Designerin Alexandra O’Neill

Die New Yorkerin

Von Jennifer Wiebking
30.09.2021
, 08:20
Für Alexandra O'Neill standen die Sterne richtig. Als junge Modemacherin mit einem gerade einmal vier Jahre alten Label wurde sie auserwählt.
Ein von Alexandra O’Neill entworfenes Ensemble wurde plötzlich Teil der Weltgeschichte: Jill Biden trug es bei der Amtseinführung von Joe Biden. Die junge Designerin wurde davon auf dem Weg zum Tierarzt überrascht. Wie ging es für sie weiter?
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Es war der 20. Januar dieses Jahres, und die Sterne standen richtig für Alexandra O’Neill. Ihre Modemarke trägt passenderweise den Namen einer Galaxie – Markarian. Die Amtseinführung von Joe Biden begann in Washington, und aus dem Schatten einer Flotte riesiger schwarzer Dienstlimousinen stieg Jill Biden aus. Die Ehefrau des künftigen Präsidenten trug ein blaues Kleid mit Chiffoneinsatz und einer Stickerei aus Perlen und Kristallen am Kragen. Dazu einen blauen Mantel. Auch die Accessoires – Maske, Handschuhe, Clutch – waren blau. Trotz der Kälte lag an diesem Tag Wärme in der Luft. Als die Wintersonne auf den Wollstoff fiel, leuchtete Jill Biden geradezu in diesem Blau.

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Entworfen hatte das Ensemble Alexandra O’Neill. Als sich die Weltgeschichte in diesem Moment mit der eigenen Biografie kreuzte, war die Designerin auf dem Weg zum Tierarzt. Mehr als einen Monat lang hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet, so wie einige andere, die vom Team der künftigen First Lady angeschrieben worden waren, Kleider-Optionen für die Amtseinführung zu entwerfen. Alexandra O’Neill hoffte. Aber sie hatte eben auch einen Arzttermin mit ihrer 15 Jahre alten Malteser-Hündin Milly. Dann erschien Jill Biden, ausgerechnet in ihrem Kleid. „Wir mussten sofort wieder umdrehen“, sagt Alexandra O’Neill. Von einem Moment auf den anderen brach die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit über sie und ihr kleines Team herein. „Das war einfach irre.“

Fast zu schön für den Olymp der Mode

Die Sterne standen richtig, einerseits. Pures Glück, als junge Modemacherin mit einem gerade einmal vier Jahre alten Label für so einen Moment auserwählt zu werden. Und andererseits: Die Wahl wird nicht zufällig auf Markarian gefallen sein. Auf Alexandra O’Neill treffen nicht die üblichen Superlative zu, die Modemacher oft als relevant markieren: Der Kreativste! Die Erfolgreichste! Der Hot-Shot! Die Ikone! Alexandra O’Neill ist all das nicht. Ihre Kleider sind schön, fast zu schön für den Olymp der Mode. Sie verkaufen sich ordentlich – blieben aber bis zum 20. Januar 2021 weitgehend unbekannt.

Auf dem Weg ins Weiße Haus: Jill Biden trägt am Tag der Amtseinführung ein Ensemble von Markarian.
Auf dem Weg ins Weiße Haus: Jill Biden trägt am Tag der Amtseinführung ein Ensemble von Markarian. Bild: dpa

Diese Designerin denkt lokaler: entwirft im West Village in New York, empfängt dort ihre Kundinnen für Maßanfertigungen, lässt die Kleider anschließend an der 38. Straße im Garment District produzieren. Und gerade damit könnte sie eben doch an einer schönen Zukunft der Mode schneidern. So klar ist das alles natürlich nicht vorauszusehen, in dieser Pandemie, die so viele Lebensbereiche verändert. Aber zumindest das lässt sich schon mal festhalten: Ohne eine einzige größere Dienstreise unternommen zu haben, was bis vor kurzem für erfolgreiche Modemacher wie selbstverständlich dazugehörte, sei es, um eine Boutique in Tokio zu eröffnen oder eine Show in Los Angeles am Strand zu zeigen, ist Alexandra O’Neill der Durchbruch gelungen.

