Die Geschichte von Dr. Martens

Des Doktors bequeme Stiefel

Von Johanna Dürrholz
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 16:52
Reiches kulturelles Erbe: Bis Dr. Martens in Kindergröße entstanden, musste der Stiefel einige Entwicklungsphasen durchmachen.
Kaum ein Schuh erlebte so viele Revivals: Dr. Martens sind ehemals Inbegriff britischer Subkulturen und heute im Mainstream angekommen. Erfunden hat sie ein deutscher Arzt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Als Avril Lavigne 2002 ihre ersten Songs veröffentlichte, waren meine Freundinnen und ich fasziniert. Wir waren 13 Jahre alt und kannten das, was sie da machte, bisher nicht wirklich. Also erst mal: eine Frau in einer Band. In diesem Fall eine besonders freche Frau mit sehr schwarzem Kajal und grünen Haarsträhnen und Baggy Pants. Und: mit diesen merkwürdigen Stiefeln, die wir bis dahin nur an dem Oberstufenjungen gesehen hatten, der sie mit schwarzem Ledermantel und sehr langen Haaren kombinierte. Im Video zu „I’m with you“ trägt Avril Lavigne – Dr. Martens.

Der Durchbruch Avril Lavignes ist nur eine Momentaufnahme in der Popgeschichte, es gab davor und danach noch oft den Versuch, eine Punkrock-Subkultur im Mainstream zu imitieren. Aber dass Avril Lavigne Dr. Martens trug, war kein Zufall. Kaum ein Schuh ist so imageprägend wie dieser oder hat so eine lange Tradition. Eine Doc-Martens-Geschichte, so scheint es, kennt fast jeder. Und an ihr erstes Paar erinnern sich Träger noch ewig.

Stiefel als wertvollster Besitz

Der heutige Kreativ-Direktor der Marke, Damien Wilson, etwa sagt: „Ich kam Anfang der achtziger Jahre in die Oberschule, und als aufstrebender Punk gelang es mir, meine Eltern zu überreden, mir ein Paar 10-Loch-1490er zu kaufen. Das war mein wertvollster Besitz, und ich kann mich noch gut an den Geruch der Stiefel erinnern, als ich sie aus dem Karton nahm.“

Ihre Geschichte reicht aber viel weiter zurück. Es war Dr. Klaus Märtens, ein deutscher Arzt, der die Idee hatte, einen robusten Stiefel herzustellen. Nach einem Skiunfall 1945, bei dem er sich eine Fußverletzung zuzog, musste Märtens, zu dieser Zeit in der Wehrmacht, die deutschen Militärstiefel wieder anziehen, die furchtbar unbequem waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfand er neue Stiefel: Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Herbert Funck recycelte er Gummi der Luftwaffe, die zu diesem Zeitpunkt, 1947, ausgedient hatte. Die Gummisohle machte die Stiefel bequemer als herkömmliche Arbeits- und Sicherheitsschuhe. Die ersten Schuhe der beiden Deutschen bestanden fast gänzlich aus Resten von Armeematerial.

Von Deutschland nach Großbritannien

Schon Anfang der fünfziger Jahre konnten die beiden Erfinder eine Fabrik in München eröffnen, bis sie sich 1959 international umzusehen begannen. Noch im selben Jahr kaufte der britische Schuhhersteller R. Griggs das Patent der Deutschen und benannte die Schuhe um in Dr. Martens. 1960, also vor genau sechzig Jahren, kam der erste Schuh in Großbritannien auf den Markt.

Nun begann der Aufstieg der Dr.-Martens-Schuhe in Großbritannien. Die Stiefel des deutschen Doktors waren nicht nur strapazierfähig, sondern waren, einmal eingetragen, auch viel bequemer als andere Stiefel. Schnell wurden sie zu einem beliebten Arbeitsschuh der working class: Dr.-Martens-Stiefel wurden von Fabrikarbeitern genauso getragen wie von Postboten, von Lagerarbeitern ebenso wie von Polizisten und Soldaten. Ihr größter Pluspunkt: der Komfort. Wer schon mal Dr. Martens an den Füßen hatte, der weiß, dass es eine Zeit dauert, bis das harte Leder eingelaufen ist, die Schuhe nicht mehr steif sind und drücken. Haben sie sich einmal angepasst, sind sie wunderbar bequem und halten ewig. Eine Wachsschicht auf dem Leder macht die Stiefel außerdem wasserfest.

Requisite der Subkultur

In den sechziger Jahren dann wurden die Dr.-Martens-Schuhe erstmalig von einer Subkultur aufgegriffen. In Großbritannien gab es die Strömung der Mods, eine Bewegung, die sich, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Wohlstand, besonders gestylt und modisch gab und vorwiegend Soulmusik hörte. Innerhalb der Mods wiederum entstand eine weitere Subkultur: die ersten Skinheads. Die Skinheads verstanden sich als Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Hippie-Kultur. Sie waren Arbeiterklasse, sie rebellierten gegen das Freie-Liebe- und Flowerpower-Gedöns, sie inszenierten sich traditionell maskulin und zeigten den verspielten und friedliebenden Hippies den Mittelfinger.

