Von links nach rechts: Fay: Silberkleid von Gucci, Sneaker von Nike; Annea: mit Federn und Strass besetztes Kleid von Givenchy, Sneaker von Nike
Von links nach rechts: Fay: Silberkleid von Gucci, Sneaker von Nike; Annea: mit Federn und Strass besetztes Kleid von Givenchy, Sneaker von Nike

Die Mahlers

Text: FREDDY LANGER, Fotos: UTE und WERNER MAHLER
Von links nach rechts: Fay: Silberkleid von Gucci, Sneaker von Nike; Annea: mit Federn und Strass besetztes Kleid von Givenchy, Sneaker von Nike

28. September 2020 · In der DDR wurde das Fotografen-Paar bekannt, auch mit Aufnahmen für die Zeitschrift „Sibylle“. Nach drei Jahrzehnten haben sie erstmals wieder Mode fotografiert.

Am vorletzten Tag kam ich dann auch noch aufs Bild. Gewissermaßen. Das war an der Elbe, wo im Sand des Ufersaums eine junge Frau im neonpinkfarbenen Kleid auf einer neonpinkfarbenen Luftmatratze in Form einer Muschel saß, und eine Böe ausgerechnet in dem Moment nach ihr griff, auf den alle so lange gewartet hatten, dass nämlich endlich eine Wolke die Sonne verdeckte und das bis dahin brutal und gleißend vom Himmel stürzende Licht mit einem Mal zart wie Milch herniedernieselte.

In genau diesem Moment also kam ein Luftzug die Böschung hinuntergeschossen, und man hätte meinen können, er habe nur ein Ziel: das aufgeblasene Muschelungetüm mitsamt der jungen Frau, die es krampfhaft mit den Händen zu halten versuchte, direkt in den träge dahinziehenden Strom zu pusten.   

Milla: Kleid von Super Yaya, Hose von Levi’s, eigene Sneaker
Milla: Kleid von Super Yaya, Hose von Levi’s, eigene Sneaker

Prompt war’s vorbei mit der Anmut einer Venus wie von Sandro Botticelli. Jetzt erinnerte die Szene im weitesten Sinn an den trojanischen Priester Laokoon in seinem aussichtslosen Kampf mit den Seeschlangen. Weshalb ich mir gern einreden würde, kurzentschlossen in die Kulisse hineingehechtet zu sein, um mich von hinten gegen die aufgeblasene Jakobsmuschel zu stemmen. Aber in Wirklichkeit war natürlich alles nur halb so schlimm, und meine Hilfe hatte ich höflich angeboten, bevor ich zur Muschel eher hinüber geschlendert als gesprungen bin, hörte aber, kaum dass ich sie von hinten festhielt, den erlösenden Verschlussklick der Großbildkamera, weshalb ich mich zu fragen traute: „Bild gerettet?" – "Ach“, sagte Werner Mahler nur, „es wäre nicht schade um die Aufnahme gewesen.“ 

Leni: Top und Panties von Versace, Mules von Givenchy, Ringe von Versace und Margova
Leni: Top und Panties von Versace, Mules von Givenchy, Ringe von Versace und Margova
Marlene: Vintage-Shirt von Marithé & François Girbaud, Rock von Super Yaya, Schuhe von Hermès, Strümpfe von Fogal, Perlenkette von Margova; Paul: Trainingsjacke von Lacoste, Vintage-Unterhemd von Jacquemus
Marlene: Vintage-Shirt von Marithé & François Girbaud, Rock von Super Yaya, Schuhe von Hermès, Strümpfe von Fogal, Perlenkette von Margova; Paul: Trainingsjacke von Lacoste, Vintage-Unterhemd von Jacquemus

Er hatte der Idee von Anfang an nichts abgewinnen können. „Zu rosa“, hatte er genörgelt. „Zu kitschig.“ Viel näher denn an Botticelli sei das Arrangement an den Arbeiten von Pierre et Gilles, dem schwulen französischen Künstlerpaar, das mit sehr viel Aufwand und in sehr grellen Kostümen die Stars der Glamourwelt inszeniert wie Heiligenbildchen für den Andenkenladen eines katholischen Wallfahrtsorts. „Aber die Aufnahme ist doch schwarzweiß“, sagte Ute Mahler bloß und schüttelte kaum merklich den Kopf. Als wüsste ihr Mann das nicht selbst.