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Das wird man nicht so einfach wieder los

Sie sammelt keine Flugmeilen, sie fördert die Handarbeit – eine Produktionsstätte liegt nur ein paar Minuten entfernt. Wie zur Erinnerung an das, was sich verändert hat, hält sie, die an diesem Sommertag ein rosafarbenes Kleid mit schwarzen Punkten und Puffärmeln trägt, bester Laune ist und über Zoom aus ihrem Apartment in Greenwich Village zugeschaltet spricht, einen kleinen goldenen Stern aus Metall in die Kamera. „Kurz bevor die Welt sich in den Lockdown verabschiedet hat, war ich noch in Paris und habe den hier auf dem Flohmarkt gekauft.“ An kaum einem Ort der Welt sei sie lieber als in dem Wirrwarr aus Ständen und kleinen Läden mit Antiquitäten, alten Möbeln und Vintage-Kleidern auf dem Flohmarkt hinter dem Boulevard périphérique und der Porte de Clignancourt im Norden von Paris. „Dieser Stern ist von einem Verkäufer, der ausschließlich mit Türgriffen und kleinen Metallstücken arbeitet. Ich dachte, der könnte mal etwas für eine Clutch sein oder für einen Ohrring.“

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Alexandra O’Neill ist sich des Werts alter Stücke bewusst. „Ich liebe Vintage, ich habe den passenden Körper für diese Stücke, eine schmale Taille und etwas Hüfte. Aber ich fühle mich auch verantwortlich für Vintage, wenn ich es einmal gekauft habe.“ Was die Jahrzehnte überstanden hat, wird sie nicht so einfach wieder los. Wenn überhaupt, verarbeitet sie es weiter. „Es ist doch unglaublich, welche Überraschungen sich teilweise in diesen Stücken finden. Ein Seidenfutter. Oder eine Bordüre am Futter.“ Oder wie gut die Reißverschlüsse noch immer funktionieren, obwohl sie schon Hunderte Male geschlossen und geöffnet wurden. Wer genau hinschaut, kann staunen, wie viel Mühe und Qualität darin steckt. Die ältesten Teile, die seit Jahrzehnten im Umlauf sind, lassen sich auch als schönes Beispiel betrachten für den Wert der Mode. Und sie sind ein Gegenentwurf zur Saisonware, zu Kleidungsstücken mit immer kürzerer Lebensdauer, die immer schneller durch neue ersetzt werden.

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Das ehemalige Epizentrum

Das muss man nicht nur kritisch sehen: Das Bedürfnis nach ständig neuer Ware bietet Menschen Arbeitsplätze. Nicht nur den Designern, die dauernd neue Ideen für den Kleiderschrank liefern, sondern auch den Verkäufern, den Pickern und Sortern in den Warenlagern, den Paketboten, den Nähern und Textilproduzenten, dem Frachtpersonal, das diese Ware über die Weltmeere und durch die Lüfte transportiert.

Auch Alexandra O’Neill gehört zu diesem System. Sie macht schließlich Mode. Aber mit ihrer Arbeit wird der tatsächliche Wert, den diese Stücke haben, trotzdem ein bisschen klarer. Und die Nebenwirkungen – die Umweltbelastung, die Ausbeutung von Menschen – sind geringer. Schon allein die Art, wie sie mit Stoffen umgeht: 50 Prozent ihrer Kollektionen mögen zwar von der Stange zu bestellen sein, aber die andere Hälfte ist Maßanfertigung, die erst auf Wunsch produziert wird. Und 100 Prozent ihrer Stücke kommen eben aus dem nahegelegenen Garment Center, dem ehemaligen Epizentrum der amerikanischen Textilproduktion. „Es gab einmal eine Zeit, als 95 Prozent aller Kleidungsstücke dort gefertigt wurden“, sagt O’Neill und meint damit die Ära um die Jahrhundertwende.

Am Abend zeigten sich auch die Enkelinnen Natalie (zweite von links) und Finnegan (dritte von rechts) in Entwürfen von Alexandra O’Neill.
Am Abend zeigten sich auch die Enkelinnen Natalie (zweite von links) und Finnegan (dritte von rechts) in Entwürfen von Alexandra O’Neill. Bild: dpa

An Arbeitskräften mangelte es nicht; Ellis Island, das Tor für Migranten, die über den Atlantik kamen, lag nebenan. Auch so wuchs das Textilzentrum New Yorks und mit ihm der Anspruch der Amerikaner, öfter mal etwas Neues zu besitzen. Er übertrug sich von dort aus auf andere Teile der Welt. Irgendwann wurde der Bedarf so groß, dass die Produktionsstätten schrittweise in Länder verlagert wurden, in denen die Arbeit noch billiger war.

