Kabul Catwalk

Text von CHRISTIAN MEIER, Fotos von DANIEL PILAR

16. Juni 2020 · Die erste Modelschule in Afghanistan bildet junge Männer und Frauen aus – und muss sich gegen viele Vorurteile wehren.

Tahera Tamkin drückt sich an den Rand des Raums. Nervös streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und nestelt unbestimmt an ihrem locker übergeworfenen grünen Kopftuch herum. Mildes Kabuler Frühlingslicht fällt durch Vorhänge und Jalousien auf knapp 20 junge Leute in dem umfunktionierten Zimmer eines Altbaus. Die meisten kennen sich und unterhalten sich entspannt, bevor es losgeht. Tahera Tamkin aber kennt niemanden, nur ihre Freundin, die sie als Begleitung mitgebracht hat. „Ich bin heute zum ersten Mal hier“, sagt die Dreiundzwanzigjährige. 

Ihre Nervosität hat sie aber schon mit dem nächsten Satz abgelegt: „Ich wäre wahnsinnig gerne Model.“ In das allgemeine Gemurmel hinein klatscht Hamed Valy in die Hände und begrüßt die Anwesenden. Er ist der Gründer und Leiter von Modelstan – der „ersten und führenden Model-Agentur in Afghanistan“, wie es auf einem Plakataufsteller neben der Eingangstür heißt. Schöne Menschen gibt es überall auf der Welt. 


„Ich wäre wahnsinnig gerne Model.“
TAHERA TAMKIN, Bewerberin bei der Model-Agentur Modelstan

  • Ihre Schüchternheit legt Tahera Tamkin schnell ab.
  • Aber die junge Afghanin hat Sorge, was ihr Bruder zu alldem sagt.
  • Ihre Schüchternheit legt Tahera Tamkin schnell ab.
  • Aber die junge Afghanin hat Sorge, was ihr Bruder zu alldem sagt.

Besonders Afghanistan mit seinen vielen Bevölkerungsgruppen hat eine enorme Vielfalt an interessanten Gesichtszügen zu bieten. Aber das Land am Hindukusch ist auch arm. Jahrzehntelange Kriege haben es ausgezehrt, und vielerorts in dem gebirgigen, abgeschiedenen Staat ist das Leben noch stark von rigiden Traditionen geprägt – wenn es nicht direkt von den islamistischen Taliban kontrolliert wird. In Kabul als Model zu arbeiten, das ist für junge Menschen eine Herausforderung, die im Extremfall eine Bedrohung für Leib und Leben bedeuten kann. 


„Wenn eine Frau modelt, denken die Leute, sie sei stets ,verfügbar‘. Wir versuchen, dieses Image zu ändern.“
HAMED VALY, Gründer der Model-Agentur Modelstan

Dass es Vorbehalte gibt, war Hamed Valy bewusst, als er im Herbst 2019 die Agentur gründete. „Afghanistan ist ein sehr religiöses Land“, erklärt er, außerdem gebe es viele Menschen, „die Modeln als Prostitution betrachten“. Das betreffe vor allem die Mädchen. „Wenn eine Frau modelt, denken die Leute, sie sei stets ,verfügbar‘. Wir versuchen, dieses Image zu ändern.“ Für diese Aufgabe ist er der Richtige, daran lässt Valy keinen Zweifel. Der 26 Jahre alte Afghane – Pferdeschwanz, beigefarbener Mantel, bunt gestreifter Pullover – strahlt das Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der es gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen. Valy kennt den Laufsteg, in Indien, wo er sechs Jahre lang lebte, hat er selbst als Model gearbeitet, später auch als Schauspieler, Choreograph und Modedesigner. Sich in Indiens Mode- und Filmindustrie durchzusetzen sei nicht einfach, aber er habe es geschafft, sagt Valy.

Warum ist er dann zurückgekehrt in das kriegsbedrohte Kabul? „Weil ich etwas habe, was die Leute hier brauchen.“ Er wollte seine Erfahrungen für angehende Models in Afghanistan nutzbar machen. „Wir bilden sie aus, wir kreieren ein Profil und ein Portfolio für sie, wir organisieren Veranstaltungen und Jobs, wir bringen sie mit Designern zusammen.“ Zweimal pro Woche trainieren die jungen Leute jeweils drei Stunden lang mit ihm. „Sie lernen zu gehen. Sie lernen, Augenkontakt aufzunehmen. Sie lernen, sich zu präsentieren.“ Einer der jungen Afghanen hat inzwischen sein Handy laut gestellt und auf eine der Fensterbänke gelegt, plärrend tönt Synthie-Pop durch den Raum. Hamed Valy dirigiert seine Modelschüler in den hinteren Teil des Raums.
Traditionell und modern: So vielfältig wie das Aussehen der Nachwuchsmodels ist die Kleidung, die sie tragen.
Traditionell und modern: So vielfältig wie das Aussehen der Nachwuchsmodels ist die Kleidung, die sie tragen.

