Designer Omer Arbel

Der Erleuchter und sein ganz großer Traum

Von Celina Plag
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 12:26
Alle Ideen sind streng durchnummeriert: No. 28, eine Lichtinstallation bei Bocci in Berlin.zur Bildergalerie
Omer Arbel ist Architekt, Designer, Künstler, Visionär – und liebt Materialexperimente. Seine Lichtskulpturen faszinieren die Designwelt. Doch sein ganz großer Traum wird wohl für immer eine Utopie bleiben.

Wenn Omer Arbel vom Licht spricht, kommt er ins Schwärmen. Vom flüssigen Licht in seiner Heimatstadt Jerusalem, vom entsättigten Himmel über Berlin, der so aussieht, als hätte jemand seine Pigmente weggesaugt, und wo sich der Einsatz von Beleuchtung anbietet. Auch von Mexiko-Stadt, wo die Sonnenuntergänge geheimnisvoll sind, weil die warmen Strahlen wie Sirup erst langsam durch die Smogschichten hindurchwabern müssen.

„Die Atmosphäre andicken“ nennt Arbel das, was etwa dem Effekt entspräche, den er mit den Leuchten seines Unternehmens Bocci erzielen möchte. Glas sei ein guter Helfer, Licht überhaupt erst sichtbar zu machen. Fast finde er seine Arbeiten ausgeschaltet schöner – dann würden sie am besten mit natürlichem Licht interagieren. Kurze betretene Pause. Arbel lacht. „Ist das nicht absurd, ich habe eine Beleuchtungsfirma und möchte kein Licht machen?“

Wolken-, korallen- oder ballonförmige Objekte aus Glas

Omer Arbel sitzt gut gelaunt in seinem Hauptquartier in Vancouver, einer weißgetünchten ehemaligen Druckerei in Hafennähe, um ihn herum Regalwände gefüllt mit allerlei Kuriositäten – Prototypen seiner Arbeiten. Einige davon, wie wolken-, korallen- oder ballonförmige Objekte aus Glas, Porzellan oder Metall, sind als jene Cluster zu erkennen, die später mit Kabeln verbunden und mit Leuchtmitteln bestückt jene Lichtskulpturen werden, für die man Bocci kennt. Andere bleiben ein Mysterium.

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Seit 2005 betreibt Arbel, der Sonnenanbeter, studierter Architekt, Gründer, Designer, Künstler, Erfinder und irgendwie auch Hacker ist, mit seinem Geschäftspartner Randy Bishop hier von Vancouver aus Bocci: eine Beleuchtungs- und Designfirma mit angeschlossener Glasmanufaktur, wo Leuchten und Objekte für den Handel genauso gefertigt werden wie in Auftrag gegebene Installationen – alles in Handarbeit. Seit 2015 gibt es eine Dependance in Berlin. Zusätzlich realisiert er mit seinem zweiten Unternehmen, Omer Arbel Office (OAO), Architekturprojekte und freiere Arbeiten, die sich einfachen Zuschreibungen entziehen. Im Mainstream mag er weniger bekannt sein, die Designszene schätzt ihn sehr: „Architectural Digest“ kürte den Multivisionär 2019 zu einem der Top-200-Einflussnehmer.

Als er 13 ist, wandert seine Familie nach Vancouver aus, wo Arbel ab den frühen nuller Jahren mit einer Form des Entwerfens auf sich aufmerksam macht, die man am besten als „prozessbasierte Experimente am Material“ bezeichnen kann. Meistens scheitern sie. Manchmal aber auch nicht. Oft „hackt“ Arbel dafür jahrhundertealte Techniken.

Zum Beispiel: Für eine metallische Objektarbeit wiederholt er den Prozess der Galvanisierung an einem Bolzen unter immens erhöhter Spannung so lange, bis dieser zu einer korallenartigen Form auswuchert. Mit Hilfe eines Vakuums pustet er für eine der Ballonleuchten eine weiße Glasschicht durch ein Kupfergitter hindurch bis zur Außenwand aus klarem Glas, wodurch sich unzählige fossilienartige Ranken bilden. Flüssiges Wachs gießt er in eine mit gecrushtem Eis gefüllte Zentrifuge – so entstehen Kerzen in wurzelartig verschnörkelten Formen, wie beim Bleigießen an Silvester. Glas bleibt Arbels Steckenpferd, aktuell experimentiert er auch gern mit Beton und Holz.

