Models und Alter

Wie die Mama, so die Tochter

Von Katrin Hummel
13.04.2021
, 16:07
Christina Liebing und Pauline Schüller sind Models. Die eine ist älter, die andere jünger. Auf Fotoshootings spielen sie oft Mutter und Tochter. Davon profitieren beide.

Eine ehemalige Metallwerkstatt im Hinterhof eines unscheinbaren Fünfziger-Jahre-Mehrfamilienhauses an der Hauptstraße in Rödermark-Urberach. Darin zahlreiche hohe Fenster, wie in einem Loft, cooler Betonfußboden wie in einem hippen Sneaker-Store, ein bollernder Heizlüfter und zwei Models mit langen braunen Haaren, die nur überlange Wollpullover zu noch längeren nackten Beinen tragen. Die eine, Christina Liebing, sitzt auf einem Sessel, die andere, Pauline Schüller, kauert anmutig vor ihr auf dem Fußboden und lehnt sich an ihre Beine an.

„Habt ihr etwa beide noch Socken an?“, ruft der Fotograf, Peter Müller. Er steht etwa drei Meter entfernt und drückt im Sekundentakt auf den Auslöser seiner Kamera. Die beiden Models bewegen sich die ganze Zeit, mal nimmt die Sitzende die Kniende in den Arm, mal legt die Knien­de die Arme um die Sitzende. „Christina, nicht ganz so die Mama“, ruft Müller, als die sich nach vorne beugt und ihre Wange an die von Schüller schmiegt.

Models freuen sich selten aufs Älterwerden

Nach dem Shooting stehen die beiden Models, Peter Müller und die Maskenbildnerin um seine Kamera herum und sehen sich die Fotos auf dem Display an. „Sehr schön, stark“, sagt Müller, „ihr geht echt gut als Mutter-Tochter durch.“ „Das macht der Altersunterschied“, sagt Pauline Schüller, 22, die zuvor auf dem Boden gekniet hat, und klingt dabei frech und fröhlich. Müller, 56, und Christina Liebing, 45, lachen entspannt: „Echt gemein.“

Tatsächlich ist das Älterwerden für die meisten Models nichts, auf das sie sich freuen. Denn sie werden seltener gebucht und bekommen unattraktivere Jobs. Mit über 50 liegt ihr Anteil bei weniger als einem Prozent. Natürlich gibt es Ausnahmen: Christy Turlington, 52, und Tatjana Patitz, 54, sind weiterhin sehr gefragt. Auch Stephanie Seymour, 52, steht hin und wieder vor der Kamera.

Das Kennenlernen im Job

Wer keinen großen Namen hat, der hat es von einem gewissen Alter an schwerer. Deswegen ist es nicht das Dümmste, wenn ein älteres Model, das weiterhin gebucht werden will, bereit ist, an der Seite einer Jüngeren alt auszusehen. Und selbstbewusst zu seinem oder ihrem Alter zu stehen. Wenn das alte und das junge Model dann, so wie Liebing und Schüller, auch noch befreundet und einander wohlgesinnt sind, drückt sich das in den Bildern aus. Und Fotografen lieben es, weil sie so schneller zu guten Aufnahmen kommen. „Es gibt halt auch unter Models sonst manchmal so einen Zickenkrieg. Da lächelt man sich an, aber hintendran ist das Messer gewetzt“, sagt Müller. Bei Pauline Schüller und Christina Liebing sei das anders. Und so kam es, dass er sie in den vergangenen Jahren nicht nur jede für sich, sondern immer öfter auch als Mutter und Tochter fotografiert hat und die Beziehung der beiden dadurch noch enger geworden ist.

Kennengelernt haben sich „Mutter Christina Liebing“ und „Tochter Pauline Schüller“ 2018 auf einer Fotoreise auf der griechischen Insel Paros. „Ich war dort mit Abstand die Älteste“, erzählt Liebing, „und beim Abendessen sprachen wir über Instagram, und da war Pauline wahnsinnig hilfsbereit und hat mir eine richtige Instagram-Schulung gegeben.“ Schüller hingegen fühlte sich zu Liebing hingezogen, „weil sie eine unglaublich offene Person ist und ich mich immer verstanden gefühlt habe“. Weil er sah, dass sie sich mochten, fotografierte Müller die beiden am nächsten Tag beim Shooting am Strand öfter mal zusammen. „Und dann hat es sich so ergeben, dass ich als Mutter durchgegangen bin“, erzählt Liebing und lacht.

Es ist eine Konstellation, die noch vor dreißig Jahren so nicht denkbar gewesen wäre. Damals trugen die Mütter noch nicht die gleichen Outfits wie die Töchter. Doch heute sind Mutter-Tochter-Konstellationen in vielen Katalogen gefragt, weil heute Mütter und Töchter oft die gleichen Pullover oder Schals tragen. Und Frauen im besten Alter haben Geld, viel Geld. In Amerika gelten sie bereits als „Superverbraucher“, weil dort Frauen über 50 für 15 Billionen Dollar Konsumkraft stehen. Wer Mode verkaufen will, kommt an dieser Zielgruppe nicht mehr vorbei.