Schon zu Zeiten der DDR, woher die beiden stammen, zählten Ute und Werner Mahler zu den wichtigsten deutschen Fotografen, und weil die Frauenzeitschrift „Sibylle“ damals für sie die größten Freiheiten in der Umsetzung raffinierter Bildideen zuließ und zu ihrem „Echoraum der Träume“ wurde, wie sie das einmal formulierten, beschäftigten sie sich in den achtziger Jahren fast zwangsläufig immer wieder auch mit Mode. Ute Mahler, so unterscheiden sie die Vorgehensweisen heute, habe die Frauen stark, schön und klug präsentiert, Werner Mahler dagegen den Wert eher auf einen Anflug von Erotik gelegt. Aber Ute Mahlers schweißtreibende Aufnahmen junger Damen in tiefdekolletierten Badeanzügen belegen, dass die Unterscheidung so eindeutig kaum zu machen ist. Manche ihrer Bilder zählen zu den Ikonen der DDR-Fotografie, und Einfluss hatten sie auf das Leben sogar jenseits der Lichtbildnerei. Ihr berühmtestes Bild – eine voll bekleidete Frau im See, die sich das Wasser aus den nassen Haaren wringt – sei so populär gewesen, erzählt Ute Mahler, dass nach der Veröffentlichung Anfang der Achtziger deren Name, Julia, in der DDR lange zum beliebtesten Namen für neugeborene Mädchen wurde. 

Oskar trägt eine Bundfaltenhose von Jil Sander und seine eigene Kette.
Oskar trägt eine Bundfaltenhose von Jil Sander und seine eigene Kette.
Milla trägt einen Lammfellmantel von Dries Van Noten.
Milla trägt einen Lammfellmantel von Dries Van Noten.
Fay und Annea tragen Strickkleider und Stiefel von Bottega Veneta.
Fay und Annea tragen Strickkleider und Stiefel von Bottega Veneta.
Leni trägt einen Look von Chanel, Ohrringe von Nina Kastens, Ringe von Versace und Margova.
Leni trägt einen Look von Chanel, Ohrringe von Nina Kastens, Ringe von Versace und Margova.

Damals fotografierten die Mahlers noch jeder für sich. Dabei waren sie privat lange schon ein Paar, und ihre gemeinsame Geschichte reicht sogar zurück bis in die neunte Schulklasse. Erst viel, viel später wurden sie mit ihren „Monalisen der Vorstädte“ von 2009 an auch bei der Arbeit ein Team. Eher aus der Not geboren. Ute Mahler brauchte einen Assistenten, der ihr die kompliziert zu bedienende Großbildkamera aufbaute und korrekt einstellte. Nur widerwillig übernahm ihr Mann die Rolle, konnte aber nach zwei Bildern und einer Flasche Wein davon überzeugt werden, Gefallen an dem Projekt zu finden.

Die Idee der Serie mit der doppelten Autorenschaft war so einfach wie die Ergebnisse grandios sind. Im rauen Milieu der Randbezirke von Städten wie Reykjavik, Minsk und Liverpool stellten sie einen Hocker auf die Straße und ihre Großbildkamera davor. Dann baten sie junge Frauen, die zufällig des Wegs kamen, aus der Erinnerung die Pose der Mona Lisa einzunehmen. Entstanden sind bezaubernde Porträts, die sich zum Sittenbild jener Altersgruppe addieren, die dem Träumen noch nicht entwachsen ist, in deren Blicken sich aber schon erste Spuren von Skepsis und Resignation eingenistet haben.

