Christian Courtin-Clarins

Er managt Schönheit

Von Jennifer Wiebking
01.02.2020
, 13:49
Seit Jahrzehnten verkauft Christian Courtin-Clarins die Schönheitsprodukte seines Familienunternehmens in die ganze Welt – und beobachtet, wie sie sich verändert.

Da war zum Beispiel am Wochenende dieser unfreiwillige Salto. Christian Courtin-Clarins ist nicht einfach auf einer Mountainbike-Tour gestürzt. Er erzählt, wie er erst nach vorne fiel, über die Lenkstange hinweg, und sich dann im Fallen noch drehte. Christian Courtin-Clarins, 68 Jahre alt, ein stattlicher Mann, gebräunter Teint, schlohweißes Haar, ist Schönheitsmanager. Er kennt sich aus mit blumigen Beschreibungen, selbst wenn es um blutige Angelegenheiten geht. Und um blaue Flecken. Er muss recht hart gelandet sein. „Die Beine, die Brust, der Mund.“

Das kleine Abenteuer am Wochenende ist der Grund, weshalb er an diesem Montagnachmittag einen Visagisten vor dem Gespräch in sein Pariser Büro bittet, der mit Pinsel und Quaste die Partie um seine Lippen bearbeitet, während sich die Besucher schon mal setzen können. Ein Schönheitsmanager, der sich schminken lässt, vor drei Zeugen. Christian Courtin-Clarins leitet zusammen mit seinem Bruder in zweiter Generation den Beautykonzern Clarins, den sein Vater 1954 gegründet hat – da hat so eine Schminkszene durchaus Symbolkraft. Denn wie ist es bestellt um die Schönheit bei Männern? Sehen sie Schminken heute so locker wie Courtin-Clarins, zwei Jahrzehnte nach Anbruch des metrosexuellen Zeitalters?

Für ihn ist das nur eines von vielen Kapiteln in der Schönheitsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte. Ein wichtiges, sicher, aber Courtin-Clarins kann das ganz gut einordnen. Seit 45 Jahren reagiert er auf Körperbilder und Schönheitsempfinden in der ganzen Welt - mit den Produkten seiner Familie. Er hat einen eigenen Blick erworben auf die Welt und die Menschen, die sie bewohnen.

Unternehmen in weiten Teilen der Welt aktiv

Auch aus seiner Perspektive geht es vorrangig um Luxusprobleme, selbstverständlich, nicht um Kriege und Konflikte und Naturkatastrophen. Nur um Dellen an den Oberschenkeln, Falten auf der Stirn, einen markanten Gesichtsausdruck oder Hände, die so gepflegt aussehen sollen, als würden sie den ganzen Tag über ein iPhone streicheln. Doch die Welt lässt sich trotzdem ein Stück weit auf Basis dieser Wünsche erklären. Denn sie erzählen etwas über das Intimste, womit sich ein Mensch beschäftigen kann, den eigenen Körper. Am Anfang mögen da nur Zahlen und Fakten stehen, am Ende aber lässt sich schon sagen, in welche Richtung es für eine Gesellschaft geht.

Courtin-Clarins ist ein genauer Beobachter der Welt. Und er ist ein Unternehmer, der entsprechend handelt. Seit 1974 ist er in der Firma tätig. Damals war Clarins in drei Märkten aktiv. Heute sind es 141. Für Courtin-Clarins gibt es kaum mehr weiße Flecken auf der Landkarte. Sein Büro in der sechsten Etage spiegelt dieses Leben wider, auch wenn der Konzern erst vor einigen Jahren alle Teile des Unternehmens unter einem Dach vereint hat, in einem verspiegelten Turm an der Porte des Ternes in Paris. Im Regal neben seinem Schreibtisch stehen Riesen-Flakons des mehr als 30 Jahre alten Duftklassikers Eau Dynamisante. An der Wand lehnt das Bild eines vom Aussterben bedrohten Alpenvogels, den man nach seinem Unternehmen benannt hat.

