SITZ!


Text von PETER-PHILIPP SCHMITT
Fotos von LUCAS BÄUML

7. Dezember 2021 · Nicht alle neuen Stühle sind bequem und praktisch. Da hilft nur: Platz nehmen! Und wer könnte das besser als Herr und Hund oder Frau und Hund.

AMIN BAGHI MIT GOLDENDOODLE CHEDDAR

  • Sitzsack von Vetsak
  • Sitzsack von Vetsak Foto: Vetsak


Der Friedhof lässt sich nur erahnen, die Peterskirche ist von Bäumen verdeckt. Und doch haben beide maßgeblich den Anbau auf dem Nachbargrundstück beeinflusst. Eine Menge Ziegelsteine hat das Architekturbüro NKBAK (Nicole Kerstin Berganski und Andreas Krawczyk) aus Frankfurt hier verbaut. Es war ein „Weiterbauen am Bestand“, im Innenhof eines vergleichsweise modernen Gebäudes, in dem die Architektur- und Designplattform Stylepark ihren Sitz hat. Der Anbau grenzt nun nicht nur an die denkmalgeschützte Friedhofsmauer des historischen Peterskirchhofs, die Fassade führt auch die alte Mauer optisch fort. Von oben hat man einen herrlichen Blick ins Grüne und hinüber zur Liebfrauenschule. Diesseits, an der Friedhofsmauer, hat unter anderen Goethes Vater, Johann Casper Goethe, seine letzte Ruhestätte gefunden. Jenseits der Grünanlage liegt Goethes Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, eine geborene Textor. Als Frankfurter weiß man das natürlich. Und AMIN BAGHI weiß es sowieso. Schließlich ist der Einundvierzigjährige Gründer der Kreativagentur „esistfreitag“, die unter anderem auch für das Magazin „Frankfurt, du bist so wunderbar“ verantwortlich zeichnet, das zugleich eine Online-Plattform ist, „auf der sich Frankfurter und Frankfurt-Liebhaber vernetzen und austauschen können“, wie Amin Baghi sagt. Er geht gerne am Peterskirchhof spazieren, und neuerdings auch mit seinem sieben Monate alten Goldendoodle CHEDDAR. Die beiden ließen sich nicht lange von uns bitten und fläzten sich begeistert in den neuen Outdoor-Sitzsack der Berliner Marke Vetsak.


FRANZISKA VON SCHUMANN & ROBERT VOLHARD MIT WASSERHUND AIMY

  • Hocker Imi von Sebastian Herkner
  • Hocker Imi von Sebastian Herkner Foto: Sebastian Herkner


Wer sitzt wo? Das war die große Frage. Und passen wir farblich überhaupt zusammen? Sie passten, und durften als Gastgeber natürlich sowieso nicht fehlen. FRANZISKA VON SCHUMANN wählte für sich den Barhocker Drop von Cor, den Pauline Deltour entworfen hat (die Französin starb überraschend kurz vor dem Shooting am 13. September mit gerade einmal 38 Jahren). ROBERT VOLHARD entschied sich für die jüngste Arbeit von Sebastian Herkner für die Marke Pulpo, den handgemachten Keramik-Beisteller Imi. Auf ihm allerdings nahm dann Volhards Spanischer Wasserhund AIMY Platz, kein leichtes Unterfangen für die Dreijährige, denn die glasierte Oberfläche ist für Hundepfoten ganz schön glatt. Robert Volhard hat schon vor 21 Jahren die weltweit erste Online-Plattform für Architektur- und Designprodukte in Frankfurt mitgegründet, auch als eine Agentur, die Unternehmen bei der internen und externen Kommunikation berät und für Firmen Konzepte und Strategien entwickelt, etwa wenn es um Markenpositionierung oder die Markteinführung von Produktneuheiten geht. Franziska von Schumann begann vor elf Jahren für die Agentur an der Brönnerstraße zu arbeiten und ist seit vier Jahren mit Volhard zusammen Vorstand der Stylepark AG. Die beiden zeichnen auch für den Neubau verantwortlich, mit neuen Arbeitsplätzen und einem „Coffeepoint“ mit großer Theke als Treffpunkt. Hier entstand auch das Foto und nicht im gemeinsamen Büro, das die drei sich unter der Woche teilen.