Von links nach rechts: Paul: Look von Gucci; Marlene: Bluse, Pullunder, Rock und Stiefel von Chloé; Ennie: Strickpullover von Polo Ralph Lauren, Stiefeletten von Dior, Ketten und Ringe von Margova, die Shorts sind ihre eigenen; Oskar: Blouson, Seidenhemd und Hose von Hermès, Stiefel von Prada; Milla: Lammfellmantel von Dries Van Noten, Samthose von Acne Studios, Vintage-Top von Marithé & François Girbaud, Boots von Bottega Veneta; Leni: Look von Lacoste, Ring von Versace
Von links nach rechts: Paul: Look von Gucci; Marlene: Bluse, Pullunder, Rock und Stiefel von Chloé; Ennie: Strickpullover von Polo Ralph Lauren, Stiefeletten von Dior, Ketten und Ringe von Margova, die Shorts sind ihre eigenen; Oskar: Blouson, Seidenhemd und Hose von Hermès, Stiefel von Prada; Milla: Lammfellmantel von Dries Van Noten, Samthose von Acne Studios, Vintage-Top von Marithé & François Girbaud, Boots von Bottega Veneta; Leni: Look von Lacoste, Ring von Versace

Wie gut sich die Mahlers ergänzen, war während der gemeinsamen Arbeit in Werben nicht zu überhören – der winzigen Hansestadt am Rand von Sachsen-Anhalt. Sie liegt eingebettet in eine bezaubernde Landschaft und ist gleichermaßen gesegnet wie gestraft mit Gebäuden, deren Geschichte sich bis in den Dreißigjährigen Krieg verfolgen lässt. An deren Fassaden wachsen aus Rissen in den Bürgersteigen Malven in die Höhe. Dort inszenierten sie eine Modestrecke, für die sie ihre Models aus dem engsten Bekanntenkreis zusammengetrommelt hatten, Jugendliche und junge Erwachsene, weshalb sie womöglich ein wenig mehr Einfühlungsvermögen aufbrachten, als wenn sie mit professionellen Models gearbeitet hätten.

„Denk‘ an was Schönes“, sprach dann etwa Werner Mahler behutsam zur jungen Frau, die er auf den Steinstufen eines alten Hauses hatte Platz nehmen lassen, während er noch für letzte Korrekturen am Objektiv hantierte. „Nein!“, kreischte daraufhin empört Ute Mahler, die aus ihrer Vorliebe für einen melancholisch in die Ferne gerichteten Blick kein Geheimnis macht. Und Werner Mahler korrigierte sich trocken: „An etwas sehr Schönes!“   

Oskar (links): Look von Jil Sander, Stiefel von Prada; Paul: Look von Balenciaga
Oskar (links): Look von Jil Sander, Stiefel von Prada; Paul: Look von Balenciaga
Milla trägt einen Look von Bottega Veneta. Fritz trägt seine eigenen Sachen.
Milla trägt einen Look von Bottega Veneta. Fritz trägt seine eigenen Sachen.

Wer mit einer Plattenkamera fotografiert, sollte wissen, was er tut. Jede Aufnahme bedeutet Arbeit. Und jedes Auslösen verschlingt ein kleines Vermögen. Da möchte jeder Fotograf Ausschuss vermeiden, kann sich dann jedoch nicht darauf verlassen, unter Hunderten geschossener Bilder am Ende schon etwas Brauchbares zu finden. Es hilft zugleich aber auch dem, der vor der Kamera posiert, wenn er Anweisungen erhält und eine gewisse Vorstellung davon hat, wen oder was er darstellen soll. Für diese Modeaufnahmen – ihre ersten seit fast 30 Jahren – hatten sich die Mahlers deshalb eine Geschichte ausgedacht: eine Familienfeier. Eine Hochzeit zunächst. Den Geburtstag eines Großvaters später. Siebzigster, Achtzigster, Neunzigster? „Im Grunde ist es wurscht“, wiegelte Ute Mahler ab, obwohl sie in den kommenden Tagen immer mehr Details der Familie erfand bis hin zum Namen des Opas. „Ludwig“, sagte sie einmal so plötzlich, als sei sie selbst ganz überrascht über die Eingebung. „Er heißt Ludwig!“ 