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Kostüme aus ihrer Hand

Das Beispiel Garment Center in New York zeigt es: „Seit vielen Jahren wird das Angebot immer kleiner“, sagt Alexandra O’Neill. „Dabei arbeiten hier extrem talentierte Handwerker.“ Sie kennt die Gegend nicht erst, seit sie ihre Marke Markarian unterhält. Schon ihre Vorgeschichte hat O’Neill auf diese Existenz vorbereitet. Zur Mode kam sie, Jahrgang 1986, noch über das Nähen. Ihre Großmutter Gigi, heute 94 Jahre alt, brachte es ihr in Colorado bei. Dorthin war die Familie von Long Island aus gezogen, als Alexandra acht Jahre alt war. „Sie wollten einfach mehr Platz. Und meine Tante lebte schon dort.“ Alexandra und ihre zwei Geschwister – die Schwester älter, der Bruder jünger – wuchsen fortan mit viereinhalb Hektar Wald auf, an einem Ort namens Evergreen.

„Bis zur Schule waren es anderthalb Stunden pro Strecke. Meine Mutter hat uns gefahren.“ Die nächsten Nachbarn waren eine Meile entfernt. Auch deshalb genügten die drei Geschwister sich häufig selbst. Sie hatten ja die Natur, die Tiere, Hirsche, Rehe, Kojoten, Berglöwen. Im Winter wurden sie regelmäßig eingeschneit. „Dann haben wir Iglus gebaut.“ Und Alexandra nähte: Aus dem rosafarbenen Poloshirt ihres Bruders wurde ein Rock. Vor allem an Halloween herrschte Hochbetrieb, denn auch die Freundinnen wollten Kostüme aus ihrer Hand.

Nicht gerade Populärkultur

Nach der Highschool, mit 18 Jahren, zog sie zurück nach New York und studierte an der New York University Kunstgeschichte, Schwerpunkt römische Kunst und Mythologie. Nicht gerade Populärkultur, was naheliegender gewesen wäre bei ihrem Berufswunsch Modedesignerin. „Mich hat dieses Alte fasziniert“, sagt O’Neill, „die Ruinen und Stätten, die bis heute existieren.“

Bei der Arbeit: Alexandra O'Neill kreiert den Jill-Biden-Look.
Bei der Arbeit: Alexandra O'Neill kreiert den Jill-Biden-Look. Bild: Markarian via Bestimage

Ein Jahr später kam sie in New York auf eine geradezu absurde Idee: Zusammen mit ihrer Schwester Kirsten gründete Alexandra O’Neill ein Label, Porter Grey. Sportswear, entspannte Freizeitstücke, alles made in the Garment Center. „Die Idee kam gemeinsam mit meiner Mutter. Sie verbrachte damals viel Zeit mit uns in Long Island.“ Die Mutter war an Brustkrebs erkrankt und ließ sich nicht in Colorado, sondern in der Nähe von New York behandeln. „Wir wollten mit ihr zusammen sein, wir wollten aber auch Erfahrungen sammeln, während alle unsere Freunde Praktika machten. Deshalb dachten wir, es wäre eine tolle Idee, mit einer Modelinie zu beginnen.“

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Slow fashion für Männer und Frauen

Die Ironie in Alexandra O’Neills Stimme ist auch über den Laptop-Lautsprecher nicht zu überhören. Die größte Überraschung: Damit waren sie nicht einmal erfolglos. Acht Jahre standen sie durch, verkauften in namhaften Boutiquen der Stadt wie Intermix und digital über Shopbop. „Meine Schwester war in Harvard, sie hat wirklich sehr gute geschäftliche Instinkte. Das hat uns geholfen.“ 2012 war trotzdem Schluss. „Meine Schwester wollte einfach nichts mehr mit Mode zu tun haben, und der Markt war längst übersättigt.“

Für Alexandra O’Neill waren diese acht Jahre auch ein Probelauf für das, was später Markarian werden sollte. „Ich arbeite bis heute mit ein und derselben Familie. Ich kenne sie, seit ich 19 bin.“ Mittlerweile haben sie ihr Wissen an die nächste Generation weitergegeben. Sie wusste, was sie in ihrem neuen Unternehmen verändern musste: direkter Kontakt zu den Kunden, weniger Abhängigkeit von Händlern, so gut wie kein Inventar, slow fashion. Das war die Zeit, als Maßkonfektion für Männer wieder wichtiger wurde, als große Feste in der Event- Gesellschaft noch größer gefeiert wurden.

