Keramik von Kirsten Landwehr

„Für mich ist Töpfern meditativ“

Von Celina Plag, Berlin
Aktualisiert am 20.09.2020
 - 20:57
Kirsten Landwehr mit ihrer Keramikzur Bildergalerie
Sie war Stylistin, Galeristin und betreibt ein kleines Accessoires-Label in Berlin. Seit kurzem hat Kirsten Landwehr die Keramik für sich entdeckt – mit erstaunlichen Nebeneffekten.

Bucklige Becher, zu einem wankenden Turm gestapelt; Schüsseln, mal in warme Farbe getunkt, mal mit rauer, matt scheinender Außenhaut und kunstvoll aufeinander drapiert. Vasen, die sich wie die Blumen, die sie vielleicht einmal bewohnen werden, zur Sonne zu krümmen. „21 Sculptural Things“ heißt die Pop-up-Ausstellung von Kirsten Landwehr, bei welcher sie vor einigen Wochen in den Berliner Räumlichkeiten des Goldschmiedeateliers Georg Hornemann erstmals die „skulpturalen Dinge“, die Tonarbeiten ihres jungen Labels „KL Keramik“ präsentiert.

Ist das Kunst? Alltagsobjekte? Verführung zum Konsum? Fragen, die in Kirsten Landwehrs Arbeit schon immer irgendwie mitschwingen. In der Hauptstadt ist die sympathische Kreative keine Unbekannte. Ihre Karriere startete sie als Stylistin für Modemagazine. 2008 eröffnete Landwehr die mittlerweile geschlossene Galerie für Moderne Fotografie. Gerade kuratiert sie Kunst für ein im kommenden Jahr eröffnendes Hotel. Und mit Female Female betreibt sie nebenbei ein eigenes kleines Mode-Accessoires-Label. „Neulich erzählte ein Freund, er sei Sammler von Karrieren. Ich glaube, dass das auch auf mich zutrifft“, sagt sie und lacht.

Mit „KL Keramik“ ist jetzt also noch eine Karriere dazu gekommen. Damit hat sich Landwehr nicht das schlechteste Handwerk ausgesucht. Immerhin erlebt Keramik derzeit eine Renaissance. Weg war es ja nie. Nur kommt heute keine Wohnung oder kein Restaurant, das in Sachen Zeitgeist etwas auf sich hält, mehr ohne idealerweise selbst getöpferte Schalen, Vasen und Teller aus, ob in bunten Farben glasiert oder in erdigen Tönen belassen. Oft stammen die aus kleinen Manufakturen von Menschen, die einfach mal losgelegt haben und sich sukzessive professionalisieren. Wie Kirsten Landwehr.

„Für mich ist Töpfern meditativ“

Vor drei Jahren begann sie, bei einem Freund Stunden zu nehmen. Zweimal die Woche, ein intensives wie strenges Programm. „Irgendwann sagte er: ‚Ich habe jetzt keine Zeit mehr‘, und schubste mich damit aus dem Nest“, sagt Landwehr. Also launchte sie ihre eigene kleine Linie aus Keramikobjekten. Derzeit verkauft sie „KL Keramik“ auf Anfrage, etwa über ihre Social-Media-Kanäle. Oder, wie jetzt zum Berliner Gallery Weekend, für einen Monat im Pop-up-Shop der Boutique Salbazaar in Berlin-Mitte.

Angefangen hatte sie aus einem „Wunsch nach Konzentration“ heraus: „Das klingt nach einem totalen Klischee, aber für mich ist Töpfern meditativ.“ Gleichzeitig sei Arbeiten heute oft unkonkret. Beim Töpfern hätte man gleich etwas in der Hand. Arbeiten mit den Händen? Das ist sowieso die Sehnsucht nach Haptik in einer zunehmend entkörperten digitalen Welt. Ton, vielleicht der Archetyp menschlichen Produktionsmaterials, ist für Landwehr zudem „irre spannend – da kannst du dich bis an dein Lebensende dran abarbeiten.“

Es ist in der Tat faszinierend, dass aus diesem Jahrtausende alten Material doch immer wieder Neues entsteht. Landwehr zum Beispiel lässt ihre Erfahrungen im Umgang mit Oberflächenbeschaffenheiten, wie sie es noch von Stoffen aus der Mode kennt, genauso in ihre Keramiken einfließen wie einen besonderen Umgang mit Formen und Farben – auch in der Auseinandersetzung mit Fotografie hat sie dafür ihr Auge geschult. „Im Grunde“, sagt sie, „läuft alles, was ich vorher gemacht habe, auf die Töpferei hinaus.“

Landwehrs Töpferarbeiten leben von kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung, die den Betrachter irritieren, weil sie mit gelernten Sehgewohnheiten brechen. Aus allem spricht heute ihre Freude für Ungewöhnliches, „vielleicht auch für Unförmigkeit“, sagt sie. „Alles ist etwas wild und nicht zu perfekt.“

Da wäre die Verwendung von Schamott-reichem Ton, also einen mit hohem Steinanteil, den man normalerweise für grobkörnig gearbeitete, große Gefäße verwenden würde. Sie hingegen benutzt ihn hauchdünn. Da wäre außerdem der Sockel einer Schüssel, der gemessen an der Größe des bauchigen Gefäßes ungewöhnlich lang daher kommt und die Gesetze der Schwerkraft auszutricksen scheint – ihre Tonobjekte balancieren, ohne ins Wanken zu geraten.

