Mehr Licht

Von PETER-PHILIPP SCHMITT (Text) und FRANK RÖTH (Foto)

24. November 2020 · Die Tage werden kürzer und dunkler. Darum haben wir acht Frankfurter Persönlichkeiten und ihre Sehenswürdigkeiten ins rechte Licht gerückt.


WOLFGANG MARZIN

Messechefs Wolfgang Marzin inmitten von Leuchten in der leeren Messehalle 12 der Frankfurter Messe
Messechef Wolfgang Marzin inmitten von Leuchten in der leeren Messehalle 12 der Frankfurter Messe
<b>Concrete </b>von der niederländischen Designerin Renate Vos für Serax
Concrete von der niederländischen Designerin Renate Vos für Serax Foto: Hersteller
Erst wurde sie vom März auf den September verschoben – und musste dann doch abgesagt werden: die Light + Building. Zum elften Mal sollte die Messe, bei der sich alles um Licht und Gebäudetechnik dreht, in diesem Jahr in Frankfurt stattfinden. Doch coronabedingt ist es dazu nicht gekommen. Auch die Buchmesse war im Oktober keine klassische Hallenausstellung, sondern wurde als „Special Edition“ ins Netz verlegt – mit einigen Veranstaltungen auch in der Stadt. So steht Wolfgang Marzin etwas verloren in der fast leeren Messehalle 12, die so groß ist wie fünf Fußballfelder zusammen. Marzin, Jahrgang 1963, ist seit zehn Jahren Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt, des weltweit größten Messe-, Kongress- und Eventveranstalters mit eigenem Gelände. Frankfurt ist seit 800 Jahren Messestadt und vor allem auch darum ein Besuchermagnet. Allein bei der vergangenen Light + Building, die normalerweise alle zwei Jahre stattfindet, waren 2700 Aussteller da, gut 220.000 Besucher kamen im März 2018 auf das Messegelände. „Die menschliche Begegnung“, sagt Marzin, „ist nicht zu ersetzen.“ Hunderte Neuheiten aus aller Welt sollten in diesem Jahr präsentiert werden. Wir haben zur elften Light + Building elf Leuchten ausgewählt und nach Frankfurt geholt, um sie in diesem Heft zu zeigen. Die Light + Building selbst findet turnusgemäß erst im März 2022 statt – voraussichtlich.

JOHANNES ZU ELTZ

Stadtdekan Johannes zu Eltz in der Wahlkapelle des Frankfurter Doms
Stadtdekan Johannes zu Eltz in der Wahlkapelle des Frankfurter Doms
<b>Halo </b> vom belgischen Designer Maarten De Ceulaer für Valerie Objects
Halo vom belgischen Designer Maarten De Ceulaer für Valerie Objects Foto: Hersteller
Jahrhundertelang wurden in der Kapelle des Kaiserdoms St. Bartholomäus in Frankfurt die deutschen Könige gewählt. Und hier wurden auch zehn römisch-deutschen Kaisern nach Wahl und Salbung die „Gewänder Karls des Großen“ angelegt. In der Kapelle ruht zudem die einzige Reliquie eines Jüngers Jesu nördlich der Alpen – die Schädeldecke des Apostels Bartholomäus. Doch nicht nur deswegen schätzt Johannes Graf von und zu Eltz die 1425 südlich an den Chor angebaute sogenannte Wahlkapelle mit ihrem herrlichen Altarbild, einem Triptychon, das Ende des 15. Jahrhunderts im Umkreis des Meisters von Schöppingen entstand. Der 63 Jahre alte katholische Stadtdekan von Frankfurt, der aus dem alten Adelsgeschlecht Eltz stammt, mag die „edle Einfachheit“, die der Raum ausstrahlt. Und das noch mehr, seit Dompfarrer zu Eltz die Kapelle auch nach seinen Vorstellungen sanieren ließ. Über Monate war der schmale Anbau im rechten Seitenflügel 2019 nicht zugänglich. Kurz vor Weihnachten wurde die Kapelle dann wieder geöffnet. Der Altar steht nun nicht mehr an der Wand, denn ein Altar, sagt zu Eltz, „muss umschreitbar sein“. Dahinter, auf einer Sockelstele aus rotem Mainsandstein, befindet sich das Triptychon, in ihr ist die Apostelreliquie zu festgesetzten Zeiten hinter Panzerglas zu sehen. Auch das Licht in der Kapelle wurde vom Offenbacher „atelier deLuxe“ verändert: Es ist dezent und warm, lässt sich je nach Anlass aber variieren.

