Designer Elie Saab im Porträt

Riecht nach Leben

Von Jennifer Wiebking
28.11.2021
, 17:25
Elie Saab, Gründer des gleichnamigen Modelabels, in seinem Pariser Geschäft.
Schönheit ist heute ein heikles Thema. Designer Elie Saab ist im Krieg aufgewachsen und bis heute mit dem Schrecken vertraut. Gerade deshalb ist sein Bild von Schönheit so klar – und hat vor allem etwas mit Frauen zu tun.
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Vor Elie Saabs Platz auf dem Konferenztisch liegt ein Blatt Blanko-Papier. Bevor es losgeht mit dem Interview, hat er darauf ein paar schnelle Zeichnungen mit blauem Kugelschreiber hinterlassen. Das macht er häufig so: „Einen Zeichenblock habe ich immer zur Hand.“ Fünf Frauenfiguren hat Elie Saab heute skizziert, alle tragen seine Abendkleider. Das erste Modell ist recht schlicht, dann wird es ausladender, Kragen und Röcke werden größer. Nummer fünf ist pompös und ähnelt dem raumgreifenden Brautkleid, das direkt vor dem Konferenzsaal auf einer Puppe hängt. Die Schleppe misst mehrere Quadratmeter. Der Stoff ist natürlich aufwendig bestickt. Das Brautkleid steht genauso für die Formel Elie Saab wie die fünf schnellen Zeichnungen, aus denen noch Kleider werden sollen.

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In dieser Welt geht es um pure Schönheit. Davon hat Elie Saab eine klare Vorstellung. Auch deshalb ist seine Pariser Zentrale hier ansässig, Hausnummer 43, Avenue Franklin Roosevelt. Zur einen Seite ragt der Arc de Triomphe in den Himmel, zur anderen der Obelisk an der Place de la Concorde. Repräsentativer geht es kaum. Hier regiert die alte Schule, hier hat sich ein Mann konsequent der Schönheit von Frauen verschrieben. Das mag nicht unbedingt dem Inbegriff von Modernität entsprechen.

Schönheit ist heute ein heikles Thema

Elie Saab ähnelt weniger den Modemachern von heute, die sich als Angestellte in großen Häusern schwer beschäftigt geben, sondern eher den großen Couturiers aus längst vergangenen Zeiten, die scheinbar mühelos ein Imperium aufgebaut haben. Dabei ist Saab gerade mal 57 Jahre alt. Er spricht auch jetzt in seinem Büro so bedächtig und leise, dass man sich seine Stimme gut als Begleitung einer Dokumentation mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und brüchigem Sound vorstellen kann. Selbst die Hohe Schneiderkunst von heute ist häufig anders, nicht mehr ausschließlich schön. Sie ist offener, so wie Demna Gvasalias Balenciaga-Couture, die auch die männliche Klientel berücksichtigt. Alltagstauglicher, wie zum Beispiel Maria Grazia Chiuris Entwürfe für Dior-Couture. Witziger, wie Daniel Roseberrys Vintage-Levi’s-Teile für Schiaparelli-Couture. Alle drei Beispiele zeigen: Schönheit ist heute ein heikles Thema. Es geht nicht ohne, wenn Menschen für etwas viel Geld ausgeben sollen.

Viel beachtete Präsentationen: Seine Haute-Couture-Kollektion für Herbst/Winter 2015/16 betitelte Saab als „Shades of Gold“.
Viel beachtete Präsentationen: Seine Haute-Couture-Kollektion für Herbst/Winter 2015/16 betitelte Saab als „Shades of Gold“. Bild: Helmut Fricke

Aber Schönheit allein ist schnell missverständlich, weil es von dort bis zu Geschlechterstereotypen nicht weit ist. Bis hin zu Männern, die hart an der Schönheit von Frauen arbeiten. Und Frauen, die sich für eine Männerwelt schönmachen. Die aufwendig bestickten Kleider, in denen Frauen aussehen wie Ballköniginnen, die Glitzer-Pumps, die dazu in den Regalen stehen, die kleinen Clutch-Köfferchen widerlegen diesen Eindruck auch hier an der Avenue Franklin Roosevelt nicht gerade. Zugleich ist das aber nur eine Sichtweise auf die Personalie Elie Saab. Denn dessen Bild von Schönheit dürfte auch deshalb so klar sein, weil er mit dem Schrecken besser vertraut ist als die meisten Menschen, die heute in Paris an dieser Adresse ein- und ausgehen.