SIMONE UHL MIT PUDELMISCHLING ERNA

  • Barhocker Drop von Pauline Deltour für Cor
  • Barhocker Drop von Pauline Deltour für Cor Foto: Cor


Die blaue Treppe führt inzwischen ins Nichts. Genauer: Der erste Stock ist nun an ein Architekturbüro vermietet, der Zugang auf diesem Weg seit gut zwei Jahren verschlossen. Und doch ist die Treppe weiterhin der Hingucker, wenn man bei Stylepark zur Tür hineinkommt. Wie eine merkwürdig verdrehte Skulptur wirken die aus einem Stück gegossenen Stufen, von denen sich auch ERNA magisch angezogen fühlte. Hinauf aber wollte der schwarze Mischling nicht, schon gar nicht alleine. Dass sie Schlimmes durchgemacht hat, merkt man dem Hund allerdings nicht an. Erna komme aus Kroatien, wo sie in einem Müllcontainer gefunden wurde, weiß SIMONE UHL über das Schicksal ihrer kleinen Hundedame zu berichten. Dabei hat sich in dem Land auf der Balkanhalbinsel vieles zum Besseren gewandelt, seit Kroatien 2013 vollwertiges Mitglied der EU geworden ist. 2017 trat ein fortschrittliches Tierschutzgesetz in Kraft. Seither dürfen keine Hunde in Tierheimen mehr getötet werden, Streuner werden kastriert, Hunde registriert. Dennoch gibt es Hunde wie Erna und Organisationen, die sich um verwaiste Vierbeiner kümmern („Kroatische Pfoten in Not“). Die Pudelmischlingsdame von Simone Uhl, etwa fünf oder sechs Jahre alt, hätte es sich wohl nicht träumen lassen, einmal auf dem Cover eines Magazins zu landen. Doch sie saß wie eine Eins auf dem Barhocker Drop von Pauline Deltour, den wir noch einmal auswählten, weil er farblich so gut zur Treppe passt. Ihr Frauchen sitzt auf einem Klassiker, dem Stuhl 7 von Arne Jacobsen, der erstmals 1955 von Fritz Hansen produziert wurde. Den Stuhl, hergestellt aus neun Schichten formgepressten Furniers, gibt es jetzt in neuen Stoffen und Farben.


KRISZTINA & VIKTORIA MIT DEN MISCHLINGEN MÁZLI & SZOFI

  • Barhocker Alvo von Jehs + Laub für Cor
  • Barhocker Alvo von Jehs + Laub für Cor Foto: Cor


Das Geflecht hat Omer Arbel entworfen, der in Jerusalem geboren wurde und schon lange in Vancouver lebt. Der Designer, Jahrgang 1976, ist auch Kreativ-Direktor seiner von ihm im Jahr 2005 mitgegründeten Leuchtenmarke Bocci. Für sie entstand die 28 Copper, eine Pendelleuchte mit großen gläsernen Elementen, die bei Stylepark neben dem Wein in einem der Innenhöfe ranken. Zu filigran durfte der Stuhl daher nicht sein, der sich gegen die merkwürdig verformten Glaskugeln behaupten sollte. Die Wahl fiel auf den üppig gepolsterten Barhocker Alvo des Stuttgarter Designerduos Jehs + Laub (Markus Jehs und Jürgen Laub). Der Hochbeiner mit seiner auffälligen Kunststoff-Sitzschale ist drehbar und Teil einer ganzen Stuhlfamilie, die von Cor in Rheda-Wiedenbrück produziert wird. SZOFI (rechts) und MÁZLI schienen die Szenerie und das ganze Drumherum egal zu sein, die beiden Hündinnen hatten nur Augen füreinander. Szofi, eine Mischung aus Foxterrier und Beagle, ist acht Jahre alt und damit vier Jahre älter als Mázli, die auf einen Puli und einen Dachshund zurückgeht. In der ursprünglichen Heimat der Pulis, einer anerkannten ungarischen Rasse, bekannt vor allem als Hütehunde für Schafe, wurden Szofi und Mázli auch geboren, und sie wurden in Ungarn adoptiert, wie ihre Besitzerinnen KRISZTINA und VIKTORIA erzählen. Erst seit März leben die vier in Frankfurt, vorher waren sie zwei Jahre in Portugal. Weil die beiden Frauen so stolz auf ihre Hündinnen sind, wollten sie ihnen die große Bühne auch alleine überlassen – und unerkannt bleiben.