Marlene trägt einen Look von Chloé, Leni trägt einen Mantel von Lacoste.
Marlene trägt einen Look von Chloé, Leni trägt einen Mantel von Lacoste.
Leni (links): Top und Hose von Dolce & Gabbana, Mules von Givenchy; Ennie: Badeanzug Vintage (über So Last Season), Trainingshose von Lacoste, Sonnenbrille von Gucci, Namenskette von Margova
Leni (links): Top und Hose von Dolce & Gabbana, Mules von Givenchy; Ennie: Badeanzug Vintage (über So Last Season), Trainingshose von Lacoste, Sonnenbrille von Gucci, Namenskette von Margova
Marlene trägt einen Look von Louis Vuitton.
Marlene trägt einen Look von Louis Vuitton.
Leni trägt einen Look von Miu Miu.
Leni trägt einen Look von Miu Miu.

Einen Handlungsstrang wie für einen Fotoroman sollte es nicht geben. Vielmehr stand den Mahlers der Sinn nach Szenen jenseits der Feier. Bilder von den ein, zwei Stunden, in denen die jungen Gäste die Gesellschaft samt Kaffeetafel verlassen. Dann gehen sie spazieren und tauschen sich aus, was seit dem vorigen Familientreffen alles geschehen ist. Sie springen im abgetragenen Badeanzug der Großmutter in die Elbe. Oder klettern gemeinsam auf Bäume. Die Jüngeren versuchen derweil bei den Älteren abzuschauen, wie man sich geben muss, um cool zu sein. Und niemand daddelt in all der Zeit auf seinem Handy, weil es bei den Großeltern in der Provinz keinen Empfang gibt. „Denkt dran“, sagte Ute Mahler anfangs mehr als einmal, „ihr seid Familie. Lauter Kusinen und Cousins. Ich will kein Kuscheln und kein Flirten!“ Was ihr später ein wenig leid zu tun schien. Und was jenseits der Kamera, wie es ebenfalls schien, weniger streng befolgt wurde. 

Von vorne nach hinten: Fay und Annea tragen Mäntel und Lederröcke von Celine, Sneaker von Nike, Strümpfe von Fogal; Leni: Kleid und Stiefel von Tod’s, Body von Hermès; Oskar trägt einen Look von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Milla: Look von Chloé
Von vorne nach hinten: Fay und Annea tragen Mäntel und Lederröcke von Celine, Sneaker von Nike, Strümpfe von Fogal; Leni: Kleid und Stiefel von Tod’s, Body von Hermès; Oskar trägt einen Look von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Milla: Look von Chloé
Milla und Marlene tragen Vintage-Bikini und Badeanzug aus den fünfziger Jahren (über So last Season).
Milla und Marlene tragen Vintage-Bikini und Badeanzug aus den fünfziger Jahren (über So last Season).

Während sich die jungen Leute zuvor kaum kannten, waren deren Eltern seit langem schon eine Art Großfamilie: die Galeristen der Mahlers, ein Museumsdirektor, der gerade erst ihre Retrospektive ausgerichtet hat, zwei ehemalige Models aus Zeiten der DDR, von denen die eine jetzt Filme fürs Kino und Fernsehen dreht und die andere als Professorin Modedesign unterrichtet. Mit ihr hatte Werner Mahler vor einem halben Menschenleben selbst für die freidenkerische „Sibylle“ eine unsichtbare Grenze überschritten, als er sie an der Schönhauser Allee im eng taillierten Kostüm hinter eine rot-weiß-gestreifte Absperrung stellte. „Völlig ausgeschlossen“, lehnte die Redaktion die Aufnahme ab. „Bei uns wird niemand eingesperrt.“ Und Werner Mahler musste das Bild für die Titelseite der Januar-Ausgabe 1987 noch einmal fotografieren: Nun stand sie vor der Absperrung, wenn auch noch immer mit kalter Miene. Den Modefotografen der DDR war das ihr Mittel des Widerstands: der Schmerz im Blick als Kritik an der offiziell verordneten Fröhlichkeit. Oder, wie Ute Mahler es formuliert: „Unsere Bilder verstanden wir als Angriff auf die sozialistische Menschengemeinschaft.“ Dort, wo man die „Ware“, wie die Kleidung im Jargon der DDR-Modewelt hieß, ohnedies nicht in den Läden kaufen konnte, weshalb auch keine Begehrlichkeiten geweckt werden sollten, wurde das Lebensgefühl doppelt wichtig, das sich hinter den Bildern verbarg. Die Leserinnen verstanden die Codes.   