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Die kreative Vorstellungskraft nahm er mit

„Einmal im Monat bin ich hier“, sagt Elie Saab. „Immer für eine Woche.“ Den Rest der Zeit verbringe er „überall auf der Welt“. Er hat ein Haus in Genf, dort wuchsen seine drei Söhne auf: sein Ältester, Elie Junior, 30 Jahre alt, der heute im Unternehmen tätig ist, sein Mittlerer, Selim, 28, den alle Celio nennnen, und sein Jüngster, Michel, 25 Jahre alt. An einen Ort aber kehrt Elie Saab immer wieder zurück – in die libanesische Hauptstadt Beirut. Dort sitzt sein Atelier noch immer, obwohl sich das auch bequem in Paris einrichten ließe. Aber in Beirut liegen seine Wurzeln, von dort aus hat er aus seinem Namen eine Lifestyle-Marke gemacht, die Menschen auf allen Kontinenten ein Begriff ist. Und auch wenn diese wunderschönen Kleider für viele von ihnen unerschwinglich sein mögen, so können sie sich doch ein Fläschchen von dem leisten, was für Elie Saab seit 2011 ein rauschendes Parfum-Geschäft bedeutet. Deshalb ist es nur einleuchtend, dass die Geschichte eines Mannes, für den Schönheit die Welt bedeutet, anderswo losgehen muss als dort, wo sie heute spielt.

Elie Saab war elf Jahre alt, als der libanesische Bürgerkrieg 1975 begann. Die Familie verließ ihren Heimatort Damur, die kreative Vorstellungskraft nahm der junge Elie Saab mit, das älteste von fünf Kindern. Fortan lebte die Familie in Paris, Zypern und Beirut. Elie Saab zeichnete schon damals, fertigte aus seinen Ideen erste Entwürfe. Mit 18 Jahren – der Libanon stand seit sieben Jahren unter dem Eindruck des Krieges – eröffnete er in Beirut ein eigenes Atelier und stellte 15 Näherinnen an. „Seitdem war ich selbstständig.“ Viel möchte er nicht mehr über diese Zeit erzählen. Wann immer er Fragen auf sich zukommen sieht, mit denen er nicht einverstanden sein könnte, greift er zum Handy, das neben dem Blatt Papier mit den Kleider-Zeichnungen liegt, und öffnet Whatsapp. Da treffen zuverlässig neue Nachrichten ein.

„Vielleicht“, sagt er, „habe ich wegen des Krieges immerzu von einer schönen Umgebung geträumt.“ Und schöne Bilder, die er sich als junger Mensch vorstellen konnte, waren eng verbunden mit seiner Heimat, dem Libanon vor dem Krieg. „Das war die erste Inspiration. Die Libanesin in den Siebzigern, das Leben dort hatte damals einen richtigen Glow.“ Elie Saabs Augen funkeln, wenn er vom Freiheitsgefühl der Siebziger spricht, den „goldenen Zeiten“ für den Libanon. „Am Libanon ging für viele Berühmtheiten kein Weg vorbei.“

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Zur festen Instanz auf dem roten Teppich

Seine Arbeit faszinierte erst die eigene Familie, dann Freunde der Familie, Nachbarn, schließlich ein Land und eine ganze Region, den Nahen Osten. Eine Modeschule besuchte er in dieser Zeit nie. Er lernte von den Kundinnen, die bei ihm ein und aus gingen. „Meine Geschichte ist in zwei Hälften geteilt“, sagt Elie Saab. „Ich habe im Libanon angefangen, aber als ich gemerkt habe, dass der Radius zu klein ist für meinen Traum, begann ich, mich international aufzustellen.“ 1996 zeigte er eine Modenschau in Rom. „Das war der Durchbruch.“ Mit der Jahrtausendwende, als immer mehr Italiener von der Alta Moda Abstand nahmen und die Pariser Couture-Schauen wichtiger wurden, wechselte auch Elie Saab. Er wurde als „membre correspondant“ von der Pariser Modekammer anerkannt, eine große Ehre in einer Stadt, die sich mit ihren eigenen Modehäusern selbst genügt, in der erst jetzt, ein Vierteljahrhundert später, allmählich nicht-französische Modemacher so geschätzt werden wie die eigenen.