PETRA KURBIT MIT CANE CORSO ZETA

  • Liege 72 von Christophe Marchand für Wogg
  • Liege 72 von Christophe Marchand für Wogg Foto: Wogg


Das „White Rabbit“ kann durchaus noch als Geheimtipp gelten. Denn die „Tages- und Nachtbar“ hat erst vor ein paar Wochen geöffnet. Abends gibt es natürlich Cocktails, davor vor allem „echte Kaffeekultur in Frankfurt“. So zumindest bewerben die Betreiber des Lokals um Jalalle Chahboune und Pablo Kordonias ihr neues Projekt, das sich unweit vom Jüdischen Museum und dem Eurotower, dem einstigen Sitz der Europäischen Zentralbank, befindet. Genau dort, ums Eck vom Willy-Brandt-Platz, war PETRA KURBIT eben noch, bevor sie sich aufmachte, um ZETA von ihrem Freund Marco zu übernehmen. „Der Hund gehört uns 50:50“, sagte die Fünfundzwanzigjährige zur Erklärung. Denn als sie hörte, dass ihr Cane Corso Italiano, wie die stattliche Rasse heißt, es als mögliches Model in unser Magazin geschafft hatte, allerdings zusammen mit seinem Herrchen (Seite 30), wollte Frauchen nur zu gerne auch noch auf ein Bild. Und so eilte die Barista des „White Rabbit“ nach getaner Arbeit einmal quer durch die Stadt, um sich bequem auf der für sie da schon vorgesehenen Liege mit der Nummer 72 niederzulassen. Beim Schweizer Hersteller Wogg werden alle Produkte chronologisch durchnummeriert, die Liege Wogg 72, die stufenlos verstellt werden und in jeder Position verharren kann, hat der Kreativ-Direktor der Marke, der Schweizer Designer Christophe Marchand, selbst gestaltet. Es gibt sie in allen möglichen Varianten, vor allem mit Stoff und Leder bezogen. Das pinkfarbene Fell (aus der Wolle von Angoraziegen!) wurde eigens für unser Shooting von Kvadrat produziert, vom Polstermeister geprüft und für gut befunden. Ein echtes Unikat, das leider zurück in die Schweiz musste.


DUDU NGUYEN & HAITALY MERESA MIT ZWERGSPITZ LUX

  • Sessel Easy Pieces Forever von Kati Meyer-Brühl für Brühl
  • Sessel Easy Pieces Forever von Kati Meyer-Brühl für Brühl Foto: Brühl