Heute kommt es auf Vielfalt an

Und noch ein Punkt spielt älteren Models in die Karten: das Thema Diversität. „Große Kunden, wie zum Beispiel Zara, legen heute viel Wert auf Diversity, und deswegen buchen sie für eine Kampagne immer auch etwa zehn Prozent kurvige Models und zehn Prozent Models über 40“, sagt Claudia Midolo, Geschäftsführerin der Hamburger Agentur Modelwerk, die zum Beispiel Toni Garrn entdeckt hat. Für Midolo ist darum ganz klar: „Wir wollen auch das Alter bedienen.“

Nun beträgt der Altersabstand zwischen Liebing und Schüller 23 Jahre. Das ist genug, damit die eine erkennbar älter und die andere erkennbar jünger ist, aber es ist schon knapp, wenn die beiden in ihren Rollen für ein typisches Lebensmodell stehen sollen. Im Filmgeschäft ist dieser Vorwurf schon länger ein Thema: Besonders Frauen werden von einem gewissen Alter an nicht mehr gecastet. An ihrer statt schlüpfen häufig jüngere Schauspielerinnen in die Rollen der Mütter. Auch die Klientel, die sich heute die Mode leisten kann, für die Liebing und Schüller vor der Kamera stehen, wird im Alter von 23 Jahren vermutlich eher Studentin oder auf dem Weg in den ersten Job gewesen sein als schon im Mutterschutz. Das Beispiel von Liebing und Schüller zeigt auch: Frauen mögen heute – mit jüngerer Unterstützung – länger als Models arbeiten dürfen. Aber zu alt können sie trotzdem irgendwann sein.

Andererseits: Christina Liebing und Pauline Schüller arbeiten gerne zusammen. Auch Müller hat mit ihnen schon mehrmals in der Kombination Mutter und Tochter gearbeitet.

„Model-Tochter“ und „Model-Mama“

So kommt es, dass beide Models immer selbstbewusster mit ihrer „Mutter-Tochter-Beziehung“ umgehen. Liebing erzählt, dass sie eine Model-Tochter hat. Und Schüller berichtet von ihrer Model-Mama. „Wenn zehn Tage für ein Shooting angesetzt sind, brauchen wir vielleicht nur neun, weil die Chemie stimmt“, erläutert Liebing die Vorteile, die ihre enge Beziehung mit sich bringt.

Müller sagt, die beiden seien die einzige Mutter-Tochter-Kombination, bei der er „dieses befreite Miteinander“ hinkriege. Warum das so ist, weiß er auch: „Die Ältere muss akzeptieren, dass die Jüngere auf den Bildern oft als die Attraktivere wahrgenommen wird. Das kann nicht jede.“ Bei Liebing liege es daran, dass sie auch noch andere Dinge mache als Modeln. Sie ist Geschäftsführerin eines Beachwear-Labels. Und Schüller studiert im fünften Semester. Sie sieht das Modeln als gute Ergänzung zu ihrer BWL-Bubble – sie ist bei der bekannten Agentur Louisa Models unter Vertrag und darauf sehr stolz. Für Müller ist klar, dass diese Nebentätigkeiten der beiden der Grund dafür sind, dass sie nicht versuchen, einander zu übertrumpfen. „Die ruhen einfach in sich.“

Liebing und Schüller hingegen führen ihren beruflichen Erfolg darauf zurück, dass sie befreundet sind. Den Tag vor dem Shooting, einen Sonntag, haben sie zum Beispiel zusammen im Park verbracht. Christina Liebings echte Töchter, elf und fünfzehn, die völlig vernarrt in Pauline Schüller sind, waren auch dabei. „Natürlich habe ich dann eher die Tochterrolle, aber ich bin auch eine Freundin“, sagt Schüller und fügt hinzu, dass sie ja auch noch „echte Eltern“ habe. Die seien auch ganz toll, könnten sich aber in die Modewelt nicht so einfinden. „Wohl auch darum habe ich so eine Bindung aufgebaut zu Christina“, sagt sie.

„Wenn ich merke, Pauli hat die Haare komisch, dann richte ich sie ihr“

Zwar arbeitet sie auch mit anderen älteren Frauen, und Liebing arbeitet auch mit anderen jungen Frauen. Aber mit denen fühlen sie sich nicht als Mutter und Tochter, selbst wenn der Altersunterschied ähnlich ist. Das ist nur so, wenn Liebing mit Schüller und Schüller mit Liebing zusammenarbeitet. Sie fühlen sich dann als Team, mit allem, was dazugehört. „Wenn ich weiß, Christina fühlt sich unwohl, wenn man die Beine sieht, dann bin ich vorne auf diesen Fotos“, sagt Pauline Schüller. Und Christina Liebing sagt: „Wenn ich merke, Pauli hat die Haare komisch, dann richte ich sie ihr.“

Für das nächste gemeinsame Shooting sind sie schon gebucht. Den Job für ein Kaschmirlabel hat die „Mama“, die schon länger für die Marke arbeitet, der „Tochter“ verschafft. Nicht nur die Ältere profitiert also von der Jüngeren. Sondern das klappt auch andersrum. Wie im wirklichen Leben eben.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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