In allen ihren Arbeiten sieht man die Vorliebe für Dinge, die gerade deshalb Makel haben dürfen, weil sie den menschlichen Arbeitsprozess in ihrer Gänze offen legen. Und gleichzeitig jedes ihrer Objekte zu Unikaten machen. Stilistisch bewegt sie sich damit im Hallraum traditioneller japanischer Töpferkunst, die allzu Glänzendes und Perfektes ablehnt.

Absichtlich unperfekt, wie japanisches Handwerk

In seinem Essay „Lob des Schattens“, ein Entwurf zur japanischen Ästhetik, verwendet der Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō dafür den Begriff „Alterspatina“, der eigentlich auch auf Landwehrs Arbeiten zutrifft – und der jenen Glanz beschreibt, „der entsteht, wenn eine Stelle von Menschenhänden während langer Zeit angefasst, glatt gescheuert wird und die Ausdünstungen allmählich ins Material eindringen“, so Jun’ichirō. Man könnte auch sagen: Im Japanischen entsteht traditionell Schönheit, indem sich der Kunsthandwerker mit Schweiß und Seele in seine Arbeiten einschreibt.

Das ist natürlich ein Gegenentwurf zur maschinellen Massenproduktion. Asiatisch inspirierte Keramik sieht man derzeit vielleicht auch deshalb viel, weil man sich wieder lieber mit beseelten Dingen umgibt. Es könnte auch an einem Aufblühen fernöstlicher Achtsamkeitsphilosophien liegen. Oder am Boom japanischer Küche. Denn wo neuerdings Ramen-Suppen und Reis-Bowls gegessen und allerorts Tee geschlürft wird, sind logischerweise die großen Schüsseln oder kleinen Becher, die dazu gehören, nicht weit.

Auch aus Landwehrs Gefäßen kann man natürlich essen und trinken, obwohl sie im Küchenregal posieren wie ein Model in einer Modestrecke oder Kunst in einer Galerie. Ob man ihrer Keramik auch mal in der Gastronomie begegnet? Das läge eigentlich nahe, immerhin betreibt ihr Mann, Stephan Landwehr, mit der Grill-Royal-Gruppe einige der namhaften Restaurants der Hauptstadt. Landwehr winkt ab: „Das wäre allein vom Zeitaufwand her kaum machbar. Außerdem werden die da bestimmt geklaut.“

Für ihre Arbeiten lässt sie sich jedenfalls nicht nur von japanischer Töpferei inspirieren, sondern zum Beispiel auch im Baumarkt. Sie sagt: „Meine neue Lieblingsabteilung ist der Klempnerbedarf.“ Rohre, aber auch Pötte für Blumenampeln: Im Baumarkt hat sie in jüngster Zeit häufiger Vorlagen für ihre Formen gefunden. Landwehr rollt ihren Ton dann aus wie Kuchenteig und stülpt ihn über genau diese Formen, die ihr in der Welt begegnen. Sie arbeitet aber genauso mit anderen Handtechniken, sowie auch mit der Drehscheibe.

In ihrem Landhaus bei Rheinsberg hat sich Landwehr ihr Atelier mitsamt eigenem Brennofen eingerichtet. Auch die Umgebung selbst fließt dabei in ihre Arbeiten ein. Aus der Asche, die bei einem Lagerfeuer übrig blieb, hat sie zum Beispiel eine eigene Glasur gemischt. Und aus dem Brandenburgischen Kalksee Ton gefischt, um damit zu experimentieren.

Die Töpferkulturgeschichte der Region, beziehungsweise die der ehemaligen DDR, interessiert die gebürtige Rostockerin auch. Schon in ihrer Galerie hatte sie sich in Ausstellungen thematisch häufiger mit dem Osten auseinander gesetzt. In ihrer Kindheit in der DDR liegen sowieso ihre wahren Töpferwurzeln: Bei einer Freundin, die gleich am Leuchtturm in Warnemünde wohnte, hatte sie das erste Mal mit Ton experimentiert. Herausgekommen ist ein kleiner Engel, den sie bis heute jedes Jahr an Weihnachten wieder heraus holt. „Der ist aber wirklich cool, gar nicht kitschig“, sagt sie und lacht. Man glaubt es ihr sofort.

Quelle: FAZ.NET
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