Und nun also saßen in Werben die jungen Töchter der beiden ehemaligen Models nebeneinander auf zwei alten Tischen, hergerichtet wie Engelchen, und das Licht am offenen Fenster hatte die Morgensonne gesetzt wie im „Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer.

Natürlich kommen wir alle aus der Bilderfalle nicht heraus. Dafür stürzen zu viele Bilder auf uns ein. Ist das dann gestohlen? Oder ein Bekenntnis? Und welche Rolle mag das Unbewusste dabei spielen, wenn man andere Künstler zitiert? Jedenfalls konnte es gar nicht ausbleiben, als die Gruppe die lange gedeckte Tafel in einer ehemaligen Scheune sah, dass jeder vollen Ernstes fragte: „Darf ich der Jesus sein?“ Obwohl zumindest dem Mädchen mit der durchsichtigen Bluse doch die Rolle der Maria Magdalena bereits auf den Leib geschrieben war.

Bild unten: Ennie: Zebra-Body von MM6, Paillettenhose von Giorgio Armani, Namenskette und Ring von Margova
Bild unten: Ennie: Zebra-Body von MM6, Paillettenhose von Giorgio Armani, Namenskette und Ring von Margova
Von links nach rechts: Ennie: Kleid von Fendi, Mules von Louis Vuitton, Kette von Margova; Annea (vorne): Kleid und Gürtel von Emporio  Armani, Sandalen von Dolce & Gabbana, Kette von Margova; Milla: Paillettenbluse und Hose von Giorgio Armani, Schuhe von Arthur Arbesser; Oskar:  Hemd, mit Perlen besetzt, von Dior Homme, Hose von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Leni: Kleid und Handtasche von Versace, Body von MM6,  Mules von Givenchy, Ringe von Versace und Margova; Paul: Look von Prada, Schuhe von Balenciaga; Marlene: Top von Molly Goddard, Rock  von Super Yaya, Schuhe von Hermès, Strümpfe von Fogal; Fay: Kleid, Gürtel und Sandalen von Emporio Armani, Kette von Margova; Baby Flora trägt  ihre eigenen Kleider.
Von links nach rechts: Ennie: Kleid von Fendi, Mules von Louis Vuitton, Kette von Margova; Annea (vorne): Kleid und Gürtel von Emporio Armani, Sandalen von Dolce & Gabbana, Kette von Margova; Milla: Paillettenbluse und Hose von Giorgio Armani, Schuhe von Arthur Arbesser; Oskar: Hemd, mit Perlen besetzt, von Dior Homme, Hose von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Leni: Kleid und Handtasche von Versace, Body von MM6, Mules von Givenchy, Ringe von Versace und Margova; Paul: Look von Prada, Schuhe von Balenciaga; Marlene: Top von Molly Goddard, Rock von Super Yaya, Schuhe von Hermès, Strümpfe von Fogal; Fay: Kleid, Gürtel und Sandalen von Emporio Armani, Kette von Margova; Baby Flora trägt ihre eigenen Kleider.

Mode ist Spiel. Und die Anspielungen der Mahlers sind nicht zu übersehen: mit den flammenroten Haaren vor einem Getreidefeld im Abendlicht eine Annäherung an die Helga-Bilder von Andrew Wyeth; die beiden Jungs im Acker als Brüder der drei Bauernburschen von August Sander; zwei Mädchen im Fluss als Schwestern der Modelle von Rineke Dijkstra. Und der Fluss selbst, wenn man wollte, als Hommage an den Rhein von Andreas Gursky?