KATJA HEUBACH

Portrait der Direktorin des Palmengartens, Katja Heubach, im Bambushain des Palmengartens
Portrait der Direktorin des Palmengartens, Katja Heubach, im Bambushain des Palmengartens
<b>Parrot </b>von den Brüdern Timon und Melchior Grau aus Rellingen für Tobias Grau
Parrot von den Brüdern Timon und Melchior Grau aus Rellingen für Tobias Grau Foto: Hersteller
In den Bambushain, der sich am Bachlauf gegenüber vom Blütenhaus befindet, dringt wenig Licht. Auch vom Lärm der Großstadt ist nichts zu hören. Katja Heubach liebt das lauschige, doch auch etwas unheimliche Plätzchen mit den wohl drei Meter hohen faustdicken Halmen. Die 38 Jahre alte promovierte Biologin leitet seit zwei Jahren den Palmengarten und den Botanischen Garten Frankfurt. Das 22 Hektar umfassende Areal ist eines der größten seiner Art in Deutschland. Wie viele Sehenswürdigkeiten der Stadt geht der Palmengarten auf eine private Initiative der Bürger und auf die Preußen zurück. Die hatten 1866 das Herzogtum Nassau erobert, Adolph von Nassau geriet daraufhin in finanzielle Nöte und musste seine 200 exotischen Pflanzen aus dem Schlosspark in Wiesbaden-Biebrich verkaufen. Dabei half ihm Heinrich Siesmayer, der endlich die langgehegte Idee eines Gartenreichs mit angeschlossenem Gesellschaftshaus in Frankfurt realisieren konnte. Zu seinen Geldgebern zählte Leopold Sonnemann, Bankier und Begründer der „Frankfurter Zeitung“, Vorläufer der F.A.Z. Heute beherbergt der Palmengarten mehr als 13.000 Pflanzenarten und hat mehr als eine halbe Million Besucher im Jahr – in einem normalen Jahr. 2021 wird er 150 Jahre alt und wird dann hoffentlich auch wieder mehr Besucher verzeichnen als im Corona-Jahr 2020, wie Katja Heubach sagt. Ihre Ziele: mehr Jugendliche erreichen und mehr Menschen einen Zugang zur Natur verschaffen.

ANNE BOHNENKAMP-RENKEN

Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Frau Prof. Anne Bohnenkamp-Renken im Gemäldekabinett des Goethehauses in Frankfurt
Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Frau Prof. Anne Bohnenkamp-Renken im Gemäldekabinett des Goethehauses in Frankfurt
<b>Cactus</b> vom französischen Designer Mickaël Koska für Pulpo
Cactus vom französischen Designer Mickaël Koska für Pulpo Foto: Hersteller
Das Fenster neben Goethes Lieblingsplatz war ein Ärgernis für die Nachbarn, die sich fortan von ihm beobachtet fühlten. Der Kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe ließ es einfach in die Brandmauer seines Hauses schlagen, damit er mehr Licht beim Lesen hatte. Goethes Vater war Jurist, er wusste also, was er tat. Das Fenster neben seinem Lieblingssessel in seiner Bibliothek mit ihren fast 2000 Bänden wollte er aber unbedingt haben. So kam es zu dieser Nacht- und Nebelaktion. In der Bibliothek unterrichtete der Rat Goethe auch seine Kinder Johann Wolfgang und Cornelia. Der berühmte Sohn wurde am 28. August 1749 „mit dem Glockenschlage zwölf“ in dem Haus am Großen Hirschgraben in Frankfurt geboren. Seit 1863 gehört sein Elternhaus einer literarisch-wissenschaftlichen Gesellschaft, dem Freien Deutschen Hochstift. Seine Direktorin ist seit 2003 Anne Bohnenkamp-Renken, zugleich Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Das Haus, das am 22. März 1944 fast vollständig zerstört wurde, wurde 1947 originalgetreu von der Küche bis zum Puppentheater-Zimmer im dritten Stock rekonstruiert (hier steht das Gehäuse des Puppenspiels, das der vierjährige Johann Wolfgang geschenkt bekommen hatte) und wieder mit den im Krieg ausgelagerten Besitztümern von Goethes Eltern ausgestattet.