Man könnte sagen, Arbel ist vor allem Gestalter von Techniken, nicht von Produkten, die eher dem Motto folgen: Function follows form follows process – was in etwa dem Gegenteil dessen entspricht, wie Designfirmen traditionell vorgehen, weswegen seiner Arbeit etwas Zukünftiges innewohnt.

Glenn Adamson, Kurator, Kritiker und ehemaliger Direktor des Museum of Art and Design in New York, fasst das einmal so zusammen: „Im zeitgenössischen Design ist das modernistische Erbe des Funktionalismus in alle Winde zerstreut; das Feld hat sich zunehmend von der Problemlösung als seiner Raison d’être entfernt und ist stattdessen zu einem expressiven und individualistischen Akt geworden. Ohne viel Trara hat sich Arbel in die vordersten Reihen der in dieser Richtung arbeitenden Designer emporgearbeitet.“

Trotzdem gelangen viele von Arbels Ideen kaum in die Öffentlichkeit. Weil sie sich ohne klar definierbaren Zweck vielleicht nicht gut verkaufen lassen. Oder weil sie schwer skalierbar und damit ohnehin kaum seriell produzierbar sind. Oder weil bei Bocci und OAO sowieso nur ein bis zwei neue Produkte pro Jahr vermarktet werden. So hält der Chef für sein Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern, das vom Experiment über die Idee und Produktion alles selbst gestaltet, bewusst die kreative Messlatte hoch – und sorgt für gesundes Wachstum. Wobei er selbst sagt: „Oft sind die kommerziell erfolgreichsten Ideen nicht unbedingt meine besten.“

Während Arbel spricht, kann man durch ein offenes Raumregal das lautstarke Treiben im Lager beobachten. Gerade werden dort Lampen mit Leuchtmitteln ausgestattet und zum Versand in Boxen gepackt. Es ist einer von Boccis Klassikern, unterschiedlich farbige Glasballons, in etwa so groß wie ein Gummiball für Kleinkinder.

Wie die genau gemacht werden, lässt sich ein paar Türen weiter in der Glasmanufaktur beobachten, in der es trotz geöffneter Fenster ziemlich warm ist. Eine Handvoll hipper Mittzwanziger in T-Shirts und Jeans holen hier heißes Glas an langen Stäben aus den heißen Öfen wie Honig aus dem Pott, während im Hintergrund laute elektronische Musik aus den Boxen schallt. Glasblasen gilt traditionell als Männerdomäne, hier arbeiten viele Frauen. Die Annahme, man brauchte dazu besonders viel Körperkraft, ist falsch: Wie beim Fechten – übrigens noch etwas, worin Arbel meisterhaft ist – geht es vielmehr um Tempo und Taktik.

Einer der Glasbläser ist jetzt, mit Luftschlauch im Mund und allerlei Werkzeug ausgestattet, dabei, mit Hilfe eines Verfahrens, bei dem die Temperatur des Glases und die Richtung des Luftstroms abwechselnd manipuliert werden, einen dieser bunten Klassiker zu blasen. Als der durch den Prozess leicht verzerrte Ballon fast fertig ist, geht er von außen noch einmal mit einem Bunsenbrenner partiell über die Oberfläche, wodurch hübsche Krater entstehen, „kontrollierte Implosionen“. In die Öffnung des bunten Ballons lässt er nun milchig flüssiges Glas flutschen, welches durch seine Bearbeitung zu einem kleinen Innenballon wird, der später das Leuchtmittel aufnimmt.

Mit diesem Modell gelang Arbel der Durchbruch in der Designwelt, 2013 war das, als 280 dieser Kugeln an kupfernen Fäden zu einer gigantischen Skulptur arrangiert 30 Meter von der Decke des Atriums des Londoner Victoria and Albert Museums hingen – meistens angeschaltet, ein Traum erhabener Erleuchtung.

Bei Bocci kommt ein Leuchtkörper selten allein. Meistens erhellen, vor allem aber: erkunden, viele Lichtobjekte gemeinsam an Kabeln hängend oder wie zu Tentakeln ausgestreckt als ortsspezifische Installationen ihre Umgebung. Oft wirken sie wie elegant wuchernde Seerosen oder schwerelose Mindmaps. Sie machen die Architektur um sie herum in ihren Dimensionen greifbarer.