Dort stellen sie sich an der Wand auf, schreiten nacheinander einzeln langsam los, posieren kurz vor dem Fenster, wo ihr Blick durch die trüben Scheiben auf eine Straße und einen Kanal fällt, drehen sich um und gehen wieder zurück zu den anderen. Der klassische Solo-Catwalk. Ein winziges bisschen Modenschau-Feeling macht sich breit in dem ungeheizten 40-Quadratmeter-Raum mit fleckigem Teppich und aufgeklebten Plakaten an den Wänden.  

„Ich habe etwas, was die Leute hier brauchen“, sagt Modelstan-Chef Hamed Valy.
„Ich habe etwas, was die Leute hier brauchen“, sagt Modelstan-Chef Hamed Valy.

Tamkin ist als letzte an der Reihe. Tapfer stapft sie los. Sie geht aber viel zu schnell und ungelenk im Vergleich zu den anderen, und anstatt geradeaus zu blicken, hält sie den Kopf leicht gesenkt. Vor dem Fenster angekommen, bleibt sie keine zwei Sekunden stehen, ehe sie umkehrt und zurückeilt. Anderswo würde jetzt vielleicht der Hinweis folgen: Überleg noch mal, ob du nicht doch was anderes machen willst. Oder zumindest: Ein Naturtalent bist du nicht. Aber Tamkin hat Ausstrahlung, Charisma. 

Der Beruf, den die Models anstreben, ist Traum und Bedrohung zugleich.
Der Beruf, den die Models anstreben, ist Traum und Bedrohung zugleich.

Das hat auch Hamed Valy bemerkt. Er geht gleich auf sie zu und zeigt ihr, wie sie es beim nächsten Lauf besser machen kann. Er drückt ihre Schultern nach hinten, hebt das Kinn leicht. Dann erklärt er ihr die Grundlagen von Haltung, Lauf und Pose. Tamkin atmet tief durch. Sie sieht angespannt aus, aber auch glücklich. Und tatsächlich: Beim zweiten Mal geht es besser. 

Tahera Tamkin ist eine von nur fünf Frauen heute, der Rest sind junge Männer. Eine Frau trägt ein streng gebundenes Kopftuch, andere tragen keines oder nur ein locker übergeworfenes wie Tamkin. Ähnlich unterschiedlich präsentieren sich die Nachwuchsmodels auch sonst: Manche tragen Jeans und Hemd, andere traditionelle afghanische Gewänder. Ein paar haben sich vor dem Training noch im Bad nebenan zurechtgemacht. 

Ein Kopftuch ist hier kein Hindernis. – Die angehenden Models trainieren zweimal pro Woche jeweils drei Stunden lang.

Nicht alle von ihnen entsprechen klassischen Schönheitsidealen, auch die globale Standardgröße für Models erreichen einige nicht. Doch die Stimmung ist gut: Als eine beim ersten „group walk“ in die falsche Richtung läuft, gibt es gelöstes Gelächter. Die Träume, die hier geträumt werden, unterscheiden sich nicht von denen junger Leute in anderen Teilen der Welt. „Model zu sein macht dich attraktiv“, sagt Tahera Tamkin. „Du bist trainiert, du trägst schöne Kleider, du siehst gut aus. Ich liebe es!“ Auch Salma Hussaini sieht das so. „Jeder weiß, dass Models für Mode und Stil stehen“, sagt sie. Hussaini ist erst 20, aber als Model und Schauspielerin schon bekannt; Tamkin hat sie sofort erkannt. 

Salma Hussaini hat den Durchbruch schon geschafft.
Salma Hussaini hat den Durchbruch schon geschafft.

Mit ihren asiatischen Gesichtszügen und dem schulterlangen, blondierten Haar fällt Hussaini auf. Sie läuft und posiert lässig, auf einer von Modelstan organisierten Modenschau im Februar wurde sie zur „Miss Valentine“ gewählt. „Ich würde gerne ein international arbeitendes professionelles Model werden“, sagt sie. Ihre Familie unterstütze sie, sie habe „nie irgendwelche Probleme erlebt“. Das ist nicht selbstverständlich. Und in diesem Punkt liegt dann wohl doch ein Unterschied zwischen Kabul und München oder Mailand. 


„Ich würde gerne ein international arbeitendes professionelles Model werden.“
SALMA HUSSAINI, Model bei der Agentur Modelstan

Modelstan ist für die jungen Leute hier mehr als nur Hobby oder Berufsausbildung: Es ist die Verheißung eines besseren Lebens – in einem Land, in dem der Tod immer nur eine Bombe oder einen Selbstmordattentäter entfernt ist und in dem das selbstbestimmte Leben auch sonst in engen Grenzen verläuft. Das gilt vor allem für die Frauen. Tahera Tamkin stammt aus Maidan Wardak, einer ländlichen Provinz westlich von Kabul. Ihre Familie ist seit kurzem in den Vereinigten Staaten; sie haben eine Green Card bekommen, weil ihr Vater für die amerikanischen Truppen gearbeitet hat. 