Zu diesem Outfit gehörten Dr.-Martens-Stiefel unweigerlich dazu, ebenso wie die French-Crop-Frisur, ein harter Schnitt mit ausrasiertem Nacken und millimeterkurzen Seiten. Dr.-Martens-Stiefel sollten fortan mit dem Image der Rebellion verknüpft sein. „Allein die Assoziation mit dem Skinhead-Style hat dazu beigetragen”, sagt Bill Osgerby, ein britischer Historiker, der den Einfluss von Subkulturen auf Mode untersucht. Die Anhänger der Skinhead-Szene trugen viele verschiedene Stiefel, sagt Osgerby – aber die Dr. Martens blieben. Und wurden von nun an stets mit den Skinheads und ihrem fragwürdigen Ruf in Verbindung gebracht. „Zu dieser Zeit gab es zwei Farben, schwarz und cherry. Der klassische Skinhead-Stiefel kam in cherry, das ist ein Haselnussbraun, mit acht Löchern.

Schwarz oder cherry?

Wer aber glaubte, dass die Stiefel des deutschen Doktors damit für immer an die Skinheads verloren waren, irrte gewaltig. In den späten siebziger Jahren erfuhren Dr. Martens ihr erstes Revival: Die Punks entdeckten die Schuhe für sich. „Der Punkstil hat sich überall in der Geschichte bedient und den Stil verschiedener Subkulturen kombiniert“, sagt Historiker Osgerby. „Sie haben fünfziger-Jahre-Rock-’n’-Roll-Stücke mit Skinhead-Teilen getragen.“ Und sie trugen eben auch Dr. Martens.

Gleichzeitig erlebten die Skinheads in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern ein Revival, auch sie trugen wieder Dr. Martens. „Aber die Dr. Martens zu dieser Zeit waren extremer. Die Skinheads in den frühen Achtzigern trugen auch Paare mit 14 Löchern.”

Und noch mehr veränderte sich innerhalb der Subkulturen in dieser Zeit, die vielleicht nie wieder so vielfältig waren. Aus manchen Punks wurden Post-Punks. Während die Punks in den späten Siebzigern Bands wie The Clash oder auch The Police groß machten und Ska beliebt war, mochten die Post-Punker besonders experimentierfreudige Musik, eigentlich alles, was nicht klassischer Rock war. Allen voran Joy Division mit Frontmann Ian Curtis, aber auch die Talking Heads um Sänger David Byrne und Produzent Brian Eno. Dr. Martens blieben bei den Post-Punks beliebt – und schafften es nach Amerika.

Ikonisch wie Chucks

Neben „Chucks“, den Converse-Turnschuhen, die ursprünglich Basketballschuhe waren, hat vielleicht kein Schuh so viele Revivals erlebt wie der Dr.-Martens-Stiefel. Als Grunge in den neunziger Jahren groß wurde, sah man Kurt Cobain und Courtney Love in Doc Martens. „Außerhalb von Großbritannien“, sagt Historiker Osgerby, „standen die Dr.-Martens-Schuhe für Authentizität, für eine Art Britishness – und für ein reiches Erbe subkultureller Strömungen.“ Genau das Accessoire, mit dem sich Grunge-Rocker gern schmückten.

Auch in der Indie-Pop-Szene der späten nuller und zehner Jahre waren die Stiefel nach wie vor eine Wahl, mit der Singer-Songwriter wenig falsch machen konnten. „Besonders interessant ist, dass viele Sängerinnen den Stiefel, der ja für ein maskulines Design steht, für sich entdeckt und mit femininen Kleidern kombiniert haben“, sagt Osgerby.

Mit kulturellem Erbe zum Klassiker

Auch in den vergangenen Wintern waren Dr. Martens wieder besonders beliebtes, festes Schuhwerk. In kaum einem Modeblog, auf kaum einem Fashion-Instagram-Account fehlen die Stiefel. Kann etwas überhaupt noch für Authentizität und Rebellion stehen, wenn es ein kapitalistisch höchst erfolgreiches Produkt ist, das im Mainstream angekommen ist? „Es ist ironisch, dass es so beliebt ist, individuell zu sein“, sagt Bill Osgerby. „Gerade weil man mit den Dr. Martens so viele verschiedene Stile verbindet und sie so ein reiches kulturelles Erbe aufweisen, werden sie immer hip sein.“

Das kulturelle Erbe, die Verknüpfung von Dr. Martens mit Punkbands, nutzt die Firma inzwischen geschickt zu Marketing-Zwecken aus. Es gibt ein Sex-Pistols-Modell, und es gibt eine Joy-Division-New-Order-Linie. Kreativ-Direktor Damien Wilson spricht aber noch eine andere junge Zielgruppe an: die Fridays-for-Future-Jugend. „Das Produkt von Dr. Martens ist langlebig“ – und damit nachhaltig. Das zeitlose Design macht die Stiefel tatsächlich unabhängig von Trends – und ist noch immer geeignet, von Strömungen und Subkulturen jeglicher Art adapiert zu werden. Damit sich jeder an seine ersten Dr. Martens zurückerinnert.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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