Das ist insofern ein spannender Ansatz, als dass Arbel damit traditionellere Lichtkonzepte aufbricht, nach denen Leuchten zentrale Fokuspunkte innerhalb eines Raumes setzen. Lichtskulpturen von Bocci sind so auch „Hacks“ klassischer Lüster, irgendwo zwischen Design übrigens kaum von „Lampen“, sondern eben von „beleuchteten Objekten“ oder „Lichtskulpturen“. Man trifft diese so meistens dort an, wo Platz, Geld und Kunstliebhaber aufeinandertreffen, in repräsentativen Altbauwohnungen, Szenerestaurants, Designbüros, Galerien, Museen und vielleicht Privatbanken.

Und bei Bocci 79, des Labels Berliner Dependance und Europazentrale im 1896 erbauten ehemaligen Charlottenburger Grundbuchamt. Das Gebäude wird auch als „lebendes Archiv“ bespielt: Auf fünf Stockwerken bieten weitläufige Räume viel Freiheit für Arbels Arbeiten – und die Kulisse des wuchtigen Bürokratenbaus einen schönen Bruch zur fragilen Ästhetik der Objekte. Durch Bocci 79 zu mäandern ist wie ein Streifzug durch Arbels Gehirn: Wer seine „glücklichen Zufälle“, wie er sie liebevoll nennt, rückwärts denkt, kommt nicht umhin, sich das Chaos vorzustellen, das permanent in seinem Kopf herrschen muss.

Um Ordnung ins System zu bringen, katalogisiert Arbel alle Ideen streng mit fortlaufenden Nummern, die durch das Anhängen weiterer Ziffern unendlich individualisiert werden können, die Hundertermarke ist bereits geknackt. 1.2: das Raumtrenner-Regal aus seinem Hauptquartier. 76: die Glas-Kupfer-Arbeit, die so aussieht wie ein rankendes Fossil. 28: die Installation im V&A. Glückszahl? Er lacht: „Tatsächlich haben wir die Nummer 13 ausgelassen – die 14 wurde dann unser erster kommerzieller Erfolg.“

Der kommerzielle Erfolg einiger Leuchten gibt Arbel die Möglichkeit, seine geld- und zeitintensive experimentelle Arbeit, die Grundlage seines Schaffens, weiterzuverfolgen: „Schon jetzt kann man mit 3D-Technik praktisch jedes Material in jede Form zwängen. Aber will man das?“ Interessanter bleibt für ihn die Frage, was dabei herauskommt, wenn sich die einem Material eigenen physischen oder chemischen Charakteristika im Prozess frei entfalten können und sich darüber – vielleicht – eine neue Form ergibt. In Zeiten, wo vermutlich jedes vorhandene Produkt formal schon unendlich oft und anders gedacht wurde, bietet so eine Hinwendung zum Materialexperiment noch Raum für Innovation.

Gerade tüftelt Arbel an einem neuen Projekt, über das er nur so viel verraten will: Dieses Mal kooperiert er mit Wissenschaftlern. Auch im „Social Engineering“ ist er stark.

Für Arbels freies kreatives Arbeiten sei generell hilfreich, „dass Vancouver so weit weg von allem ist“. Es sei eine extrem junge Stadt ohne ausgeprägte Kulturlandschaft und folglich ohne die Permanentbeschallung durch eine Szene. Nach Berlin, das für den europäischen Markt strategisch gut liegt, wo viele Wegbegleiter leben und wo „Kultur für die Menschen kein Hobby ist“, kommt er, seit er Vater geworden ist, nicht mehr so regelmäßig, wie ihm lieb wäre. Ursprünglich hatte Arbel geplant, Teile der Glasproduktion nach Berlin zu verlagern, allerdings gäbe es in der Hauptstadt kaum noch Kunsthandwerker. „Außerdem haben wir hier in Vancouver mittlerweile eine wirklich starke Expertise.“

Ein Verstärker für dieses Knowhow ist die Tatsache, dass der pazifische Nordwesten mit rund 1000 Glaskünstlern mittlerweile das größte Zentrum für Glaskunst der Welt ist. Und dessen Herz Seattle liegt nur zweieinhalb Autostunden und einen Grenzstopp entfernt. Man kann von dem ein oder anderen Wissenstransfer in der Region ausgehen.