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Die wenigsten können es sich leisten

„Ich habe mich gefragt: Warum gibt es dieses Angebot nicht auch für Frauen?“ Wer als Kundin heute in ihrem Showroom steht, könnte innerhalb von zwei Wochen ein Unikat in den Händen halten. Mehr Zeit braucht es nicht. Das hat seinen Preis, natürlich, so viel wie Luxusware eben kostet, die wenigsten können es sich leisten. Alexandra O’Neill weiß das. Aber auch abseits dieser Klientel beobachtet sie ein Umdenken. „Ich weiß nicht, ob die Menschen wirklich schon anders einkaufen. Aber ich denke, sie beginnen, sich mit ihren Kaufentscheidungen auseinanderzusetzen und mit der Frage, unter welchen Bedingungen etwas gefertigt wurde.“

Denn es ist auch so: Weltmarktpreise für Rohstoffe sind festgelegt. „Ausgerechnet der Preis menschlicher Arbeit ist es aber nicht“, sagt die Designerin. „Wer Kleider kauft, die unglaublich günstig sind, opfert damit auch den Lohn eines anderen Menschen.“ Sicher, es muss erschwingliche Kleidung geben. Das weiß auch O’Neill. „Aber bewusstmachen kann man sich das ja schon.“ Bei der Amtseinführung von Joe Biden kam es auch in der Kleiderwahl auf soziale Nachhaltigkeit an. Nachdem Alexandra O’Neill im Dezember die unverbindliche Anfrage bekommen hatte, einen Vorschlag einzureichen, begann sie mit ihren Recherchen. „Ich habe mir alle Bilder angesehen, jedes Teil, das Jill Biden jemals getragen hat“, sagt sie. „Und dann habe ich geschaut, was alle anderen First Ladys in der Vergangenheit jemals getragen haben. Und dann, was überhaupt wichtige Frauen in der Geschichte getragen haben.“ Klassisch, aber ausgefallen sollte es werden, offiziell und glamourös zugleich, das war O’Neill wichtig.

Geholfen hat der Designerin sicher, dass sie täglich mit Spezialanfertigungen zu tun hat. „Jede Frau fühlt sich anders in Kleidung wohl. Darin haben wir Erfahrung.“ Persönlich treffen konnte sie Jill Biden kein einziges Mal. Stattdessen fuhr O’Neill regelmäßig nach Delaware, in die Heimat des künftigen Präsidenten Biden, gab dort die Entwürfe ab, wartete auf Feedback. Nur ihr Team wusste Bescheid und ihre Familie. Was für ein Outfit eine First Lady auswählt, das kann große Bedeutung haben. So wurde Jason Wu mit seinem Kleid für Michelle Obama anlässlich des Balls am Abend zwölf Jahre zuvor berühmt. Auch in den Folgejahren setzte Obama auf junge amerikanische Designer: Die First Lady begleitete sie auf dem Weg zum Erfolg.

Mit Jill Biden, so viel ist schon mal klar, ist in dieser Form nicht zu rechnen. Schnell nach der Amtseinführung setzte ihr Büro ein Schreiben auf: Ihre Kleider werde man weder jetzt noch in Zukunft kommentieren. Wichtiger als Namen waren ja schon am 20. Januar die Werte der Labels: Kamala Harris trug einen kamelfarbenen Mantel von Pyer Moss, einem der ersten New Yorker Designer, die im März vergangenen Jahres ihre Produktion von Mode auf Corona-Schutzkleidung umstellten und Unternehmen finanziell unterstützten.

Jill Biden trug am selben Tag einen Mantel von Jonathan Cohen, der ebenfalls in die Liga der responsible designers gehört. So wie eben auch O’Neill. An jenem Abend stattete sie auch die Biden-Enkelinnen aus, Finnegan und Natalie. Ist so ein Ereignis lebensverändernd für eine Designerin? „Die Dinge stellen sich für mich heute sicher ganz anders dar als noch vor einem Jahr“, sagt Alexandra O’Neill. „Wir befinden uns noch immer in der Pandemie. Und dieses Ereignis war die Rettungsleine.“

Quelle: F.A.Z. Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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