Als Werner Mahler allerdings die gesamte Gruppe in einer riesigen Weide plazierte, so wie Irving Penn einst die teuersten Mannequins der Welt auf einem Baugerüst, brach ein dicker Ast mit lautem Krachen vom Stamm. Drei Mädchen plumpsten ins Unterholz, und es grenzte an ein Wunder, dass es zwar blaue Flecken und Schürfwunden gab, aber nicht die geringste Spur an den Kleidungsstücken, was umstandslos zu der Frage führte, was die Eltern eigentlich von Beruf seien, dass sie ihre Töchter in Mäntel und Kleider zu zweieinhalbtausend Euro das Stück packen können. „Die haben Karriere gemacht“, vermutete Ute Mahler, zuckte kurz mit den Schultern und fügte an, dass sie schon zwei Jahre vor dem Mauerfall in den Westen rübergemacht hätten, worum ein Teil der Familie sie beneidete, während ein anderer Teil es ihnen noch immer als Verrat vorwerfe.

Milla: Top und Hose aus Samt von Acne Studios
Milla: Top und Hose aus Samt von Acne Studios

Und einmal zitierten sich Ute und Werner Mahler selbst. Ganz unverhohlen. An einer Bushaltestelle, einem Wartehäuschen im Nichts, wo zwei kaum befahrene Straßen aufeinanderstoßen, ausgeleuchtet von den letzten Strahlen der Abendsonne. Für „Kleinstadt“, ihr jüngstes Buch, hatten sie sich ein halbes Jahrzehnt lang in Deutschland umgeschaut für eine Milieustudie, die am Schnittpunkt von künstlerischer und dokumentarischer Fotografie auf sozialwissenschaftlichen Anspruch verzichtet, aber zu etwas Allgemeingültigem vordringt. Ohne eine Andeutung von Heimatliebe oder Idyll, zugleich ohne jegliche Häme. An einem winterlichen Nachmittag hatten sie bei einer ihrer Reisen aus dem Augenwinkel eine Gruppe von Schülern im Plexiglasunterstand einer Haltestelle eng beieinander stehen sehen und angeblich wie aus einem Mund gerufen: „Das ist es!“ Fünf Minuten hatten sie Zeit, das Stativ aufzubauen, die Kamera auszurichten und die Kassette mit dem Planfilm einzuschieben – dann kam der Bus. Aber von Hetze oder Hektik ist in dem Bild nichts zu erkennen. Sondern es erzählt von einem seltsamen Gefühl des Stillstands, fast des Eingesperrtseins. Die jungen Menschen wirken wie für eine Versuchsanordnung arrangiert.

Und nun also standen ihre jungen Models an einer Bushaltestelle. Nebenbei erinnerte Ute Mahler noch einmal an die Familienfeier. „Jetzt habt ihr den Salat. Ihr seid zu weit gelaufen. Die Füße tun euch weh. Gleich gibt es Abendessen. Und jetzt haltet ihr Ausschau nach dem Bus.“ Werner Mahler korrigierte: „Nein, schaut bitte so, als hättet ihr gerade begriffen, dass der nächste Bus erst in drei Stunden kommt.“ 

