Designer Martin Margiela

Das Phantom der Mode

Von Jennifer Wiebking
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 08:20
Von der Perücke besessen: Hier als Mantel im Jahr 2008.zur Bildergalerie
Ein deutscher Regisseur ist an einen großen Unbekannten herangekommen, an den Designer Martin Margiela. Wie hat er das geschafft?

Lange Zeit war noch nicht mal klar, ob hinter diesem männlichen Namen überhaupt ein männlicher Designer steckt. Ob es nicht vielleicht auch eine Frau sein könnte. Oder ein Team. Zumindest das ist jetzt geklärt. Man sieht seine Hände. Man hört seine Stimme. Sie klingt gemächlich und tief. „Der Gedanke daran, prominent zu sein, gefällt mir nicht. Es erdet mich, dass ich so bin wie alle anderen.“

Es spricht: Martin Margiela. Der Mann, der es zu großer Berühmtheit in der Mode geschafft hat, unter anderem dadurch, dass er alles darangesetzt hat, nicht berühmt sein zu wollen. Nicht berühmt sein in dem Sinne, dass selbst Insider über die zwei Jahrzehnte, die er in der Mode verbracht und sie geprägt hat, keine Ahnung davon bekamen, wer das ist, dieser Martin Margiela.

Man sah ihn nie

Man sah ihn nie, man sah nur seine Arbeit. So war es immer, und so ist es nur konsequent, dass die Spuren dieses Unsichtbaren, der sich schon vor zwölf Jahren von der Mode verabschiedet hat, bis heute im Alltag sichtbar sind. Man begegnet ihnen hin und wieder an Orten, an denen Menschen mit einem Sinn für Mode zu erwarten sind, wenn mit Wartezeit zu rechnen ist. Wenn man dann etwa vor einem Restaurant oder in einem Museum in Schlangen auf Einlass wartet, wenn jemand vor einem aus dem Flugzeug aussteigt, blitzen da manchmal vier weiße Stiche im Nacken an den Kleidungsstücken dieser Menschen auf. Als würden sie ein unsichtbares Etikett fixieren. Die Mode dazu, die heute unter dem Namen Maison Margiela läuft, hat nicht mehr viel mit dem Gründer zu tun. Das Logo aber, diese vier weißen Stiche, entwarf einst er. Es ist noch heute ein Zitat seines Vermächtnisses.

Einem deutschen Regisseur, nämlich Reiner Holzemer, ist es nun gelungen, eine Lücke der Modegeschichte ein Stück weit zu schließen. Holzemer hat Margiela getroffen, nicht einmal, sondern so häufig, dass er daraus einen Film drehen konnte, der von Donnerstag an vorerst in hundert deutschen Kinos zu sehen ist. Es ist eine andere Art von Porträt als jene, die der 62 Jahre alte Regisseur zuvor mit seinen Filmen über den Fotografen Jürgen Teller und den Modedesigner Dries Van Noten gezeichnet hat. Dieser Film zeigt die Hauptperson nicht bei der Arbeit, er zeigt überhaupt nur die Hände. Und dennoch erzählt Martin Margiela über eine Stunde und dreißig Minuten hinweg zum ersten Mal aus seiner Sicht.

Holzemer ist dabei keineswegs Teil des engsten Kreises, der Margielas Schaffen seit den späten Achtzigern verfolgt. Er ist überhaupt erst mit seinen Arbeiten an den Filmen über Teller und Van Noten in Kontakt mit der Mode getreten. Aber – das ist die Ironie – manchmal ist die Außenansicht eben die klarere. Auf den Fall Margiela stieß er wie zufällig, nach dem Besuch einer Ausstellung über den Designer in Antwerpen. „Alle haben gesagt, ihn zu treffen würde schwierig werden. Dass er seit dreißig Jahren keine Interviews mehr gegeben hat.“

Holzemer erfuhr von einer zweiten Ausstellung über Margiela, die im Pariser Musée Galliera geplant war, und kontaktierte den damaligen Direktor Olivier Saillard. Dieser leitete die erste Mail weiter, nach zwei Monaten eine zweite. Keine Antwort. Holzemer probierte es über Weggefährten. „Dann plötzlich, im Oktober/November 2017, kam eine Mail“, sagt Holzemer. „Wenn ihr immer noch daran interessiert seid, etwas mit mir zu machen, können wir uns gerne treffen.“ Der Absender: Martin Margiela.

