<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Designer Christophe Delcour

Eigenhändig zum Erfolg

Von Annabelle Hirsch
 - 22:44
Ein Talent fürs Zeichnen: Delcourts Möbel entstehen auf Papier.zur Bildergalerie

Fragt man einen Künstler oder Designer, wie er zu dem wurde, was er ist, also wie sich sein Auge ausgebildet und sein Geschmack entwickelt hat, bekommt man meist eine der zwei folgenden Antworten: „Es lag in der Familie. Alles um mich herum war schön, und so kam ich ganz natürlich dazu.“ Oder aber: „Alles um mich herum war hässlich, die Suche nach Schönheit war mein Mittel zur Flucht.“

Für Christophe Delcourt, einen der erfolgreichsten französischen Möbeldesigner seiner Generation, entspricht eher Letzteres der Wahrheit: „Meine Eltern waren richtige Achtundsechziger. Sie lehnten alles ab, was der Generation vor ihnen wichtig gewesen war, unter anderem den guten Geschmack. Dementsprechend scheußlich sah es bei uns zu Hause aus: Nichts passte zusammen, nichts hatte eine interessante Form oder ein schönes Material. Es war furchtbar, aber es war ihnen egal.“

Es ist ein kalter, sonniger Januarmorgen in Paris. Der 54 Jahre alte Designer sitzt in einem beigefarbenen Kaschmirpullover zu Jeans an einem Eichenholztisch im hinteren Teil seines lichtdurchfluteten Ateliers, neben ihm sein Lebensgefährte und Arbeitskollege, der Möbelverleger Jérome Aumont. Im Ausstellungsraum lässt sich gerade ein belgisches Paar einen Stuhl erklären, eine Trennwand weiter sitzt Delcourts Team an Entwürfen für die nächste Kollektion. Der Designer lacht über seine Erinnerung: „Wissen Sie, als Kind war mir die Hässlichkeit unserer Wohnung so zuwider, dass ich regelmäßig alle Möbel mit Bettlaken überzog.“ Eines nach dem anderen, bis alles unter einer weißen Stofflandschaft verschwand.

Mit Umwegen ans Ziel

Läuft man heute durch seinen Showroom, der in einer ehemaligen Klavierwerkstatt in einem idyllischen Hinterhof des siebten Arrondissements liegt, dann ist zwar nichts unter Laken verborgen, pas du tout, jedes seiner in Hellgrau-, Weiß- und Holztönen gehaltenen Möbel und Objekte folgt klaren Linien und Volumen, jedes hat seine eigene unaufgeregte Präsenz im Raum. Allerdings findet man trotzdem etwas von dem Esprit wieder, den Delcourt wahrscheinlich schon als Kind suchte und seinen Kunden heute vermitteln will: den Eindruck von Stille, visueller Ruhe und ästhetischer Harmonie.

„Wenn die Leute von der hektischen Pariser Straße hier hereinkommen, wirken sie oft, als würde eine Last, die Anspannung von ihnen abfallen. Das gefällt mir.“ Hätte er sich, so gesehen, nicht viel früher denken können, dass seine wahre Berufung das Möbeldesign und die Innenarchitektur sind? Sein Lebensgefährte schmunzelt. Doch, natürlich, sagt Delcourt, aber manchmal bedarf es eben des einen oder anderen Umwegs, um ans Ziel zu gelangen.

Bei ihm waren es zwei: ein Studium der Landwirtschaft und eine Schauspielausbildung am berühmten Pariser Cours Florent. Er habe wirklich Schauspieler werden wollen, „aber ich war nicht gut genug“. Vielleicht. Vielleicht spürte er aber auch einfach, dass es ihn woanders hinzog. Immerhin stellte er noch während seiner Ausbildung fest, dass ihm das Gestalten einer Bühne fast mehr Spaß machte, als darauf Alfred de Musset oder Shakespeare zu deklamieren: „Wir hatten Seminare, in denen wir ein gesamtes Stück von vorn bis hinten inszenieren und das dazu passende Bühnenbild kreieren sollten. Für mich war das eine wahre Entdeckung. Mir wurde auf einmal bewusst, wie die Gestaltung eines Raums eine Geschichte und eine Atmosphäre beeinflussen kann, was Licht ausmacht, wie man es lenkt, wie man Objekte und Körper richtig in Szene setzt. Es war wunderbar, ich liebte es.“

Mit diesem Bewusstsein im Kopf und einer weder gescheiterten noch jemals ernsthaft begonnenen Schauspielkarriere in der Tasche, stolperte er mit knapp 30 Jahren in das Atelier eines Tischlers und eines Kunstschmieds.

Die Begegnung mit den Brüdern Waldispuhl, mit denen er bis heute gerne arbeitet, war ein Wendepunkt: „Christophe Delcourt“, die Marke, wurde geboren: „Bei ihnen habe ich meinen Beruf entdeckt, sie haben mir alles beigebracht.“ Monatelang habe er in ihrer Werkstatt gesessen, ihnen bei der Arbeit zugesehen und gelernt, wie man einen funktionierenden Gegenstand, keinen Papiertraum der Designschule, entwickelt. „Sie haben mir gezeigt, wie man das richtige Material auswählt, wie man es bearbeitet, was Farbe, Patina, Veredelung und so weiter bedeuten. Diese objektnahe Herangehensweise hat mich geprägt.“ Sein erstes selbst entworfenes Möbel war ein Hocker. Danach ging alles ganz schnell. Er gründete 1995 sein Studio und hatte einen Stand auf der Pariser Designmesse Maison et Objet, vier Jahre später verlieh man ihm dort den Titel „Designer des Jahres“.

Heute arbeitet der Autodidakt auf mehreren Ebenen: Er kreiert seine eigenen Kollektionen und verlegt die anderer; entwickelt als Innenarchitekt ganze Interieurs; zeichnet für die Firma seines Lebensgefährten, Collection Particulière, aber auch für große Häuser wie Roche Bobois oder die italienische Firma Minotti. Für sie entwarf er zuletzt den Sessel Fil Noir, den er als Weiterentwicklung der ästhetischen Tradition der Marke sieht. Kooperationen wie diese seien wahnsinnig spannend.

Sich an großen, geschichtsträchtigen Strukturen zu reiben sei eine aufregende Herausforderung. Trotzdem bleibe der schönste Aspekt seines Berufs das Entwerfen seiner eigenen Kollektionen. „Da ich in der Werkstatt mit den Machern begonnen habe, denke ich meine Stücke bis heute zuallererst über das Handwerk und das Material. Ich zeichne nicht irgendetwas und suche dann jemanden, der es für mich realisieren kann, sondern gehe umgekehrt vor: Ich habe einen Kunsthandwerker oder ein bestimmtes Material im Kopf und entwickle meine Idee von dort aus.“

Das sieht man seinen Möbeln auch an: Sie wollen weniger durch extravagantes Design beeindrucken, als durch die Präzision der Arbeit und die Qualität des Materials. Delcourt mag starke, aber diskrete Stücke, sein liebstes Objekt ist der Esstisch. Er finde es interessant, eine Spannung in das vermeintlich banale Prinzip eines Bretts auf Beinen zu bringen, sagt er und lädt dazu ein, den Kopf unter den Holztisch TYE zu stecken: Im Hause Delcourt ist das, was unter der Platte passiert, das Highlight.

Seine Tischbeine sind Skulpturen, Baumalleen, die in einen hellen Eichenhimmel ragen: „Deshalb mag ich auch keine Stühle. Sie verbergen das Tischbein.“ Seine Begeisterung für den Tisch als Gegenstand, das Holz (am liebsten das der Eiche) als Material und eher zeitlose Linien und Farben hängt auch damit zusammen, dass er seine Stücke gerne als „Lebensbegleiter“ denkt: „Ich möchte etwas schaffen, das die Zeit überdauert, nichts, an dem man sich schnell satt gesehen hat.“ Auch ein zeitloses Möbel sagt im besten Fall etwas über seine Entstehungszeit aus. Was sagen seine? „Ich glaube, mein Fokus auf das Kunsthandwerk ist mittlerweile sehr zeitgemäß. Als ich angefangen habe, war das noch anders.“

Apropos: Wie blickt er auf seinen Neustart vor 25 Jahren zurück? Dankbar, auch weil es in der Tat ein Neubeginn, aber kein Bruch war. Er sieht eine klare Verbindung zwischen seiner frühen Leidenschaft für die Schauspielerei und den Film und dem, was er heute tut: „Dieser Beruf hat etwas Filmisches an sich: Durch die Anordnung der Möbel schafft man Perspektiven, Ebenen, Blickwinkel – im besten Fall harmonische. Man strukturiert den Raum und bestimmt, wie er sich visuell entwickelt, wie ein Regisseur.“

Zumal eine zweite Konstante hinzukommt, die etwas weiter zurückgreift, seine Liebe zum Zeichnen, die seine Großmutter förderte: „Sie sagte immer: Du zeichnest gut, du hast Talent. Mach was draus!„ Er habe zwar eine Weile gebraucht, aber am Ende sei er ihrem Rat ja doch noch gefolgt. Könnte man also sagen, dass die Designwelt „Christophe Delcourt“ dieser Frau verdankt? Er denkt kurz nach und lächelt: „Ja, das kann man wahrscheinlich so sagen. Das würde ihr sicher gefallen. Sie wäre sehr stolz.“

Quelle: F.A.Z. Magazin
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMöbel

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.