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Designer Steffen Kehrle

Wie der „Münchner Stuhl“ entsteht

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 20:43
Alles nur Prototypen: Steffen Kehrle ist mit seinen Entwürfen noch nicht restlos zufrieden, auch nicht mit dem umgedrehten Freischwinger aus dem 3D-Drucker.zur Bildergalerie

Es ist nur eine Studie. Gleich mehrmals fällt dieser Satz. Ergebnis der Studie soll ein Stuhl sein. Entstanden ist allerdings nicht nur ein Stuhl. Im Münchner Studio von Steffen Kehrle stehen viele Stühle, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein: Einer ist aus Pappe, ein anderer aus Kunststoff, ein dritter aus alten Holzplatten zusammengeschraubt (auf ihm kann man sogar sitzen). Einer hat vier Beine, der nächste steht auf Kufen, mal sind die Stühle blau, mal gelb, mal grün. Den letzten der vielen meist gebrechlichen Prototypen hat gerade erst ein 3D-Drucker ausgespuckt. „Als ich den Stuhl sah, war ich fünf Minuten total glücklich“, sagt Steffen Kehrle. „Dann war ich den Rest des Tages todunglücklich.“

Es ist nur eine Studie, eine Studie mit offenem Ausgang. Das war dem Designer von Anfang an klar, schon als er den Auftrag bekam, einen „Münchner Stuhl“ zu entwickeln – für die Neue Sammlung, kurz DNS, die seit 2002 in der Pinakothek der Moderne ihren Standort hat. Das Designmuseum mit einer Zweigstelle in Nürnberg ist das älteste der Welt. Es wurde 1907 aus dem Geist des Deutschen Werkbunds gegründet. Mit mehr als 100.000 Inventarnummern zählt die Neue Sammlung zu den größten Sammlungen überhaupt.

Den Auftrag für die Entwicklung eines Stuhls bekam Steffen Kehrle, der 2009 sein eigenes Studio gründete, von der Direktorin des Museums, Angelika Nollert. Wenig später kam das Unternehmen Thonet als Partner hinzu. Thonet feiert in diesem Jahr sein zweihundertjähriges Bestehen, aus diesem Anlass inszeniert Kehrle eine Ausstellung von Thonet-Stühlen in der Neuen Sammlung. Teil davon wird auch seine Studie sein, mit den Prototypen, von denen einer womöglich eines Tages auf den Markt kommt – produziert von Thonet.

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„In meiner Vorstellung kommt der Stuhl als Ganzes aus einer Maschine heraus“, sagt Kehrle. Sein Stuhl soll nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt sein. Das wiederum spräche dafür, dass der Entwurf durch eine Art Druckguss-verfahren Form annimmt, dass er aus einem Kunststoff oder einem Metall besteht. Doch Kehrles Stuhl ist in seiner Gestalt so ungewöhnlich, dass er wohl nicht allein aus Kunststoff, sondern auch aus Metall bestehen müsste, damit er genügend Halt hat und auch gibt – und damit er nicht bricht.

Es war erst der Anfang

„Die Materialität haben wir noch nicht festgelegt“, sagt der 43 Jahre alte Designer und beschreibt die Entwicklung seines Stuhls: Zunächst wollte er ein kleines Möbel machen, einen nur 25 Zentimeter breiten Stuhl mit vier Beinen, auf dem Museumswächter und -besucher gleichermaßen sitzen sollten. „Der Entwurf kam schon sehr gut bei Angelika Nollert an“, erzählt Kehrle. Doch für ihn war es erst der Anfang.

Als nächstes bekam der Stuhl ein Stahlrohrgestell, er wurde zu einem Freischwinger, wie ihn Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe Mitte der zwanziger Jahre entwickelt hatten. Die Rechte an einigen der bekanntesten Freischwinger besitzt das in sechster Generation geführte Familienunternehmen Thonet im nordhessischen Frankenberg. Da Thonet Partner des Münchner Projekts ist, hätte ein hinterbeinloser Stuhl nur zu gut gepasst. „Mir war das aber zu banal“, sagt Kehrle. Er wolle ja in die Zukunft denken und nicht einfach Stahlrohr oder auch Wiener Geflecht, wie es bei vielen Thonet-Stühlen vorkommt, als Zitate verwenden.

