Never out of style

Von STEPHAN FINSTERBUSCH, Fotos von ELISE JACOB

24.05.2019 · Sie machen Mode, sie verkaufen Mode, sie tragen Mode. Die Rueda-Schwestern aus New York sind immer up to date. Unsere Fotografin hat sie lange begleitet.

D ieser eigenwillige Look, dieser besondere Stil: „Die beiden erinnerten mich an meine Mutter.“ Elise Jacob stand an einem Straßenkiosk in New York, zwischen der 50. und der 52. Straße. Sie kaufte sich einen Kaffee und unterhielt sich mit ein paar Passanten. Da kamen sie um die Ecke: zwei Damen aus einer anderen Welt. Es war wie im Film, wenn die Bilder langsam und alle Geräusche ausgeschaltet werden und leise Musik eingespielt wird. Der Soundtrack für einen großen Auftritt.

Zuerst sah sie die Hüte, dann die Mäntel, die bunten Strümpfe und schließlich die knöchelhohen Schuhe. Zwei Frauen, ein Statement: Schönheit ist zeitlos. „Ich war schon etwas sprachlos“, sagt Jacob. „Alle waren es.“ Die Touristen, der Kaffeeverkäufer, der Taxifahrer. Niemand konnte die beiden übersehen und überhören. „Sie redeten laut und sprachen Französisch“, sagt Jacob. „Ich komme aus Montreal und konnte sie verstehen.“

In Farbe: Caroline (links) trägt ein Chiffon-Kleid mit gelbem Satin-Band, Elise einen Wollmantel.

Die Damen wollten ins Museum of Modern Art. „Dorthin wollte ich auch.“ Also sprach Elise Jacob sie an. „Wir verstanden uns auf Anhieb. Sie waren hinreißend!“ Caroline und Elise Rueda, jung geblieben, mit dem Mut, das auch zu zeigen. Jacob sah nicht viel von der Ausstellung. Die Ruedas zogen all ihre Blicke auf sich. Zwei Schwestern aus Bordeaux mitten in New York. „Wir hatten eine herrliche Zeit.“ Sie hat es festgehalten.

Beim Abschied tauschten sie ihre Telefonnummern aus. Das war vor etwa fünf Jahren. Es war Winter, der Himmel war grau, die Luft in der Stadt aber schon so warm wie im Frühling. Caroline war damals Anfang 70, Elise Anfang 80, Jacob Ende 30. Sie hatte im Management des kanadischen Rundfunksenders CBC gearbeitet, nahm nun eine Auszeit vom Job und hatte sich für einen Masterkurs am International Center of Photography in New York eingeschrieben.

An der Brooklyn Bridge: Die Rueda-Schwestern halten auf einer Bank inne.

„Ich mag Fotos“, sagt sie. Die Inszenierungen, die Situationen, die gebannten Augenblicke und die für immer festgefrorenen Momente. Kleine Ewigkeiten. Sie war kein Profi, doch sie hatte eine recht gute Kamera und eines dieser schweren Allround-Objektive, die mit einer kleinen Drehung Dinge in der Ferne ganz nah erscheinen lassen. Jacob wusste, was es mit Blendenring und Belichtungszeit, Brennweite und Fokuspunkt auf sich hat, und sie hatte ein Gespür für Licht und Schatten. „Doch in New York lernte ich neu sehen.“

Die hohen Häuser in Midtown und die Clubs in Downtown, die Künstler am Union Square, die Banker an der Wall Street, das Treiben in Little Italy, in Chinatown oder im Central Park. Jedes Viertel eine Welt für sich. Alles ist dicht, schnell, groß, schwer, imposant und etwas verwirrend. Ein Spiel der Extreme und Kontraste. „Was will man noch mehr, wenn man Motive für ein paar gute Aufnahmen sucht?“, fragt Jacob und schiebt die Antwort gleich nach: gute Models.

Auf der Brooklyn Bridge: Caroline (links) trägt ein gerüschtes Taft-Cape, Elise ein Kaschmir-Cape.

„Am Center of Photography machten wir Projekte, in denen wir interessante Menschen porträtieren sollten.“ Sie wollte eine Serie über die muslimische Community von New York machen. Dann aber rückten die Rueda-Schwestern in ihren Blick. Einige Wochen nach ihrem ersten Treffen schrieb sie die beiden an und traf sie wieder. Jacob erzählte ihnen, was sie in die Stadt geführt hatte und was sie nun tat. Sie fragte die beiden, ob sie sich von ihr fotografieren lassen wollten, und die beiden sagten zu.

„Sie zögerten keine Sekunde und fanden das wohl alles ganz putzig.“ Elise war begeistert, Caroline etwas kontrollierter. Beide standen Jacob über Monate hinweg Modell. Immer wieder, zu vielen Anlässen und Gelegenheiten, lächelnd, mit coolem Blick und von Hand gemachten Kleidern, farbenfroh und etwas provozierend. „Sie waren das Beste, was mir begegnen konnte“, sagt Jacob. „Ich war ja Studentin, und die Arbeit mit ihnen wurde mein Projekt für meine Abschlussprüfung.“ Sie nahm Tausende Fotos auf.

In Schwarz: Caroline posiert in Netzgewebe-T-Shirt, Halsband und in Tüll gebundener roter Rose.