Die Natur, die Alpen im Besonderen, liegt ihm am Herzen. Drei Wochen war Courtin-Clarins vor dem Fahrradunfall in den Bergen unterwegs gewesen, oft auch mit dem Mountainbike, nichts ist passiert. „Und dann bin ich zurück in der Stadt, und bei der ersten Ausfahrt übersehe ich dieses große Loch.“ Nicht nur er selbst scheint besser aufgehoben zu sein in der Natur, auch sein Unternehmen ist es zu einem gewissen Grad. In den französischen Alpen unterhält Clarins seit einiger Zeit eine eigene Landwirtschaft, die Domaine Clarins, die zugleich ein Labor ist. Nicht, dass man dort Vieh halten würde – es ging von Anfang an um Pflanzen, um Permakultur, eine eigene Kreislaufwirtschaft, die hoffentlich irgendwann mal so gut funktionieren wird, dass sie genug Ertrag für das gesamte Sortiment einbringt.

Der Familienname Clarins ist eine Erfindung

Das ist sein Ziel, auch wenn das für einen der größten Schönheitskonzerne der Welt ambitioniert ist. Zwei Hektar auf 1400 Meter Höhe haben sie zur Verfügung. „Das macht die Pflanzen so interessant. Es sind Pionierpflanzen, die monatelang von Schnee bedeckt sind, und wenn er im Frühjahr schmilzt, wachsen sie umso stärker“, sagt Courtin-Clarins. „Einige davon verwenden wir schon in unseren Produkten: Dachrose, Alpenrose, Weißer Andorn.“

Zwei Jahre lang sei er auf der Suche nach einem geeigneten Ort gewesen. „Meistens stimmten die Höhenlagen nicht, und dann gibt es nicht mehr viele Menschen, die dort oben pflanzliche Landwirtschaft betreiben.“ Am Ende fand er den richtigen Ort. „Ein kleines Chalet, das schon so existierte“, sagt Courtin-Clarins. Auch auf 1400 Meter Höhe geht es immer noch um die Arbeit eines Pariser Schönheitskonzerns. Die ersten zwei Produkte, die mit Pflanzen der Domaine angereichert werden, sollen der Toner und die Reinigungsmilch sein. „Warum diese beiden Produkte? Weil auch mein Vater damals mit drei Gesichtsölen angefangen hat. Dann kam das Körperöl. Dann die Reinigungsmilch.“ Auch die habe sein Vater Jacques Courtin-Clarins damals auf Basis von Alpenpflanzen entwickelt, Melisse, Enzian und Johanniskraut. „Als ich ihn einmal fragte, warum die Alpen, antwortete er: ,Weil es dort pur ist.’“

Es ist nicht so, als würden die Söhne nur auf dem Weg gehen, den der Vater ihnen mit der Gründung geebnet hat. Christian, der Ältere, und Olivier, der drei Jahre jünger ist, teilen sich die Leitung des Konzerns mit 9000 Mitarbeitern. Der Familienname Clarins ist eine Erfindung des Vaters Jacques Courtin. Als Schüler spielte er in einem Theaterstück einmal einen Clarins. Der Name gefiel ihm. In den frühen sechziger Jahren, als Medizinstudent, begann er, mit eigenen Produkten zu experimentieren – und stellte schnell fest, dass er damit in den Nachkriegsjahren Erfolg hatte. Jacques Courtin gründete Clarins, zunächst als Schönheitsinstitut für Behandlungen, später auch als Marke, die ihre Produkte im Land vertrieb.

Die Nachfolge ist noch ungeklärt

Er bekam zwei Söhne, erst Christian, dann Jacques. Wenn sich Christian Courtin-Clarins an seine Kindheit erinnert, fallen ihm als erstes die Besuche im Botanischen Garten in Paris ein, den er alle paar Monate mit seinem Vater besuchte. Der Junge entwickelte, wie sein Vater, einen grünen Daumen, entschied sich nach dem Abitur dann aber doch nicht für ein naturwissenschaftliches Studium, sondern für die Wirtschaft. Die Globalisierung kündigte sich an, und Clarins sollte künftig nicht nur in Frankreich eine Rolle spielen. „Ich bin Schütze, ich reise gerne.“