Darum habe er die Silhouette umgedreht. „Wir sind natürlich nicht die ersten, die auf diese Idee gekommen sind, doch als Typ ist so ein vorderbeinloser Stuhl schon sehr ungewöhnlich.“ Und eine echte Herausforderung: Während man bei einem Freischwinger, einem hinterbeinlosen Stuhl, nach hinten fällt und nicht vom Sitz rutschen kann, ist es bei Kehrles Stuhl genau anders herum. Die Sitzfläche gibt vorne nach. Von Seiten Thonets hieß es denn auch, so ein Stuhl könne nicht funktionieren. Kehrle machte dennoch weiter. „Die Statik am Übergang zum Sitz haben wir inzwischen im Griff.“ Am Bogen unten tüftelt der Designer noch mit seinen Mitarbeitern.

Entfernt erinnert der „umgedrehte Freischwinger“ an den Kufenstuhl von Karl Nothhelfer, den er Anfang der fünfziger Jahre für die Vereinigten Schulmöbelfabriken in Tauberbischofsheim entwickelt hatte und auf dem jahrzehntelang fast alle deutschen Schüler saßen. Auch Nothhelfers Schulstuhl hat keine Vorderbeine, sondern nur zwei nach unten breiter werdende Hinterbeine auf Kufen, die das Wippen erschweren. So lässt sich der Stuhl auf eine Tischplatte auflegen.

Neben dem eigentlichen Stuhl ist im Atelier Steffen Kehrle (kurz ASK) auch eine „Stehhilfe“ entstanden: ein schmaler Hocker, etwas höher als ein Stuhl, aber niedriger als ein Barhocker, den man im Museum mitnehmen kann, um sich zwischendurch kurz auszuruhen. Die Sitzschale des Prototyps hat Kehrle in seinem eigenen kleinen 3D-Drucker produziert. Er funktioniert wie ein Tintenstrahldrucker: Aus einer 1,75 Millimeter dicken thermoplastischen Kunststofffaser, dem Filament, wird das Werkstück schichtweise aufgebaut. Bei der Sitzschale dauerte das Drucken zwei ganze Tage.

Eine Zeitreise aus Stühlen

Für seine Ausstellung hat Kehrle alle während der Studie entstandenen Prototypen kalkweiß angemalt. „Das ist demokratischer“, sagt er. „Kein Stuhl sticht heraus. Sie wirken alle wie kleine Skulpturen.“ Die Ausstellung, die am Donnerstag eröffnet wird, trägt den Titel „Thonet & Design“. Kehrle hat anhand von 65 Stühlen eine Zeitreise konzipiert. Sie beginnt bei den Bugholzstühlen von Unternehmensgründer Michael Thonet, führt in der Rotunde vorbei an Stühlen von Bauhäuslern wie Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer und Designern wie Eddie Harlis und Verner Panton bis hin zu Entwürfen von Norman Foster, Konstantin Grcic und Stefan Diez.

Den Schlusspunkt der Zeitreise setzt der 2018 vorgestellte Stuhl 118 vom Offenbacher Designer Sebastian Herkner, gefolgt von den weißen Prototypen von Steffen Kehrle. Den halbrunden Raum, der 37 Meter breit ist und an ein Amphitheater erinnert, hat der Münchner durch Wände gegliedert. Sie bestehen aus Panelen aus eloxiertem Aluminium, in denen sich die Stühle ganz leicht spiegeln. Jeder Stuhl hat, wieder ganz demokratisch, exakt denselben Platz eingeräumt bekommen, ein Panel ist genau 1,50 Meter mal 1,40 Meter groß. „Ich wollte Ruhe und Großzügigkeit in den Raum bringen.“

Die Ausstellung läuft voraussichtlich ein, zwei Jahre. „Wir werden in dieser Zeit an unserem Stuhl weiter arbeiten“, sagt Kehrle. Die Studie wird irgendwann auch ihr Ende finden, auch ohne einen marktreifen Stuhl. Einen Namen zumindest hat er schon für ihn: DNS.

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Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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