Sie selbst war schon zu alt, um die Eltern begleiten zu können, daher lebt sie nun zusammen mit ihrem Bruder in Kabul. Er ist drei Jahre jünger als sie. Und trotzdem, erzählt sie, „kann er jetzt über mein Schicksal entscheiden, darüber, wohin ich gehe und was ich anziehe“. Tamkin zieht den Ärmel ihrer langen schwarzen Bluse hoch und zeigt eine Narbe am Arm.


„Sie fördern es nicht, aber sie wollen mich auch nicht davon abhalten.“
TAHIRA AMKIN, Bewerberin bei der Model-Agentur Modelstan, über die Meinung ihrer Eltern

„Das ist von einem Messer, ein Streit, den wir vor sechs Monaten hatten.“ Ihr Bruder versuche, ihr Leben zu kontrollieren. Er sei Analphabet, habe keine Schule besucht, sagt sie. „Er kann nicht verstehen, was ich denke.“ Daher hat sie ihm bislang auch nichts von ihren Plänen erzählt, Model zu werden. Immerhin hat sie mit ihren Eltern gesprochen. „Sie wissen davon“, sagt Tahera Tamkin. „Sie fördern es nicht, aber sie wollen mich auch nicht davon abhalten.“ 

„Diese jungen Leute haben Träume und Sehnsüchte, und ich will ihnen helfen, sie zu verwirklichen“, sagt Hamed Valy.
„Diese jungen Leute haben Träume und Sehnsüchte, und ich will ihnen helfen, sie zu verwirklichen“, sagt Hamed Valy.

Hamed Valy hört solche Geschichten oft, seit er die Agentur gegründet hat. Modeln ist in Afghanistan kein normaler, akzeptierter Beruf. Aber in den wenigen Monaten, seit sie mit der Ausbildung begonnen haben, habe sich schon einiges verändert, meint er. Nicht so sehr, was den Markt betrifft – viele Leute könnten sich immer noch nicht vorstellen, dass man damit Geld verdienen kann. „Aber in der gesellschaftlichen Einstellung.“ 

60 angehende Models hätten sie in der Agentur inzwischen unter Vertrag, zehn von ihnen seien junge Frauen. Er wisse, sagt Valy, dass manche von ihnen noch nicht bereit seien für den Job. „Aber diese jungen Leute haben Träume und Sehnsüchte, und ich will ihnen helfen, sie zu verwirklichen.“ Drei Modenschauen hat Modelstan in Kabul bislang selbst organisiert – etwas, das es sonst praktisch nicht gibt in Afghanistan. Dabei wurde sowohl moderne als auch traditionelle Mode gezeigt. 

Der 23 Jahre alte Jalil Salmi sagt: „Ich mag, was ich tue. Ich glaube, es hat Zukunft.“
Der 23 Jahre alte Jalil Salmi sagt: „Ich mag, was ich tue. Ich glaube, es hat Zukunft.“

Freizügige Auftritte wie in westlichen Ländern sind natürlich nicht zu erwarten. Das Training ist vorbei. Valy plaudert noch mit einigen Schülern in dem großen Garten des Altbaus, in dem die Agentur untergekommen ist. Das sei mittlerweile das vierte Gebäude, das er gemietet habe, erzählt er. Aus den ersten dreien seien sie hinausgeworfen worden, als die Vermieter sahen, was sie machten. „Die sagten: ,Was ist denn hier los? Ihr seid keine Muslime!‘“ Auch nach der ersten Modenschau habe es in sozialen Medien jede Menge negative Kommentare gegeben, in denen es hieß, das sei „haram“, verboten. 


„Die sagten: ,Was ist denn hier los? Ihr seid keine Muslime!‘“
HAMED VALY, Gründer der Model-Agentur Modelstan

Bei ihrer letzten Schau, sagt Valy, hätten sie deshalb auch „islamische Mode“ gezeigt, und sieben weibliche Models hätten unterschiedliche Arten vorgeführt, das Kopftuch zu tragen. So will er die Kritiker besänftigen. Derweil sagt Tahera Tamkin, sie sehe im Modeln auch einen Weg, anderen Frauen zu zeigen, dass sie ihre Träume verwirklichen können. „Alle in Afghanistan, vor allem die Frauen, sollen so leben können, wie sie es für richtig halten“, meint sie. Aber auch sie macht sich Sorgen darüber, was ihre Verwandten sagen werden. „Was, wenn es heißt: ,Du bist kein gutes Mädchen‘?“ Noch größere Angst hat sie nur davor, dass die Taliban wieder an die Macht kommen. „Das“, sagt sie, „wäre das Ende von Modelstan.“


„Alle in Afghanistan, vor allem die Frauen, sollen so leben können, wie sie es für richtig halten.“
TAHERA TAMKIN, Bewerberin bei der Model-Agentur Modelstan

16.06.2020
Quelle: F.A.Z. Magazin