Ein Treffen in Paris

Holzemer sagt, er sei aufgeregt gewesen vor diesem ersten Treffen. „Da gab es die Chance, diesen Menschen zu treffen, und ich dachte, hoffentlich verbocke ich das nicht. Ich war offen für alles. Ich dachte, Hauptsache, ich komme mit dem Mann in Kontakt.“ Der Ort, an dem Holzemer auf Margiela traf, war das Musée Galliera, das oberste Stockwerk. Dort saßen: zwei Männer und eine Frau. „Ich konnte erst gar nicht wissen, wer er von ihnen ist.“

Wieder die Frage: Ist Martin Margiela vielleicht eine Frau? „Er hat sich dann schon als Martin identifiziert. Es ist nicht so, dass er sich versteckt“, sagt Holzemer. „Er will einfach ungestört im Café in Paris sitzen können.“ Bei dem Treffen jedenfalls kam Margiela schnell zum Punkt: „Wenn wir drehen wollten, dann müssten wir nächste Woche loslegen.“

Der Zeitpunkt, an dem Margiela untertauchte, hat dabei auch mit dem Moment zu tun, als er schlagartig bekannt wurde. Und, wie das häufig in der Mode der Fall ist, ging das nicht ohne einen Skandal. Einen solchen produzierte Margiela in dem Jahr, nachdem er die Marke mit seiner Geschäftspartnerin Jenny Meirens gegründet hatte. Mit dem Team hatten sie vor der Schau 1989 Locations gesichtet und waren dabei auf einen Spielplatz außerhalb von Paris in einem der ärmeren Viertel gestoßen. Sie fanden die Location passend, und da ihnen bewusst war, dass der Spielplatz eigentlich den Kindern gehörte, luden sie sie ein zur Schau.

Einer der „magischsten Momente“ seiner Karriere

Am Ende liefen die Kinder mit den Models über den Laufsteg, aus der Schau wurde ein öffentliches Spektakel. Margiela äußert sich dazu im Film: „Einer der magischsten Momente meiner Karriere.“ Des emotionalen Bildes wegen. In der Presse hingegen wurde Margiela am Tag darauf vorgeworfen, sozial benachteiligte Kinder als Requisiten zu missbrauchen. Als Designer kannte man ihn jetzt. Nicht zuletzt auch, weil die Kritiker in der Unfertigkeit dieser Kollektion die Genialität erkannten.

Martin Margiela konnte dem Wirbel um seine Person nichts abgewinnen. Er beschloss, der Öffentlichkeit fortan den Rücken zu kehren, keine Interviews mehr zu geben, nicht für Fotos zur Verfügung zu stehen, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten. Er konzentrierte sich auf seine Arbeit, mit der er in der Form faszinierte, so dass der Hype um seine Abwesenheit nur größer wurde.

Besonders konzentrierte er sich auf die Schulter und den Schuh, „die zwei wichtigsten Details, die einem eine gewisse Haltung geben“, sagt er im Film. Er entwarf Ikonen der Mode, wie etwa die Mäntel aus Perücken oder die Tabi-Boots, Schuhe, die er im Original an Arbeitern in Tokio gesehen hatte und sie daraufhin umdefinierte, mit einem Absatz. In der kulturell heute hypersensibilisierten Mode hätte Margiela wohl allein mit solchen Entwürfen Skandale entfacht. Vermutlich wäre schon die Tatsache, die Gesichter der Models verhüllt zu zeigen, wie er es häufig tat, ein Grund für Kritik. Damals, in den Neunzigern aber, wurde er dafür gefeiert.

Martin Margiela schien an dem Ziel angekommen, das er sich selbst als Kind gesetzt hatte. Der Sohn eines Polen und einer Belgierin wurde 1957 in Genk geboren und setzte sich schon, bedingt durch den Einfluss der Eltern, schnell mit Schönheit auseinander. Der Vater arbeitete als Friseur, die Mutter schlug vor, Perücken zu verkaufen, was der Vater dann wiederum nach Ladenschluss tat. Im Nachhinein erklärt das auch, warum der Sohn später von Perücken in seiner Mode besessen war.

Im Alter von sieben Jahren sah Martin im Fernsehen eine Modenschau und fragte seine Mutter, was der Mann da mache. Der Mann war André Courrèges, und die Mutter antwortete, er sei Modedesigner in Paris. Für den Jungen war der Berufswunsch damit gesetzt. Er ließ nicht mehr davon ab. Nach der Schule wurde er zum Modestudium in Antwerpen angenommen und landete anschließend als Assistent im Atelier von Jean Paul Gaultier.