PETRA ROTH

Die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth an der Stoltze-Figur auf dem Hühnermarkt in Frankfurt
Die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth an der Stoltze-Figur auf dem Hühnermarkt in Frankfurt
<b>Coordinates</b> vom zyprischen Designer Michael Anastassiades für Flos
Coordinates vom zyprischen Designer Michael Anastassiades für Flos Foto: Hersteller
Ohne sie gäbe es die neue Frankfurter Altstadt nicht. Im Januar 2012 legte sie auch den Grundstein für das sogenannte Dom-Römer-Projekt, das so hieß, weil es ein rund 7000 Quadratmeter großes Grundstück zwischen Römerberg im Westen und Domplatz im Osten umfasst. Wenig später, im Juli 2012, trat Petra Roth nach 17 Jahren als Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt zurück. Natürlich wählte sie nun das Zentrum der Altstadt, um sich fotografieren zu lassen – den Hühnermarkt mit dem Stoltze-Brunnen. Den Brunnen krönt die Bronzebüste des Mundartdichters Friedrich Stoltze, der bei vielen Frankfurtern beliebter ist als der andere große Sohn der Stadt, Johann Wolfgang von Goethe. Stoltze wurde gleich ums Eck vom Hühnermarkt geboren, im ebenfalls rekonstruierten Haus „Hof Rebstock am Markt“. Petra Roth, Jahrgang 1944, kehrt gerne im „Wirtshaus am Hühnermarkt“ ein, sie schätzt die Altstadtmetzgerei Dey im wiedererstandenen Haus der „Grünen Linde“, daneben findet sich die Vinothek des Rheingauer Weinguts Balthasar Ress. 2017 wurde Petra Roth zur Frankfurter Ehrenbürgerin ernannt. In der Ehrung hieß es, dass sie sich durch nachhaltiges und außergewöhnliches Engagement für die Stadt auszeichne – „auch nach ihrer Amtszeit“. Sie ist noch immer das bekannteste Gesicht der Stadt, in der sie weiterhin Termine und Verpflichtungen erfüllt. Als Oberbürgermeisterin ist ihr zuweilen die Formulierung herausgerutscht: „Ich als Stadt Frankfurt“.

PETER FISCHER

Der Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, im Deutsche Bank Park
Der Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, im Deutsche Bank Park
<b>Ayno</b> vom Münchner Designer Stefan Diez für Midgard
Ayno vom Münchner Designer Stefan Diez für Midgard Foto: Hersteller
Ein Gutes wenigstens hatte die Corona-Pandemie: Aus dem einstigen Waldstadion, bis zum Juli 15 Jahre lang offiziell als „Commerzbank-Arena“ geführt, konnte in Ruhe der „Deutsche Bank Park“ werden. Und nicht nur der Name hat sich geändert: Allein die Installation des modernsten Videowürfels Europas unter dem Stadiondach war ein mehrwöchiges Unterfangen, das bei laufenden Veranstaltungen gar nicht möglich gewesen wäre. Es dauerte bis weit in den August, bevor das Ungetüm seinen Platz in schwindelnder Höhe gefunden hatte. Fast sieben Tonnen schwer ist der mit sechs Millionen Leuchtdioden ausgestattete Würfel. Auf 276 Quadratmetern können die Eintracht-Fans seit Beginn dieser Saison Spielszenen und Torwiederholungen verfolgen. Eintracht Frankfurt ist seit langem der Hauptmieter des Stadions, unabhängig davon, wie es gerade heißt. Und Peter Fischer ist der Präsident des Vereins, der gut 90.000 Mitglieder hat. Ohne Corona-Beschränkungen finden 51.500 Zuschauer in dem Stadion Platz. Der 64 Jahre alte Peter Fischer hat in 20 Jahren mit der Eintracht viel Auf und Ab erlebt. Einer der Höhepunkte war der Gewinn des DFB-Pokals 2018 gegen Bayern München, ein Jahr später erregten die Frankfurter mit Erfolgen in der Europa League international großes Aufsehen. Für die Saison wurde eigens ein Europa-League-Anzug entworfen, den Fischer noch immer mit Stolz trägt. Auch wenn es zuletzt nicht für einen Europapokal-Wettbewerb gereicht hat.