Von oben: Annea und Fay tragen Seidenblusen und Lederröcke von Celine, Sneaker von Nike, Strümpfe von Fogal. Links: Marlene: Lederjacke, Wollhose und Schuhe von Hermès; Paul: Pullover von A.P.C., Hose von Balenciaga, Loafer von Gucci; Milla: Strickkleid und Stiefel von Chloé; Leni: Karokleid und Stiefel von Tod’s,  Strickbody von Hermès, Strumpfhose von Falke; Oskar: Pullover und Samthose von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Ennie: Pullover, Rock und Stiefeletten von Dior
Von oben: Annea und Fay tragen Seidenblusen und Lederröcke von Celine, Sneaker von Nike, Strümpfe von Fogal. Links: Marlene: Lederjacke, Wollhose und Schuhe von Hermès; Paul: Pullover von A.P.C., Hose von Balenciaga, Loafer von Gucci; Milla: Strickkleid und Stiefel von Chloé; Leni: Karokleid und Stiefel von Tod’s, Strickbody von Hermès, Strumpfhose von Falke; Oskar: Pullover und Samthose von Arthur Arbesser, Stiefel von Prada; Ennie: Pullover, Rock und Stiefeletten von Dior
Von links nach rechts: Ennie: Body mit Zebra-Print von MM6, Paillettenhose von Giorgio Armani, Kette und Ring von Margova; Milla: Pullover von A.P.C., Shorts von Prada aus der Linea Rossa Vintage, Ohrringe von Nina Kastens; Marlene: Bluse von Max Mara, Hose von MM6;  Leni: Pullover von Polo Ralph Lauren, Trainingshose von Lacoste, Ringe von Versace und Margova, Kreolen von Nina Kastens
Von links nach rechts: Ennie: Body mit Zebra-Print von MM6, Paillettenhose von Giorgio Armani, Kette und Ring von Margova; Milla: Pullover von A.P.C., Shorts von Prada aus der Linea Rossa Vintage, Ohrringe von Nina Kastens; Marlene: Bluse von Max Mara, Hose von MM6; Leni: Pullover von Polo Ralph Lauren, Trainingshose von Lacoste, Ringe von Versace und Margova, Kreolen von Nina Kastens

Am letzten Tag regnete es. Die kopf-steingepflasterten Gassen von Werben spiegelten den grauen Himmel. Und die drei jungen Störche im Nest auf dem Dach des Rathauses reckten nicht länger hungrig ihre Schnäbel in die Höhe, sondern steckten ihre Köpfe unter die Flügel. Für letzte Aufnahmen suchte das Team deshalb Zuflucht im Gewächshaus einer aufgegebenen Gärtnerei. Oben plitschten Tropfen aufs Glas, die sich zu Rinnsalen sammelten und die Wände hinunterrannen, unter den Füßen stiegen bei jedem Schritt kleine Staubwolken aus dem ausgelaugten Boden empor. Brombeeren fingerten sich durch Ritzen zwischen den Glaswänden, mancherorts wuchsen Brennnesseln und all das andere Pioniergestrüpp, das sich breitmacht, sobald die Menschen verschwinden. Luftpolsterfolien trennten Beete voneinander, die es schon bald nicht mehr geben wird. Beim nächsten runden Geburtstag, ging es mir durch den Sinn, wäre dies vermutlich ein herrlicher Ort, um Expeditionskleidung zu fotografieren. Und auch Ute Mahler hatte noch einmal an die Familienfeier denken müssen. „Ich weiß jetzt den Beruf vom Ludwig“, rief sie und strahlte. „Er war Gärtner!“

Fotografie: Ute und Werner Mahler
Styling: Almut Vogel
Models: Leni Rabbel, Ennie Lou Entrup, Marlene Burow, Fay Seymour, Paul Hahnenfeld, Oskar Hahnenfeld, Annea Goette, Milla Helene Pabst, Flora Alma Sophie Vogel und Fritz Altenstein
Mode-Assistenz: Kathrine Hempel
Produktionsassistenz: Jonathan Drews
Catering: Lok 6 – Julia Heifer, Zsuzsanna Toth
Location: Kommandeurhaus Werben
Fotografiert am 29., 30. Juni und 1. Juli 2020 in Werben (Sachsen-Anhalt)

Am 3. Oktober 2020 eröffnet die Ausstellung „An den Strömen“ von Ute und Werner Mahler in der Galerie Springer in Berlin. Dort werden auch Arbeiten aus dieser Modestrecke gezeigt.


Kostümdesigner Wilkinson „Kristen hat keine Egoprobleme, wenn es um die Kostüme geht“
Deutschlandreise 2020 Wie wir in diesem Jahr Deutschland für den Familienurlaub entdeckt haben
25.09.2020
Quelle: F.A.Z. Magazin