Nein, wir haben sie nicht gecastet. Originäre Laufkundschaft kann man HAITALY MERESA (rechts) und DUDU NGUYEN aber auch nicht nennen. Die beiden hörten von unserem Shooting und kamen spontan vorbei, mit ihrem Spitz LUX in einer Hundetragetasche. Die beiden Frauen sind erst 23 Jahre alt. Meresa kommt aus London und lebt seit zwei Jahren in Frankfurt, Nguyen ist Frankfurterin. Und sie ist Autorin. Gleich zwei Gedichtbände sind schon von ihr erschienen: „The Wave“ im Jahr 2018 und „The Shadows“ 2019. In ihren Büchern geht es um schöne und schmerzhafte Erfahrungen des Erwachsenwerdens, um Verwirrung und Verlust, um das erste Verliebtsein und den ersten Liebeskummer. „Das Schreiben“, sagt Nguyen, „war schon immer ein Zufluchtsort für meine Gedanken.“ Mit ihren sehr persönlichen Erfahrungen, die sie auf diesem Wege teile, wolle sie anderen auch helfen und ihnen zeigen, dass sie „mit einem gebrochenen Herzen“ nicht alleine sind und ihren Schmerz auch nicht alleine durchmachen müssen. Als Haitaly Meresa, Dudu Nguyen und der einjährige Lux so ganz in Weiß und Schwarz bei Stylepark vor der Tür standen, war sofort klar, mit welchem Stuhl wir die drei fotografieren werden: mit dem Sessel Easy Pieces Forever der Designerin Kati Meyer-Brühl. Auch er ist Teil einer ganzen Produktfamilie, hat einen filigranen Rahmen aus Metall oder Holz und opulente dicke Kissen – in diesem Fall aus weichem und vor allem schwarzem Leder. Besser ließe sich das Möbelstück, das von der Marke Brühl aus Bad Steben produziert wird, nicht in Szene setzen.


MARKUS NIKOLAI MIT MOPS-CHIHUAHUA-MISCHLING TEEBO

  • Lounge-Sessel Rilly von GamFratesi für Dedon
  • Lounge-Sessel Rilly von GamFratesi für Dedon Foto: Dedon


Er hat es nicht weit: MARKUS NIKOLAIS Optik-Fachgeschäft liegt Stylepark gegenüber, auf der anderen Seite der Brönnerstraße. Mit seinem Mops-Chihuahua-Mischling TEEBO geht er oft ums Eck und zum Peterskirchhof. Von dieser Seite aus wird auch klar, warum der Neubau mit seiner Klinkerfassade in diesem Jahr mit dem Deutschen Ziegelpreis ausgezeichnet wurde. Der 55 Jahre alte Nikolai ist nicht nur Augenoptiker wie sein Vater mit einem eigenen Laden und einer eigenen Brillenmarke, Markus Nikolai Eyewear. Der gebürtige Frankfurter ist auch Musiker. „Mein Großvater war Dirigent.“ Von ihm habe er Klavier-, Gitarre- und vor allem Akkordeonspielen gelernt. Und Markus Nikolai komponiert, für sein Label Perlon zum Beispiel. Tracks von ihm wurden sogar in Filmen wie „Kap der Angst“ von Martin Scorsese und „Sliver“ mit Sharon Stone verwendet. Zudem lädt er gerne zu Pop-up-Events in seine Penthouse-Küche ein, die sich über seinem Geschäft befindet. Stillsitzen fällt dem Vielbeschäftigten sichtlich schwer, auch weil Teebo ein echtes Energiebündel ist. Die beiden haben sich für uns in einem Möbel der Outdoormarke Dedon niedergelassen, dem Sessel Rilly von GamFratesi (Stine Gam und Enrico Fratesi). In der halbtransparenten Struktur, die sie umgibt, konnten Herr und Hund zumindest kurz entspannen, Nikolai zückte sogar das Handy, um den trauten Moment mit einem Selfie festzuhalten. Dann verriet er auch noch, warum Teebo Teebo heißt: „Er ist nach dem kleinen Ewok aus ,Star Wars' benannt, der eines Tages ein großer Magier werden will.“


TOBIAS REHBERGER & BARBARA MAIR MIT MOPS CHARLES

  • Sessel Anton von Studio Truly Truly für Leolux
  • Sessel Anton von Studio Truly Truly für Leolux Foto: Leolux