CELINA LUNSFORD

Celina Lunsford, Künstlerische Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt, in der Ausstellung „Recommended Olympus Fellowship“ im Fotografie Forum Frankfurt. Die ausgestellten Fotografien in diesem Raum stammen von der Künstlerin Minka Sperling.
Celina Lunsford, Künstlerische Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt, in der Ausstellung „Recommended Olympus Fellowship“ im Fotografie Forum Frankfurt. Die ausgestellten Fotografien in diesem Raum stammen von der Künstlerin Minka Sperling.
<b>Fienile</b> vom norwegischen Designer Daniel Rybakken für Luceplan
Fienile vom norwegischen Designer Daniel Rybakken für Luceplan Foto: Hersteller
„Con“. Immer wieder dieses Wort. Es bedeutet im Vietnamesischen „Kind“. Hier, im Fotografie Forum Frankfurt (FFF), ist es Teil eines Videos, das in Endlosschleife läuft. Es geht um ein Projekt der russischen Künstlerin Mika Sperling, mit dem sie nach Ähnlichkeiten zwischen ihrer und der Familie ihres Manns sucht. Dessen Familie hat ihre Wurzeln in Vietnam, ihre Mutter sprach ausschließlich Russisch. Mit Tochter, Ehemann und Schwiegermutter ist Mika Sperling nach Vietnam zu einer Beerdigung geflogen, ihre Erlebnisse dort hat sie mit Fotografie, Schrift und Video festgehalten. Herausgekommen ist „Mother Tongue“, eine Ausstellung, die Celina Lunsford ins FFF geholt hat. Das Forum, 1984 gegründet, ist seit sechs Jahren im zeitgenössischen Kunstquartier der Stadt untergebracht, an der Braubachstraße, mit vielen Galerien und dem Museum für Moderne Kunst. Die 1960 im amerikanischen Bundesstaat Tennessee geborene Kunsthistorikerin Lunsford ist seit 28 Jahren Künstlerische Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt und Mentorin eines von Olympus geförderten Programms für junge Fotografen und Künstler. Sie bekommen die Chance, ein Projekt in Bildern umzusetzen, die dann im Haus der Photographie Deichtorhallen Hamburg, im Foam Fotografiemuseum Amsterdam und im Fotografie Forum Frankfurt gezeigt werden. Celina Lunsford, die selbst Fotografie in New York studiert hat, betreute die 30 Jahre alte Mika Sperling, die in Hamburg lebt.

MARKUS FEIN

Portrait des neuen Intendanten der Alten Oper, Dr. Markus Fein, im Großen Saal der Alten Oper in Frankfurt
Portrait des neuen Intendanten der Alten Oper, Dr. Markus Fein, im Großen Saal der Alten Oper in Frankfurt Foto: Hersteller
<b>Tischleuchte STEDAR</b> von Jörg Boner für Schätti Leuchten
Tischleuchte STEDAR von Jörg Boner für Schätti Leuchten Foto: Hersteller
Im Großen Saal der Alten Oper ist mehr Platz. Ganze Stuhlreihen fehlen coronabedingt, statt 2400 durften nur 600 Zuschauer in einen der größten Konzertsäle Deutschlands – größer als die Säle der Berliner Philharmonie oder der Elbphilharmonie. Doch immerhin fanden seit Anfang September wieder Konzerte statt: Auf der Bühne sollen im November etwa die Berliner Philharmoniker, das Ensemble Modern und der Pianist Seong-Jin Cho stehen. Für den neuen Intendanten Markus Fein war das eine Erleichterung. Wer tritt schon gerne sein Amt an, wenn das zuvor erarbeitete Programm plötzlich Makulatur ist. Der promovierte Musikwissenschaftler, Jahrgang 1971, hat die künstlerische Verantwortung vorzeitig von seinem Vorgänger für die laufende Saison übernommen. Fein, der aus Frankfurt stammt, war fünf Jahre alt, als der Wiederaufbau der Alten Oper begann. Das Haus im Stil der Neorenaissance war durch mehrere Bombenangriffe 1944 schwer beschädigt worden. Die Ruine blieb jahrzehntelang Ruine, der spätere Oberbürgermeister Rudi Arndt schlug sogar einmal vor, die Überreste in die Luft zu sprengen, was ihm den Spitznamen „Dynamit-Rudi“ einbrachte. Unter Arndt aber begann auch der Wiederaufbau, der 1981 abgeschlossen wurde. Die Alte Oper, sagt Fein, habe schon viele Krisen überstanden. Und auch diese werde sie überstehen.
<b>B.Bulb </b>vom Münchner Designer Ingo Maurer
B.Bulb vom Münchner Designer Ingo Maurer Foto: Hersteller
<b>Leuchte La Linea</b> von Bjarke Ingels Group (BIG) für Artemide
Leuchte La Linea von Bjarke Ingels Group (BIG) für Artemide Foto: Hersteller
<b>Neo </b> vom Hamburger Designer Bernhard Osann für Nemo
Neo vom Hamburger Designer Bernhard Osann für Nemo Foto: Hersteller

Insgesamt sind es elf Leuchten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir haben Entwürfe gewählt, die in diesem Jahr auf den Markt kommen – zum Teil sind es sogar noch Prototypen.


Wie sieht es denn hier aus?
Serie Neue Häuser Verwandlung im Park
24.11.2020
Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin