Design und Stereotype

„Connie ist der Mann, und ich bin die Frau – und dann wieder andersrum“

Von Jasmin Jouhar
24.05.2022
, 13:09
„Einfach zwei Menschen“: Connie Hüsser (links) und Jörg Boner, hier in seinem Zürcher Studio, sind seit mehr als 20 Jahren befreundet. Erst kürzlich haben die beiden erstmals zusammengearbeitet.
Stylistin trifft Designer: Connie Hüsser und Jörg Boner prägen schon lange die Designszene. Im Interview sprechen sie über Genderklischees im Design, Präzision, Selbstvertrauen und ihr gemeinsames Traumprojekt.
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Connie Hüsser und Jörg Boner prägen seit zwei Jahrzehnten die Designszene, in der Schweiz und darüber hinaus. Hüsser als Stylistin, Raumgestalterin und Redakteurin der Zeitschrift „Annabelle“, Boner als Designer, Dozent und Präsident der Eidgenössischen Designkommission, die jährlich die Swiss Design Awards vergibt. Während Hüsser in ihren Collagen und Szenografien angstfrei Formen, Farben und Ästhetiken aufeinanderprallen lässt, wirken Boners Produkte ruhig und ausgewogen. Auch wenn die beiden eine jahrelange Freundschaft verbindet, haben sie erst kürzlich zum ersten Mal zusammengearbeitet. Unter Hüssers Label „Objects with Love“ stellten sie für eine Ausstellung eine Sammlung von Kerzenständern zusammen. Zum Videointerview haben sie sich in Boners Zürcher Atelier getroffen.

Frau Hüsser, Herr Boner, Sie übererfüllen als kreatives Duo alle Genderklischees: Die Frau ist Stylistin,intuitiv, emotional, arrangiert bunte Objekte und richtet Räume schön ein; der Mann ist Designer, entwirft Serienprodukte für die Industrie, klar und reduziert. Eine eindeutige Rollenverteilung – oder ist es in Wahrheit ganz anders?

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Jörg Boner: Connie ist der Mann, und ich bin die Frau – und dann wieder andersrum. Aber wir sind ja erst mal Menschen. Ich habe diesbezüglich eine sehr tolerante und offene Sicht von meinem Zuhause mitbekommen.

Connie Hüsser: Es ist genau so, wie Sie es beschrieben haben – aber eben auch ganz anders. Ich denke nicht so in den Frau-Mann- Schubladen. Wir sind zuerst Menschen, mit Stärken und Schwächen. Dieses Klischee vom Mann, der rational, klar und reduziert ist, passt so gar nicht zu Jörg. Er ist ein emotionaler, weicher und feinsinniger Mensch für mich.

Jörg Boner: Was ist denn genau Industriedesign? Ist mit Industriedesign etwa gemeint, dass von einem Produkt mehr als 100 Stück jährlich hergestellt werden? Klar, wir zeichnen Straßenleuchten für Ewo. Aber auch, wenn ich die entwerfe, stehen Hunderte der schönsten Bücher zu Kunst, Architektur, Fotografie und Geschichte hinter mir im Regal. Alles, was wir tun, tun wir in einem kulturellen Kontext. Ob es ein kleines Einzelstück ist oder etwas mit einer höheren Auflage. Connie und ich wirken nach außen ganz unterschiedlich, 180 Grad entgegengesetzt. Aber inhaltlich sind wir uns ziemlich nahe, deswegen können wir so gut miteinander. Da ist viel Vertrauen und eine große langjährige Freundschaft.

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Connie Hüsser: Also ich kann auch der Mann sein in unserer Beziehung.

Jörg Boner: Dass man diese Genderfrage von außen stellt, verstehe ich. Wenn ich von innen schaue, sind wir einfach zwei Menschen, die sich gut verstehen. Nicht dass uns das alles nicht interessieren würde. Aber wenn wir zusammenarbeiten, ist das kein Thema.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Connie Hüsser: Das weiß ich gar nicht mehr so genau.

Jörg Boner: Ich weiß es noch ganz genau. Ich war an einem Samstagmorgen in meinem Atelier, in einer Zeit, als ich noch keine Aufträge hatte. Da hat Connie angerufen als Redakteurin der Zeitschrift „Annabelle“ und hat gesagt, ihr habt doch so einen Leuchtstuhl gemacht. Könnte ich den abdrucken?

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Connie Hüsser: Stimmt! Ich habe den ersten Schritt gemacht! Typisch Mann.

Jörg Boner: So haben wir uns kennengelernt.

Connie Hüsser: Das ist lange her. 2000? Wahnsinn, dann kennen wir uns schon 22 Jahre.

Was für ein Stuhl war das?

Jörg Boner: Ein Stuhl namens POF 1, „piece of furniture 1“, den habe ich mit der Designergruppe N2 für einen Wettbewerb entworfen. Es ging darum, etwas mit dem Stuhl Classic des Schweizer Herstellers Horgenglarus zu machen. Der Ausgangspunkt war, dass ein Stuhl im Schlafzimmer oft als Ablage für Kleider genutzt wird. Da wäre es doch gut, er würde ein bisschen Licht geben. Wir haben in die Sitzfläche eine Leuchte eingebaut, so wurde der Stuhl zu Nachttischleuchte und Kleiderständer, und er ist traurig, dass er nie ein Stuhl sein darf.

Frau Hüsser, was würden Sie gerne können, was Jörg Boner gut kann?

Connie Hüsser: Ich hätte gerne diese Präzision, mit denen du diese wunderbaren Kartonmodelle machst. Dabei musst du so sauber und genau arbeiten, das kann ich nicht. Ich habe nicht die Geduld und die Konzentration. Mir fehlt diese „männliche“ Disziplin. Go with the Flow und Improvisieren ist eher meines.

Herr Boner, was würden Sie gerne können, was Connie Hüsser gut kann?

Jörg Boner: Ich möchte so einen Raum betreten können, wie Connie das macht. Tür auf und: Tata, ich bin hier. Das kann ich nicht.

Connie Hüsser: Ach, das machst du doch auch.

Jörg Boner: Ich überlege mir, bevor ich die Tür öffne: Was sag’ ich? Ich überlege mir die Dinge zehnmal. Und sie kann einfach die Tür aufmachen und: Tata, ist sie da. Du bist so direkt.

Frau Hüsser, Sie haben Dekorationsgestalterin gelernt. Wie sind Sie geworden, was Sie heute sind?

Connie Hüsser: Sie meinen, dieses Gesamtkunstwerk? Es war ein natürlicher, langer Prozess. Viel, viel, viel Arbeit. Konsequent, radikal und leidenschaftlich. Lust am Entdecken und eine große Neugierde auf das Leben. Zufälliges, Unscheinbares zu sehen und wahrzunehmen, mich inspirieren zu lassen von Dingen, Momenten, Kombinationen. Dieses Gespür für ungewöhnliche Kombinationen, gepaart mit Wissen, Talent und gutem Geschmack, ergibt den eigenen Stil, wie ich Atmosphäre kreiere und die räumlichen Collagen auflade. Und das Glück, die richtigen Menschen zu treffen, so wie mit Jörg.

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Jörg Boner: Du entscheidest total aus dem Bauch, mit deiner gesunden Portion Selbstvertrauen. Natürlich ist dieses Selbstvertrauen wie bei allen von uns immer wieder brüchig. Aber was die Sache anbelangt, wenn es um Geschmack geht, da kannst du auf dich zählen. Was ist gut, was ist nicht gut, welche Farbe passt? Das kann man eben nicht lernen. Den Beruf gibt es nur für dich.

Jörg Boner und Connie Hüsser
Jörg Boner und Connie Hüsser Bild: Philipp von Ditfurth

Connie Hüsser: Selbstvertrauen, ja, das habe ich! Weil ich weiß, was ich kann, und weil ich Kunden habe, die mir vertrauen. Ich habe außerdem gemerkt, dass ich mich nicht verstellen kann. Ich bin unangepasst, vielleicht auch anstrengend, aber das Ergebnis spricht meistens für sich. Dafür sitze ich viele Tage und Nächte am Computer – bis das Bild perfekt ist. Mein hoher Selbstanspruch steht mir da echt im Weg.

Jörg Boner: Du bist eine Menschenfreundin.

Connie Hüsser: Ja, das bin ich auf jeden Fall.

Aber auch Jägerin und Sammlerin.

Connie Hüsser: Natürlich! Leidenschaftlich!

Wie finden Sie all diese Dinge? Suchen Sie strategisch, oder kommen sie zu Ihnen?

Jörg Boner: Strategie gibt es bei Connie nicht.

Connie Hüsser: Die Dinge kommen zu mir. Ich bin sehr, sehr aufmerksam. Ich kaufe Magazine, ich bin im Internet unterwegs, natürlich auch auf Instagram, ich sauge alles auf, recherchiere und durchforste mein riesiges Archiv. Hinterfrage, verwerfe und fange von vorne an. Eigentlich bin ich ein Schwamm mit Antenne, der einen Volvo Kombi fährt.

Sind Sie viel auf Reisen?

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Connie Hüsser: Das ist ja der Witz. Bei mir meinen alle immer, ich sei ständig unterwegs. Ich habe Flugangst! Ich reise gar nicht so viel,
am liebsten mit dem Auto. Aber geistig bin ich immer in Bewegung.

Herr Boner, Sie sind Präsident der Eidgenössischen Designkommission. Wie viel Einfluss bringt dieser Posten in der Schweizer Designszene?