Nennen wir es Zufall, dass TOBIAS REHBERGER bei unserem Shooting vorbeischaute. Geholfen haben könnte aber auch, dass seine Frau BARBARA MAIR gut mit Franziska von Schumann bekannt ist. Und Rehberger wiederum mit Robert Volhard. Die kreative Szene in Frankfurt ist bestens vernetzt, Rehberger einer der bekanntesten Künstler der Stadt. Der Fünfundfünfzigjährige, der bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der Städelschule in Frankfurt studierte und dort heute selbst Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste ist, ist ein Tausendsassa. Er schätzt als Künstler den großen Auftritt, seine Installationen sind legendär und meistens raumgreifend. Seine Arbeiten sind überall zu finden, im Reichstagsgebäude in Berlin genauso wie auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein. Spätestens seit er 2009 den Goldenen Löwen auf der Biennale di Venezia bekommen hat, zählt er auch international zu den einflussreichsten Künstlern seiner Generation. Nach Frankfurt hat ihn in den Neunzigern seine Frau gebracht, die er beim Skifahren kennenlernte. Barbara Mair ist Direktorin Projektvertrieb und Geschäftsentwicklung beim Immobilienmakler Engel & Völkers. Die beiden haben zwei erwachsene Kinder. Zur Familie gehört auch CHARLES. Der altdeutsche Mops, mit dem sie auf dem Sessel Anton vom Studio Truly Truly für die Marke Leolux sitzen, ist vier Jahre alt. „Das letzte Kind“, sagt Mair lachend, „hat ja immer ein Fell.“


MARCO SCHLEGEL MIT CANE CORSO ZETA

  • Rocking Chair von Koen van Extergem für Manutti
  • Rocking Chair von Koen van Extergem für Manutti Foto: Manutti


Ein Boxer! So einen hatten wir auch mal. – Kein Boxer. Das ist ein Cane Corso Italiano! – Der sieht aber aus wie ein Boxer. – Überhaupt nicht! – Mit Hundebesitzern kommt man meist schnell ins Gespräch. Und wenn man auch nicht immer einer Meinung ist: MARCO SCHLEGEL hat natürlich recht. Sein Hund, der an einen Molosser erinnert, ist viel zu massig und muskulös, um ein Boxer zu sein. Italienische Doggen, wie sie auch genannt werden, können fast 70 Zentimeter hoch und an die 50 Kilogramm schwer werden. ZETA ist drei Jahre alt, also ausgewachsen, und kommt aus Serbien. Dort rettete der Tierschutz sie, nachdem sie tagelang vor einem Supermarkt angeleint war. Schlegel hat die Hündin seit eineinhalb Jahren, und zur Hälfte gehört sie auch seiner Freundin Petra Kurolt (Seite 26). Der 30 Jahre alte Marco Schlegel studiert Wirtschaftsrecht an der Frankfurt University of Applied Sciences. Und er arbeitet nebenher im Café „Corretto“ an der Stiftstraße, also nur wenige Schritte von Stylepark entfernt. So kam er zufällig vorbei und war gleich bereit, bei unserem Shooting mitzumachen. Auch wenn es nicht ganz einfach war, Zeta dazu zu bewegen, sich unter den Rocking Chair aus der Kollektion Duo des Designers Koen van Extergem zu legen, die der Belgier für Manutti entworfen hat. Schließlich klappte es doch. Zum Abschied hatte der Student noch eine Bitte: „Können Sie auch schreiben, dass wir in Frankfurt nach einem Café suchen, weil wir uns selbständig machen wollen?“ Na klar!


