den alten Clinique-Duft ab und roch fortan auch nach Chanel. Nicht nach Nº 5, natürlich nicht, der war für unsere Altersgruppe so eigenwillig, dass er nur einer gehören konnte. Ich ließ mich mit einem gerade neu lancierten Chanel-Duft namens Chance beschenken. Das war dann meiner - weil ich ihn trug, bis die Flasche leer war. Nicht weil ich es schaffte, ihn mir anzueignen. Einen signature scent habe ich bis heute nicht. Jennifer Wiebking

Schanell klang wunderschön

Vor Chanel Nº 5 kam erst mal eine halbe Flasche Elnett. Die sorgte 1986 dafür, dass die Haare als klebriger Vorhang auf die Schultern fielen und dort die nächsten 24 Stunden reglos verharrten. Dann noch schnell den glitzernden Tonpuder ins Gesicht, der ausgleichen musste, was der Selbstbräuner angerichtet hatte. Als Parfum gab es zwei zur Auswahl, sie standen unter dem Badezimmerspiegel und gehörten meiner Mutter: Rive Gauche von YSL und Chanel Nº 5. Immer wurde es Chanel Nº 5. Warum eigentlich? Lag es am Namen? Schanell klang auch ohne Französisch wunderschön. War es der schnörkellose Schriftzug, das klare Schwarz auf Weiß, das so unglaublich edel wirkte? Oder einfach nur dieser Duft, der sich, süß und schwer, auch gegen sehr viel Elnett durchsetzen konnte? Auf jeden Fall steht Chanel Nº 5 heute noch in meinem Badezimmer. Heute aufgetragen, duftet es nach blauem Lidschatten, Bacardi-Cola, David Bowie und der besten aller Zeiten. Karin Truscheit

Der Parfum-Händler im Hauseingang

Bei uns im Bad stand immer ein Fläschchen Chanel Nº 5. Als Kind tröpfelte ich heimlich etwas davon hinter mein Ohr, so wie ich es bei meiner Mutter gesehen hatte. Mir war klar: Wenn ich erwachsen bin, muss es dieser Flakon mit diesem Duft sein. Als es so weit war, erkannte ich: Leisten konnte ich mir das Parfum noch lange nicht. Deshalb passierte mir diese saudumme Geschichte an einem Wochenende in Paris. Beim Schlendern durch die teuren Einkaufsstraßen entdeckte ich in einem Hauseingang einen Händler, der Parfums verkaufte – zu einem sensationellen Preis. Chanel Nº 5 war auch dabei. Endlich! Und ich konnte es mir als Studentin sogar leisten! Ich griff zu und riss, zurück in meiner Absteige, verheißungsvoll die Verpackung auf – um entsetzt festzustellen, dass der Inhalt des Flakons einfach nur billiges Kölnisch Wasser war. Ich war einem Betrüger aufgesessen und kam mir töricht vor. Vielleicht verbinde ich deshalb mit Chanel Nº 5 immer noch echten Luxus, auch in Zeiten, in denen Parfum zu einem inflationären Gut geworden ist. Anke Schipp

Warum eigentlich Die Nummer 5?

Ihr Porträt in Schwarz-Weiß ist weltberühmt: Coco Chanel mit langer, mehrfach um den Hals geschlungener Perlenkette, kleinem Hut, den Kopf nach rechts geneigt, zwischen den Lippen eine Zigarette. Dass nicht etwa der Geruch von Tabak diesen Mythos begleitet, liegt auch an Chanel Nº 5. Zur Mythenbildung dieser Frau hat er viel beigetragen. Bis heute ist Chanels erstes Parfum wichtiger für das Haus als die revolutionären Entwürfe, mit denen sie es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Frauen vom Überfluss zu befreien, den Hosen, dem Kleinen Schwarzen, dem Oberteil mit Breton-Streifen. Ein Duft gehörte in Chanels Vorstellung zunächst gar nicht in diese Reihe. 1920 änderte sie ihre Meinung und ließ sich auf die ersten Versuche des ehemaligen Zaren-Parfümeurs Ernest Beaux ein. Aus seinen zwanzig Entwürfen wählte sie die Nummer fünf aus. Ihre Begründung: „Ich lanciere meine Kollektion immer am fünften Tag des fünften Monats, die Fünf scheint mir Glück zu bringen – daher will ich es Nº 5 taufen.“ Mit ihrer Intuition lag Chanel richtig: Den Duft, limitiert auf hundert Flaschen, verschenkte sie zu Weihnachten 1921 zunächst an ihre besten Kundinnen. 1922 kam er auf den Markt – um zu bleiben. So wie Coco Chanel in unserem Bewusstsein.

Quelle: F.A.S.
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