Jörg Boner: Oh, là là! Das ist der Job, von dem alle meinen, dass man damit finanziell ausgesorgt habe. Dabei habe ich in meinem Studio kein Projekt, das mich so viele Nerven und so viel Aufwand kostet. Es ist natürlich eine große Ehre, dieses Amt, und ich mache es gerne und musste auch nicht lange überlegen, ob ich das annehmen soll oder nicht. Das Beste daran sind die Jurysitzungen zum Grand Prix für das Lebenswerk und die Swiss Design Awards. Ich war schon in vielen Jurys, diese ist die anstrengendste von allen. Aber auch die sorgfältigste. Und die, von der ich am meisten lerne. Alle nehmen diese Aufgabe sehr ernst. Das sind so lebendige, kräftige Diskussionen. Natürlich habe ich einen gewissen Einfluss und ein bisschen was mitzureden, wer die Preise bekommt. Aber wir sind keine einstimmige Jury, wir müssen uns alle immer mit Argumenten rechtfertigen. Und das ist gut für den Preis und die Gewinner!

Warum sind Sie Designer geworden?

Jörg Boner: Ich komme aus einem Handwerksbetrieb. Meine Familie hat mir geraten, bevor ich studiere, einen Handwerksberuf zu erlernen. Dafür bin ich meinen Eltern dankbar. In der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich das Handwerk sehr liebe. Das Herstellen, das Material, das Physische. Aber was ich machen musste, zum Beispiel Louis-XIV-Stühle nachbauen, das war für mich ein stilistischer Raubzug. Da habe ich eine Lösung gesucht, wie ich mit dem Handwerksberuf in die Richtung gehen kann, die mich eigentlich interessiert. Mich interessierten immer gesellschaftliche und kulturelle Themen. Da war es naheliegend, den Beruf des Designers genauer anzusehen. Darüber bin ich heute noch glücklich.

Connie Hüsser: Bei mir war es ähnlich. Ich wollte an die Kunstgewerbeschule in Luzern. Aber da hat mein Vater gesagt, Mädchen, mach erst mal ein Handwerk, dann kannst du immer noch studieren.

Jörg Boner: Nach der Ausbildung habe ich eine Zeichenlehre gemacht, weil ich wusste, dass ich zu jung für die Kunstgewerbeschule war. Damals wäre ich nicht aufgenommen worden. Danach habe ich ein Jahr lang mit einer Gruppe von Technikern und Physikern ein Solarmobil entwickelt. Ich habe die Karosserie gezeichnet. Ich dachte: endlich etwas Sinnvolles! Und mit dem, was wir tun, werden wir die Autoindustrie umpflügen! Das war 1991. Danach, mit diesem Hintergrund, habe ich die Aufnahmeprüfung in die damalige Kunstgewerbeschule geschafft.

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Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten, was wäre Ihr gemeinsames Traumprojekt?

Jörg Boner: Dann hätten wir eine ziemlich coole Designgalerie.

Connie Hüsser: Ja!

Jörg Boner: Eine Designgalerie in Paris oder London. Nicht in Zürich, hier interessiert es niemanden.

Connie Hüsser: Vielleicht in Dänemark oder Schweden, mich zieht es in den Norden.

Jörg Boner: Es dürfte auf jeden Fall nicht in der Schweiz sein. Das, was uns verbindet, die Entwurfshaltung – die würden wir gerne auf fruchtbarerem Boden säen.

Connie Hüsser: Es juckt mich immer, so etwas zu machen. Ich wäre gerne noch viel stärker und professioneller Förderer von Design. Ich würde gerne Editionen herausgeben.

Jörg Boner: Das Fördern ist für dich sehr wichtig, und da kreuzen sich unsere Wege ebenfalls. Bei mir passiert das durch die Arbeit in der Designkommission. Dabei lerne ich eine ganz junge Generation kennen. Es freut mich total, wenn wir als Kommission mit den Preisen jungen Leuten Schwung geben können.

Connie Hüsser: Das ist mein Anliegen, die Jungen sichtbar zu machen. Sie zu entdecken, zu zeigen und natürlich zu verkaufen. Das ist erfüllend, wenn du der Entdecker und Vermittler bist.

Jörg Boner: Das ist die Verbindung von unserer in eine jüngere Generation. Als ich zehn Jahre lang an der Kunsthochschule in Lausanne, der ECAL, unterrichtet habe, kam das ganz automatisch mit, ich kannte eine ganze Generation von jungen Designern. Connie und ich, wir machen das einfach gerne, wir bekommen da kein Geld für. Ich verdiene keinen roten Rappen, wenn ich jemanden fördere. Vielleicht ist es deswegen so toll, weil es nichts mit Ökonomie zu tun hat.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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