Designer Albrecht Ollendiek

Nie ohne Krawatte aus dem Haus

Von Patricia Andreae
23.06.2022
, 12:45
Der Frankfurter Modedesigner Albrecht Ollendiek kokettiert gern mit Stilbrüchen. Eleganz und Intellekt sieht er nicht als Gegensatz – durchaus aber Geschmack und Outdoorjacken.
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"Ich bin schon wieder so grumpy", schiebt Albrecht Ollendiek nach, wenn er wieder eine seiner Tiraden gegen schlechten Stil losgelassen hat. Er sagt grumpy, nicht grantig oder mürrisch. Im englischen Ausdruck schwingt etwas Spielerisches mit. Er relativiert, klingt charmanter und passt einfach zu dem Frankfurter Couturier, der in bunten Turnschuhen mit Burlington-Socken daherkommt, aber niemals ohne Schlips unterwegs ist. Zu legerer Chino und aufgekrempelten Hemdsärmeln steckt er den Binder auf halber Länge keck ins Hemd. Etwas, was in den Krawatten-Knigges und ähnlichen Ratgebern als verpönt gilt. Auch hier zeigt sich Ollendieks Lust am Spiel und am eigenen Stil. "Im Flugzeug bin ich meistens der Einzige mit Krawatte", sagt der Endfünfziger, der trotz des elegant getrimmten Vollbarts und der gewellten grauen Haare etwas verschmitzt Jungenhaftes hat.

Modische Konformität ist ihm zuwider, er kann sich herrlich ereifern, wenn er darüber spricht. Über die jungen Mädchen auf der Frankfurter Zeil zum Beispiel, "bauchfrei, lange Haare, Mittelscheitel - alle gleich, furchtbar, beinahe wie Pornostars" . Ollendiek wünscht sich, dass Stilbildung in den Schulunterricht aufgenommen wird. Und dabei denkt er nicht daran, Kindern und Jugendlichen Lektionen in Sachen Mode zu erteilen. Er wünscht sich einen Unterricht, in dem in Museen Ästhetik studiert wird. Und das in allen Schulen, vor allem aber in jenen für angehende Maßschneider.

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Als Schüler schon Taschen und Mode entworfen

Das Gefühl für Ästhetik ist für ihn entscheidend, dazu kommt die Handwerkskunst. Die hat er sich selbst als Autodidakt angeeignet. Der 1963 in Offenburg geborene Arztsohn, der als Sechsjähriger ins Rhein-Main-Gebiet kam, erzählt, dass er schon während seiner Schulzeit Taschen und Mode entworfen und sogar "das beste Pelzgeschäft in München" beliefert hat. Der Kontakt zu einer New Yorker Modeagentur eröffnet dann den Weg in die amerikanische Metropole. Dort arbeitet er nach dem Abitur einige Jahre und studiert Museen und Galerien, bevor er zurückkehrt.

Sein erstes Atelier eröffnet er in Bad Homburg, später zieht er nach Frankfurt in die Schillerpassage, heute vertreibt er seine Mode über seinen Showroom in der Saalgasse auf der Rückseite der Schirn-Kunsthalle. "Der perfekte Ort und dazu in einem Gebäude des wunderbaren Christoph Mäckler." Auch für den Düsseldorfer Designer Toni Lirsch hat der Wahlfrankfurter gearbeitet, war für eine Saison Chefdesigner seiner Modemarke Toni Gard. Sie, so heißt es, stehe für eine Modephilosophie, die die Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt und stets antizyklisch mit Trends umgeht.

Eine Charakterisierung, die so auch für Ollendiek stehen könnte, der sich nicht von Moden, sondern Entdeckungen aus der Welt der Kunst leiten lässt. Seine Kundinnen beschreibt Ollendiek als selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen. "Ich mache keine Mode für Bridgeclub-Gattinnen", sagt er in seiner typischen Scharfzüngigkeit. Seine Kundinnen hätten einen eigenen Geschmack, spannende Jobs, sie sammelten Kunst und wüssten den Wert kreativer Arbeit zu schätzen. Und sie seien darum bereit, recht tief in die Tasche zu greifen - bisweilen kosten die Modelle vier-bis fünfstellige Summen.

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Nicht nur für Magermodels

Etwa 200 solch exklusiver Stücke fertigt er mit seinen beiden Mitarbeitern im Jahr. Jeder Stoff, jedes Stück Leder hat seine Geschichte. Mal sind es schwere Brokate, Gobelins nach den Vorbildern alter Meister oder Prints großer Kunstwerke auf edelsten Seidensatins, mal verwendet er Borten aus einer Kooperative in Peru, die er auf einer Reise entdeckte und die nun auf Jacken und Röcken Akzente setzen.

„Meine Kundinnen sind von 19 bis 90 und haben keineswegs alle Modelmaße.“ Darum versteht er nicht, wenn jemand nach seinen Modenschauen raunt, seine kurzen Röcke seien doch nur für Magermodels tragbar. Eine Modenschau ist für ihn eine Inszenierung. Namen seiner Kundinnen zu nennen, lehnt er ebenso ab, wie Prominente in der ersten Reihe zu platzieren. "Nur wer keinen eigenen Geschmack hat, richtet sich danach, was Prominente tragen", sagt er. Stilikonen sind Queen Elizabeth II, die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright oder EZB-Präsidentin Christine Lagarde. "Sie verbinden selbstbewusstes Auftreten mit eigenem Stil und Eleganz." In Deutschland sieht er davon wenig. Lediglich Außenministerin Annalena Bearbock besteht in seinen Augen, als Beweis dafür, dass Intellekt und stilbewusstes Auftreten kein Widerspruch sei, was hierzulande offenbar viele glaubten.

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„Outdoorjacke" als Synonym für Frankfurt

Müsste er ein modisches Synonym für Deutschland und insbesondere für Frankfurt finden, so wäre das die "Outdoorjacke" - für die das beste Adjektiv "vernünftig" wäre. Er kann es nicht verstehen: "Ein Haus für drei Millionen, ein Auto für 500.000 und Klamotten von der Stange." Dennoch gibt Ollendiek die Hoffnung nicht auf, dass Frankfurt sich modisch weiterentwickelt, darum beteiligt er sich an der Frankfurt Fashion Week und zeigt seine Mode im Juni im Karmeliterkloster. Einem Ort, an dem sich Mode und Kultur begegnen, so wie zuletzt bei seiner Show in der Alten Oper. Da gibt es nichts zu nörgeln, außer man entdeckt funktionale Fluchtwegzeichen neben phantastischen Fresken. "Wer lässt so etwas zu", fragt er und hebt an - "Ach nein, zu grumpy".

Quelle: Metropol
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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