Im Jahr 1974 trat der damalige Christian Courtin als zuständiger Mann für den Export ins Unternehmen ein. Zu einer seiner ersten größeren Herausforderungen gehörte es, in Südafrika Fuß zu fassen. „Ich war also auf Dienstreise, nicht allein, sondern mit Jean Cacharel.“ Der Mann hieß nicht wirklich so, eigentlich lautet sein Name Jean Bousquet, aber weil er Düfte unter dem Namen Cacharel verkaufte, entschied er, sich selbst auch so zu nennen. „Wir flogen zusammen nach Südafrika, und auf der Reise sah ich ihn dann immer mal wieder. Ich bekam mit, wie er sich mit allen Personen traf, die auch für uns wichtig waren. Ich hingegen hatte keine Termine. Auf dem Rückflug begegneten wir uns wieder, und er sagte mir, ich müsse es machen wie er, Clarins müsse Teil des Familiennamens sein.“ Nach seiner Rückkehr eröffnete der Sohn dem Vater den Plan. „Er sagte: ,Ich mag meinen Namen. Aber gut, dann heißen wir künftig Courtin-Clarins.’“ Als Christian Courtin-Clarins flog er wieder nach Südafrika. „Ich war nun nicht mehr der Exportmanager, für den sich niemand interessierte. Jetzt wollten sie den Eigentümer treffen.“

Das sind Christian und Olivier Courtin-Clarins noch immer. Obwohl der eine inzwischen 68, der andere 65 Jahre alt ist, ist die Nachfolge weiterhin ungeklärt. Auch ihr Vater Jacques war bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2007 im Unternehmen tätig. Immerhin, eine Tür weiter sitzt an diesem Montag Virginie, Christian Courtin-Clarins' ältere Tochter. Auch Olivier Courtin-Clarins hat zwei Töchter. Zu viert waren die Kusinen Anfang der zehner Jahre Gesprächsthema – als It-Girls der Kosmetikbranche. Sie ließen sich zusammen auf Modenschauen blicken, auf Partys. Heute sind sie eher mit ihren Kindern beschäftigt.

Er kennt die Wünsche der Frauen

Im Unternehmen sind drei von ihnen noch tätig, Prisca, Jenna und Virginie. Mit der Firma sind alle vier früh sozialisiert worden, nicht zuletzt durch den Großvater selbst. „Joli Rouge, der Name einer unserer Lippenstifte, auf den kamen damals wir vier, Jenna, Prisca, Claire und ich, beim Frühstück“, erzählte Virginie einmal in einem Interview mit diesem Magazin. Und sie sagte: „Während der Sitzungen weiß ich, was mein Vater sagen wird, bevor er es ausspricht.“

Trotzdem – geklärt ist nichts. Der Vater hat immer noch viel zu sagen darüber, was Frauen wollen. Seine Langzeitstudie umfasst immerhin knapp fünf Jahrzehnte. Also, was wollen sie? „Ich bin in einer Zeit großgeworden, als Nacktheit stärker akzeptiert war. Und zugleich geht es viel weniger ums Verstecken. Frauen verwenden Makeup heute nicht mehr, um etwas zu vertuschen, sondern, um sich selbst bestmöglich darzustellen.“ Dazu gibt es eine schöne Floskel, die Berühmtheiten derzeit inflationär in Interviews verwenden: die beste Version von sich selbst zu sein. Also nicht jemand anderen darzustellen und schon gar nicht so auszusehen und trotzdem in Sachen Selbstoptimierung das Maximum zu geben. Auf diesen Impuls hat die Schönheitsindustrie reagiert.

Und noch etwas sei heute anders als früher, sagt Courtin-Clarins: „Frauen ist mittlerweile bewusst, dass Hautpflege keine Wunder vollbringen kann.“ Für den Chef eines Schönheitskonzerns ist das eine beachtliche Aussage. „Aber es hilft natürlich, wenn man sich um sich selbst kümmern möchte“, ergänzt Christian Courtin-Clarins sicherheitshalber. „Das haben wir schon immer gesagt: Wenn Sie abnehmen möchten, müssen Sie auf Ihre Ernährung achten. Müssen Sport treiben und Pflegeprodukte verwenden, damit Ihre Haut durchfeuchtet ist. Wir haben einmal einen Test gemacht und unsere Straffungsprodukte an unseren Verkaufsständen nur herausgegeben, wenn die Frauen uns versprachen, die zwei anderen Faktoren zu befolgen.“