In Berlin hat der Tausendsassa indes andere Pläne. Im Bezirk Reinickendorf hat das Unternehmen das gigantische Areal einer ehemaligen Eisengießerei erworben, wohin Bocci voraussichtlich im Herbst umziehen möchte. Auch für andere Kreative ist Platz, man hofft auf Synergien – obendrein schreit der Ort förmlich nach Materialbearbeitung. Arbels Augen funkeln, und er mag noch nicht zu viel versprechen, sagt aber: „Berlin ist Weltklasse im Umgang mit Porzellan.“

Weil Bocci gerade „einen Moment hat“, kann sich der Architekt zurzeit gut auf das Realisieren seiner Hausprojekte konzentrieren. In Surrey, eine halbe Stunde außerhalb von Vancouver, entsteht auf einem Heufeld sein aktuelles Projekt – Katalognummer 75.9 –, für dessen Design er beim World Architecture Festival 2019 den „Future Project of the Year“-Award in der Kategorie Haus gewann – beachtlich, wenn man bedenkt, dass bislang erst einer seiner Hausentwürfe tatsächlich gebaut wurde: vor zwölf Jahren.

Das Haus 75.9 baut im wahrsten Wortsinn auf Säulen, die wie Engelstrompeten oder Teile eines Grammophons aussehen und nach Arbels neuestem „Hack“ entstanden sind, Beton nicht einfach in eine starre Konstruktion zu gießen, sondern in ein ebenso fluides Textil, das von einem eher minimal eingesetzten Bauholzgerüst gestützt wird. Das Volumen des Stoffes wird erst durch das Einfließen des Betons voll ausgefüllt, das heißt, die finale Form, die auch an den flüssigen Aggregatzustand appelliert, ergibt sich hier über das betoneigene Gewicht.

Bei der Baustellenbesichtigung sind diese Säulen gerade fertig gegossen, der Effekt ist beeindruckend: Selbst die stoffeigenen Charakteristika lassen sich im gehärteten Beton erkennen, von der Gewebestruktur bis zu ausgehärteten „Falten“ – was dem Ganzen einen Hauch von Luftigkeit und Flexibilität verleiht und in den Rundungen der Haut eines Elefantenfußes ähnelt. Die Säulen sind wie Trichter hohl und bieten Platz zum Bepflanzen auf dem Dach, Arbel denkt an knallige Magnolien.

Dass ihm der zukünftige Bewohner des Hauses eine Carte blanche gegeben hat, ist Arbels Glück, immerhin konnte er weder sagen, ob die Idee, Beton in Textil zu gießen, in dem Maßstab überhaupt realisierbar ist – noch, was das kosten würde. „Man muss mit mir schon bereit sein, für etwas zu bezahlen, was im Zweifelsfall nicht klappt“, sagt er verschmitzt.

Etwas hadert Arbel aber noch damit, die Idee „Haus“ ganz generell in seine prozesshafte Arbeitsweise zu integrieren. Bislang bestanden alle seine Objekte aus einer einzigen Idee, im Rahmen eines Gebäudes sind es zwangsläufig mehrere.

Seine Utopie? „Ein Haus aus Glas“ – ganz klar, geblasen wie seine Leuchten, nur viel größer, man muss ans Prinzip einer aufgepusteten Hüpfburg denken. Allerdings: „Glas hat extrem lange Kühlzeiten. Bei einem Gebäude wäre das bestimmt ein Jahr, von der Größe des Ofens ganz zu schweigen. Das ist kaum je technisch machbar“, sagt Arbel. Und nach einer kurzen Pause: „Aber es wird ein Traum bleiben.“

Der Architekt, Designer, Künstler und Visionär Omer Arbel wanderte mit seinen Eltern mit 13 Jahren von Jerusalem nach Vancouver aus, wo er später seine Firma Bocci gründete – und das Omer Arbel Office (OAO). „Architectural Digest“ zählt ihn zu den Top- 200-Einflussnehmern der Branche weltweit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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