Ein Sinn für Ordnung

Der große Designer war beeindruckt von dem jungen Belgier, nicht zuletzt, weil er mit seinem obsessiven Sinn für Ordnung in dessen Chaos Struktur brachte. Auch in seinem eigenen Unternehmen institutionalisierte er später das Tragen des weißen Kittels als Uniform, der selbst den Verkäufern in seinen Boutiquen eine Aura von klinischer Präzision gab. Immer wieder sieht man Margiela im Film, wie er Kisten öffnet. Sein Modeleben steckt sorgsam verpackt in diesen Boxen.

Holzemer sagt, Margiela sei ein Mensch mit großer Überzeugung, mit starker eigener Meinung. „Er ist nicht der Wortführer. Er ist zurückhaltend, in seinem Auftreten nahezu bescheiden.“ Dem Regisseur war es wichtig, dass der Designer den Film mit seiner Stimme erzählt. Margiela musste er davon erst überzeugen. „Er hat immer wieder gesagt, er möge seine Stimme nicht. Dann sagte ich, uns allen gehe es so. Er entgegnete, ich klinge wie seine Mutter und wolle ihn nur beruhigen.“

Als Martin Margiela sein Okay gab

Irgendwann willigte Margiela ein. Vor Jahrzehnten hatte er mal ein einziges Interview gegeben, dem „New Yorker“, per Fax. Darin beantwortete er ausschließlich rudimentäre Fragen wie diese: Seine Lieblingsfarbe? Weiß, natürlich. Nun nahm Holzemer ihn dabei auf, wie er seine Modelebensgeschichte in seinen Worten erzählte.

Sie ist tatsächlich Geschichte. Sie hat nur wenig zu tun mit der Richtung, in die sich die Mode seitdem entwickelt, eine Welt, die nicht mehr hermetisch abgeriegelt ist, in der es um Teilhabe geht und um Fan-Kultur, die weit über den Kreis an Menschen hinausgeht, der sich diesen Luxus leistet. Designer können sich heute nicht mehr in ihren Ateliers einschließen, sie machen eher in Live-Videos Stimmung.

Erste Andeutungen davon bekam auch Martin Margiela in den frühen nuller Jahren zu spüren. Die Mode wurde schneller und öffentlicher. Die Ära der Online-Berichterstattung begann und damit der Moment, an dem Bilder der Schau noch am selben Tag digital zu sehen waren. Sechs Jahre lang hatte er zuvor parallel als Kreativ-Direktor bei Hermès gearbeitet, die Doppelbelastung aber zerrte an ihm. „Mein Haus verlangte immer mehr von mir“, sagt er im Film über seinen Ausstieg bei Hermès 2003. Der Satz trifft auch in finanzieller Hinsicht zu: Für seine eigene Marke brauchte er Geld, ein Investor musste her. Der Diesel-Chef Renzo Rosso schlug 2002 zu. Es war der Moment, an dem seine Geschäftspartnerin Jenny Meirens ging. Margiela blieb, vorerst. Er sei Designer, fühle sich aber wie ein künstlerischer Direktor, der nur noch seine Assistenten anleitete, sagt er im Film über sein Schaffen in den Folgejahren.

Das Bild des Modeschöpfers, wie er es einst als Kind im Fernsehen sah, hatte nichts mehr mit jenem Beruf zu tun, den er jetzt ausübte. Für sich bereitete er seinen Abschied vor. Für die Modeleute, die ihn nie persönlich kennengelernt hatten, verschwand der Designer nach seiner Jubiläumsschau im September 2008, nach 20 Jahren in der Mode, vollends im Nichts.

Die Rezension der Kritikerin Sarah Mower zur Schau in der Saison darauf liest sich wie ein Nachruf: „Seine Abwesenheit ist ein Verlust, den nicht nur seine treuen Fans betrauern dürften, die sich nun einen anderen Ort zum Einkaufen suchen müssen, sondern eine ganze Branche, die abhängig war von Martin Margielas genialen zukunftsweisenden Beiträgen.“

Und heute? „Er geht ins Kino, ins Theater, in Restaurants“, sagt Reiner Holzemer über Martin Margielas Leben nach der Mode. „Er versteckt sich nicht. Er hat einen Freundeskreis und kümmert sich um seine Mutter und besucht seine Geschwister. Er führt ein normales Leben.“

„Martin Margiele – Mythos der Mode“ läuft seit Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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