Unternehmen dringt weiter in der Welt vor

Als Student an der Uni hat Courtin-Clarins in einem Philosophie-Seminar ein Nietzsche-Zitat aufgeschnappt, das für sein späteres Leben als Schönheitsmanager nicht unwichtig sein sollte: „Überzeugungen sind oft die gefährlichsten Feinde der Wahrheit.“ Er nimmt ein Produkt zur Hand und fragt sein Gegenüber, worum es sich handele. Ein Double Serum. Er sagt: „Ja, Sie sehen das Produkt. Ich sehe die Zahl von zehn Millionen, die wir von diesem Double Serum schon produziert haben. Wir haben beide recht. Deshalb ist der Satz für mich so wichtig.“

Daran muss er immer denken, wenn Clarins in einen neuen Markt geht, in dem potentielle Kunden leben, die nicht unbedingt auf Clarins gewartet haben, und die es zu begeistern gilt, auf Basis ihrer eigenen Wahrheit. „Das ist heute noch einmal ganz anders als damals“, sagt Courtin-Clarins. „Heute muss ich in einem Land manchmal die Augen schließen, um mich überhaupt daran zu erinnern, wo ich bin. Denn es sieht ja alles gleich aus.“

Auch er hat seinen Anteil an den Folgen der Globalisierung. Sobald ein Markt für westliche Konzerne geöffnet ist, geht es meist schnell. „Vor drei Jahren war Myanmar ein weißer Fleck auf der Landkarte. Heute sind wir dort angekommen. Mein Traum ist Nordkorea, denn das würde bedeuten, dass sich das Land öffnet.“

Die Vorgaben werden immer strenger

Die Verfügbarkeit von Schönheitsprodukten in einem Land sagt auch etwas aus über dessen Zustand. „Ich würde dort sofort ein Spa eröffnen. Das machen wir überall, wo wir ankommen, denn im Spa-Betrieb liegen unsere Wurzeln.“

In den Spas bemerkten sie vor knapp 20 Jahren auch erstmals, dass Männer ebenfalls Schönheitsprodukte benutzen. „Es begann um das Jahr 2000, da lag der Anteil der männlichen Besucher in unseren Instituten in Hotels bei 40 Prozent. Sie verwendeten schon unsere Sonnencreme, und einige wechselten dann auch zur regelmäßigen Hautpflege.“ Am Anfang waren es besonders Schauspieler und Musiker. Courtin-Clarins selbst cremt sich jeden Tag ein, schon immer, sagt er, selbst als junger Mann beim Rugbyspiel. „Da war es Wärmecreme. Selbst der Tigerbalsam erwärmt sich heute nicht mehr stark genug.“ Die Vorgaben werden immer strenger.

Als Schönheitsmanager macht ihm das mehr zu schaffen als der Trend zu Body-Positivity bei Frauen – ein Phänomen, das letztlich auch nur ein Ausdruck von Körperfixierung ist. Verzicht und Vorsichtsmaßnahmen machen das Leben zunehmend schwer, aber viele Menschen scheinen es so zu wollen. Schließlich haben sie sich schon mal dazu entschlossen, die beste Version ihrer selbst zu sein. Immer mehr ehemals bewährte Inhaltsstoffe geraten so in Verruf oder werden gleich verboten. „Aus Recherchesicht macht das keinen Sinn. Wir kommen nicht vorwärts.“

Die moderne Welt bietet neue Herausforderungen

Da ist etwa der Streit um Parabene, Konservierungsstoffe, damit die Produkte nicht schlecht werden. „Etwa 75 verschiedene Parabene kommen in der Kosmetikindustrie zum Einsatz. Manche sind sehr aggressiv.“ Nun lande aber auch Bewährtes auf der roten Liste. „Man streicht damit einen sehr guten Inhaltsstoff und ersetzt ihn durch einen, von dem man nicht weiß, wie sicher er ist, ob er nicht viel mehr Allergien verursacht als der alte.“

Für Clarins, das Unternehmen, das sein Vater gründete, und für Christian Courtin, der den Namen Clarins in die Familie brachte, ist das eine der größten Herausforderungen. Wenngleich nichts, was gleich zum Sturz führen würde. Vor allem, wenn man weiß, wie man einen Salto ohne große Schrammen übersteht.

Quelle: F.A.Z.-Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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