In Paris hat Elie Saab sich einen Namen gemacht. Kaum eine Saison vergeht, in der Le Monde nicht ausführlich darüber berichtet, was es Neues gibt von ihm. Ein Schlüsselereignis war der Auftritt von Halle Berry im Jahr 2002. Als erste afroamerikanische Schauspielerin nahm sie damals einen Oscar als Beste Hauptdarstellerin entgegen. Der Moment ging auch in die Modegeschichte ein, und das Kleid – sehr transparent, aber trotzdem so floral, dass kein Zweifel an der Schönheit besteht – war von Elie Saab. Seine Marke wurde zur festen Instanz auf dem roten Teppich. Besonders viel Aufwand betrieben seine Angestellten in den Jahrzehnten darauf anlässlich der Filmfestspiele in Cannes, für die Ausstattung der Schauspielerinnen. Je größer solche Ereignisse wurden, umso mehr Models und Influencerinnen mischten sich auch unter die Berühmtheiten auf dem roten Teppich an der Croisette. Elie Saab gehört zu jenen Modehäusern, die nun nach der pandemiebedingten Zwangspause auch freiwillig allmählich Abstand davon nehmen.

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Allein für die Frau

Das bedeutet nicht, dass er das Geschäft nicht genau im Blick behalten würde. Seit 2017 lanciert Elie Saab jedes Jahr zuverlässig einen neuen Duft. Der sei zwingend notwendig. „Jede etablierte Marke braucht eine Kleinigkeit, die sich sehr viele Frauen leisten können.“ Elie Saab sagt nicht: Menschen. Er arbeitet noch immer allein für die Frau, obwohl der Männermarkt, im Hinblick auf Mode und Beauty, nicht mehr zu unterschätzen ist. Als es um sein erstes Parfum ging, erzählte er dem Pafümeur Francis Kurkdjian von seinen Erinnerungen an die Kindheit, die für ihn nach Jasmin und Orangenblüten auf dem Anwesen der Familie duftete. „Francis kann das gut umsetzen. Wir haben einen ähnlichen Hintergrund.“ Der eine ist Libanese, der andere hat armenische Wurzeln. „Francis versteht es, persönliche Herkunft und Weltgewandtheit miteinander zu verbinden.“

Er arbeitet noch immer allein für die Frau: Seit 2017 lanciert Elie Saab jedes Jahr zuverlässig einen neuen Duft.
Er arbeitet noch immer allein für die Frau: Seit 2017 lanciert Elie Saab jedes Jahr zuverlässig einen neuen Duft. Bild: Elie Saab

Für Elie Saab geht das eine nicht ohne das andere, so wie sein Bild von Schönheit auch vom Schrecken bedingt ist. „Von allen Orten auf der Welt bin ich noch immer am häufigsten in Beirut“, sagt er. „Das ist mein Land, mein Herz ist dort verankert.“ Elie Saab schaut wieder Richtung Tischplatte. Greift zum Handy. Denn es ist klar, dass es gleich um den August-Tag im vergangenen Jahr gehen wird, als im Hafen von Beirut knapp 3000 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten und die Stadt verwüstet wurde. Hunderttausende verloren ihr Obdach, 220 Menschen ihr Leben. Elie Saab war an dem Tag im Büro, als er den Knall spürte, der von einem Moment auf den anderen auch bei ihm jede Tür, jedes Fenster aus den Angeln hob. Das Atelier wurde komplett zerstört. Aber weil Elie Saab auf der ganzen Welt Geld verdient, konnte er es, im Gegensatz zu den meisten anderen Betroffenen in Beirut, sehr schnell wieder aufbauen – „innerhalb von zehn Tagen“, sagt er und klingt stolz.

Elie Saab schaut jetzt wieder auf: „Aber wie schlimm es für die Menschen dort ist, wie sehr das Leben von Korruption und Armut bestimmt ist, sehe ich auch daran, wie viele jetzt das Land verlassen.“ Es seien noch mehr als in Kriegszeiten. „Das Leben dort ist hart. Die Libanesen leiden jetzt seit 20 Jahren, sie verdienen ein besseres Leben. Es tut mir so leid für die jungen Menschen.“ Er weiß, wovon er spricht. Auch Elie Saab hatte als junger Mensch einen Traum. Er konnte ihn sich erfüllen.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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