DIRK KERSTEN MIT SCHÄFERHUNDMISCHLING MERLIN

  • Stuhl 118 F von Sebastian Herkner für Thonet
  • Stuhl 118 F von Sebastian Herkner für Thonet Foto: Thonet


Die Brönnerstraße, benannt nach dem Verleger Johann Carl Brönner (1738 – 1812), liegt mitten in der Stadt. In der Peterskirche nebenan hatten einst die vornehmsten Patriziergeschlechter ihre Grabstätten, von Holzhausen, von Glauburg, von Fürstenberg. Auf dem Friedhof sind bis heute die Gräber berühmter Frankfurter erhalten (von Bethmann, von Brentano, Merian der Jüngere). Von der Innenstadtlage profitiert auch die Agentur Stylepark, die sich mit ihrem Neubau zum Nachbargrundstück mit der nicht mehr sakral genutzten Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter vergrößert hat. Im Erdgeschoss befinden sich nun Büroräume, oben drüber sind zwei neue Wohnungen entstanden. Die kleinere hat 44, die größere 60 Quadratmeter. Im ersten wie im zweiten Stock gibt es Terrassen, sogar mit Skyline-Blick. Das ist auch für DIRK KERSTEN verlockend, der als Hundesitter für eine Freundin unterwegs ist. Er ist unverkennbar Fan der Eintracht, und er macht Musik mit der Frankfurter Balkan-Punk'n'Roll-Band Suicide Outfit. Der Schäferhundmischling MERLIN gehört Sängerin Ilijana Jovic („tolle Stimme!“), die gerade verreist ist. Also können Dirk Kersten und Merlin zu zweit die Sonne über der Stadt genießen, auf und mit gleich zwei Stühlen des Offenbacher Designers Sebastian Herkner: dem Keramik-Hocker Imi für Pulpo und dem Holzstuhl 118 F für Thonet.


CARINA BAKOWSKI MIT MISCHLING HUGGIE

  • Sessel Teratai von Pauline Junglas für Bretz
  • Sessel Teratai von Pauline Junglas für Bretz Foto: Bretz


Über Goethe weiß man eigentlich alles. Zumindest scheint es so. Doch was nicht einmal das Frankfurter Goethe-Museum wusste: Der Dichterfürst hegte eine Leidenschaft für den Fußball. Das kam ausgerechnet im Weltmeisterschaftsjahr 2006 ans Licht, und niemand Geringeres als Hans Traxler, Cartoonist und Teil der Künstlergruppe Neue Frankfurter Schule, machte damals „Stadelmanns Geheimnis“ (Carl Wilhelm Stadelmann war Goethes Diener) zusammen mit Robert Volhards Vater Rüdiger in einem Büchlein publik. „Goethe am Ball“ nannte sich die dazu gehörende Ausstellung. Davon geblieben ist die lebensgroße, vom inzwischen 92 Jahre alten Illustrator Traxler gezeichnete Goethe-Figur mit Ball. Das Runde muss zum Runden dachten wir uns und stellten den Sessel Teratai mit seinem Hocker in der Farbe Rainforest in einen der beiden Innenhöfe der Agentur. Das ganz und gar nicht wetterfeste Möbelstück, von Pauline Junglas für Bretz entworfen, ist in dem quietschigen Grün nicht jedermanns Sache, CARINA BAKOWSKI aber und ihr Mischling HUGGIE stellten sich der Herausforderung. Huggie, zweieinhalb Jahre alt und ein Mix aus Rauhaardackel, Labrador und Chihuahua (!), sei eine richtige Kuschelwurst, sagt sein Frauchen. So erklärt sich auch der Name, vom englischen Wort „hug“ (die Umarmung). Die Fünfunddreißigjährige kommt ursprünglich aus Nürnberg und ist gelernte Kosmetik-und Wellness-Fachwirtin. „Ich habe das Meridian Spa im Skyline Plaza hier in Frankfurt vor anderthalb Jahren mit eröffnet“, erzählt Bakowski. Sie habe es aufgebaut und geleitet. Dann kam Corona. Nun ist sie auf der Suche nach einem Job. Was Huggie freut, denn Frauchen hat viel Zeit zum Kuscheln.