Elise im Park und Caroline auf der Straße, jede für sich und beide zusammen. Hoch über den Dächern und tief in der Stadt, im Theater, hinter der Oper und in der Kirche. Sie gingen in den Russian Tea Room an der 57. Straße, saßen auf der Brooklyn Bridge und fuhren nach Coney Island. Sie stellten sich vors Riesenrad und in den Sand am Strand, apart und eigen, streng und locker, bourgeois und doch unkonventionell. Kein Studio, kein Set, kein Styling. Nur drei Frauen und eine Kamera. „Wir hatten Spaß.“

Die ersten Bilder hatte Jacob noch bei den Ruedas zu Hause gemacht. Ein Apartment an der Upper East Side. Eine der teuersten Gegenden der Stadt. Ein gepflegtes Haus mit Lift, Portier und Taxi vor der Tür. „Ich kam nie über das kleine Zimmer am Eingang hinaus“, sagt Jacob. Dort aber war es schwer, gute Fotos zu schießen: dunkle Dielen, hohe Wände, viele Gemälde. Das Licht war düster, der Raum sehr eng. Also gingen sie hinaus und hinunter auf die Straße. Central Park, Madison Avenue, Park Avenue.


„Es war, als ob man mit der Königin von England unterwegs wäre.“
ELISE JACOB

„Wohin wir auch kamen, die Leute zückten die Handys und knipsten drauflos“, sagt Jacob. „Es war, als ob man mit der Königin von England unterwegs wäre. Die beiden waren der perfekte Schnappschuss – und sie genossen es.“ Sie machten vieles mit. „We are very newyorky“, habe Caroline einmal gesagt und gelacht. Sie seien ein wenig wie Mädchen gewesen und wussten doch genau, was sie taten. Sie waren verspielt und selbstbewusst.

„Ihre Leichtigkeit brachte mich beim Fotografieren wie in einen Rausch, in eine Art Flow, in dem eins ins andere übergeht, in dem man gar nicht mehr denken muss, in dem man voll konzentriert und völlig vertieft in sein Tun einfach funktioniert.“ Sie schoss ein Bild nach dem anderen, und hinter den Bildern bauten sich für Jacob ein paar alte Geschichten auf.

In Midtown Manhattan: Die Schwestern stehen vor dem Russian Tea Room, der 1927 von einstigen Mitgliedern das Kaiserlichen Russischen Balletts gegründet wurde.

„Die Shootings mit Elise und Caroline begannen, mich an meine Familie zu erinnern“, sagt sie. „An meine Großmutter und meine Mutter.“ Zwei Frauen aus der Ära der Cocktailkleider und der eng anliegenden Blusen mit großen Revers, die helfen sollten, auch harte Zeiten zu überstehen. „Das Schicksal hat meine Mutter schwer getroffen“, sagt Jacob. „Mein Vater war Arzt in Montreal und kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.“ Die Versicherungen zahlten nicht. „Mit 28 Jahren stand Mutter allein da: fünf Kinder, kein Geld, und wir mussten raus aus unserem Haus.“ Die Großmutter half, wo sie konnte. „Die beiden boxten uns Kinder durch.“ Sie hatten kaum Geld, aber Stil. Es war die Zeit von Jackie Kennedy und Audrey Hepburn. Haltung und Form waren wichtig.

„Die Mode war für meine Mutter wie ein Korsett, das sie aufrecht durchs Leben gehen ließ.“ Die ärmellosen Kleider im Sommer, die weiten Mäntel im Winter. Ihre Mutter trug Hüte, die Großmutter stets Handschuhe. „Ich war mächtig stolz auf sie.“ Als Jacob ein halbes Leben später die Ruedas vor der Kamera hatte, sah sie ihre eigene Geschichte.

Bei Pierre Cardin: Bill Cunningham fotografiert Caroline, Elise und Tochter Amber in den Achtzigern.

„Ich sprach mit ihnen über mich, und sie sprachen mit mir über sich. So wurden wir Freunde.“ Elise Rueda hatte in den fünfziger Jahren an der Kunstschule in Bordeaux studiert. Ihr Fach war Design, und sie wollte in die Welt hinaus. Sie ging nach New York und eröffnete eine Boutique. Französische Mode war damals schon gut im Geschäft. Dior war da, Givenchy und Balenciaga kamen. Die Nachfrage war groß, der Laden lief gut. Elise zählte die besten Kreise der Stadt zu ihren Kunden. Ein paar Jahre später holte sie ihre kleine Schwester nach.

Caroline hatte gerade ihr Wirtschaftsstudium in Oxford beendet, als sie den Sprung in die neue Welt wagte. Sie machte am Central Park einen eigenen Laden auf. „Ein House of Couture“, wie Jacob heute sagt. Später taten sich die beiden Schwestern zusammen. Elise schneiderte, Caroline zählte, Mode mochten beide. Sie lieben New York, und New York liebt sie. „Sie scheinen alle und jeden von Rang und Namen hier zu kennen“, sagt Jacob. Die Mode öffnete Türen.

Auf Coney Island: Die Rueda-Schwestern spazieren in weißen Kleidern mit bunten Strümpfen auf der hölzernen Promenade vor der Thunderbolt-Achterbahn.

Sie hatten einst die Tochter von Präsident Johnson zu deren Hochzeit eingekleidet, kannten die Kennedys und New Yorks beste Kreise. „Noch fünf Jahrzehnte später sollte ich durch sie mit Modegrößen wie Donna Karan oder Pierre Bergé zusammenkommen“, sagt Jacob. „Sie waren auch auf meiner Abschlussfeier am Center of Photography. Es war großartig. Sie waren so etwas wie die Stars des Abends.“

Das sind sie noch immer, wie aus der Zeit gefallen, aber ganz im Heute. Und festgehalten für immer.

In der St. Patrick’s Cathedral: Elise (links) und Caroline zünden ein Licht an.
24.05.2019
Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin