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Theater statt Laufsteg

Die etwas andere Bühne für Modedesigner

Von Quynh Tran
 - 16:48

Wenn bei den Münchner Kammerspielen an diesem Samstagabend die Vorhänge zur Uraufführung von Toshiki Okadas Stück „No Sex“ aufgehen, dann wird die Bühne nicht nur für die Schauspieler frei, sondern auch für die Stoffe der Inszenierung – und die kommen von der Berliner Mode-Designerin Tutia Schaad, die für das Theater in die Rolle der Kostümbildnerin schlüpfte.

Dass Modeschöpfer auch Kostüme machen, liegt nahe, sollte man meinen, sind doch Laufsteg und Bühne als Orte der Inszenierung nur einen Katzensprung voneinander entfernt.

„Aber die Arbeitsweise der Kostümbildnerei ist eine ganz andere als die Entwicklung einer klassischen Mode-Kollektion“, erzählt Schaad, die bisher mit ihrer Partnerin Johanna Perret unter dem Label Perret Schaad vor allem Prêt-à-Porter entworfen hat.

„Einer Kollektion geht in der Regel ein festes Konzept voran, das dann auch die serielle Produktion vorgibt. Kostüme hingegen sind wie Haute Couture, die technisch und ästhetisch für eine Person gemacht sind. Abgesehen davon muss man bereit sein, während der Produktion kontinuierlich Details zu verändern und sich auf den Regisseur, die Schauspieler und das Bühnenbild einlassen“, erzählt sie.

Schwieriger Start in Deutschland

Gerade die Herausforderung des unstetigen Wechselspiels zu anderen Mitwirkenden ist es vielleicht, die Modeschöpfer immer wieder auf die Bühne bringen. Schon im 19. Jahrhundert hat es die französischen Couturiers Paul Poiret und Charles Frederick Worth an das Theater geführt, aber erst Coco Chanel wurde in den 1920er Jahren mit ihren Kostümen für Sergei Djagilews Ballets Russes zum Dauergast.

Seit ein paar Jahrzehnten holen sich große Theater- und Opernhäuser, vielleicht auch wegen der Öffentlichkeitswirkung, immer öfter große Namen aus der Modeindustrie: Gianni Versace, Dries van Noten, Alexander McQueen, Karl Lagerfeld sind nur einige der Designer, die Kostüme für Balletts, Opern und Theater in Paris, Rom und Wien geschaffen haben. Das New York City Ballet hat die Zusammenarbeit mit der Mode auf Initiative der Schauspielerin Sarah Jessica Parker sogar auf den Spielplan gesetzt. Seit 2011 produzieren jede Saison Mode-Designer die Kostüme; neben Stella McCartney, Rodarte oder Valentino Garavani Anfang dieses Jahres erst Offwhite-Designer Virgil Abloh für „Composer’s Holiday“ und Jonathan Saunders für „The Wind Still Brings“.

In Deutschland reicht die Zusammenarbeit nicht weit zurück: Das Mode-Debüt auf der Bühne gab Yohji Yamamoto 1993 auf Anfrage Heiner Müllers bei den Bayreuther Festspielen in einer Produktion von Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Die Reaktion des eher konservativ gestimmten Publikums hat den Avantgarde-Designer davon abgehalten, sich jemals wieder Kostümen zu widmen.

Spätere Kollaborationen wie die der Deutschen Oper in Berlin mit Designern wie Hussein Chalayan, Christian Lacroix und Michael Sontag, der Produktion des Friedrichstadtpalasts mit Jean Paul Gaultier oder Sasha Waltz mit Iris van Herpen, wurden wohlgesonnener aufgenommen.

„Man muss extrem flexibel sein“

Wie aber übersetzt man eine Geschichte in Kostüme, wenn es vorher doch nur um die Kleidung selbst ging?

„Als Kostümbildner ist man von der ersten Produktionsbesprechung an dabei. Danach beginnt die Themenrecherche. Die tatsächliche Kostümentwicklung beginnt erst in der Probezeit ein paar Monate vor der Aufführung. Dabei stimmt man sich kontinuierlich mit dem Regisseur ab, um die Geschichte auch in die Kostüme zu tragen“, erzählt Tutia Schaad, für die das Theater längst kein Novum mehr ist.

Mit ihrer Partnerin Johanna Perret war sie 2010 erstmals Gast einer Theaterproduktion am Hebbel am Ufer unter Matthias Lilienthal, der durch seine Intendanz an den Münchner Kammerspielen den Kontakt zu Toshiki Okada herstellte. 2016 kreierte sie die Kostüme für sein Stück „Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech“, im vergangenen Jahr folgte „No Theater“; die aktuelle Produktion ist die dritte Zusammenarbeit mit dem japanischen Regisseur.

Wie in den vorangegangenen Produktionen geht es in „No Sex“ um die japanische Gegenwart, in der Sex für junge Menschen kaum noch eine Rolle spielt.

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It-Piece LED
Kleider per SMS zum Leuchten bringen

„Toshiki Okada bedient sich Themen aus der Realität und setzt sie in einen absurden Handlungsrahmen“, sagt Schaad. In dem Stück werde die Asexualität von vier geschlechtslosen Protagonisten verkörpert. „Dieses Narrativ habe ich in Uniformen übersetzt, die nicht uniform aussehen, um die Neutralität dieser Charaktere zu visualisieren. Als Kostümbildner muss man sich – im Gegensatz zum Design – fragen, wie das Kostüm den Schauspieler und die Rolle verändern kann.“

Was die Arbeit für die Bühne sonst noch von der Arbeit für den Laufsteg unterscheidet? „Man muss extrem flexibel sein, weil sich jedes einzelne Kostüm bis zum Tag der Premiere immer wieder ändern kann und eben für einen einzelnen Charakter entwirft.“ Es sei aber auch extrem bereichernd, „weil man durch die Theaterwerkstätten ganz andere Dinge realisieren kann und so viele verschiedene Einflüsse hat“.

Quelle: FAZ.NET
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