YOUNG-MIN SONG MIT MISCHLING KIBA

  • Bürostuhl D1 von Stefan Diez für Wagner Living
  • Bürostuhl D1 von Stefan Diez für Wagner Living Foto: Wagner Living


Um den Stuhl wird mancher ihn beneiden. Auch wenn auf die Schnelle keine Zeit blieb, dem Kreuz mit seinen vier Füßen noch die Rollen zu verpassen, die zum D1 eigentlich gehören. Schließlich handelt es sich um einen Bürostuhl, den der Münchner Designer Stefan Diez für Wagner Living im schwäbischen Langenneufnach entwickelt hat. Das Besondere ist unterm Sitz zu finden, es steht optisch im Mittelpunkt: ein Gelenk mit zwei Achsen. Damit lassen sich Sitz und Rücken separat bewegen. Der Rahmen ist mit Netz bespannt, was dem Stuhl Transparenz verleiht. Auf ihm sitzt YOUNG-MIN SONG, der auch nur wenige Meter von Stylepark entfernt im „The Listener“ an der Stephanstraße arbeitet. Das Geschäft heißt so, weil es auch junge, noch nicht etablierte Marken bekannt machen will. Der Markt sei überflutet mit Produkten, sagt Young-Min Song. Und dennoch finde niemand mehr, was er wirklich brauche. Der LSTNR, wie sich der Conceptstore auch nennt, kuratiert sozusagen und sucht vor allem Kleidung, Kosmetik und allerlei Schnickschnack für seine meist jungen Kunden aus. Nur ausnahmsweise hat der Fünfundzwanzigjährige heute seinen Hund KIBA („wie das Getränk aus Kirsch- und Bananensaft“) dabei, ein Mischling, so viel lässt sich sicher über den einjährigen Rüden sagen. Und dass er aus Rumänien kommt. „Er mochte anfangs manche Männer nicht“, sagt Young-Min Song. Warum, bleibt ein Rätsel. Inzwischen hat sich Kiba aber in Frankfurt bestens eingelebt.


LUISA BERNIUS MIT LABRADORHÜNDIN MIA

  • OW58 T-Chair von Ole Wanscher für Carl Hansen & Søn
  • OW58 T-Chair von Ole Wanscher für Carl Hansen & Søn Foto: Carl Hansen & Søn


Noch ein Überbleibsel: 2007 wurde Konstantin Grcic von der Zeitschrift „AW Architektur & Wohnen“ zum Designer des Jahres gekürt. Zu seinen Ehren durfte der gebürtige Münchner, der seit drei Jahren in Berlin lebt, eine Ausstellung im Kölnischen Kunstverein ausrichten, wo damals auch eine der legendären Pop-up-Veranstaltungen der Frankfurter Agentur, „Style-park in Residence“, stattfand. Von da stammt die nach links eilende, schwarzweiße Pappfigur Grcic', die im Laufe der Jahre ihre rechte Hand eingebüßt hat. Neben ihr haben es sich MIA, eine acht Jahre alte Labradorhündin, und LUISA BERNIUS bequem gemacht. Die Neunundzwanzigjährige sitzt auf einem weiteren neu aufgelegten Klassiker: dem OW58 von Ole Wanscher. Der Stuhl mit der T-förmigen Rückenlehne wurde erstmals 1958 herausgegeben. Nun produziert ihn das dänische Unternehmen Carl Hansen & Søn wieder. Bernius macht derzeit einen Weiterbildungsmaster in Kultureller Bildung an Schulen an der Universität in Marburg. Und sie ist Flugbegleiterin bei der Lufthansa. Nach langer Zeit ist sie auch gerade erstmals wieder geflogen, wie sie erzählt: nach Abuja in Nigeria.

Fotos: Lucas Bäuml
Assistenz: Kevin Hanschke, Jule Peglow, Peggy Trumpfheller (Stylepark)
Street Casting: Johanna Christner, Alfons Kaiser

Fotografiert am 21. September 2021 in der Frankfurter Agentur für Architektur und Design Stylepark

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